Fußball. Aber auch theoretisch?

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Fußball, ob auf dem Platz, auf der Tribüne oder vor dem Fernseher, heißt vor allem erst einmal: Leidenschaft und Emotionen, Freude und Wut, Jubel und Enttäuschung. Er lebt von genialen Einzelaktionen und individuellen Fehlern. Er zieht seine Spannung aus der Möglichkeit des unerwarteten Tores, des verschossenen Elfmeters, der eigentlich unmöglichen Parade. Er ist spontan und unkalkulierbar. Gemessen an Sportarten wie American Football eine Ausgeburt der Intuition. Angesichts dessen, lässt sich also fragen: Kann man Fußball theoretisieren?

Wenn man die Entwicklungen der letzten Jahre betrachtet, müsste die Antwort zweifellos ja lauten. Denn der Fußball ist seit geraumer Zeit nicht nur in den Feuilletons der Republik angekommen, sondern findet sich auch zunehmend als Thema in wissenschaftlichen Seminaren, auf Symposien oder Konferenzen wieder. Diese intellektuelle Auseinandersetzung mit ihm scheint dabei mitunter auch ein Vakuum gefüllt zu haben, das mit dem Wegfall des Spielfelds der politisch-utopischen Theorien entstanden ist. „Kannten sich die Leute vor drei Jahrzehnten noch bestens in den diversen chinesischen Wegen zur deutschen Revolution aus“, schreibt der Literaturwissenschaftler und HSV-Fan Klaus Theweleit, „kommentieren sie heute versiert die Verschiebungen der fußballerischen Gemengelagen.“ Ob das zunehmende Interesse an Ballstafetten und Querpässendabei die geistige Bierdose für’s Volk und den Totengräber des kritischen Denkens darstellt, wie der Kulturkritiker Terry Eagleton im Freitag behauptete, sei einmal dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass Fußball potentiell eine Menge Stoff zum Nachdenken bereithält.

Von Spielerkörpern und fluchenden Vätern

Am deutlichsten wird dies zunächst an der politisch-sozialen Komponente seiner Rezeption, mit der sich beispielsweise die Sport- und Körpersoziologie bereits seit Längerem intensiver befassen. Fußball wird hier als ein Ereignis an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verstanden. Das Stadion bildet demnach einen eigenen sozialen Kosmos mit besonderen Normen und Konventionen. Und tatsächlich: Dass Männer, die sich sonst mit einem Habitus maskuliner Omnipotenz präsentieren, hier bittere Tränen vergießen oder brave Familienväter sich 90 Minuten alle erdenklichen Fäkalwörter aus der Kehle schreien, mögen nur zwei der plakativeren Beispiele dafür sein. Darüber hinaus wird in diesem Feld aber auch noch eine ganze Palette an weiteren Phänomenen diskutiert. Sei es die Frage nach dem Einfluss der hoch gezüchteten Körpermaschinen auf den hegemonialen Schönheitsdiskurs oder nach dem Stellenwert von Fangemeinschaften als kollektiven politischen Akteuren. Dementsprechend verwundert es auch nicht, dass Professoren ihre Studenten heute schon mal zur hautnahen Feldbeobachtung zum nächsten Heimspiel des ansässigen Vereins laden.

Der Sieg des Systems

Zum zweiten verfügt aber auch das Spiel selbst über eine theoretische Dimension. In guten Momenten wird es, postmodern gesprochen, zu einem Text, der sich lesen lässt. Hat zwar schon Sepp Herberger seiner Mannschaft Laufwege an die Tafel gemalt, so ist der Fußball jedoch erst in den letzten 20 Jahren zu einer zunehmend systematischen Angelegenheit geworden. Spiele, aber vor allem Titel werden heute vornehmlich durch die Qualität der „Mannschaftsphilosophie“ gewonnen. Wenn man sieht, wie sich der FC Barcelona mit 17, 18 Pässen in fast maschinellen Kreiselbewegungen auf das gegnerische Tor zu bewegt oder Inter Mailand als monolither, elfköpfiger Defensivblock letztes Jahr das Triple gewann, wird deutlich: Dort materialisiert sich auf dem Rasen eine komplexe taktische Idee. „Der Fußball ist heute – zumindest ab Champions-League-Niveau – so systematisch“, konstatiert der Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht, „weil alle Spieler von der Athletik, den technischen Fertigkeiten und ihren defensiven Qualitäten im Prinzip auf allen Positionen spielen können.“ Mittlerweile geht es also vor allem um die Frage, wie man den gegebenen Raum zwischen den Grundlinien - der zudem der größte aller populären Sportarten ist - am besten und klügsten strukturiert. Und dass die Antworten hierauf sich permanent ändern oder weiterentwickeln, bezeugt allein ein Blick auf den europäischen Spitzenfußball. Aus der früheren, etwas freudlosen und in seinen Möglichkeiten begrenzten Position des Vorstoppers ist schon lange der sogenannte „6er“, eine Art zurückgezogener Spielmacher geworden. Der zweite zentrale Stürmer befindet sich mitten im Aussterben, da sich zwei zwischen Mittelfeld und Angriff pendelnde Außen à la Ribéry und Robben als flexibler bewiesen haben. Und die taktische Zukunft mag vielleicht ganz ohne klassische Spitze auskommen. Wie das aussehen könnte, davon hat man im Viertelfinale der Europameisterschaft 2008 schon mal einen imposanten Vorgeschmack bekommen. Trainer Guus Hiddink ließ die russische Nationalmannschaft quasi ein 5-5-0 spielen, bei dem sich Abwehr und Mittelfeld fortwährend blitzartig verschieben – und das mit Erfolg. Russland gewann gegen die Niederlande überraschend 3:1.

Der holländische Raum

Zuletzt kann man in der Theoretisierung des Fußball aber auch noch über diese bloße Analytik des Raumes hinausgehen und bestimmte spielerische Phänomene als ein kulturelles Produkt begreifen - und damit ist freilich nicht die Netzer’ische Beschwörung vermeintlich deutscher oder italienischer „Tugenden“ gemeint. Ein Beispiel hierfür liefert der englische Sportjournalist David Winner. Dieser fragt in seinem äußerst instruktiven Buch Brilliant Orange - The Neurotic Genius of Dutch Football, warum die Viererkette und das ballorientierte Spiel in den 60’er Jahren ihren Siegeszug vor allem in Holland gefeiert haben, warum diese strategische Verkleinerung des Raumes in ihrer Perfektion zunächst fast ausschließlich vom Ajax Amsterdam-Team um Johann Cruyff zelebriert wurde? Und er gibt eine überraschende Antwort. „The answer may be that the Dutch think innovatively, creatively and abstractly about space in their football because for centuries they had to think innovatively about space in every other area of their lives.” Winners These besagt, dass die Holländer über ein historisch besonders ausgeprägtes Raumverständnis verfügen, da sie nicht nur im am dichtesten besiedelten Land der Welt leben, sondern einen Großteil der bewohnten Flächen der Natur auch erst künstlich abgewinnen mussten. Dieses planerische und mathematisch anmutende Raumdenken spiegele sich somit auch in bestimmten sozialen und kulturellen Praktiken wieder. Sei es eben beim Spiel auf dem Rasen oder auch in der Malerei - im Positionsspiel Cruyffs oder den Quadraten Mondrians, in den Laufwegen Neeskens oder den komplexen Flächenaufteilungen Vermeers.

Man mag die Einlassungen Winners für weit her geholt halten. Nichtsdestotrotz entfalten sie, genau wie die Philosophie taktischer Konzepte oder die Frage nach der Ästhetik der Spielerkörper, einen gewissen intellektuellen Esprit. Und vielleicht sollte man es mit der Theoretisierung des Fußballs allgemein auch ähnlich halten. Insofern man nicht vergisst, dass Fußball eben auch 90 Minuten Freud und Leid bedeutet und das Spiel dann vielleicht doch durch den abgefälschten Ball entschieden wird, kann man sich an diesem Esprit durchaus erfreuen. Und im besten Fall lernt man ja auch noch was.

16:08 07.10.2010
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Geschrieben von

Oehler

"Es ist das neuntwichtigste Spiel meiner Karriere."
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