„Es gibt keinen Krieg der Konfessionen“

Irak Der britische Imam Shaykh Muhammad Umar berichtet im Interview von seiner Reise in den Irak und erklärt, wie er im Ausland und zu Hause gegen Radikalisierung vorgeht.
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Was hatten sie für Erwartungen, bevor Sie die Reise in den Irak antraten?

Shaykh Muhammad Umar: Mein Bild vom Irak war, geprägt durch die Medien und andere Erzählungen, hauptsächlich negativ. Ich hatte ein sektiererisches Land im Kopf, an der Schwelle zur Katastrophe. Iraker töten Iraker, Sunniten töten Schiiten, es gibt keine nationale Einheit. Beide hassen sich so sehr, dass es zu Massentötungen von Zivilisten kommt.

Wie hat sich diese Meinung im Laufe der Reise geändert?

Ich habe gemerkt wie weit hergeholt und wenig fundiert meine Ansichten waren. Wir haben uns mit Gelehrten getroffen, mit NGOs, wir haben uns mit Schiiten, Sunniten und Sufisten zusammengesetzt, auch mit jenen, die gegen die Regierung sind. Wir haben mit unschuldigen Leuten direkt an der Front gesprochen. Und ich habe eine Sache gelernt: im Irak gibt es keinen Krieg zwischen den Konfessionen, es gibt keinen Krieg der Ideen, es gibt keinen Kampf der Kulturen. Es gibt nur einen Krieg: alle Iraker zusammen, egal ob, Moslem, Christ, Jeside oder welche Religion auch immer, kämpfen gegen den Krebs der Neuzeit, auch genannt Daesch. Was wir auch gesehen haben ist, dass Daesch keine Verschwörung der Israelis oder der CIA ist, sondern Realität. Die meisten der Daesch-Kämpfer sind keine Iraker, sondern Belgier, Franzosen oder Engländer, sie sprechen Englisch oder Französisch untereinander. Sie kommen aus dem Westen, wo wir friedlich zusammenleben und gehen in ein fremdes Land, um zu kämpfen. Der Großteil ihrer Opfer sind Sunniten, das bekräftigt mich noch einmal in der Meinung, dass Daesch gegen alle Iraker kämpft.

Was also kann gegen Daesch unternommen werden?

Wir müssen als Gemeinschaft zusammenstehen und herausfinden, was wirklich vor Ort passiert. Daesch gedeiht in der Uneinigkeit unserer Gemeinschaft, sie sind nahezu besessen damit. Abu Bakr al Baghdadi hat selbst gesagt, dass die Uneinigkeit des Westens ihre Stärke ist. Wir müssen als Imame, Atheisten, NGOs und Zivilgesellschaft zusammenkommen und uns gegen diese bösartige Ideologie stellen.

Woher kommt diese Ideologie von Daesch?

Sie ist stark in einer Polarisierung begründet. Entweder man ist für oder gegen sie. Und daraus beziehen sie die Legitimität für ihre Grausamkeiten. In den von ihnen eingenommenen Städten haben sie verkündet, dass „alle, die die irakische Regierung unterstützt haben, Abtrünnige sind und deshalb getötet werden“. Diese wortwörtliche Interpretation alles zu legitimieren was sie tun hat im Islam keine Grundlage, weder im sunnitischen, noch im schiitischen, sie kommt von den Charidschiten.

Stimmt es, dass diese Ideologie aus dem Wahhabismus stammt?

Es ist eine unglückliche Fügung, dass Daesch aus der saudi-arabischen Version des Islams stammt, dem Wahhabismus, das lässt sich nicht leugnen. Es ist eine steinzeitliche Ideologie, die Jahrhunderte zurückgeht. Daeschs Ideologie kommt nicht vom Propheten, es ist eigens erfundene Idee, die auf einen einzigen Mann zurückzuführen ist, Ibn Taimiya. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Daesch zerstört Schreine und heilige Stätten anderer Glaubensrichtungen. Als der Prophet in Ägypten einfiel hat er die Pyramiden nicht zerstören lassen. Als seine Mitstreiter Jerusalem einnahmen haben sie keine Gräber zerstören lassen. Die Praxis Gräber zu schänden stammt aus den Fatwas eines seiner Schüler. Dieser Strang des Islams stellt die Basis für den heutigen Wahhabismus dar, was ein klares Zeichen dafür ist, dass Daesch ein Resultat von Finanzierung mit saudischen Petrodollars ist.

Welche Rolle hat die US-amerikanische Außenpolitik in der Entstehung von Daesch gespielt?

Wir verurteilen die Invasion des Irak durch die Amerikaner und denken, dass radikale Ideologien wie die von Daesch oder der Taliban Resultate ihrer außenpolitischen Interventionen sind. Aber wir denken auch, dass Saddam Hussein ein Tyrann war. Allerdings gibt das den USA noch lange nicht das Recht ein Land basierend auf Lügen zu bombardieren. Es gab keine Massenvernichtungswaffen. Andererseits hat der Irak aktuell eine legitime Regierung, die internationale Hilfe angefordert hat. Was die Amerikaner tun sollten ist der islamischen Welt zuhören. Aber wenn ich die Rhetorik von Donald Trump oder Ted Cruz höre, dass Moslems bombardiert oder inhaftiert werden sollten bringt das keinen weiter.

Haben Sie einen Plan, um zu verhindern, dass sich junge Leute Daesch anschließen?

Zunächst müssen wir die Leute natürlich aufklären. Wir müssen in die Schulen und Universitäten gehen und zeigen, dass Daesch die Leute fehlleitet und ihre Lehren nicht dem Islam entsprechen. Außerdem führt Daesch einen Social Media-Krieg, sie sind sehr gut in dieser Form von Propaganda. Da müssen wir gegensteuern. Aber wir brauchen auch eine langfristige akademische Strategie, um ihre Ideologie zu zerstören. Das muss in zwei Bereichen passieren: erstens müssen wir zeigen, dass das Töten von Unschuldigen illegitim ist und zweitens ihre Grausamkeiten verurteilen. Es ist kein Geheimnis, dass Daesch Massenvergewaltigungen durchführt, wir haben mit Leuten gesprochen, die gesehen haben wie Daesch-Kämpfer schwangere Frauen vergewaltigt und ihre Kinder getötet haben. Sie gehen außerdem in eroberte Städte und erklären verheiratete Frauen als geschieden, um sie vergewaltigen zu können. Diese Verbrechen müssen wir aufdecken, damit wir ihre Ideologie dekonstruieren können.

Was tun Sie in England, um junge Leute zu überzeugen?

Ich denke, dass wir als Gemeinden einfach moderner sein und den Jugendlichen eine Perspektive zeigen müssen. Sie leben hier seit mehreren Generationen und ihre erste Sprache ist Englisch. Aber die Gebete finden immer noch auf Arabisch oder Urdu statt, das sind Sprachen, die nicht verstehen und deshalb verstehen sie auch die Botschaft nicht. Deswegen sollten wir die Gebete auch auf Englisch halten.

Sie lehnen die Bezeichnungen „Islamisch“ oder „Islamistisch“ für Daesch ab und fordern die Medien auf eine andere Terminologie zu verwenden, was wäre akkurater?

Terroristen. Terroristen folgen keiner Religion. Es gibt keine Religion auf der Welt, die Gewalttaten und Grausamkeit lehrt. Jede Religion lehrt Frieden, Liebe und Harmonie. Deswegen sollte Daesch nicht als „Islamischer Staat“ bezeichnet werden, denn sie sind kein islamischer Staat.

Was sagen Sie zu den Anschlägen in Brüssel?

Wir verurteilen die Anschläge auf schärfste. Die Anschläge in Brüssel waren keine Anschläge gegen den Westen im Speziellen, sondern gegen jeden Menschen auf der Welt, egal, ob Moslem, Christ, Jude, Hindu oder Atheist. Nur wenn wir geschlossen gegen dieses Krebsgeschwür stehen, das unsere Freiheit frisst, können wir es besiegen. Diese Ideologie ist faschistisch und das moderne Äquivalent zu den Nazis. Ich kann mich nicht für ein Verbrechen entschuldigen, das ich nicht begangen habe und kein Moslem sollte das müssen, aber ich kann es verurteilen.

Shaykh Muhammad Umar ibn Ramadhan ist Vorsitzender der Ramadhan Foundation mit Sitz in Manchester, die sich für Toleranz und ein friedliches Miteinander einsetzt. Gemeinsam mit anderen Imamen wurde er vom Faiths Forum in den Irak geschickt, um gegen Daesch aufzuklären.

17:02 05.04.2016
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Geschrieben von

Oliver Imhof

Freier Journalist, Politik und Digitales
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