oelritch

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RE: Mario Barth für Reiche | 13.09.2011 | 14:18

Gelungene Annäherung an Rainald Grebe als Künstler und Kabarettist. Auch weil hier ein interessantes Paradox entsteht: Als linkes Meinungsmedium versucht der Freitag auf der einen Seite Grebes Liedrepertoire auf gesellschaftliche Auswirkungen hin abzuklopfen. Grebe selbst besteht auf der anderen Seite in einem taz-Interview vehement darauf, auf keinen Fall politisch zu sein.

Mit der klassischen Vokabular der kritischen Analyse, dass "brandmarkendes Aufrufen nichts mehr bloßlegt, sondern nur weiter reproduziert" hat der Autor zwar recht, formuliert jedoch einen Anspruch an Grebe, den er zurecht ablehnt. Ist es die Aufgabe eines Kabarettisten, Regression und Reproduktion zu verhindern? Hinzu wird Grebe eine politische Relevanz unterstellt, die er nicht hat. Das Raumschiff-Berlin-Phänomen: Wowereit war schon bei vielen Konzerten, von meinen Schulfreunden in Stuttgart kennt Grebe niemand. ;-) Für mich ist Grebe ein soziologischer Kabarettist, der halt glücklicherweise keine billigen Kartharsis-Witz auf "die da oben" produziert, sondern das verarbeitet, was er selbst in seinen eigenen und anderen Milieus beobachtet. Abgesehen von der genialen künstlerischen Seite identifiziere ich mich oft mit den Liedtexten weil sie Fragen aufwerfen, die mich interessieren. Mario Barth verbalisiert halt Alltäglichkeiten, mit denen sich dessen Zielgruppe hauptsächlich auseinandersetzt. Where is the problem?

Meiner Meinung spiegelt sich hier eine Frustration, dass Grebe nicht gegen Repression singt, sich stattdessen mit konkreter Lebensrealität auseinandersetzt, die zwar zu keiner politischen Bewegung, sondern zu persönlicher Reflexion und zumindest zu großartiger Unterhaltung führt, die nie harmlos ist. Für Reiche ist sie ja wohl auf keinen Fall, da kenne ich empirische Gegenbeispiele im Publikum (icke) und in Textform (Der Billiardär).