Das Schöne und die Biester

Gegendarstellung Kriminalisten können ein Lied davon singen, dass ein Vorfall von drei Beteiligten mit sieben Geschichten versehen wird. Hier eine andere Geschichte zu Badeschiff & Biest.
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Diesen Sommer habe ich als Barfrau am Badeschiff in Berlin gearbeitet. Nach jeder dieser Nächte – Berliner Partyvolk kann ziemlich anstrengend sein – saß ich noch ein wenig bei meinem Kollegen von der Nachtschicht, trank ein Gläschen von seinen Kreationen um runterzukommen. Erschöpft habe ich so den Sonnenaufgang genossen, die Nacht abgeschlossen, den Tag meinen werden lassen. Jedesmal war das Licht ein wenig anders, das Spiel der Farben und der Musik der erwachenden Großstadt in der Luft begeisterte mich rundum und entschädigte mich für vieles. Ja, es gab schlechtere Semesterferienjobs. Und wie anstrengend es auch gewesen sein mochte in der Nacht zuvor: Die stille Begeisterung für dies morgendliche Ereignis konnte mir niemand nehmen.

Bis zu diesem Morgen. Ein Trupp Yuppies, oder solcher, die sich dafür halten, kam lärmend über den Sand gestapft. Alle noch unausgeschlafen, die Fahrt mit der S-Bahn hatte wohl das ihre dazugetan (dafür habe ich immer volles Verständnis). Susie hatte das Kassenhäuschen grad mal für einen Gang auf die keramischen Anstalten verlassen und die Meute tat, als gehörte dies alles ihnen und sie müssten nicht bezahlen. Na, das kann ich ja leiden. In jedem Normalschwimmbad ordentlichst anstellen, Schlange bilden, nach Ermäßigung fragen und hier?

Ich feixte mir eins, sah ich doch, wie sie alle zusammenzuckten, als ich fragte, ob sie denn nicht bezahlen wollten. Irgendetwas zwischen hochnäsig und ertappt (diese „Bitte Herr Lehrer, soll auch nicht wieder vorkommen“-Attitüde). Jedenfalls kommen sie zu mir und stellen sich tatsächlich in einer Reihe vor mir auf. Wie die Pennäler. Also denk ich mir, die brauchen das. Die brauchen diesen Untertanen-Demuts-Moment. Und lasse sie zappeln. Wie nicht anders erwartet dauert es ein Weilchen bis die erste fragt, ob sie denn jetzt bezahlen könne. Das kommt dann, auch wie erwartet, gleich passiv-aggressiv heraus. Ich muss aufpassen, nicht schallend und laut loszulachen. Hinten in der Gruppe steht eine, die sieht aus, als würde sie gerade „Wow!“ denken. Genau so. Differenziert und tiefsinnig: "Wow!" Ich schwöre. Ich kann nämlich Gedanken lesen. Hab ich von meiner Omi, aber das ist eine andere Geschichte.

Nachdem ich noch eine Gruppe von Zechern abfertigen musste – wo blieb Susie eigentlich, war bestimmt wieder mit Tom knutschen hinterm Busch – waren ich jedoch durch, die Kinderchen lachten und tollten im Wasser und ich dachte, dass dieser Morgen doch noch ein guter Anfang meines neuen Tages werden könnte.

Aber erstens kommt es anders und zweitens soll man an solchen Morgen nicht denken. Ich wollte schon aufbrechen, blieb aber noch bis Bennie von der vermaledeiten Zapfanlage zurück war, als zwei der Kinderchen, völlig euphorisiert – und ein wenig ängstlich – vorbeikamen und bestellten. Frühstück. Bei mir. Mir! Meine Schicht war schon seit über einer Stunde vorbei.

Immerhin: mit gefasster Stimme. Wie richtig Große. Und tatsächlich Kaffee, Croissants und Limonade. Limo und Croissants? Na ja, wenn es denn gefällt. Dabei dieser Schlag-mich-bitte-nicht-Blick. Aus irgendeinem Grund funktioniert die Masche bei mir nicht. Wahrscheinlich genetisch bedingt. Die Passiv-Aggressive und die WOW-Denkerin waren es, die vor mir standen und das Erlebnis ihres Tages hatten. Im Auge des Hurrikans, im Angesicht der Leibhaftigen oder mindestens eines Biests. Oder so. Jedenfalls etwas, wovon sie wahrscheinlich später noch lange erzählen, vielleicht sogar schreiben würden.

Gut möglich, dass ihr Tagebuch noch immer ihre beste Freundin war. Ich lass mich also nicht lange bitten. Und gebe das Erwartet-Befürchtete. Das Biest, die Unfreundliche, die Berlinerin, die ich bin. Wedding, dritter Hinterhof. Und sie lassen sich wieder einschüchtern. Wenn es nicht so traurig wäre, ich würde immer noch herumkugeln vor Lachen und hätte Bauchkrämpfe davon.

„Die haben keinen schlechten Tag, die brauchen das!" raune ich Bennie zu, der den Schluss der Szene mitbekommen hat und mich mit einer hochgezogenen Augenbraue anschaut. Und stelle mir vor, wie die beiden bei ihren Freunden angeben, dass sie beim Badeschiff waren und dass auf mich getroffen sind und sie allen Mut zusammengenommen und Frühstück bestellt haben.

Und dass , als hätte sie gerade einen Preis für Zivilcourage gewonnen. Mich beschleicht eine Ahnung, dass in ihrer Welt dies, warum auch immer, etwas Großes ist.

Vielen Dank an Maike Hank für die Anregung.
09:42 12.12.2012
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