Lieb Muttiland! Udos Hymne wiederbelebt

Patriotismus Die 70er-Jahre-Hymne "Lieb Vaterland" findet seit dem plötzlichen Tode ihres Komponisten Udo Jürgens zurück in die Radio-, Fernseh- und Webkanäle. Passt der Text noch?
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Lieb Muttiland! Udos Hymne wiederbelebt
Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Mitten aus dem Leben spaziert ist am vergangenen Sonntag einer der erfolgreichsten Künstler, den die Pop- und Schlagerwelt im deutschsprachigem Raum je erlebt und angehört hat. Die Online-Ausgabe der Süddeutschen ist mit einem Nachruf von Gerhard Matzig "Größer als die Wahrheit" dem Charakter von Udo Jürgens auf die Spur, auch ein Blick in das Themenarchiv lohnt sich.

Seit Udo Jürgens seine nachdenklich beherzte Hymne "Lieb Vaterland" Anfang der 70er Jahre schrieb, hat Deutschland sich gewandelt. Die aktuelle "Kulturevolution" in Politik und Gesellschaft mit rechtsgerichteter, fremdenfeindlicher Schlagseite, PEGIDA-Protesten und beängstigen AfD-Wählerzuwächsen hat Udo Jürgens, der im September noch seinen 80ten Geburtstag und die Anerkennungen für sein über 50jähriges musikalisches Lebenswerk erleben durfte, sicher nicht kalt gelassen. Dafür war Jürgens ein zu engagierter Demokrat, der mit seiner Musik und seinen Texten den Mainstream zum Nachdenken über die Welt, soziale Probleme und letzte Fragen anregen wollte.

Individiduelle Freiheit, Selberdenken und Selberhandeln mit dem Blick für das Gemeinwohl, die Mitmenschlichkeit und die gelebte Toleranz für alternative und individueller Lebensformen (" Ein Ehrenwertes Haus") waren gerade ihm, dem Mainstream-Musiker, ein persönliches Anliegen. Eingekleidet in eingängige Melodien zwischen Schlager, Pop und Chanson gelangen die eingestreuten Gesellschaftsdissonanzen hörbar harmonisch in die Ohren.

Die Radiosender, TV-Stationen und Webradios spielen ihn in diesen Tagen rauf und runter, gerade seine Hymne "Lieb Vaterland" entwickelt ein neues Eigenleben im Kontext, im Situationsbewusstsein dieser Tage, in denen etwas sehr Beunruhigendes passiert in unseren Deutschland. Längst vergangene Ressentiments springerstiefeln wieder lauthals, beklatscht und insgeheim bei vielen Antidemokraten, Neunationalen und Fremdenhassern herbeigesehnt durch die Straßen.

Passt sein Songtext noch in die aktuelle Situation unseres Muttilandes? Hier kommt - frei abgewandelt nach "uns Udo" - mein Vorschlag für den aktualisierten Songtext. Zum Mitsingen gegen die radikalen Megaphone und dummschätzenden Lautsprecher:

Lieb Muttiland, du hast in bösen Stunden
aus dunkler Tiefe einen Weg gefunden.
Ich schätze dich, das heißt ich kenn' die Kanten,
wie bei würdevollen, alten Tanten.

Ich kann dich nicht aus heißem Herzen lieben,
zuviel bist du noch schuldig uns geblieben.
Den Platz am Licht, den allen du verhießen,
den dürfen Auserwählte nur genießen.

Lieb Muttiland, magst ruhig sein,
doch schlafe nicht auf deinen Lorbeeren ein.
Die Jugend nimmt Dich bald in ihre Hand,
lieb Muttiland!

Lieb Muttiland, wofür soll ich dir danken?
Für Versicherungspaläste oder Banken?
Atomkraftwerke für die teure Wehr
wo Räume fehlen für Fremde und noch mehr.

Banken dürfen maßlos uns befremden,
im Dunkeln steh'n die Schwachen und die Fremden.
Für Flüchtlingunterkünfte fehlen dir Millionen,
doch das Geschäft mit Kriegsgerät scheint sich zu lohnen.

Lieb Muttiland, magst ruhig sein,
die Großen sperren ihre Herzen ein.
Die Kleinen stehen wieder mal am Rand,
lieb Muttiland!

Lieb Muttiland, wofür soll ich dich preisen?
Zu schwer nur können Fremde hier einreisen.
Wenn wer doch Asyl will, du stellst ihn kalt.
Für AfD-Wähler sind solch Ideen nicht zu alt.

Lieb Muttiland, magst ruhig sein,
doch schalt' mal endlich Deine Ohren ein.
Die Jugend nimmt Dich bald in ihre Hand,
lieb Muttiland!

Lieb Muttiland, magst ruhig sein,
doch schlafe nicht auf deinen Lorbeeren ein.
Die Jugend nimmt Dich bald in ihre Hand,
lieb Muttiland!

03:52 22.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Oliver Barckhan

Oliver Barckhan, Redakteur, Freimaurer in Hamburg.
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