Die radikale Mitte

Pegida Die Anhänger vereint Ressentiment und Verachtung der Demokratie. Der Erfolg der rechten Wutbürger markiert eine tiefe Zäsur
Oliver Nachtwey | Ausgabe 04/2015 6
Die radikale Mitte
Pegida-Anhänger bzw. Bärgida-Demonstranten in Berlin

Foto: Carsten Koall/Getty Images

Die Pegida-Bewegung hat etwas Gespenstisches. Eine schwarze Verdrossenheit bricht sich einmal wöchentlich auf den Straßen von Dresden und Leipzig Bahn und bringt die Menschen dazu, lauthals „Lügenpresse“ zu skandieren. Auch wenn die Pegida-Organisatoren in ihren Statements immer wieder versuchen, sich von rechten Positionen mehr (Kathrin Oertel) oder weniger (Lutz Bachmann) abzugrenzen – sie verfolgen einen modernen Rechtspopulismus. Dessen Logik lautet: „Ich habe zwar nichts gegen Ausländer und Muslime, aber …“. Stoisch wird der bürgerliche Charakter der eigenen Position betont, die sich auf die Werte der Aufklärung und des Abendlandes beruft. Ganz normale Bürger, die sich sorgen; so wollen die Pegida-Anhänger gesehen werden. Das ist nicht ganz falsch. Und genau das macht diese Bewegung so beängstigend. Denn Pegida ist der Radikalismus der Mitte unserer Gesellschaft. Bei den Demonstrationen, das zeigen die ersten Untersuchungen, laufen überwiegend Männer mittleren Alters mit einem höheren Bildungsgrad mit. Sie arbeiten in Vollzeit und gehören der unteren Mittelschicht an.

Pegida ist das Produkt einer nervösen Gesellschaft, in der die Affektkontrolle verwildert. Es ist das regressive Aufbegehren gegen eine marktkonforme Demokratie, in der die Ökonomie zur sozialen Instanz geworden ist. Man muss sich beständig im Konkurrenzkampf behaupten, trampelt aber auf der Stelle. Aufstieg und Sicherheit sind nur noch selten möglich. Statuskämpfe um Anrechte auf Wohlstand sind die Folge. Die soziale Angst löst jedoch keine solidarische Integration, sondern antidemokratische und soziale Ressentiments aus. Die eigene Angepasstheit schlägt um in die Abwertung all jener, die vermeintlich unproduktive Nutznießer eines Sozialsystems sind, das immer stärker unter Stress steht: Flüchtlinge, Migranten und Muslime.

Gesamtdeutsches Potenzial

Die Pegida-Anhänger sind eine Art rechte Wutbürger. Sie haben, ebenso wie die linke, ökologisch orientierten Variante, etwas Rechthaberisches und Unversöhnliches. Politische Prozesse erscheinen zu komplex, als dass man sie noch durchschauen kann; Entscheidungen werden auf „postdemokratische“ Weise in Hinterzimmern abgesprochen und die Interessen des „kleinen Mannes“ nicht mehr vertreten. Die Anhänger von Pegida nehmen die etablierten Parteien als auf sich selbst bezogene Akteure wahr, denen es einzig um den Machterhalt und die Eitelkeiten geht. Die rechten Wutbürger flüchten sich in Vorurteile und Vereinfachungen. Politik, Wirtschaft, Medien – sie alle gehören zu einem vermeintlichen Establishment der „da oben“. Die Rufe „Wir sind das Volk“ sind kein Ausdruck eines demokratischen Aufbegehrens, sondern Ausdruck der Verachtung der repräsentativen Demokratie.

Pegida ist zwar bislang vor allem ein ostdeutsches Phänomen. Aber die Bewegung hat ein gesamtdeutsches Potenzial. Sicherlich, kaum ein Bundesland ist so konservativ wie Sachsen. Gerade bei den Männern mittleren Alters ist die Angst vor dem erneuten Abgehängtwerden groß. Sie haben das ja bereits einmal in den Wendejahren erlebt. Aber die Pegida-Proteste sind auch Ausdruck einer schon länger gärenden neoautoritären Strömung in der gesamten Gesellschaft. Erst im geistigen Klima der vergangenen Jahre konnte ein Mann wie Thilo Sarrazin zum Bestsellerautor werden. Und man sollte auch nicht übersehen: In Nordrhein-Westfalen gibt es mit der Pro-Bewegung schon seit Jahren aktive anti-muslimische Bürgervereinigungen.

Pegida markiert eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik, die sich über Jahrzehnte im Großen und Ganzen eine geglückte, liberale Demokratie nennen konnte – trotz der Krawalle vor Asylbewerberheimen in den 90er Jahren oder der Morde der NSU-Terroristen an Migranten. Doch jetzt erleben wir die Rückkehr dessen, was Theodor W. Adorno nach dem Zweiten Weltkrieg als autoritäres Syndrom analysiert hat: Unterwürfigkeit und Aggression, stereotypes Denken, der Mangel an Empathie und die Neigung zur Problemverschiebung verdichten sich zu tiefsitzenden antidemokratischen und antiegalitären Haltungen, die sich in einer paradoxen Servilität nichts mehr wünschen, als dass endlich wieder jemand hart durchgreift.

Pegida wird in dieser Form nicht beständig weiterwachsen können. Die autoritäre Menge braucht neue Reize, sonst kann die Bewegung auch wieder schnell zerfallen. Aber sollte die Alternative für Deutschland die Pegida erfolgreich für ihre Zwecke vereinnahmen, wie das Teile der Neupartei anstreben, dann werden auch in Deutschland bald Verhältnisse herrschen, wie sie in anderen Staaten leider längst Normalität sind. Es könnte eine rechtspopulistische Kraft entstehen, die auch für diejenigen Angehörigen des Prekariats attraktiv ist, die Pegida bisher ferngeblieben sind. Diese brisante Mischung wäre die größte Gefahr für alle abendländischen Werte, für die Pegida sich vermeintlich einsetzt. Doch Aufklärung, Freiheit und Demokratie werden zum Glück von engagierten Mitgliedern der Zivilgesellschaft verteidigt, die schon seit Wochen mehr Menschen gegen Pegida auf die Straße bringen, als es die Bewegung selbst vermocht hat.

Oliver Nachtwey ist Soziologe und Experte für soziale Bewegungen. Er arbeitet als Dozent an der Universität Darmstadt

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