Inside the machine

Gesundheitswesen Das Gesundheitswesen mutiert zu einem echten Kafka. Patienten und Ärzte kennen sich gleichermaßen immer weniger aus. Die Ärztekammer schweigt ebenso kafkaesk.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Berlin. Im September 2012. Ich nehme mir Zeit für einen Arztbesuch. Normalerweise gehe ich nur an den Empfangstresen und sage, dass ich und welche Medikamente ich brauche und schwupps, halte ich ein vom Doc unterschriebenes Rezept in Händen obgleich er mich gar nicht gesehen oder gesprochen hat. Auch die Rezepte lässt er sich nicht vorlegen.

Heute nicht. Heute nehme ich mir Wartezeit. Es geht um einen Haken. Dieser muss vom Arzt gesetzt werden, wenn ich genau das Medikament haben will, das ich schon seit fast 30 Jahren erfolgreich nehme und nicht ein anderes mit dem gleichen Hauptwirkstoff. Nötig ist dies geworden, weil „meine“ Krankenkasse sich an einen anderen Hersteller vertraglich gebunden hat.

Nach zwei Stunden des Blätterns in diversen Galas, Bunten, Sterns bin ich wieder einigermaßen auf dem Laufenden was die A-, B- und C-Promis sowie die Royals Europas so umtreibt und sitze vor dem Weißkittel, trage mein Begehren vor.

Er reagiert wie nicht erwartet. Hält mir einen langen Vortrag, dass er die Medikamente sowieso nicht verschreiben darf sondern nur ein Neurologe. Dass ein anderes als das von der Kasse … der Neurologe. Nun ja, ein Wort wechselt das andere, hauptsächlich seine. Worte.

Als ich ihn auf die Widersprüchlichkeit seines Handelns hinweise, ist es vorbei. Mit Worten und mit meiner Arzt-Patienten-Beziehung. Er schmeisst mich raus. Zitat, fast wörtlich, zumindest sinngemäss: „Sie erhalten von mir heute gar kein Medikament. Und ich fordere Sie auf, sich einen anderen Arzt zu suchen, weil ich Sie nicht mehr behandeln werde.“ Die bereits ausgefüllte Überweisung erhalte ich auch nicht. Dies am Mittwoch mittag um meine beschränkten Möglichkeiten mir rechtzeitig ein notwendiges Mittel rechtzeitig zu besorgen wissend.

Meine Beschwerde bei der Ärztekammer (unterlassene Hilfeleistung und Verstoß gegen den Hippokrates; ich bin kein Jurist) bringt mir folgende Antwort (Auszug):

„Die Ärztekammer überwacht entsprechend ihrem gesetzlichen Auftrag die Einhaltung der beruflichen Pflichten der im Land Berlin tätigen Ärztinnen und Ärzte. Wir werden daher auch dem von Ihnen geschilderten Sachverhalt nachgehen und prüfen, ob ein Verstoß gegen die ärztlichen Berufspflichten anzunehmen ist. In diesem Fall werden wir, sofern erforderlich, berufsrechtliche Maßnahmen einleiten. Andernfalls wird das Verfahren eingestellt. Dies kann auch mit einem Hinweis an den Arzt auf seine berufsrechtlichen Pflichten verbunden sein.

Sollten im Rahmen unseres weiteren Verfahrens Nachfragen erforderlich sein, werden wir uns nochmals an Sie wenden. Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir aus datenschutzrechtlichen Gründen daran gehindert sind, Ihnen Ergebnisse unserer Ermittlungen mitzuteilen oder Sie über ggf. durch uns ergriffene berufsrechtliche Maßnahmen zu informieren.

Im Klartext: Das machen wir unter uns aus und jetzt gib Ruhe. Ob und wenn ja was der Überwachungsauftrag der Ärztekammer ergeben hat, wen interessiert das schon?

Schlussbemerkung. Die Ärztin, die ich dann auf die Schnelle am nächsten Tag noch fand sagte mir, der Kollege wisse wohl nicht, dass er nur eine Ziffer in seine Budgetabrechnung einstellen müsse und schon wäre mein Wunsch für ihn kein Schaden mehr.

09:50 06.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 11