Im Paternoster nach unten

Mobilität Aus der Aufstiegs- ist eine Abstiegsgesellschaft geworden. Wie konnte es eigentlich so weit kommen?
Im Paternoster nach unten
Nach oben buckeln? Hilft auch nicht immer
Foto: Carsten Rehde/dpa

Die Krise, die haben die anderen. In Europa liegt die Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau, in Deutschland gibt es so wenige Arbeitslose wie seit 20 Jahren nicht mehr. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hatten so viele Menschen Arbeit. Doch auf zynische Weise ist das genau das Problem. Denn hinter den schönen Zahlen verbirgt sich ein fundamentaler Wandel: Aus der Aufstiegsgesellschaft der alten Bundesrepublik ist eine Abstiegsgesellschaft geworden, in der statt Fleiß und Bildung nun zunehmend wieder Herkunft und Vermögen der Eltern zählen.

Die Aufstiegsgesellschaft war ein Produkt der drei Jahrzehnte des Nachkriegskapitalismus. Stetiges Wirtschaftswachstum, ein sozialer Elitenkonsens, starke Gewerkschaften, der Ausbau des Wohlfahrtsstaates und des Bildungswesens führten zu einer sozialen Moderne, die bis heute als Folie der guten Gesellschaft dient.

Erwerbsarbeit veränderte ihren Charakter: Aus Proletariern wurden Bürger. Sie verfügten nun über wirtschaftliche Staatsbürgerrechte wie Kündigungsschutz und sozialstaatliche Leistungen, gesteigerte Konsummöglichkeiten, erweiterte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Alte Klassenschranken wurden abgetragen, soziale Mobilität und Bildungschancen wuchsen. Die unteren Klassen fuhren durch den kollektiven „Fahrstuhleffekt“ mit nach oben, wie es der Soziologe Ulrich Beck genannt hat. Die Ungleichheiten zwischen Oben und Unten blieben zwar bestehen, aber verloren an Bedeutung, weil es allen besser ging.

Die Reise geht nach unten

Diesen Fahrstuhleffekt kann man an der Entwicklung der Reallöhne (Grafik 1) nachvollziehen. Bis in die frühen neunziger Jahre ging der Trend nach oben. Auch die Lohnquote (Grafik 3), die das Verhältnis der Arbeitnehmereinkommen zum Volkseinkommen darstellt, wuchs bis Anfang der achtziger Jahre.
Doch das ist vorbei. Vielmehr sehen wir jetzt einen Paternostereffekt. Während die einen, die ohnehin wohlhabend und Spitzenverdiener sind, weiter nach oben fahren, geht die Reise für die Mehrheit der Arbeitnehmer nach unten. Der neue Trend trifft nicht nur die wachsende Anzahl von Armen, sondern durchzieht wesentliche Teile der Gesellschaft. Vor allem die inneren Bedingungen von sozialer Sicherheit und sozialem Aufstieg wurden ausgehöhlt.

Wohlstand für alle?

 

Die Anfänge der Abstiegsgesellschaft gehen zurück bis in die siebziger Jahre. Das versiegende Wirtschaftswachstum, die Globalisierung und der Bedeutungsgewinn der Finanzmärkte führten zu einem Wandel in der Unternehmenskultur: Konzerne und Firmen orientierten sich zunehmend am Shareholder-Value und begannen ihre Kernbelegschaften zu reduzieren und zu flexibilisieren. Die Regierungen kürzten ihre Ausgaben bei den Sozialleistungen, deregulierten und liberalisierten sowohl die Finanz- als auch die Arbeitsmärkte. Der wohl bedeutendste Wandel waren die Hartz-IV-Reformen. War in der alten Bundesrepublik die Arbeitslosenunterstützung auf die relative Sicherung des Lebensstandards ausgerichtet, so dauert es heute nur ein Jahr, bis man beginnt, alles zu verlieren. Die Treppe des Abstiegs ist jetzt steiler und kürzer.

Insgesamt waren es kleine Veränderungen, die sich zu einem einschneidenden Wandel addierten. Seit 1993 fallen die Realeinkommen (Grafik 2), wenn auch mit Unterbrechungen. Der relative Niedergang der Reallöhne – die Grafik zeigt einen Durchschnittwert, in den sowohl hohe als auch niedrige Löhne eingehen – verdeckt zudem, dass die Lohnungleichheit zugenommen hat. Wie aus einer jüngst veröffentlichten Studie der OECD hervorgeht, ist in Deutschland die Einkommensungleichheit sogar erheblich stärker gewachsen als in den meisten anderen OECD-Ländern.

Kleines Stück vom Kuchen

Noch länger, seit der Regierungsübernahme durch Helmut Kohl im Jahr 1982, fällt die Lohnquote (Grafik 3). Diese ist das Gegenstück zur Gewinnquote, die die Einkommen aus Aktien, Mieten und Zinsen sowie Gewinnen aus unternehmerischer Tätigkeit darstellt. Kurzum: Vom gesamtwirtschaftlichen Kuchen erhalten die Arbeitnehmer einen immer kleineren Teil, während die Kuchenstücke der Oberklassen immer größer werden.

Dennoch, ist die Diagnose der Abstiegsgesellschaft nicht zu drastisch? Ist nicht die berufliche soziale Mobilität aufwärts wie  abwärts in den letzten 40 Jahren in Deutschland nahezu gleichgeblieben? Nur auf den erste Blick. Die Anzahl der Aufstiege liegt zwar immer noch ein Mehrfaches über den Abstiegen. Aber für Männer in Westdeutschland – vor allem für die heute 30- bis 40-Jährigen – hat sich die relative Mobilität abgeschwächt, für Männer in Ostdeutschland sogar dramatisch. Zwar haben sich für Frauen in Westdeutschland die Aufstiegschancen in den letzten 50 Jahren kontinuierlich verbessert, für Frauen in Ostdeutschland gilt das seit der Wiedervereinigung aber nicht mehr. Die Zahl der Abstiege hat sich erhöht.

Beide Entwicklungen haben vor allem mit dem Wandel der Berufsstruktur in der Dienstleistungsgesellschaft zu tun. Es gibt zum Beispiel weniger Landwirte und Facharbeiter, dafür aber mehr Jobs mit hoher Qualifikation. Gleichzeitig steigt gerade bei Dienstleistungen die Zahl von einfachen, schlecht bezahlten Jobs: von den Paketboten bis zu Burgerbrätern.

Und noch ein anderer Aspekt verzerrt den Blick auf die Befunde zur sozialen Mobilität: Wenn der Sohn eines kaufmännischen Angestellten beispielsweise promoviert und wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität wird, verfügt er formal über eine höhere Qualifikation und ein größeres Sozialprestige. Nach der Berufsklassifikation ist er aufgestiegen – auch wenn sein Arbeitsverhältnis, wie inzwischen üblich, befristet und unsicher ist.

Das Prekariat von nebenan

Hier liegt der Kern der Abstiegsgesellschaft: In den Arbeitsverhältnissen. In der Aufstiegsgesellschaft war die unbefristete Stelle mit Kündigungsschutz und sozialer Sicherheit Ausdruck sozialer Integration. Doch der Radius der Normalität wird immer kleiner. Nur noch etwa 60 Prozent der Beschäftigten – immerhin noch die Mehrheit, aber seit zwei Jahrzehnten schwindend – arbeiten in einem Normalarbeitsverhältnis. Auf der anderen Seite haben prekäre Jobs massiv zugenommen. Die Zahl von Teilzeitjobs, geringfügiger oder befristeter Arbeitsverhältnisse und Leiharbeit – also in der Regel prekärer Jobs – ist von 1991 bis 2010 um mehr als 3,5 Millionen gestiegen. Gleichzeitig sank die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse um fast 3,8 Millionen. Damit erklärt sich teilweise auch der Aufschwung auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Jeder zweite seit der Krise 2008 neu geschaffene Job war ein prekärer.

Die Gewerkschaften konnten diesem Trend bislang wenig entgegensetzen. Das Tarifsystem ist inzwischen gefährlich erodiert. 2011 waren nur noch 54 Prozent (West) beziehungsweise 37 Prozent (Ost) der Beschäftigten in einem Betrieb mit Branchentarifvertrag beschäftigt. Fünfzehn Jahre zuvor waren es noch 70 (West) und 56 Prozent (Ost).

Letztlich ist der Arbeitsmarkt zweigeteilt, und die Entlohnung wird immer ungleicher. Die Tariflöhne, die von den Gewerkschaften erstritten wurden, können sich noch sehen lassen. Aber aus der wachsenden Zahl prekär Beschäftigter werden häufig Niedriglohnbezieher. Im Jahr 2010 arbeiteten 23,1 Prozent, also fast jeder Vierte, der Beschäftigten für einen Niedriglohn. Das Prekariat, ein Randphänomen in der sozialen Moderne, ist nun als wachsender Teil des Arbeitsmarkts institutionalisiert.

Die Diagnose der Abstiegsgesellschaft bedeutet nicht, dass sich die Lebenslage aller Menschen kontinuierlich verschlechtert. Aber die Zonen der Stabilität und Sicherheit schrumpfen. In den Familien der Mittelschicht haben sich Abstiegsängste breitgemacht. Jeder kennt im Freundes- oder Bekanntenkreis Menschen mit prekären Jobs oder Abstiegserfahrungen. Die Abstiegsgesellschaft bedeutet vor allem soziale Unsicherheit.
Bei den jüngeren Generationen hat sich die Erwerbsbiografie verändert. Man ist heute viel länger prekär beschäftigt und landet erst später, wenn überhaupt, in einem gesicherten Arbeitsverhältnis. Der Lebensstandard sinkt nicht unmittelbar, weil man von dem Wohlstand der Eltern-Generation zehrt.

Abstiegsängste führen zu Statuskämpfen, zu mehr Bildungswettbewerb, etwa wenn Mittelklasse-Eltern ihre Kinder schon in jungen Jahren Chinesisch lernen lassen. Teilweise führen sie auch zur Abgrenzung nach unten, wie in den neubürgerlichen Diskursen über die plebejischen Makel der Unterschicht oder der neosozialen Xenophobie Thilo Sarrazins.
Der Klassenkonflikt war elementar in der Entwicklung der Industriegesellschaften, der postmaterielle Konflikt in der sozialen Moderne. Noch ist unklar, welche Form die Auseinandersetzungen der Abstiegsgesellschaft annehmen werden. In Europa toben bereits verschiedene Abstiegskonflikte. In Deutschland ist die Occupy-Bewegung ein Vorbote, dass es auch hier zu Auseinandersetzungen kommen wird.

Oliver Nachtwey ist Volkswirt und Soziologe und forscht an der Universität Trier unter anderem zu sozialen Bewegungen

Herkunft: Bestimmt (Teil 3)

Noch nie war die soziale Mobilität 
hierzulande so gering wie heute. 
Nie gelang es weniger Menschen, ihr Milieu zu verlassen und aufzusteigen. Warum ist das so? Wer 
ist schuld an dieser Entwicklung? Und: Können wir 
das ändern? Auf diese und andere Fragen werden wir in den nächsten Wochen Antworten suchen.

In der Freitag-Serie „Herkunft: Bestimmt“ erscheinen Beiträge über die Gründe und Folgen der abnehmenden sozialen Mobilität in Deutschland – und was man dagegen tun kann. Zu den weiteren Beiträgen der Serie

13:02 25.07.2012

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