Schreibt mehr Briefe!

Lebenszeichen Jutta Bauer präsentiert Post von einst bis heute

Meine liebe A., gewiss wunderst Du Dich über diesen Brief. Warum ruft er nicht einfach an, wirst Du Dich fragen, oder schickt eine E-Mail, warum macht er´s plötzlich so spannend, samt Sondermarke und allem Drum und Dran? Nun, ich las gerade einen schönen Sammelband voller Briefe, den die Hamburger Illustratorin und Kinderbuchautorin Jutta Bauer herausgegeben und gestaltet hat - "las" ist zu wenig gesagt, ich ließ ihn auf mich wirken mitsamt all seiner liebevollen zeichnerischen Kommentare und faksimilierten Prachtstücken. Augenblicklich fühle ich mich selbt ermuntert, Briefe zu schreiben. Oder sagen wir: wieder häufiger zu schreiben. Dass dies eine vom Aussterben bedrohte Art der Kommunikation ist, sagen mir nicht nur Kulturstudien oder ausgedünnte Briefkastenleerungszeiten: Ich sehe es ja an mir selber. Dabei macht das Briefeschreiben Spaß (genau wie das Briefebekommen). Man gibt sich mehr Mühe, schürft tiefer in seinen Gedanken und Stimmungen, kann auf tausenderlei Weise spielen, den Adressaten unterhalten und überraschen, ihm ins Gewissen reden oder seine Fantasie kitzeln. Briefe bauen festere Brücken. Sie verraten wunderbar viel über den Schreiber. Sie sind ein richtiges Stück Leben. Und ein bleibendes.

Das alles, liebe A., hat mir Jutta Bauers Band wieder so richtig klar gemacht. Ihre unbekümmert subjektive und doch nicht leichtfertige Textauswahl reicht von Mozart bis Maxie Wander, von Kipling bis Ringelnatz, von Kim Malthe-Bruun (einem dänischen Widerstandskämpfer) bis zum kleinen Jasper (dem Sohn der Herausgeberin). Es gibt Familien- und Kinderbriefe, Reise- und erfundene Briefe, Liebes- und Alltagsbriefe. Maria Theresia mokiert sich über die alberne Turmfrisur ihrer Tochter, Georges Simenon schreibt seiner verstorbenen Mutter, August Goethe dankt dem Herrn Papa für die Schlittschuhe, Cechov schildert sibirische Reisequalen (der Tee, schreibt er, schmecke wie "ein Aufguss aus Salbei und Kellerschaben"), F. K. Waechter baut elegante Zeichnungen zwischen die Zeilen, J. R. R. Tolkien fabuliert als Nordpol-Weihnachtsmann, Rosa Luxemburg zitiert ausführlich den überdrehten Gartenspötter, lateinisch Hypolais hypolais, der vor ihrem Zellenfenster tiriliert, und Maupassant verhöhnt die "Schwachköpfe, die sogenannte literarische Berichte in den Zeitungen schreiben."

Zum Glück, liebe A., ist dies hier kein literarischer Bericht, sondern eben ein Brief, ganz speziell an Dich, und wenn die Umstände nicht dagegen gesprochen hätten, hätte ich ihn womöglich noch verziert mit Vignetten, Zeitungsschnipseln oder Fingerabdrücken. Schreib mir eine würdige Antwort und Du erhältst zum Dank Jutta Bauers Schmökerband zugeschickt. Versprochen!

Ich sitze hier im Abendlicht ... Briefe gesammelt und illustriert von Jutta Bauer. Gerstenberg, Hildesheim 2003, 168 S., 24,90 EUR


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