Oliver Nachtwey
25.07.2012 | 13:02 12

Im Paternoster nach unten

Mobilität Aus der Aufstiegs- ist eine Abstiegsgesellschaft geworden. Wie konnte es eigentlich so weit kommen?

Im Paternoster nach unten

Nach oben buckeln? Hilft auch nicht immer

Foto: Carsten Rehde/dpa

Die Krise, die haben die anderen. In Europa liegt die Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau, in Deutschland gibt es so wenige Arbeitslose wie seit 20 Jahren nicht mehr. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hatten so viele Menschen Arbeit. Doch auf zynische Weise ist das genau das Problem. Denn hinter den schönen Zahlen verbirgt sich ein fundamentaler Wandel: Aus der Aufstiegsgesellschaft der alten Bundesrepublik ist eine Abstiegsgesellschaft geworden, in der statt Fleiß und Bildung nun zunehmend wieder Herkunft und Vermögen der Eltern zählen.

Die Aufstiegsgesellschaft war ein Produkt der drei Jahrzehnte des Nachkriegskapitalismus. Stetiges Wirtschaftswachstum, ein sozialer Elitenkonsens, starke Gewerkschaften, der Ausbau des Wohlfahrtsstaates und des Bildungswesens führten zu einer sozialen Moderne, die bis heute als Folie der guten Gesellschaft dient.

Erwerbsarbeit veränderte ihren Charakter: Aus Proletariern wurden Bürger. Sie verfügten nun über wirtschaftliche Staatsbürgerrechte wie Kündigungsschutz und sozialstaatliche Leistungen, gesteigerte Konsummöglichkeiten, erweiterte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Alte Klassenschranken wurden abgetragen, soziale Mobilität und Bildungschancen wuchsen. Die unteren Klassen fuhren durch den kollektiven „Fahrstuhleffekt“ mit nach oben, wie es der Soziologe Ulrich Beck genannt hat. Die Ungleichheiten zwischen Oben und Unten blieben zwar bestehen, aber verloren an Bedeutung, weil es allen besser ging.

Die Reise geht nach unten

Diesen Fahrstuhleffekt kann man an der Entwicklung der Reallöhne (Grafik 1) nachvollziehen. Bis in die frühen neunziger Jahre ging der Trend nach oben. Auch die Lohnquote (Grafik 3), die das Verhältnis der Arbeitnehmereinkommen zum Volkseinkommen darstellt, wuchs bis Anfang der achtziger Jahre.
Doch das ist vorbei. Vielmehr sehen wir jetzt einen Paternostereffekt. Während die einen, die ohnehin wohlhabend und Spitzenverdiener sind, weiter nach oben fahren, geht die Reise für die Mehrheit der Arbeitnehmer nach unten. Der neue Trend trifft nicht nur die wachsende Anzahl von Armen, sondern durchzieht wesentliche Teile der Gesellschaft. Vor allem die inneren Bedingungen von sozialer Sicherheit und sozialem Aufstieg wurden ausgehöhlt.

Wohlstand für alle?

 

Die Anfänge der Abstiegsgesellschaft gehen zurück bis in die siebziger Jahre. Das versiegende Wirtschaftswachstum, die Globalisierung und der Bedeutungsgewinn der Finanzmärkte führten zu einem Wandel in der Unternehmenskultur: Konzerne und Firmen orientierten sich zunehmend am Shareholder-Value und begannen ihre Kernbelegschaften zu reduzieren und zu flexibilisieren. Die Regierungen kürzten ihre Ausgaben bei den Sozialleistungen, deregulierten und liberalisierten sowohl die Finanz- als auch die Arbeitsmärkte. Der wohl bedeutendste Wandel waren die Hartz-IV-Reformen. War in der alten Bundesrepublik die Arbeitslosenunterstützung auf die relative Sicherung des Lebensstandards ausgerichtet, so dauert es heute nur ein Jahr, bis man beginnt, alles zu verlieren. Die Treppe des Abstiegs ist jetzt steiler und kürzer.

Insgesamt waren es kleine Veränderungen, die sich zu einem einschneidenden Wandel addierten. Seit 1993 fallen die Realeinkommen (Grafik 2), wenn auch mit Unterbrechungen. Der relative Niedergang der Reallöhne – die Grafik zeigt einen Durchschnittwert, in den sowohl hohe als auch niedrige Löhne eingehen – verdeckt zudem, dass die Lohnungleichheit zugenommen hat. Wie aus einer jüngst veröffentlichten Studie der OECD hervorgeht, ist in Deutschland die Einkommensungleichheit sogar erheblich stärker gewachsen als in den meisten anderen OECD-Ländern.

Kleines Stück vom Kuchen

Noch länger, seit der Regierungsübernahme durch Helmut Kohl im Jahr 1982, fällt die Lohnquote (Grafik 3). Diese ist das Gegenstück zur Gewinnquote, die die Einkommen aus Aktien, Mieten und Zinsen sowie Gewinnen aus unternehmerischer Tätigkeit darstellt. Kurzum: Vom gesamtwirtschaftlichen Kuchen erhalten die Arbeitnehmer einen immer kleineren Teil, während die Kuchenstücke der Oberklassen immer größer werden.

Dennoch, ist die Diagnose der Abstiegsgesellschaft nicht zu drastisch? Ist nicht die berufliche soziale Mobilität aufwärts wie  abwärts in den letzten 40 Jahren in Deutschland nahezu gleichgeblieben? Nur auf den erste Blick. Die Anzahl der Aufstiege liegt zwar immer noch ein Mehrfaches über den Abstiegen. Aber für Männer in Westdeutschland – vor allem für die heute 30- bis 40-Jährigen – hat sich die relative Mobilität abgeschwächt, für Männer in Ostdeutschland sogar dramatisch. Zwar haben sich für Frauen in Westdeutschland die Aufstiegschancen in den letzten 50 Jahren kontinuierlich verbessert, für Frauen in Ostdeutschland gilt das seit der Wiedervereinigung aber nicht mehr. Die Zahl der Abstiege hat sich erhöht.

Beide Entwicklungen haben vor allem mit dem Wandel der Berufsstruktur in der Dienstleistungsgesellschaft zu tun. Es gibt zum Beispiel weniger Landwirte und Facharbeiter, dafür aber mehr Jobs mit hoher Qualifikation. Gleichzeitig steigt gerade bei Dienstleistungen die Zahl von einfachen, schlecht bezahlten Jobs: von den Paketboten bis zu Burgerbrätern.

Und noch ein anderer Aspekt verzerrt den Blick auf die Befunde zur sozialen Mobilität: Wenn der Sohn eines kaufmännischen Angestellten beispielsweise promoviert und wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität wird, verfügt er formal über eine höhere Qualifikation und ein größeres Sozialprestige. Nach der Berufsklassifikation ist er aufgestiegen – auch wenn sein Arbeitsverhältnis, wie inzwischen üblich, befristet und unsicher ist.

Das Prekariat von nebenan

Hier liegt der Kern der Abstiegsgesellschaft: In den Arbeitsverhältnissen. In der Aufstiegsgesellschaft war die unbefristete Stelle mit Kündigungsschutz und sozialer Sicherheit Ausdruck sozialer Integration. Doch der Radius der Normalität wird immer kleiner. Nur noch etwa 60 Prozent der Beschäftigten – immerhin noch die Mehrheit, aber seit zwei Jahrzehnten schwindend – arbeiten in einem Normalarbeitsverhältnis. Auf der anderen Seite haben prekäre Jobs massiv zugenommen. Die Zahl von Teilzeitjobs, geringfügiger oder befristeter Arbeitsverhältnisse und Leiharbeit – also in der Regel prekärer Jobs – ist von 1991 bis 2010 um mehr als 3,5 Millionen gestiegen. Gleichzeitig sank die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse um fast 3,8 Millionen. Damit erklärt sich teilweise auch der Aufschwung auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Jeder zweite seit der Krise 2008 neu geschaffene Job war ein prekärer.

Die Gewerkschaften konnten diesem Trend bislang wenig entgegensetzen. Das Tarifsystem ist inzwischen gefährlich erodiert. 2011 waren nur noch 54 Prozent (West) beziehungsweise 37 Prozent (Ost) der Beschäftigten in einem Betrieb mit Branchentarifvertrag beschäftigt. Fünfzehn Jahre zuvor waren es noch 70 (West) und 56 Prozent (Ost).

Letztlich ist der Arbeitsmarkt zweigeteilt, und die Entlohnung wird immer ungleicher. Die Tariflöhne, die von den Gewerkschaften erstritten wurden, können sich noch sehen lassen. Aber aus der wachsenden Zahl prekär Beschäftigter werden häufig Niedriglohnbezieher. Im Jahr 2010 arbeiteten 23,1 Prozent, also fast jeder Vierte, der Beschäftigten für einen Niedriglohn. Das Prekariat, ein Randphänomen in der sozialen Moderne, ist nun als wachsender Teil des Arbeitsmarkts institutionalisiert.

Die Diagnose der Abstiegsgesellschaft bedeutet nicht, dass sich die Lebenslage aller Menschen kontinuierlich verschlechtert. Aber die Zonen der Stabilität und Sicherheit schrumpfen. In den Familien der Mittelschicht haben sich Abstiegsängste breitgemacht. Jeder kennt im Freundes- oder Bekanntenkreis Menschen mit prekären Jobs oder Abstiegserfahrungen. Die Abstiegsgesellschaft bedeutet vor allem soziale Unsicherheit.
Bei den jüngeren Generationen hat sich die Erwerbsbiografie verändert. Man ist heute viel länger prekär beschäftigt und landet erst später, wenn überhaupt, in einem gesicherten Arbeitsverhältnis. Der Lebensstandard sinkt nicht unmittelbar, weil man von dem Wohlstand der Eltern-Generation zehrt.

Abstiegsängste führen zu Statuskämpfen, zu mehr Bildungswettbewerb, etwa wenn Mittelklasse-Eltern ihre Kinder schon in jungen Jahren Chinesisch lernen lassen. Teilweise führen sie auch zur Abgrenzung nach unten, wie in den neubürgerlichen Diskursen über die plebejischen Makel der Unterschicht oder der neosozialen Xenophobie Thilo Sarrazins.
Der Klassenkonflikt war elementar in der Entwicklung der Industriegesellschaften, der postmaterielle Konflikt in der sozialen Moderne. Noch ist unklar, welche Form die Auseinandersetzungen der Abstiegsgesellschaft annehmen werden. In Europa toben bereits verschiedene Abstiegskonflikte. In Deutschland ist die Occupy-Bewegung ein Vorbote, dass es auch hier zu Auseinandersetzungen kommen wird.

Oliver Nachtwey ist Volkswirt und Soziologe und forscht an der Universität Trier unter anderem zu sozialen Bewegungen

Herkunft: Bestimmt (Teil 3)

Noch nie war die soziale Mobilität 
hierzulande so gering wie heute. 
Nie gelang es weniger Menschen, ihr Milieu zu verlassen und aufzusteigen. Warum ist das so? Wer 
ist schuld an dieser Entwicklung? Und: Können wir 
das ändern? Auf diese und andere Fragen werden wir in den nächsten Wochen Antworten suchen.

In der Freitag-Serie „Herkunft: Bestimmt“ erscheinen Beiträge über die Gründe und Folgen der abnehmenden sozialen Mobilität in Deutschland – und was man dagegen tun kann. Zu den weiteren Beiträgen der Serie

Kommentare (12)

Sünnerklaas 25.07.2012 | 16:49

Wer die Gründe für den Wandel von der Aufstiegs- zur Abstiegsgesellschaft such will, muss sich mit den Gründen befassen, die zur Bildung ersterer führten - zur Containment-Politik, die 1948 im Marshall-Plan zum Ausdruck kam.

Der Marshall-Plan diente dem Zurückdrängen des sowjetischen Einflusses und der damit verbundenen existenziellen Bedrohung des Kapitalismus. Dabei galt es, die alte Bundesrepublik und vor allem West-Berlin auf Biegen und Brechen für den Westen zu sichern und zu halten. Dabei war man sich klar, dass man es nicht allein mit einer äußeren Bedrohung durch sowjetische Truppen zu tun hatte - sondern eben auch mit einer Inneren Bedrohung: hätte man unmittelbar nach 1945 einen zügellosen Kapitalismus in Westeuropa etabliert, wäre man innerhalb kürzester Zeit gescheitert.

Die mit dem Marshall-Plan verbundene Containment-Politik verband jedoch nicht allein die Sicherung Westeuropas, sondern umfasste vielmehr auch die Entwicklung der alten Bundesrepublik als ein Schaufenster nach Osten. In ihr wurde mit der nivellierten Mittelstandsgesellschaft nach außen hin ein "Kapitalismus mit menschlichem Antlitz" suggeriert. Dieser Kapitalismus war jedoch bei vielen politischen und wirtschaftlichen "Entscheidungsträgern" noch verhasster, als es der Sowjetsozialismus war. Als der 1990 zusammengebrochen war, ging man flugs dabei, den "Kapitalismus mit menschlichem Antlitz", als "sozialistisches Teufelszeug" zu zerschlagen und abzuwickeln.

Jetzt, so tönen bereits manche aus der Evangelikalen Rechten, würde wieder der "liebe Gott" entscheiden, wer wo zu stehen habe.

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Ehemaliger Nutzer 25.07.2012 | 17:03

Sehr geehrter Oliver Nachtwey,

für genau solche Artikel wie Sie Ihn obenstehend erarbeitet haben - derart schnörkellos, in solch einer Qualität erdacht und verfasst - solche Artikel lassen mich zum 'Freitag' greifen, dafür möchte ich Ihnen herzlich danken.

Derlei Texte halten mich in der Balance; zumindest sind diese mir eine große Hilfe, nicht in eine mentale Opferrolle zu fallen ... - weil 'ES' mir nicht allein so geht, dass ich - trotz Arbeit und Arbeit und Arbeit ... immer tiefer rutsche, was mich nicht selten dazu verführt - von mir aus - ohne scheinbar äußere Not, in sofortige Rechtfertigung zu 'gehen'.

Denn ... - wenn über diese Problematik 'sogar' in der Zeitung geschrieben wird (wird es ja eigentlich ständig, halt nur entschleunigt/verzerrt/als bloße Lüge etc. pp.), dann muss ja WAS dran sein, dann bin ich ja doch nicht DER Verrückte ... - allein für diese Hilfestellung im immer undurchsichtiger werdenden Alltagsdschungel, dafür möchte ich Ihnen von Herzen danken - mit wertschätzenden Grüßen Max Escher

Sisyphos Boucher 25.07.2012 | 18:25

Die Dienstleistungsgesellschaft als Begriff (so wie in dem Artikel gebraucht) ist ebenso wie die sonst zeitgleich bemühte WissensgesellschaftoderMediengesellschaft oder Kommunikationsgesellschaft eine Fiktion, nicht weil es kulturell prägende Elemente nicht gäbe, die den Schluss zuließen, man lebe in einer solchen Gesellschaft, sondern weil keine der jeweils damit verbundenen Strukturen funktionieren kann ohne eine, reale Werte schöpfende Gesellschaft. Ohne Produktion keine Konsumtion.

Der Einzelne wird sich nur über seine persönliche Situation, selten jedoch über die immer komplexer werdenden Zusammenhänge von Ursache und Wirkung in der Politik (Gesellschaftsgestaltung) Gedanken machen. Die auch in dem Artikel genannten Abgrenzungsbewegungen in der akademischen Mittelschicht deuten auf eine recht tiefgehende Entsolidarisierung in der Gesellschaft hin, die mehr und mehr nach dem Motto lebtWenn jeder an sich denkt, dann ist an alle gedacht. Das trifft übrigens ausnahmslos auf alle gesellschaftlichen Schichten zu.

Allerdings sind mit den im Artikel genannten sozio-ökonomischen Veränderungen auch erhebliche kulturelle, d.h. eben auch solche Veränderungen einhergegangen, die mit der Sinnprägung von Begriffen zu tun haben. Die Vertreter radikaler Marktideologie haben seit Ende der 1970-er Jahre ganze Arbeit geleistet.

Die ideologische Umdeutung von Begriffen ist so weitreichend, dass selbst (und vor allem) Linke hierzulande gar nicht mehr mitbekommen, dass sie sich eines entwerteten Vokabulars bedienen, wenn sie heute im Kontext der Finanzkrise zum Beispiel vonsozialer Gerechtigkeit oderUmverteilungsprechen. Allein derLeistungsbegriffist durch die neoliberale Ideologie so sehr abgewirtschaftet, dass die Menschen tatsächlich glauben, es ist allein an jedem Einzelnen, sein Glück zu schmieden. Der irgendwie unreflektierte Gebrauch des BegriffsDienstleistunsgesellschaftin dem doch sehr guten Artikel belegt das Problem der umgedeuteten Begriffe.

Solidaritätals nicht nur eine Gemeinschaft formende Notwendigkeit, sondern auch Voraussetzung menschlicher Interaktion generell, ist als Begriff, ist als Ausgangspunkt von Handeln und als Beweggrund politischer Bewegung weitestgehend aus dem Wortschatz und aus der Empfindungswelt der Akteure verschwunden.

Occupyist eine berechtigte und wichtige Bewegung, die allerdings (noch) nicht über den reagierenden Protest und die kleinschrittige Reaktion hinausreicht. So wie der emanzipatorische Gehalt der Gründungsidee vonAttacdurchaus kritisch hinterfragt werden muss, daAttacja nicht die systemischen Strukturen verlassen, sondern ausschließlich innerhalb dieser operiert hat - Tobin-Steuer schafft kein neues Finanzsystem -, so sollte heute gefragt werden, was gemeint ist, wennOccupyruftWir sind die 99% und damit die ungleiche Verteilung der Güter einer Gesellschaft anprangert, die einem ökonomischen Prinzip folgt, das Umwelt und Menschen zerstört.

Auch wenn sich umOccupy(ebenso wie vor 14 Jahren umAttac) viele Gruppen und Aktive ansiedeln, die weiter gehen und Lösungen für eine andere Zukunft suchen, diskutieren und umsetzen wollen, sind Grundwerte wieSolidarität,GerechtigkeitundFreiheitim Verständnis teilweise oder gänzlich anders belegt, als noch vor 30 oder 40 Jahren.

Dass überhaupt eine solch radikale ökonomische und soziale Verwerfung seit Anfang der 1990-iger möglich war, wie sie der Artikel beschreibt, ist durchaus auch hiesigen Gewerkschaften zuzurechnen, die nicht rechtzeitig auf die sich verändernden Bedingungen reagiert, ja geradezu noch mit der Schröder-Regierung in Sachen Agenda 2010 paktiert haben, um heute zu lamentieren, dass der Markt prekärer Arbeitsverhältnisse sozialen und psychischen Druck auf die klassisch Versorgten ausübt.

Schließlich: Heute finden sich z.B. in der Piratenpartei IT-Unternehmer und prekär beschäftigte IT-Programmierer als Parteigenossen wieder. Das ist unter Berücksichtigung ihrer tatsächlichen Interessenskonstellationen durchaus kurios, allerdings gar nicht so unerklärlich. Denn zum Einen verbindet beide eine ähnliche Ausbildungsbiografie, zum Anderen dieselbe Distanz zu klassischen Werte- und Gesellschaftsstrukturen, deren Kernbegriffe Gerechtigkeit und Solidarität waren, hingegen heute ein recht diffuser Freiheitsbegriff ohne feste Ankerpunkte innerhalb der Gesellschaft diejenigen Milieus kennzeichnet, in denen sich Latte Macchiato und I-Book gute Nacht sagen.

Die verstärkte und sich weiter verstärkende Ungleichheit in der Gesellschaft wird nicht überwunden werden können, wenn es nur darum geht, den Armen den Reichtum der Reichen zu verschaffen. Vielmehr ist ein radikaler Paradigmenwechsel nötig. Da, wie ich meine, alle Instrumente für diesen Wechsel zur Verfügung stehen (Technolgie, ökonomische Grundstrukturen, Wissen, Erfahrung und Aussicht auf weitere Einsichten), kommt es nunmehr auf einen Wandel in den Köpfen der Leute an.

Für Linke scheint mir das eine große Herausforderung. Die Bewältigung dieser Herausforderung beginnt politisch mit der Rückeroberung der allgemeinen Deutungshoheit.

lebowski 25.07.2012 | 19:02

Den Kapitalismus gibt es seit fünfhundert Jahren. In dieser Zeit hat er jede Menge Elend über die Menschheit gebracht. 20 Jahre (von ca. 1955-1975) von diesen ca. 500 Jahren hat der Kapitalismus für einen etwas breiteren Wohlstand in einigen kapitalistischen Kernländern gesorgt. Und diese kurze Zeitspanne wird jetzt permanent als Beweis dafür herangezogen, dass die Markwirtschaft eine lustige Veranstaltung und ein Spaß für die ganze Familie ist.

Bullshit! Es gibt keinen Weg zurück in den Fordismus und so schön war der auch nicht.

Und wenn man sich die Gestalten in den Talkshows anschaut, sieht man, dass sozialer Aufstieg in der Regel immer geistigen Abstieg bedeutet.

Lethe 26.07.2012 | 12:25

Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie wenig einerseits der Anteil der Globalisierung am allgemeinen Niedergang öffentlich diskutiert wird. Mit Speck fängt man Mäuse. Und wie unantastbar andererseits die Ideologie des unbegrenzten Wirtschftswachstums da steht, ein riesiger, fetter Monolith, ein menschefressender Götze. Und letztlich die Frage der Besitzstandswahrung - der persönliche Wohlstand muss auf hohem Niveau erhalten bleiben, weil das letztlich alles ist, was den Wert eines Menschen in unserer Gesellschaft ausmacht. Diese drei Faktoren arbeiten Hand in Hand und haben, alles in allem, gewonnen.

Zumindest solange, bis mal wieder alles in einem einzigen Kataklysmus zusammenkracht. Wir können an den Börsen schon jetzt auf Gewinner und Verlierer des Wiederaufbaus wetten.

lebowski 26.07.2012 | 18:55

"Wie war das mit dem Elend vor Entstehung des Kapitalismus?"

Gute Frage! Nehmen wir als Bezugspunkt das feudalistische Mittelalter.

Objektive Zahlen für einen Wohlstandsvergleich sind schwer zu finden. Einige Forscher haben es trotzdem versucht -und zwar in Form von Getreideäquivalenten.

Etrgebnisse findet man bei Robert kurz: Schwarzbuch Kapitalismus S. 8-9

http://www.exit-online.org/pdf/schwarzbuch.pdf

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Ehemaliger Nutzer 28.07.2012 | 20:05

Der Text ist etwas verwirrend. Die Alte BRD ist nicht durch Fleiß und Bildung zum Wohlstand gekommen, sondern der Eiserne Vorhang war das wahre Glück der alten BRD. Die BRD war ein Hochlohnland und biliige Produkte kam durch den Eisernen Vorhang in die BRD, sogar das Ikea Billy-Regal aus der DDR, welches in Gefängnissen dort gebaut wurde. Die Westdeutschen hätten beim Staubwischen einmal daran denken sollen!!! Wäre dieses Regal damals in der BRD gebaut worden, hätte es sich kein Student kaufen können. Als der Eiserne Vorhang weg war, wurde den Westdeutschen die reale Welt vor Augen geführt. Jetzt endlich erhalten sie für Ihre Arbeit auch das, was andere schon jahrelang vor ihnen erhalten haben. Ich finde das vollkommen in Ordnung, weil in der alten BRD auch nur mit Wasser gekocht wurde. Es gibt von Herrn Vallentin ein schönes Lied was besagt, dass das Schicksal alle gleich hobelt. Die Westdeutschen werden jetzt endlich auch demendsprechend behandelt.

Keiner ist nach 1945 so gut von den Alliierten behandelt worden, als die Westdeutschen. Die Westdeutschen sollten in sich gehen und das alles einmal bedenken. Ich habe den Eindruck, dass wir im Osten teilweise fleißiger waren, als unsere Westdeutschen Kollegen. Was wir nicht konnten, uns großmäulerisch zur Schau zu stellen.

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Ehemaliger Nutzer 28.07.2012 | 21:26

Weiß der Autor, von was er da schreibt, hat er sich vorher kundig gemacht und wenn ja, wo?

Diese Fragen stellte ich mir mehr als einmal, während ich den Artikel gelesen und dann nochmals gelesen haben.

Die alte Bundesrepublik war von Anfang an bestimmt von einer Restauration der alten Machtverhältnisse und harten Auseinandersetzungen zwischen Arbeit und Kapital und deren politischen Interessensvertretern aus CDU/CSU-FDP:

Die Aussagen des Ahlener Programms der CDU http://www.kas.de/wf/de/33.813/ und der Düsseldorfer Leitsätze der CDU http://www.kas.de/wf/de/33.814/Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. wurden von Konrad Adenauer direkt bekämpft, ins Gegenteil verkehrt und somit vergessen gemacht.

Die Gewerkschaften waren durch Krieg und Teilung Deutschlands zahlenmäßig sowie durch den auch von der SPD getragenen rabiaten fanatisch-klerikalen Adenauerschen Antikommunismus http://de.wikipedia.org/wiki/Antikommunismus#Bundesrepublik_Deutschland intellektuell und ideologisch geschwächt, erkämpften dennoch ein bessere Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (1957), die aber erst unter der sozialliberalen Regierung Brandt (1969) wirklich für alle galt. http://de.wikipedia.org/wiki/Entgeltfortzahlung_im_Krankheitsfall

Die durch Wiederaufbau, Einbindung Deutschlands in die EU der 6 http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Wirtschaftsgemeinschaft , keynesianische Reparatur http://de.wikipedia.org/wiki/Globalsteuerung der Schäden des Raub- und Plünderungszugs des Finanzkapitals von 1929 (Weltwirtschaftskrise), Systemwettbewerb mit den sozialistischen Staaten http://de.wikipedia.org/wiki/Sputnikschock und vielen anderen Faktoren geprägte Zeit brachte für eine große Zahl lohnabhängig arbeitender Bürger einen bescheidenen und dann wachsenden Wohlstand sowie gewisse "Aufstiegsmöglichkeiten", die aber von der Union von jeher bekämpft wurden. Erst in den späten 60ern und dann in den 70ern machte sich die liberale Bildungsexpansion (Picht, Dahrendorf) bemerkbar.

Anfang der 1970er war wirtschaftlich gesehen der Stand der Vorkriegsproduktion (1914) und der natürlich schon damals vorhandenen Globalisierung wieder erreicht, als politische und wirtschaftliche Änderungen (Unabhängigkeitserklärungen ehemaliger Kolonien, Öllpreisschock) sich neuerlich bemerkbar machten und die sozialliberale Regierung mit den Auswirkungen dieser Änderungen überfordert war, weil die Globalsteuerung nie auf deutsche Verhältnisse angepasst worden war und deshalb nicht richtig greifen konnte.

Die Industrie wiederum versagte auf ganzer Linie seit den 1970ern bis heute, weil Forschung und Entwicklung nicht nur nicht ausgebaut sondern massiv zurückgefahren worden sind und werden. Augenfällig wird das am Beispiel der Kohle-, Stahl- und Schwerindustrie, aber auch der Elektroindustrie sowie der umgebauten und zerlegten Chemiekonzerne Höchst AG und Bayer AG. Damit entfielen und entfallen viele Stellen, mit denen lohnabhängige Bürger ihren persönlichen Aufstieg erreichen konnten.

Das vollständige Rollback der alten Macht- und Gesellschaftsverhältnisse und damit die Verschlechterung der Arbeits-und Lebensbedingungen der lohnabhängigen Bürger aber auch anderer Schichten wurde in Deutschland 1982 offiziell durch das Lambsdorff-Tietmeyer-Papier ideologisch begründet und eingeleitet. http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0079_lam&l=de .

Ansonsten glänzt der Artikel durch so viele historische und wirtschaftspolitische Unrichtigkeiten und Mängel sowie durch neue Mythen, die verdecken und verkleistern, anstelle zu erhellen, dass es kaum möglich ist, all das zu widerlegen, weil der Platz dafür nicht ausreicht.

Das Beste erscheint mir deshalb, diesen Artikel schnellstens zu vergessen. Und die jüngere Generation zu eigenem Denken aufzurufen. Und sich bei kompetenten Leuten kundig zu machen.-

morgenrot 10.08.2012 | 03:28

Mich interessieren vor allem die psycho-sozialen Auswirkungen einer solchen Diagnose. Und die lauten: Angst. Angst vor dem Absturz. Aggressive Überhöhung der eigenen Lebensrealität, Entsolidarisierung. Überbewertung des "Normalarbeitsverhältnisses". Druck. Druck. Druck. Für die Jungen. Ich bin froh und dankbar, dass ich mir meinen Lebensweg noch einigermaßen unbeschwert aussuchen konnte, Mitte der achziger Jahre. Egal, was dann daraus geworden ist. Aber diesen abartigen Stress, alles "richtig" zu machen, hatte ich nicht. Aber die werden wohl schon einen Ausweg finden.