Der Wachstumszwang und die Green Economy

Klimaschutz Extinction Rebellion, Greta Thunberg und der Ökosozialismus einer Jutta Ditfurth - wird durch den Klimaschutz die Klassenfrage neu gestellt?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Als eine der Ikonen der Grünen Ende der 1970er Jahre und aktuell Stadtverordnete im Frankfurter Römer mit ihrer Partei "ÖkoLinX - Antirassistische Liste", kritisierte jüngst Jutta Ditfurth die Gruppierung "Extinction Rebellion" (nachfolgend als "XR" bezeichnet). XR sieht sich als Umweltschutzbewegung, die mit Mitteln des zivilen Ungehorsams gegen das Massenaussterben von Tieren, Vernichtung von Lebensraum und in letzter Konsequenz auch das Aussterben des Menschen an sich, auf sich aufmerksam machen will.

Ditfurth stellt allerdings XR u.a. als hierarchisches Modell dar, das als religiöse-gewaltfreie esoterische Sekte ihre AktivistInnen religiös vereinnahmen würde, wie sie auf dem sozialen Netzwerk Twitter am 6. Oktober 2019 in einem Thread verlautbaren ließ. In ihren Tweets auf Twitter vom 6. Oktober 2019, stellte sie ihre Punkte in einem Thread dar, wonach den AktivistInnen „Selbstaufopferung“ empfohlen wurde. XR bezöge sich ideologisch v.a. auf Gandhi, der – trotz seiner Vorbildfunktion durch gewaltfreie Aktionen sich vom britischen Kolonialismus zu befreien - kritisch zu sehen sei, da er den deutschen JüdInnen in der NS-Zeit empfahl kollektiv Selbstmord zu begehen. Weiterhin schlösse man grundsätzlich niemanden aus der Gruppierung aus, auch niemanden, der

„ein bisschen sexistisch oder rassistisch denkt, kann bei uns mitmachen“

zitiert sie XR, allerdings ohne jeglichen weiteren Quellennachweis. Des Weiteren arbeitet XR auch eng mit der Polizei zusammen, was Ditfurth kritisiert; Extinction Rebellion hätte einen absurden staatsgläubigen Gewaltbegriff. Als mit einer der interessantesten Punkt stellt sie heraus, dass XR mit „Kapitalfraktionen“ kooperiere und finanziert würde, die

„ein Interesse an einer manipulierbaren Klimabewegung haben, die bei der PR, der Vermarktung und der gesellschaftlichen Durchsetzung vermeintlich umweltfreundlicher Produktionslinien und politischer Projekte nützlich“

sei. Nach weiteren Punkten, schließt sie ihren Thread damit ab, dass Extinction Rebellion niemals ein kritisches, rationales und linkes Projekt sein könne.

Doch warum stuft Ditfurth diese Klimaschutz-Bewegung - die ja per se Gutes hervorbringt (so meint man) - als Sekte ein, die ein „Kapitalprojekt“ sei?

Könnte es nicht sein, dass Ditfurth, als alteingefleischte, orthodoxe Marxistin, einfach nur neidisch ist auf den Erfolg dieser jungen Menschen, die so viel Aufmerksamkeit mittlerweile erfahren, und sie jetzt, trotz all ihrer Politikerfahrung, eine Randerscheinung fristet und auf einmal in dieser ganzen Debatte komplett außen vor bleibt? Was meint sie damit, wenn sie sagt, dass die Klimakatastrophe nicht dadurch abgewendet werden könne, indem man symbolisch Kreuzungen besetze, da dies nicht „an die Wurzel“ ginge und viel zu banal sei?[1]

Um die Argumentation Ditfurths zu verstehen, muss man sich in sie hineinversetzen und die marxistische Dogmatik verstehen - denn mit dieser Kritik steht sie in dieser Szene nicht alleine da und es ist Wert sich mit dieser Argumentation auseinanderzusetzen, da sie einerseits repräsentativ für den sog. Ökosozialismus und andererseits für den alten Flügel der „Fundis“ steht, der sich ab spätestens Anfang der 1990er Jahre von Bündnis 90 / Die Grünen distanzierte.

Extinction Rebellion + Fridays for Future = Green Capitalism?

Im Grunde können Extinction Rebellion- aber auch die Fridays for Future-Bewegung als ideale Werbeplattformen für die Konzepte des „Green Growth“ und des „Green New Deals“ angesehen werden (diese Strategien werden von der OECD, den VN, der Weltbank und der EU explizit als grüne Wachstumsstrategien zu ihren zukünftigen Entwicklungspfaden erklärt).[2] Diese gehen davon aus, dass mithilfe des technischen Fortschritts das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch und den damit einhergehenden Emissionen abgekoppelt werden kann, sodass Nachhaltigkeit nicht etwa als Abkehr vom Wirtschaftswachstum, sondern als dessen künftig unabdingbare Voraussetzung verstanden wird.[3] Die Profiteure der Konzepte des „Green Growth“ und des „Green New Deals“ sind, laut Dörre et al. [4], große Unternehmen und Kapitalgruppen, die ihre wirtschaftlichen Interessen auf einen neuen Weltmarkt für emissionsarme Energieerzeugung, effizienzoptimierte Verfahren und grüne Technologien ausrichten, wodurch eine gesellschaftliche Umverteilung und der Vorrang der Märkte allerdings nicht angetastet würden, so die Kritik.[5]

Widerspruch zur marxistischen Dogmatik

Diese Konzepte stehen jedoch diametral der marxistischen Dogmatik gegenüber, weshalb Ditfurth und Weitere sie kritisieren. Marx ging von einem Wachstumszwang aus; ein Nullwachstum sei nicht möglich, denn eine ins Unendliche gehende Akkumulation sei das innere Gesetz des Kapitalismus.[6] Deses Paradoxon kann beispielshaft im globalen Wettlauf um die Vorherrschaft des E-Autos gesehen werden:

ein Autohersteller könnte sich auf seinem Markt dazu entscheiden von heute auf morgen Umsatz und Gewinn konstant zu halten. Jedoch ist er, um Gewinne zu erwirtschaften, dem Zwang ausgesetzt Überschüsse zu erwirtschaften und konkurriert somit mit anderen Unternehmen, die das gleiche Produkt anbieten. Es ist mithin nicht möglich mit den anderen Herstellern sich abzusprechen bzw. wird dem durch gewisse Institutionen entgegengewirkt. Um mehr Profite zu erwirtschaften, ist jeder einzelne Marktteilnehmer somit dazu genötigt, die Löhne konstant niedrig zu halten, um einen „Mehrwert“ zu generieren. Hierfür sind immense Investitionen nötig; ist dies seitens des Autokonzerns nicht möglich, droht die Pleite. Folglich ergibt sich der Zwang aus der unmittelbaren Konkurrenz der Marktteilnehmer, deren einziges Ziel es ist Wachstum zu generieren, um z.B. als Aktienunternehmen Dividenden für die Aktionäre ausschütten zu können, um somit langfristig weiterhin auf dem Kapitalmarkt für zukünftige Investoren attraktiv zu bleiben.

Der Ökosozialismus geht davon aus, dass die Wurzel der Ausbeutung des Menschen (durch Lohnarbeit und der dadurch entstehende „Mehrwert“ des „Kapitalisten“) und der Natur dieselbe sei, da in der kapitalistischen Produktionsweise Profitlogik und Verwertungszwang dieser immanent wäre. Ditfurth, als Vertreterin dieser Ideologie, ist der Auffassung, dass es nicht möglich wäre die derzeitige Gesellschaftsform (bzw. den ökonomischen Gesetzen, der sie unterliegt), in eine humane und ökologische Gesellschaft zu transformieren. Jeder, der behaupte, dass dies möglich sei, sei naiv oder lüge.[7] Lediglich könnten soziale und ökologische Katastrophen unter dem Druck sozialer Gegenmacht in den Zentren des „Kapitals“ gemildert werden, die Folgen würden dann aber auf andere Teile der Welt abgewälzt. [8]

Ein wenig verklausulierter, aber in der Tendenz mit der selben Aussage, wird dies von K. Dörre et al. formuliert: die Gesellschaften des globalen Südens seien weiterhin einer „Akkumulation durch Enteignung“ ihrer natürlichen Ressourcen ausgesetzt, wohingegen den Gesellschaften des Nordens immerhin in den Genuss einer „selektiven Anpassung“ kämen, wodurch der jetzige komfortable Lebensstil weiterhin im materiellen Überfluss ermöglicht würde. [9] Somit kann an dieser Stelle auch eine Brücke zu Greta Thunberg geschlagen werden mit ihrer Fridays for Future-Bewegung: laut ihr würde die Biosphäre geopfert, damit reiche Menschen in der nördlichen Hemisphäre in Luxus leben könnten. Als Lösungsansatz argumentiert sie, dass die Länder des globalen Südens bzw. deren Regierungen dazu übergehen sollten, ihre Emissionen aus Verbrennung fossiler Energieträger für eine globale Gerechtigkeit um jährlich 15 % zu senken. Dies wäre ganz im Sinne des Pariser Klimaabkommens. Dies gelänge, nach ihrer Ansicht, nur durch zivilen Ungehorsam, um einen Systemwechsel zu erwirken.

Quo vadis, Klimaschutz?

Im Ergebnis ist die Kritik von Ditfurth nicht unberechtigt; hinsichtlich der Tatsache, dass die neuen Konzepte des „Green Growth“ und des „Green New Deals“ das Problem unseres Wirtschaftssystems des immanenten Wachstums nicht beheben können, ist festzuhalten, im Sinne der marxistischen Logik diese Konzepte das Problem nicht an der „Wurzel“ anpacken (können?). Jedoch stellt sich natürlich die Frage, wie es möglich sein soll, ein globales Wirtschaftssystem zu implementieren (natürlich in Form einer sozialistischen Gesellschaft, wie die gerade dargestellten Ökosozialisten dies als Lösungsvorschlag in der Konsequenz anbieten), das die heutigen ökonomischen Gesetze überwinden kann? Insofern ist festzuhalten, dass die Kritik Ditfurths, ob nun mächtige Unternehmen hinter den Gallionsfiguren der Klimaschutzbewegung stehen oder nicht, irrelevant ist, da durch diese Proteste ein Bewusstsein in der breiteren Bevölkerung generiert werden kann, um langfristig sich auf nachhaltigere Energieformen zu konzentrieren.

Als intellektuelle Vorreiterin sieht sie es als ihre Aufgabe an politische Entwicklungen zu analysieren, jedoch mutet ihre harsche, übertriebene Kritik ein wenig nach Aufmerksamkeitshascherei an, die das Potential dieser neuen Bewegungen leider nicht sieht. Selbstverständlich sollte man sektenähnliche Strukturen kritisch sehen und kann auch die im Hintergrund befindlichen Unternehmen von Extinction Rebellion, die zumindest dieses Projekt angestoßen haben, kritisieren. Jedoch kann nur ein reformistischer Weg, der auf die erneuerbare Energien setzt ohne dabei die Ressourcen des globalen Südens auszubeuten, dazu führen den Klimaschutz zu gewährleisten – den Gegenbeweis haben die sog. real-sozialistischen Gesellschaften im 20. Jahrhundert bewiesen. Die marxistische Kritik sollte im ganzen Diskurs um Ökologie mitnichten unbeachtet bleiben, ist jedoch aufgrund der weltweit agierenden Unternehmen (die den herrschenden Gesetzen des Wirtschaftssystems unweigerlich unterliegen) doch letztlich ein sehr utopisches Unterfangen. Greta Thunberg & Co. weisen uns auf die Problematik hin, dass exponentielles Wachstum nicht ins Unendliche führen kann, wenn wir auf einer Erde leben, die begrenzte Ressourcen hat. Dies tun sie v.a. in einer Sprache, die beim Großteil der Menschen Gehör findet, da man bewusst auf einen wissenschaftlichen Duktus verzichtet; dass hierbei populistische Aussagen entstehen können, da komplexe Sachverhalte versucht werden so einfach wie möglich darzustellen, nimmt man bewusst in Kauf. Dafür gebührt ihnen in erster Linie Dank und Respekt für ihr Engagement, da sie es schaffen dieses Problem zu artikulieren und dafür ein Bewusstsein zu schaffen, die den marxistischen TheoretikerInnen in der Vergangenheit und auch heutzutage immer noch fremd ist und auch in den sozialistischen Versuchen des 20. Jahrhunderts ihre Bevölkerungen von ihrem Vorhaben mehrheitlich nicht davon überzeugen konnten.

Für die MarxistInnen befinden wir uns in der „Vorgeschichte“, nach Nietzsche muss es das Ziel sein, dass der Mensch den Übergang vom Tier zum Übermenschen zu schaffen oder im Sinne der New Age-Bewegung, dass wir in ein neues Zeitalter gelangen, indem der Mensch es schafft den Individualismus zu überwinden, um in einen globalen Geist sich zu transformieren. Bei all diesen Transformations-Prozessen - auch desjenigen, den Kapitalismus ökologisch mit sozialen Reformen umzubauen und dabei auch noch demokratisch zu bleiben ohne gewaltsamen Umsturz - müssen Kompromisse eingegangen werden. Um einen Wandel voranzutreiben, der im Sinne einer Welt ist, in der wir auch noch die kommenden Jahrhunderte leben können, wird es wahrscheinlich nicht reichen lediglich ein Kreuz bei Wahlen alle paar Jahre zu setzen, sondern jede(r) einzelne von uns müsste seine/ihre grundrechtlich verbürgten Rechte wahrnehmen und auch abseits des Parlaments sich mehr engagieren. Hierbei ist es v.a. wichtig die Menschen für ihre Unwissenheit nicht zu verurteilen. Dies sollte auch eine Jutta Ditfurth berücksichtigen und all ihr Wissen und ihre Erfahrungen teilen und gemeinsam agieren, um nicht vor lauter Borniertheit in ihrem Elfenbeintum irgendwann in der politischen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.

[1] Jutta Ditfurth: „Extinction Rebellion ist eine Weltuntergangssekte“, Frankfurter Rundschau, 16.10.19.

[2] K. Dörre et al. (Hrsg.), Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften, S. 172, https://doi.org/10.1007/978-3-658-25947-1_1

[3] Auch wenn diese beiden Konzepte natürlich voneinander strikt unterschieden werden müssen und die ökonomischen Grundlagen unterschiedlich sein mögen, kann an dieser Stelle darauf nicht weiter eingegangen werden. Beiden liegt jedoch zugrunde, dass diese an Wachstums- und Exportförderung gebunden seien, so Dörre et al. (Hrsg.), Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften, S. 171 f., https://doi.org/10.1007/978-3-658-25947-1_1

[4] K. Dörre et al. (Hrsg.), Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften, S. 171 f., https://doi.org/10.1007/978-3-658-25947-1_1

[5] K. Dörre et al. (Hrsg.), Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften, S. 172, https://doi.org/10.1007/978-3-658-25947-1_1

[6] „Außerdem macht die Entwicklung der kapitalistischen Produktion eine fortwährende Steigerung des in einem industriellen Unternehmen angelegten Kapitals zur Notwendigkeit, und die Konkurrenz herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise als äußere Zwangsgesetze auf. Sie zwingt ihn, sein Kapital fortwährend auszudehnen, um es zu erhalten, und ausdehnen kann er es nur vermittelst progressiver Akkumulation.“ Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 23, "Das Kapital", Bd. I, Siebenter Abschnitt, S. 618, Dietz Verlag, Berlin/DDR 1968.

[7] Jutta Ditfurth: Das waren die Grünen. Abschied von einer Hoffnung. Econ, München 2000, S. 240–249.

[8] Jutta Ditfurth: Das waren die Grünen. Abschied von einer Hoffnung. Econ, München 2000, S. 240–249.

[9] K. Dörre et al. (Hrsg.), Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften, S. 172, https://doi.org/10.1007/978-3-658-25947-1_1

18:15 05.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare