Brief an die Ostdeutschen

Eine Ergänzung „Weißt du Steffi. Arschlöcher gibt es in Ost und West. Gute auch“.

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Meine Güte wie die Zeit vergeht. 25 Jahre ist das jetzt her, das man euch rausgelassen hat. Nochmal 15 und die Spanne ist so lang wie Der Doofe Rest existiert hat. Wahrscheinlich wird dann das Geheul und Gejammer noch größer sein als heute. Ein Schelm, wer da an Versailles denkt.

25 Jahre also. Durchaus ein Zeitraum, um innezuhalten und zurückzublicken. Vielleicht auch nach vorne. Und so lese ich denn den Brief an die Westdeutschen von Jana Hensel. Irritiert hat mich an dem eigentlich nur, das dem Ab- oder Zurückkotzen keine Antwort, kein Gegenpol entgegengestellt wurde. Keine redaktionelle Glanzleistung. Wahrlich nicht.

Also versuche ich es selbst. Meine Begrenzungen sind klar. Ich bin weder Journalist noch Schriftsteller. Mein Plus? Ich bin Betroffener. Das erste Mal in einer Debatte wahrscheinlich so richtig.

Die Nachricht erfuhr ich am 10. November auf der Arbeit. Voltastraße, Berlin-Wedding. Also bin ich so schnell es ging mit meiner Kollegin Romy zum Übergang Chausseestraße. Habe die Blechlawine von rollenden Trabbis und Wartburgs gesehen, die wildfremden Menschen, die euch beglückwünschten, ich voller Freude mittendrin. Lachen überall. Glück. Trommeln auf die Pappdächer der Autos. Sektflaschen die morgens schon kreisten. Auch bei euch Freude, Lachen. Ihr saht glücklich aus. Schön war das. Ein Augenblick zum Einrahmen. Mir war nicht klar, dass das nicht lange anhalten würde. Dass es sich im Gegenteil sehr schnell umkehren sollte in Verbitterung, Neid, Missgunst, Hass.

Ich freute mich mit euch. Für euch. Und für mich. Romy war da ganz anderer Ansicht. Sie gönnte es euch nicht. „Da kommen jetzt all die Feiglinge raus. Bekommen das geschenkt, wofür ich gelitten und gekämpft habe ((Romy hatte Jahre zuvor einen Ausreiseantrag gestellt)). Und jetzt werden sie meinen Kühlschrank leerfressen und sich bei mir einquartieren wollen und ich habe keine Lust auf Sie“. Ist die schlecht drauf, dachte ich, damals.

Ich bin heute noch dankbar diese Zeit in Westberlin gelebt zu haben. Nirgendwo sonst in dieser Republik konnte man das Experiment so aus erster Hand erleben wie hier. Nicht in FFM und nicht in FFO. Die Tage vergingen, die Besuche auf dem QDamm wurden medial langweilig. Aus „Wir sind das Volk!“ wurde „Wenn die DM nicht zu uns kommt, kommen wir zur DM!“. Und den, der die DM euch versprach habt ihr dann ja auch gewählt. Den anderen, den Warner, den Mahner, den habt ihr abblitzen lassen (um euch dann Jahre später darüber zu echauffieren, dass es keinen dritten Weg gab) und dann noch einmal später zum Vorsitzenden eurer Regionalpartei zu machen. Schon lustig, oder? ((Regieanweisung gequältes Lachen: Harr, harr, harr))

Erinnert ihr euch an die leicht pickelige junge Dame auf dem Titel der TITANIC? „Gaby (17) im Glück (BRD)“. Welche Ironie. Die BRD das Glück? Welche Prophetie. Die Banane eine Gurke. Das Glück (BRD) eine Mogelpackung. Aber so ist das halt, wenn man glaubt direkt ins Werbefernsehen zu wechseln aus der graubleiernen Langeweile. Grau. Ich war vor dem Mauerfall – den Wende zu nennen mir widerstrebt – nie in der DDR gewesen. Aufm Transit, klar. Das reichte mir aber auch. Echt jetzt. Als ich dann danach das erste mal drüben war, wurde mir schlagartig klar, was Nina Hagen meinte als sie mit der NHB sang „Ich kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier“. Gaby müsste heute 42 sein. Was sie wohl so treibt? Redakteurin bei einer Zeitung? Vielleicht ....

Westberlin 1989/90. Spannend und hart. 1,5 Mio zusätzliche Menschen kauften in Frontstadt des freien Westens (prust) ein. All die Aldis, Pennys und Lidls waren noch nicht gebaut, Tengelmann (Kaisers) hatte noch nicht die Konsum-Strecke übernommen. Einkaufen also bei Butter Linder, weil das die Chance war für zwei Berufstätige mit kleinem Kind innerhalb der Öffnungszeiten (von KiTa und Geschäften) noch an Essbares zu kommen. Dort gab es als einzigem Geschäft in Westberlin Schlangen, die kleiner als 1,5 km waren. Samstag morgen in meinem Kiez in Kreuzberg. Ich vor meinem Zeitungs- und Drogen(Tabak)dealer. Schlange. Ich verstehs nicht. Bis ich sehe, dass ihr Zigaretten kauft. In Mengen. Echte Westzigaretten. Und erst wieder Karo und F6 zu euch nehmt als die in westdeutschem oder amerikanischem Besitz sind. Nicht ohne vorher, na? Richtig, zu lamentieren, dass eure Waren ja nicht mehr im Supermarkt zu bekommen sind. Kein Fee, keine Karo, kein Rotkäppchen. Das ist echt scheiße von uns.

Auch dass wir nicht Broiler sagen wollen und Plaste oder Zweiraumwohnung.

Und so wird im Laufe der Zeit das Ampelmännchen zum Symbol eines neuen Widerstandes. Das Ampelmännchen heute heißt Joachim. Oder Angela?

Berlin 1990/91. In die Werbeagentur kommen immer mehr von euch. Umgeschult auf PR-Fachmann. Gebrochene Biografien, der gelernte Diplomat, den es noch vor Amtsantritt bei der Ausbildung in Moskau erwischt hat, den Journalisten einer linientreuen Zeitung aus Meck-Pomm. Billige Arbeitskräfte, ausgebeutet. So wie wir. Gemeinsam ist euch, dass ihr Angst habt eure Meinung laut zu sagen. Wie wir. Oder manche von uns (und von euch). Und so fängt das Getuschel an. Da war auch die Freundin von Goyko Mitic, die ein Praktikum bei uns machte und sich beschwerte über das Gehalt. Wir haben dann nachgerechnet, dass ich mit meiner Miete und sie mit ihrer nicht so weit auseinanderlagen. Ob sie wohl mit dem Ost-Winnetou nach Bad Segeberg gegangen ist? Ein Bekannter (West). Entlassen in der Spedition. Wie alle Westkollegen ersetzt durch Kollegen Ost, weil die für einen Bruchteil dessen arbeiten, was die Kollegen bekamen, vorher. Wahrscheinlich sind die Ostkollegen inzwischen ersetzt durch Polen, die durch Rumänen, die durch ... end open.

Und so wird aus dem Getuschel ein Feindbild.

Ich komme in die „Unit Ost“ in der Agentur. Wir sollen versuchen Kunden aus dem Rost der Republik zu gewinnen. Und so durfte ich denn die ganze Teilrepublik durchfahren, habe Menschen kennen und schätzen gelernt. Für ihr so sein. Durfte mit vielen zusammenarbeiten. Habe gelernt, dass ich manche Menschen auch dann nicht mag, wenn sie Opfer sind.

Später, es muss so 2002 sein. Ich komme neu als Abteilungsleiter einer Immobilienfirma in die Niederlassung nach Potsdam. Zu meinen Mitarbeiterinnen gehört eine Auszubildende. So 22 ca. Fragt mich nach wenigen Tagen, was ich von Ostdeutschen halte. Eine Frage aus dem Nichts, völlig überraschend. Mir bleibt zuerst einmal die Kinnlade unten. Meine Antwort?

„Weißt du Steffi. Arschlöcher gibt es in Ost und West. Gute auch“. Daran glaube ich immer noch.

Unbedingt lesen:http://www.spiegel.de/einestages/west-berlin-paradies-der-sozialisten-a-1001572.html

Ich kann Gejammer nicht so fürchterlich gut aushalten, doof für mich.

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