Mein Leben als Heuschrecke (1)

Private Equity Was passiert eigentlich, wenn eine Heuschrecke, ein private equity Unternehmen, eine Firma übernimmt. Erste Eindrücke, sehr subjektiv.
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Mein Leben als Heuschrecke (1)
Foto: quinet/ AFP/ Getty Images

Fast zwei Monate sind es nun, die eine Heuschrecke das Unternehmen, in dem ich arbeite, übernommen hat. Zwei Monate voller Auf und Ab, wobei die Aufs sich wirklich an einem Finger einer Hand ablesen lassen.

Inzwischen wurde ein neuer – zusätzlicher – Geschäftsführer installiert, Hofschranze des neuen Gesellschafters (Eigentümer), der dem Unternehmen die Schulden aus dem Kauf übergeholfen („Aquisitionsfinanzierung“ nennt er das) und sich den direkten Zugriff auf alle Transaktionen beschafft hat. Nichts geht mehr ohne die Oberheuschrecke in FFM.

Aber auch mit ihr geht nichts mehr. Mein Arbeitsleben lässt sich eigentlich nur noch als Paradoxon beschreiben. Es geht drunter und drüber obgleich sich nichts bewegt. Und doch ist eine angespannte, nervöse Energie spürbar. Es läuft auf Entscheidungen zu. Sie werden bald getroffen werden. Bald, demnächst. Vielleicht.

Und so warten wir. Können, nein dürfen nichts machen. Die Grundzüge unserer Unternehmenskommunikation (in der ich arbeite) werden gerade zerpflückt. Die Heuschrecke als solche spricht nicht gerne über sich. „Nicht gerne“ ist dabei britisches Understatement. Und so möchte sie auch nicht, dass wir unseren Weg der Transparenz und des vertraulichen Umgangs mit den Medien weitergehen. Obgleich das Vorgehen der nächsten drei Jahre so wie es uns skizziert wurde, weiter reicht der Horizont einer Heuschrecke anscheinend nicht, sich durchaus als konsequente Fortsetzung des Bisherigen kommunizieren ließe. Die Geschichte der alten Company wird gekappt und durch das Nichts ersetzt. Ein Teil meines Jobs, meiner Aufgabe wird durch das Nichts ersetzt. Ein integraler Bestandteil der Kommunikation in meinen Augen. Marketing allein reicht nicht.

Der Zweck des Unternehmens liegt für so eine Heuschrecke darin, möglichst viel Geld für sie zu machen. Wie das erreicht wird, ist ihr gleich. Es gibt keine Vision außerhalb von Geld, Geld, Geld. Das in unserem Fall wohl am Kapitalmarkt gemacht werden soll. Produkte, Objekte und deren Qualität sind gleichgültig. Was zählt ist die vermutete Vermittelbarkeit für vermutete Käufer von Anteilen (in 3-5 Jahren). Zuvor müssen die Schulden zurückgeführt und einige Tätigkeiten (einige ist wieder ziemlich untertrieben) gekappt werden. Sagt die Heuschrecke.

Seit gestern gibt es ein neues Organigramm. Das allerdings unwahr ist, weil es schon ein weitergehendes gab und wahrscheinlich immer noch gibt. Auf der Basis dieses Organigramms werden nun Personalgespräche geführt werden. Ganze Abteilungen „wandern“. Von einem Kästchen ins andere, in manchen Fällen ist auch der Umzug von einer Stadt in die andere vorgesehen. Die Abteilungsleiter sollen nun in der nächsten Woche wohl aufgefordert werden, Namen zu benennen und Anzahlen von Kollegen, die das Unternehmen verlassen müssen, sollen, können. Und das, obgleich in den meisten Bereichen noch komplett unklar ist, wie es weitergehen wird, welche Aufgaben welchen Arbeitsumfang erfordern.

Es gibt einen Sozialplan. Der stammt noch aus der Zeit vor Heuschrecke und musste übernommen werden mit dem Kauf des Unternehmens. Allein dieser Sozialplan bewirkt, dass die Kollegen noch nicht in Scharen abgewandert sind, sich Neues gesucht haben. Jeder kann sich ausrechnen, welche Abfindung er im Fall einer betriebsbedingten Kündigung erhält. Ab sofort wird nur noch gepokert.

Sollte dies zu „weinerlich“ dahergekommen sein, dann ist das nur teilweise so gemeint. Ich trauere um die „alte“ Company und um all das, was wir geleistet haben, zusammen, in den letzten Jahren. Was kommt kommt und es wird für mich okay sein. Spannend ist es auf alle Fälle, diesen Prozess zu beobachten, so viel Menschenverachtung gebündelt in ganz wenigen handelnden Personen. Zu beobachten, wer versucht über die große Ranschmeisse seinen Arsch ins Trockene zu bekommen, wer widersteht, wo die Streber sitzen, wie sie sich bewegen. Und wie die alte Sozialstruktur teilweise schon jetzt kaputt ist. Schon jetzt? Schon seit einigen Wochen.

Wenn möglich, werde ich weiter berichten.

P.S. Einige der Kollegen, die nun wohl demnächst das Unternehmen verlassen werden, haben ein Jahr lang neben ihren eigentlichen Aufgaben und zusätzlich zu diesen an der Verkaufsfähigkeit des Unternehmens gearbeitet. Ironie? Ach iwo, ganz normaler Finanzkapitalismus, hautnah erlebt.

P.P.S. Ich kann hier nicht "offener" schreiben, weil der Verkauf des Unternehmens ziemlich einzigartig war. Und ich mich noch ein wenig schützen muss. Sry dafür.

19:56 14.02.2013
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