Protest in Berlin: Campen für Afghanistans Ortskräfte

Regierungsviertel Mit einer Protestaktion macht das Bündnis „Don't forget Afghanistan“ im Berliner Regierungsviertel auf die unhaltbare Situation der afghanischen Ortskräfte aufmerksam. Noch immer verläuft das Verfahren zu ihrer Aufnahme schleppend

„Wir sind die Privilegierten, diejenigen, die mehr Glück hatten“, ruft Patoni Teichmann zur Eröffnung des Protestcamps auf Dari ins Mikrofon. Die Hamburger Ärztin und Aktivistin wendet sich an die rund zweihundert Personen, die im Anschluss an eine Demonstration mit über 1000 Menschen ihre Zelte am Samstagnachmittag im Berliner Regierungsviertel aufbauen. Hier wollen sie an zwei Tagen gemeinsam essen, tanzen und sich über politische Themen austauschen. Auch Patoni Teichmann wird einen Workshop zu den Themen Empowerment von Frauen und Evakuierung geben. Wer sich jemals über den Diskurs rund ums Privilegiertsein aufgeregt hat: Hier ließe sich erfahren, was das Wort ganz konkret bedeutet. Menschen, die es aus Afghanistan nach Deutschland geschafft haben, kommen zusammen, um zu überlegen, was sie für die Millionen Menschen tun können, die dort buchstäblich gefangen sind. Und wie sie vielleicht doch noch diejenigen erreichen können, für die Afghanistan gar kein Thema mehr ist.

Rund 5000 Menschen hätte die Bundesregierung mit einem vor einem Jahr versprochenen Bundesaufnahmeprogramm bereits evakuieren können. Doch das von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock als „unbürokratisch“ angekündigte Programm liegt derzeit auf Eis. Blockiert wird es seit einem Jahr von Bürokrat*innen im Bundesministerium des Innern und für Heimat. Für sie bleibt Afghanistan ein Land, in das abgeschoben wird.

Eine der Personen, die Glück hatten, und rechtzeitig ausreisen konnten, ist Yusuf. Er lebt seit drei Jahren in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, trägt ein rotes Kleid, Make-Up und kurze Locken. „Seit drei Jahren habe ich in Merseburg keine queere Person wie mich gesehen.“ Es sei dort gar nicht so anders als in Afghanistan, sagt er ohne zu lächeln. „Bitte schreib, dass schutzsuchende LGBTIQ+ nicht gezwungen werden dürfen in Kleinstädten zu leben.“ Hier im Protestcamp hingegen seien die meisten Personen sehr respektvoll. Es tue gut, eine afghanische Community zu erleben, die so anders sei als das, was in dem seit einem Jahr wieder von den Taliban übernommenen Land zu sehen sei.

Das Camp arbeitet zudem mit einem eigenen Awareness-Team. Die Aktivist*innen können darauf bauen, dass alle Afghan*innen um die inner-ethnischen und anderen Konflikte in der Gesellschaft wissen. Gebraucht wurde es bisher nicht, doch in der Vergangenheit habe die queere Community oft dafür kämpfen müssen, bei Protesten einen Redebeitrag halten zu dürfen, sagt Diba Maschreqi. Auf ihrem Instagram-Kanal postet sie über ihr Leben in Hamburg und klärt junge Afghan*innen darüber auf, dass es Identitäten und Lebensentwürfe jenseits von Mann und Frau gibt. Auch sie trägt ihr Haar kurz, allerdings nicht aus freien Stücken. Vor einem Monat war sie in Teheran, um sich mit dorthin geflohenen LGBTIQ+ zu vernetzen. Sicherheitskräfte griffen sie auf und zwangen sie, ihr Haar abzuschneiden.

Aus ganz Deutschland sind Menschen angereist. Die Teilnehmenden sind jung, die meisten von ihnen kommen aus der afghanischen Community. Manche leben in der zweiten Generation in Deutschland, andere sind erst im Laufe des letzten Jahres gekommen. Für viele der Anwesenden ist das Protestcamp auch ein Ort, um sich zu vernetzen und eine Gemeinschaft aufzubauen. Ein Ort, um mit den eigenen Problemen besser umzugehen und ihre Stimmen hörbar zu machen. Wer auf der Demo keinen Redebeitrag halten konnte, kann am offenen Mikrofon im Camp seine Gedanken mit den anderen Aktivist*innen teilen.

Sajid Arghandaiwal ist mit einer Gruppe von jungen Menschen aus Erfurt hier. Er studiert an der Willy Brandt School for Foreign Policy der Uni Erfurt und hat in Afghanistan fast zehn Jahre lang in Projekten mitgearbeitet, die zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft führen sollten.

Die Gründe für die heutige Misere sieht er in den schlecht durchdachten Politiken der internationalen Gemeinschaft in den zwei Jahrzehnten zwischen der US-Invasion Afghanistans und dem überstürzten Rückzug. „Sie haben die bestehende Korruption noch verstärkt und Warlords etabliert“, erläutert er. „Als sie sahen, dass die Kooperation mit ihnen nicht funktioniert, zogen sie sich zurück.“ Nach dem Schock vom letzten Jahr setzt Arghandaiwal jetzt darauf, eine afghanische Zivilgesellschaft gegen die Taliban-Regierung aufzubauen. Der Westen müsse lernen, dass es nichts nütze, große Gelder auszugeben, ohne genau hinzuschauen, was damit passiert und wer profitiert.

Doch Außenpolitik, so schwierig sie auch sein mag, ist nur die eine Seite des Problems. „Das Bundesaufnahmeprogramm liegt in der Verantwortung des Bundesinnenministeriums“, erklärt Tareq Alaows von der NGO Kabul Luftbrücke. „Ministerin Faeser muss jetzt den politischen Willen durchsetzen und nicht länger diese Blockaden beibehalten.“ Die Kabul Luftbrücke und das internationale Hilfsbündnis Seebrücke treten hier im Regierungsviertel nur als Unterstützer*innen auf. Zum ersten Mal wurde eine so umfangreiche Aktion wie die Demonstration und das Protestcamp aus der afghanischen Community selbst organisiert. „Das ist der Anfang unseres Kampfes für die Menschen, die in Afghanistan unter Druck stehen“, sagt Patoni Teichmann. „Der nächste Schritt ist eine weitere Demo in rund zwei Monaten. Bis die Bundesregierung und die EU uns zuhören.“

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