Gespenstische Bundesliga

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Ein Gespenst geht um in Europa. Und in diesem Fall ist es weder blond, noch heißt es Geert. Es ist das Abstiegsgespenst. In England steht der altehrwürdige FC Liverpool auf dem 18. Platz, der französische Serienmeister Olympique Lyon ist 17., der AS Rom, letztjähriger Vizemeister und Champions League Gegner der Bayern, 19. Am deutlichsten spukt es jedoch in der Bundesliga. VfB Stuttgart Letzter, Schalke 04 Vorletzter, Werder Bremen 13., Bayern München 12.

Nun ließe sich freilich mit Recht sagen: Abwarten! Es sind erst sieben Spiele gespielt, die WM-Spieler müssen erst noch richtig fit werden und Meisterschaften werden sowieso in der Rückrunde gewonnen. Auch wenn diese Argumente im Einzelnen stimmen mögen, allein sie verfangen von Spieltag zu Spieltag immer weniger. Denn abgesehen davon, dass mittlerweile wohl selbst Ailton wieder 90 Minuten schadlos überstehen würde und der 13- bzw. 17-Punkte-Rückstand von München und Schalke auf Mainz bereits nach mehr, als einem Betriebsunfall aussieht, ist es nicht nur der Tabellenkeller selbst, der seine gespenstische Wirkung entfaltet, sondern vor allem die gruseligen Leistungen, die die beiden dahinführten. Der Verdienst des Jahrhundertstürmers Raùl bestand beispielsweise bis jetzt vor allem darin, sich im gegnerischen Strafraum weniger sehen zu lassen, als Thomas Pynchon auf Preisverleihungen. Sein Sturmpartner Klaas-Jan Hunterlaar zeigt zwar immerhin Phantomtorjägerqualitäten, da er bisweilen dann doch im richtigen Moment vor dem Tor auftaucht. Da aber das Stellungsspiel der Schalker Defensive unter dem einer Laienschauspieltruppe rangiert und die Leistungen von Jurado und Rakitic schwanken, wie Rainer Brüderle auf einem Winzerfest, nützen auch die Knipserqualitäten Huntelaars nur wenig. Zu allem Überfluss zeigte die Schalker Mannschaft auf ihre katastrophalen Auftritte dann zumeist eine Reaktion, die methodisch irgendwo zwischen Kanzleramt und Stuttgarter Schlossgarten liegt. Neustart ausrufen, vornehmlich auf Einzelaktionen setzen und beim Gegner kräftig zutreten. Wenngleich die Bayern hingegen einen spielerisch weitaus besseren Eindruck abgeben, haben sie nicht nur ebenfalls den schlechtesten Saisonstart ihrer Bundesligageschichte hingelegt, sondern auch die konkreten Probleme ähneln sich. Die vermeintlichen Leistungsträger schwächeln, die Stürmer machen keine Tore. Der sonst immer sichere und verlässliche Phillip Lahm spielt momentan so uninspiriert und mutlos, als ob ihm Michael Ballack im Kabinengang auflauern würde. Ribéry-Ersatz Toni Kroos hat sich das Passspiel in die Vertikale offenbar verboten. Das sonst unermüdliche Sturmwiesel Ivica Olic schießt den Ball gegen Dortmund sogar aus zwei Metern vorbei und die 30 Millionen teure 1-Mann-Bad-Bank Mario Gomez dürfte nach abermals torloser und durchwachsener Partie von van Gaal nun endgültig abgewickelt werden.

So düster es also für den Meister, Vize-Meister und auch die anderen Teams mit Titelambitionen aussehen mag, wahrscheinlich werden sie doch Punkt für Punkt die Tabelle hochklettern und die Verhältnisse am Ende der Saison weitestgehend gerade gerückt haben. Doch allein die bloße Möglichkeit, dass die Dinge weiter ihren unerwarteten Gang gehen, Bayern und Schalke nicht aus dem Keller kommen und sich am Ende gar die karnevalesque Prophezeiung bewahrheit, sodass Tabellenführer Mainz wirklich Tabellenführer Mainz bleibt, entlockt einem doch ein kleines Jauchzen.

20:26 04.10.2010
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Geschrieben von

Oehler

"Es ist das neuntwichtigste Spiel meiner Karriere."
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