222 Minuten

TV-Konsum 3 Minuten weniger als in 2011 wurden in Deutschland im letzten Jahr ferngesehen. Das ist eine Trendwende, sagen Experten. Ein Epochenwechsel. Internet übernehmen sie.
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Wäre „das deutsche Fernsehen“ an der Börse notiert, seine Aktien wären gnadenlos in den Keller gerauscht. Zu Junkbonds mutiert. Pulverisiert. Weil es die Erwartungen der Analysten enttäuscht hätte. Weil es underperformed.

222 Minuten beträgt der durchschnittliche Fernsehkonsum jedes Deutschen in 2012. Nein, nicht im Jahr oder pro Monat. Täglich. Jeden Tag sehen „wir“ 222 Minuten fern. Wir das sind alle Deutschen. Experten sehen einen Epochenwechsel, denn erstmals überhaupt ist die Zahl nicht gestiegen, sondern gesunken. Um drei Minuten. Drei Minuten mit denen das Ende eines Mediums eingeläutet werden kann. Wieder von Experten.

222 Minuten. Da fehlen ganze 18 auf volle vier Stunden. Vier Stunden, an denen man, statt Jauch, Lanz, Tatort, Lindenstraße, Dschungelcamp, Deutschland sucht irgendetwas oder irgendwen, Tagesschau oder was immer es so ist, was da geschaut wird, etwas sinnvolles machen könnte. Vier Stunden täglich stehen zur Verfügung für Freude besuchen, kochen, spazieren gehen, Sport treiben, spielen, meditieren, reden, lachen, um die Kinder kümmern, Enten beobachten, einen VHS-Kurs über transzendentales Töpfern besuchen, Briefmarken sammeln, leben.

Vier Stunden. Durchschnitt. Neugeborene und Greise inklusive. Normalverteilung unterstellt, sehen also mindestens 40 Millionen Deutsche täglich 4 Stunden Unfug, 20 Millionen länger.

3 Minuten weniger täglich bei 80 Mio. Betroffenen sind 240 Mio. Minuten täglich, 86,4 Mrd. Minuten oder 1,44 Mrd. Stunden im Jahr (gerechnet bei kaufmännisch 360 Tagen) gerettet, gespart für Anderes. Für leben, für ...

Eigentlich ist das alles ja noch schlimmer, weil zugleich die vorm Internet verbrauchte Zeit steigt, steigt, steigt.

Von Zeitunglesen war übrigens nicht die Rede in dem Artikel im Handelsblatt „Das große Umschalten“ vom 7.2.2013, aus dem die Zahlen stammen.

07:10 09.02.2013
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