Tatsachenentscheidung

Macht Über Macht und Irrtum. Über die Begrenzung beider. Und darüber, dass der größere Haufen genau dies bleibt. Und wer dafür verantwortlich sein mag.
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Neben manch anderem sondert der Mensch auch Gesprochenes ab. Man sollte das nicht gar so wichtig nehmen.“ (Tucholsky)

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. (Hesse)

Tatort Olympiastadion in München. Am 23. April 1994 läuft bei frühsommerlichen Wetter und Sonnenschein das 159. Derby zwischen dem FCB und dem 1. FCN. In der 24. Minute stochert Thomas Helmer einen Ball am Tor vorbei. Was eigentlich nichts Ungewöhnliches ist, Helmer‘s Thomas machte so etwas schon ganz gerne einmal. Das Schiedsrichtergespann jedoch entscheidet auf eingenetzt, Tor. 1:0 für den FCB, der am Ende 2:1 gewinnt.

Tatort Berlin, Ende Juli 2012, genauer lässt sich das wegen einer Datenmanipulation nicht sagen. Wieder ist es sonnig, ausnahmsweise sonnig in einem Sommer, der mehr einem langgezogenen April gleicht. Es ist früh. Alle sind irgendwie unausgeschlafen, manche hatten einen irgendwie schönen Abend, nutzten die endlich einmal laue Sommernacht zu dem ein oder anderen Weizen im Biergarten. Einige haben in ihren Gärten irgendwie ackern müssen. Das waren jetzt die Tage der Gärtnerei, nicht unbedingt die der Gärtner, in denen der Boden bereitet wird für das, was kommen wird, in denen aber auch irgendwie genossen werden kann, was gesät wurde.

Eine Entscheidung. Wir brauchen JETZT eine Entscheidung. Es müssen Tatsachen geschaffen werden, so geht das nicht“. Der Senior ist sauer, richtig wütend. Seine Kollegen - alle zusammen starren sie fassungslos auf den Bildschirm und betrachten, was sich in der Nacht an BABY getan hat - eher bedrüpst, schwankend zwischen Ärger, Wut, Besorgnis, ein wenig Verständnis und Angst (vor dem Senior, der als rechter Choleriker bekannt war; das rechter nicht politisch verstanden, sie waren alle, na ja, also irgendwie waren sie schon alle links, das einte). Gerade erst hatten sie BABY auf Vordermann („Vorderfrau“ würde Babsi sagen, die Emanze im Team; aber sie war heute nicht da, hatte einen freien Tag, die Glückliche) gebracht, Stunden um Stunden Zusatzarbeit geschoben und BABY dann on air geschoben. Die Reaktionen waren schlimmer als erwartet. Klar, sie waren selbst nicht zufrieden und ein paar Ewiggestrige und Spinner gibt es immer. Aber so? Nein, das hatten sie und das hatte BABY nicht verdient.

Wie wär‘s, wenn wir redeten? Dann können wir doch ...“ Manni, der vor zwei Monaten noch Praktikant gewesen war, verstand noch nicht ganz, wann es wirklich ERNST war. „TATSACHEN. Wir entscheiden. JETZT. Geredet ist genug. Jetzt schaffen wir TATSACHEN“. Abgang Senior. Nach links, wohin sonst. Tatkräftig, entschieden. Kein Platz für Verhandlungen. „Wir machen keine Gefangenen mehr“ dachte Lukas, der einzige anwesende Freelancer, versuchte derweil die Kaffeemaschine wieder zum Leben zu erwecken. Kaffee. Stark und schwarz. Das brauchte er jetzt. Die Nacht war lang und hart gewesen. Erst Recherche, dann Party. Er popelte gleichzeitig an der Maschine herum und in der Nase. Er konnte das. „Multitasking“ dachte er und sah zu den anderen hin. Keiner guckte, und schwuupps war das Ergebnis des Stocherns auf dem Teppich. „Das ist jetzt auch eine Tatsache“ feixte Lukas und widmete sich wieder der Kaffeemaschine. Jetzt mit beiden Händen.

Tatort Frankfurt am Main. Immer, seit Menschengedenken, zumindest seit Sepp H., dem Großmeister einfacher Weisheiten. Ein Spiel dauert 90 Minuten. Der Ball ist rund. Die Wahrheit ist auf dem Platz. Elf Freunde sollt ihr sein. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Ein Elfmeter ist ein Elfmeter, wenn der Schiedsrichter so entscheidet. Ein Abseits ist eins (oder keines) wenn der Schiedsrichter …. Das gilt auch für Wembley-Tore, das mit dem Schiedsrichter. Und für grobe Unsportlichkeiten. Und Schiedsrichterbeleidigungen. Alle diese Entscheidungen sind „Tatsachenentscheidungen“. Tatsachenentscheidungen können zwar angezweifelt werden und sind doch unumstößlich, stehen ehern und fest wie der kölsche Dom. Auch wenn per Kamera und Videobeweis fünftausendmal zu sehen ist, dass der Elfmeter keiner, das Tor aus dem Abseits heraus gefallen, die grobe Unsportlichkeit eine Schwalbe war: Die Tatsachenentscheidung gilt.

Nun macht eine Schwalbe noch keinen Sommer. Und auch wenn fraglich ist, ob Schwalben im Plural Sommer machen: diese Tatsachenentscheidung, das ein Nicht-Tor ein Tor war, Phantomtor in der Fachsprache, hat der DFB revidiert.

Konferenzschaltung, wir geben jetzt wieder nach München. Das Spiel zwischen dem FCB und dem 1. FCN wurde wiederholt. Mit keinem glücklichen Ausgang für den 1. FCN. Er verlor das Nachholspiel 0:5, eine Woche vor dem letzten Spieltag. Das letzte Spiel verlor der 1. FCN dann auch noch 1:4 beim BVB. Und stieg ab. Auf Grund der schlechteren Tordifferenz.

Was lehrt uns das? Huch, eine Moral. Ist doch oldfashioned, Moral, Tugenden, wie Soldarität. Um nur eine zu nennen.

Tatort überall, all around the world. Tatsachenentscheidungen können auch in einem streng hierarchisch geführten (Wirtschafts)Unternehmen DFB, bei dem die Spieler und das Spiel nur mehr schmückendes Beiwerk für den profit sind, hinterfragt und revidiert werden. Es gibt einen Rechtsweg. Die Beteiligten werden angehört, unerhört zu bleiben wäre unerhört (Übersetzung: schickt sich nicht!)

Hallo? Ja, Ja, JA, JA; JA doch. Hier ist wieder Frankfurt. Das Hinterfragen führt nicht immer zu besseren Ergebnissen. Mit dem 1:2 aus dem ersten Spiel wären die Clubberer nicht abgestiegen. Wobei, was heißt schon besser. Die Duselbayern wurden am Ende der Saison 93/94 Meister mit einem Punkt Vorsprung auf KTown. Wer weiß, wie dies Rennen ausgegangen wäre, hätte es nicht die quasi göttliche Nicht-Tatsachen-Fehlentscheidung des Schiedsrichtergespanns gegeben. Mussten also die Nürnberger absteigen damit die Bayern Meister werden? Auch GOTT scheißt immer auf den dicksten Haufen?

Sperren kennt der DFB in Hülle und Fülle. Gelbe Karten, gelb-rote, rote. Stadionsperren etc. Auch Schiedsrichter können suspendiert werden. Der Schiedsrichter des Spiels am 23. April 1994 in München, Hans-Jürgen Osmers, wurde m. E. nicht gesperrt, wahrscheinlich hat man ihn einfach „vergessen“.

Berlin. Nachdem alles erledigt war, stürmte der Senior wieder in das Großraumbüro. Ein Lächeln glitt übers sein Gesicht als er seine Schäfchen bei der Arbeit sah. „Wenig Geschwätz heute“ dachte er befriedigt. Er wusste noch nicht, dass das so bleiben sollte die nächsten Tage und sich das mit dem „schwätzen“ erst einmal erledigt hatte. BABY lag friedlich. Nur Lukas grinste als er sah, dass der Senior genau in seine Tatsache getreten war und diese ihm nun bleiben würde. Erst einmal. „Was grinst der denn so? Komische Type, passt irgendwie nicht zu uns.“ Senior machte sich eine Notiz im Kopf. Und ging weiter.

Was war das jetzt noch einmal mit der Moral: Ach ja, irgendetwas bleibt immer hängen.

Nachschlag zu: „Tatsachenentscheidung:

Bei der Tatsachenentscheidung handelt es sich um einen Regelbestandteil vieler Sportarten. Um das Regelwerk von Sportarten praktisch anwenden zu können, ist es notwendig, dass Entscheidungen von Schiedsrichtern sofort wirksam werden, ohne dass ein Wettkampfteilnehmer dagegen Einspruch erheben kann oder eine Entscheidung nachträglich in irgendeiner Form widerrufen wird. Dabei ist es unerheblich, ob der Schiedsrichter das Regelwerk korrekt angewendet hat.

Diese Regelung dient dazu, einen kontinuierlichen Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Eine unterlegene Mannschaft könnte sonst irgendeine strittige Entscheidung des Schiedsrichters zum Annullieren des Spielergebnisses nutzen, indem sie bei einem Sportgericht Beschwerde einlegt.

Natürlich sind die Sportverbände daran interessiert, grobe Fehlurteile der Schiedsrichter zu vermeiden oder zu korrigieren, um keine Wettbewerbsverzerrung entstehen zu lassen. Im Fußball wurden schon Spieler nachträglich gesperrt, weil der Schiedsrichter deren Tätlichkeiten nicht geahndet hatte. Dabei ist aber zu beachten, dass dabei keine Schiedsrichterentscheidungen korrigiert werden, sondern nur Tätlichkeiten, die dem Schiedsrichter entgangen sind, verfolgt werden können.

Generell ist anzumerken, dass ein Tatsachenentscheid eines Schiedsrichters eine subjektive Interpretation ist, bei der der Schiedsrichter entscheidet ob die Spielregeln übertreten worden sind oder nicht. Dieser Tatsachenentscheid ist von den Vereinen nicht anfechtbar. Ein regeltechnischer Fehler seitens des Schiedsrichters wiederum ist, wenn der Schiedsrichter nicht nach den Spielregeln handelt – dieser Fehler ist von den Vereinen anfechtbar und zieht im Normalfall ein Wiederholungsspiel nach sich.

American Football beruht ebenfalls weitestgehend auf Tatsachenentscheidungen durch den Schiedsrichter, jedoch sind bestimmte Entscheidungen von den Trainern der beiden Kontrahenten anfechtbar. Erhebt ein Trainer eine so genannte „Coach’s Challenge“, wird die angefochtene Entscheidung seitens der Schiedsrichter per Videobeweis kontrolliert und widerrufen, sollte sie falsch gewesen sein. Dieses ist jedoch nur direkt nach dem betreffenden Spielzug bei der ersten Unterbrechung möglich. Um auch hier den Spielfluss zu gewährleisten, erhält jeder Trainer zudem pro Spiel nie mehr als drei Coach’s Challenges.“ (aus Wikipedia)



13:11 23.09.2012
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