BER abreissen, jetzt

Mafiöse Strukturen Die Entscheidung für den Standort Schönefeld war falsch und bleibt es. Jetzt sollte neu geplant werden. Für ein internationales Drehkreuz mit 24h Betrieb. In Sperenberg
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BER abreissen, jetzt
Foto: byteschieber / Flickr (CC)

Mit der erneuten Verschiebung der Eröffnung des Flughafens BER Willy Brandt sollte eine Debatte über den richtigen Standort für einen langfristig tragbaren und wahrscheinlich sogar finanziell erfolgreichen Standort beginnen. Der zudem – wieder wahrscheinlich – zumindest größtenteils privat finanziert werden könnte. Dieser Standort ist Sperenberg, ca. 70 km von Berlin entfernt. Dünn besiedelt. Nachtflugverkehr ist möglich und auch eine ICE-Anbindung. Der Flughafen wäre der einzige rund um die Uhr-Flughafen in D., er könnte tatsächlich Drehkreuzfunktion übernehmen. Und genau das ist das Problem. Das war durch den Bund nicht gewollt, der eine zu starke Konkurrenz für die Flughäfen München und Frankfurt – an denen er Anteile hat – befürchtet. Besonders die Fraport soll stark gegen den Standort gearbeitet haben.

Die Handelnden. Matthias Wissmann (CDU), Eberhard Diepgen (Westberliner), Manfred Stolpe (Konsistorialpräsident forever). Für Diepgen als gelerntes Inselkind lag Sperenberg wahrscheinlich irgendwo in der Nähe von Wladiwostock. Viel zu weit weg jedenfalls. Vom QDamm. Wissmann vertritt eigene Interessen, arbeitet mit dem Argument, der Bund würde die Schienenanbindung Sperenbergs nicht bezahlen und erreicht so, dass Stolpe sich geschlagen gibt und sich sagt, dass Schönefeld ja immerhin auch in Brandenburg liegt.

Die entscheidende Sitzung schildert Stolpe so: „Der Bund hatte sich entschieden, sich auf zwei Luftdrehkreuze zu konzentrieren: Frankfurt am Main und München. Mit einem 24-Stunden-Flugverkehr in Sperenberg wäre zumindest für München eine ernste Konkurrenz erwachsen. Nach jener mittlerweile sagenumwobenen Sitzung mit Diepgen und dem früheren Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann (CDU) im Berliner Senatsgästehaus wurde aber erklärt, Sperenberg sei an den nicht finanzierbaren Mehrkosten für 60 Schienen-Kilometer gescheitert. Das Problem hatten wir den beiden anderen Partnern längst abgenommen. Der damalige Brandenburger Finanzminister und ich hatten ja feierlich ein Papier auf den Tisch gelegt und gesagt: Die 1,3 Milliarden Mark Mehrkosten übernehmen wir armen Schlucker in Brandenburg. Um Sperenberg zu erreichen.“

Vorher war die Abstimmung zur Länderfusion geplatzt, die vielleicht noch einmal Schwung für Sperenberg hätte bringen können.

Mit der Bekanntgabe des Standortes Schönefeld zogen die privaten Investoren Deutsche Bank. Holzmann und Lufthansa ihr Angebot zu Finanzierung und Betrieb des Flughafens Berlin (in Sperenberg) zurück. Begründung: Ein Flughafen in Schönefeld sei nicht wirtschaftlich zu betreiben.

„Die Entscheidung gegen Sperenberg hatte auch zur Folge, dass sich private Investoren für einen neuen Großflughafen Berlin sofort zurückzogen. Ohne Nachtflugerlaubnis ist der kaum rentabel zu betreiben. Aber wie Platzeck sinngemäß gesagt hatte: Die Finanzierung ist nicht unser Problem. Jetzt sind dafür die Steuerzahler und die hoch verschuldeten Bundesländer Berlin und Brandenburg zuständig. Der Flughafen, der jetzt in Schönefeld gebaut wird, steht nämlich auf wirtschaftlich wackeligen Füßen. Für einen internationalen Knoten ist Schönefeld nicht ausgelegt, dafür ist er nicht geplant und deshalb erfahrungsgemäß bald wieder zu klein.“ (aus: http://www.tagesspiegel.de/meinung/andere-meinung/gastkommentar-der-bbi-ist-unsinnig-und-unrentabel/1972126.html).

Vorab waren acht Standorte geprüft worden: „Acht mögliche Standorte werden auf ihre Tauglichkeit getestet: Jüterbog Ost, Schönefeld Süd, Sperenberg, Borgheide, Tietzow Jüterbog West und Michelsdorf. Die Würfel fallen im Juni 1993, als Brandenburgs Wirtschaftsminister Walter Hirche das Ergebnis verkündet: Für Jüterbog Ost, Schönefeld Süd und Sperenberg wird das Raumordnungsverfahren beantragt. "Damit ist eine wichtige Vorentscheidung im Hinblick auf den Bau des neuen Flughafens im Süden Berlins gefallen" sagt Hirche. (...)Ende 1994 kommt ein Standortvergleich aus der Feder des damaligen brandenburgischen Umweltministers, Matthias Platzeck, zu dem Ergebnis, "dass der Standtort Jüterbog Ost und der Standort Sperenberg gleichrangig zu bewerten sind, während der Standort Schönefeld Süd hier in der Bewertung deutlich abfällt.“ (aus: http://www.rbb-online.de/themen/flughafen-ber/flughafen_ber/countdown/rueckblick__planung.html).

Der Standort Schönefeld war also eigentlich aus dem Rennen. Aber:

Hans Olaf Henkel zieht im Hintergrund die Strippen, heißt es, damit der Flughafen in Schönefeld gebaut wird: „Wer nun tatsächlich glaubt, der Flughafenstandort Schönefeld-Süd habe mit seiner landesplanerischen Bewertung eine glatte Bruchlandung hingelegt, sieht sich wenig später getäuscht. Der damalige Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft, Hans-Olaf Henkel, lässt Schönefeld Süd gegen alle Lärmschutzempfehlungen munter wieder auferstehen. Die Wirtschaftlichkeit der Standorte für die Gesellschaft sei nicht Teil des Bewertungsverfahrens gewesen, lieber aber natürlich in ihrer Verantwortung. "Ebenfalls wichtig ist die Finanzierbarkeit eines Großflughafens an allen Standorten", argumentiert Henkel.“ (aus: http://www.rbb-online.de/themen/flughafen-ber/flughafen_ber/countdown/rueckblick__planung.html).

Also. Jetzt anfangen Sperenberg zu planen. Und dann hat der derzeitige BER in 10-15 Jahren ausgesorgt, das Finanzloch schwindet, ein tatsächlich internationales Drehkreuz mit 24h-Betrieb kann entstehen, privat finanziert und ohne dauerhafte Alimentierung durch den Steuerzahler (so ist zu hoffen).

P.S. Die Belastungen für Mensch und Umwelt wären auch geringer.

P.P.S. Gegen diesen (Wirtschafts/Politik)-Krimi sind alle falsch gepflanzten Bäume, alle Schwierigkeiten mit Brandschutzanlagen und auch die Intervention der EU-Kommision wg. Flora/Fauna-Habitat ein Fliegenschiss.

P.P.P.S. Wer mehr wissen will, einfach bei Suchmaschine & Co. "Entscheidung gegen Sperenberg" eingeben. Spannung garantiert.

22:28 10.01.2013
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