Links kann begeistern

Großbritannien Jeremy Corbyn war mit Labour so erfolgreich, weil er für eine aufrichtige und authentische Politik steht
Links kann begeistern
Trat mit viel linkem Mut an: Jeremy Corbyn

Foto: Leon Neal/Getty Images

Jeremy Corbyn hat die Parlamentswahlen nicht gewonnen, aber er ging als der große Sieger hervor. Aus fast aussichtsloser Position hat er Labour in Großbritannien zu einem historisch guten Ergebnis geführt. Die britische Premierministerin Theresa May wollte die angeschlagene Labour Party auf die Bretter schicken, verspielte aber ihren komfortablen Vorsprung. Sie kann zwar weiterregieren, aber sie taumelt.

Was ist da geschehen in Großbritannien? Galt nicht Corbyn als unwählbar, wie es zuletzt fast alle linksliberalen politischen Journalisten in ihren Leitartikeln behaupteten? Wollten nicht die eigenen Abgeordneten vom rechten Parteiflügel ihn zum Rückzug zwingen? Hatten nicht sogar einige Labour-Vertreter geraten, man solle Labour bei dieser Wahl keine Stimme geben? War Corbyn nicht viel zu altbacken, uncharismatisch, zu höflich, zu alt? Nein, Corbyn reagierte richtig. Ruhe ist die erste Kandidatenpflicht, egal ob die Medien angreifen oder die innerparteilichen Gegner. Gerade die jungen Wähler beeindruckte das. Fast drei Viertel der 18- bis 24-Jährigen gingen zur Wahl – und gaben mit großer Mehrheit Corbyn ihre Stimme. Die Jugend ist die Zukunft eines Landes. Gute Politik ist Politik für junge Menschen. Corbyn gelang es auch, viele der Enttäuschten, die zuvor nicht mehr wählen gegangen waren oder für die rechtspopulistische UKIP votierten, für Labour zu gewinnen.

Dafür war die Partei jedoch nicht nach rechts gerückt und hatte sich nicht der Politik der Angst und Abschottung angepasst. Das Programm der Labour Party setzte auf Hoffnung statt Angst, Solidarität statt Wettbewerb, Zukunft statt Vergangenheit, Gerechtigkeit statt mehr Ungleichheit. Links kann Wähler begeistern, lautet die Lehre. Und anders als die Tories sprach sich Corbyn gegen eine Obergrenze bei der Migration aus. Nach den Terroranschlägen von Manchester und London forderte er mehr Polizei, die ausgerechnet von Theresa May während ihrer Zeit als Innenministerin ausgedünnt worden war. Er unterließ jedoch die bekannte Reaktion der Politik, die einfach nur mehr Stärke, mehr Härte einfordert. Er lenkte den Blick nicht auf die im Land lebenden Muslime, sondern auf die Bekämpfung der geopolitischen Ursachen des Terrors: Großbritanniens Außenpolitik, die aktiv an den Bombardements in Libyen beteiligt war.

Keine Volkspartei in der westlichen Welt ist in den letzten 30 Jahren mit einem derartig linken Programm angetreten: die Abschaffung von Studiengebühren, die Verstaatlichung von Eisenbahn und Post, der Ausbau des nationalen Gesundheitssystems sowie von Pflege und Kindererziehung, ein besseres Arbeitsrecht, die Gleichbehandlung am Arbeitsplatz für Frauen und Migranten und den Einstieg in eine ökologische Wirtschaft.

Dieses radikale Programm war die Grundlage für Corbyns demokratischen Populismus. Die Parole des Wahlkampfes lautete: For the many, not the few. Auf Deutsch: Linke Politik wendet sich an die vielen, nicht an die wenigen. Die Parole war demokratisch und inklusiv. Labour thematisierte die Abschottung des eigenen ökonomischen und politischen Establishments und weniger die Abschottung von Europa durch den Brexit. Tony Blair wird sich schwarz geärgert haben, schließlich war „For the many“ ein Slogan, den er für New Labour nutzen wollte. Er sollte das Mittel sein, New Labour die traditionelle Klassenpolitik auszutreiben. Die Ironie der Geschichte ist, dass die Labour-Partei heute für eine erneuerte Klassenpolitik steht. Es ist auch kein Wunder, dass viele Bürger einen Wiederausbau des Sozialstaates, ja sogar Verstaatlichungen von Post und Bahn befürworten. Das Land leidet unter seiner Deindustrialisierung und unter der Ausbreitung des Niedriglohnsektors. Die Sparpolitik der Tories hat den öffentlichen Dienst ruiniert, das britische Gesundheitssystem NHS wurde so kaputtgespart, dass Patienten mit schwerwiegenden und sogar akuten Problemen monatelang auf eine Behandlung warten müssen. Auch die Universitäten litten enorm. Wissenschaftler müssen seit einiger Zeit die Nützlichkeit und Verwertbarkeit ihrer Forschung belegen, was die Axt an die Grundfesten einer freien und unabhängigen Wissenschaft anlegt. Die Studierenden hingegen ächzen unter Studiengebühren und Krediten, die sie aufnehmen müssen, denn ihre Nebenjobs reichen kaum fürs Existenzminimum in einem Land, in dem die Mieten in den Uni-Städten und in London geradezu explodieren.

Corbyn war letztlich auch so erfolgreich, weil er authentisch, aufrecht und aufrichtig war. Politik darf sich eben nicht nach Umfragen richten. Es geht um persönliche Glaubwürdigkeit. Die hat Corbyn, weil er seit den 1970er Jahren für seine politischen Ideale eintritt – Abrüstung, Frieden, Bürgerrechte und soziale Gerechtigkeit.

Im politischen Establishment war Corbyn immer ein Außenseiter, er war ein Mann der sozialen Bewegungen und realen Demokratie. So hat er auch seinen Wahlkampf geführt. Er hat gezeigt, dass soziale Medien wichtiger sein können als etablierte Medien – wenn man mit ihnen umzugehen versteht. Und wenn man zugleich buchstäblich an die Türen klopft, mit den Menschen und nicht über sie spricht. Buchstäblich Zehntausende kamen zu den Großveranstaltungen von Corbyn, weil sie das Gefühl hatten, hier spricht jemand, der mit Leidenschaft für ihre Sache eintritt. Eine Leidenschaft, die man hierzulande vergeblich sucht.

06:00 22.06.2017
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 92

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar