Aparter Spartensport

Frauenrugby Ein ostdeutsches Auswahlteam im Frauenrugby tritt gegen iranische Spielerinnen in Teheran an
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Aparter Spartensport
Die erste Begegnung im Spätherbst 2016: Deutsche und iranische Rugbyspielerinnen am Rande eines Turniers in Berlin

Foto:  Vivian Bahlmann

Ohne Blessuren geht es nicht. Angerissene Bänder am Knöchel, dicke blaue Flecke an den Oberschenkeln, Schrammen am Wangenknochen. Wir sind beim Rugby. Genauer: beim Frauenrugby im Stadion in der Buschallee in Berlin-Weißensee am vergangenen Wochenende.

Die Sanitäter waren im Dauereinsatz. Anne-Marie Kortas sagt: „Das darf man nicht überbewerten. Hauptsache, wir sind bis Samstag alle fit.“ Die gebürtige Schwerinerin ist Spielerin beim Rugby Klub 03 Berlin und die Koordinatorin eines Trips in den Iran, der Samstagnachmittag losgeht. In Teheran trifft eine ostdeutsche Auswahl von Rugbyspielerinnen auf iranische Frauen-Teams.

Der Berliner Rugby-Verband hat zusammen mit dem Verein „Bürger Europas“ die Initiative gestartet. Das Auswärtige Amt unterstützt das Projekt. Es wird die zweite Begegnung zwischen deutschen und iranischen Spielerinnen sein. Im Spätherbst 2016 besuchte eine Delegation aus dem Iran Berlin, um ein kleines Turnier gegen Berliner Frauen-Rugbyteams zu spielen. Jetzt folgt der Gegenbesuch. Ostdeutsche Rugbyspielerinnen fungieren als sportpolitische Botschafterinnen und sollen auf diplomatischem Parkett eine gute Figur abgeben.

Ligaalltag vor dem Iran-Trip

Zuvor stand aber für Kortas & Co. der Liga-Alltag auf dem Programm. Zweiter Turniertag in der Division Ost des bundesdeutschen Frauen-Rugbys in der 7er-Formation. Bei diesem „Miniatur-Rugby“ stehen je sieben Akteurinnen auf dem Feld. Die Teams spielen an einem Turniertag mehrere Partien von zweimal sieben Minuten. Match reiht sich an Match. Rugby ist ein Sport mit viel An- und Aussprache. Die Spielerinnen bilden bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Traube um den Trainer. Der gibt taktische Tipps, liefert Kurzanalysen: „An erster Stelle steht unsere Ordnung im Spiel, der Ballbesitz kommt von allein“, sagt RK-Trainer Jan Sydow. Er erwartet von seinen Akteurinnen auf dem Feld klare Kommandos und passgenaue Zuspiele. Aktuell dominieren die RK-Frauen die Liga. Folgerichtig duellierten sich die erste und die zweite Mannschaft im Endkampf. Randnotiz: Die Zweite holte den Turnierpokal.

Mit dem Rugbysport hat Kortas während eines Auslandsstudiums in Costa Rica begonnen. Die ehemalige Leistungssportlerin im Judo sattelte um, wurde Rugby-Spielerin. Frauenrugby gilt als aparter Spartensport - eine Randsportart innerhalb einer Randsportart. Von 15.000 registrierten Rugbyspielern bundesweit seien etwa 1.800 Frauen und Mädchen, sagt Kortas. Sie ist aber überzeugt: „Wir werden weiter boomen.“ Vielleicht ist Frauenrugby dann auch nicht mehr nur das Vorspiel ohne Eintritt und Fanartikelstand für das Männerrugby. Im Buschallee-Stadion war der Kassenstand mit den Merchandise-Artikeln erst aufgebaut, als der Bundesligakick zwischen dem RK 03 und RC Leipzig auf dem Spielzettel stand.

Spielzeit im Ararat-Stadion von Teheran

Und nun geht’s auf Fernreise. Die 15-köpfige Schar reist mit einer Entourage aus Trainern und Funktionären in den Mittleren Osten. Junge Spielerinnen aus Potsdam, Jena, Erfurt, Leipzig und Dresden sammeln sich um den Kern der Berliner Spielerinnen vom RK 03, BRC und BSV 92. Die Spielerinnen, unter ihnen viele Studentinnen, haben einen ganzen Fragenkatalog mit im Gepäck, auch wenn der Spaßfaktor nicht zu kurz kommen soll. Noch wissen sie wenig über das Frauen-Rugby im Iran. „Uns interessiert, wie Frauen und Mädchen im Iran zum Rugby gekommen sind. Vielleicht gelingt es uns, iranische Spielerinnen auch abseits des Protokolls und des Platzes zu sprechen“, sagt Kortas. Ulrike Koch, Spielerin beim USV Potsdam, blickt nicht so sehr auf den Iran, wenn es um die Situation des Frauenrugbys geht. „Ich erlebe in Deutschland das Vorurteil, wonach Rugby und Frauen nicht zusammenpassen würden“, sagt sie. Der Iran nehme als muslimisches Land im Frauenrugby eine „Vorreiterrolle“ ein, meint Koch.

Zur politischen Situation und zum Kriegsgerassel der USA gegen den Iran befragt, antworten die Spielerinnen beinahe staatsmännisch. „Das Ziel der Reise ist die Förderung des interkulturellen Dialogs und die Stärkung der deutsch-iranischen Beziehungen“, sagt Kortas. Druckreifer Sprech, das Briefing durch Vertreter des Auswärtigen Amts zeigt Wirkung. Erst auf Nachfrage werden sie konkreter. Mit dabei ist auch Kortas´ Spielkollegin Vivian Bahlmann. Sie ist als ehemalige Nationalspielerin im 7er-Frauen-Rugby die Kapitänin des Auswahlteams. „Klar will ich zur Geschlechterdemokratie und zu Menschenrechten Fragen stellen, wenn wir uns mit iranischen Offiziellen treffen“, sagt Bahlmann. Aber alles Kritische werde sie sehr vorsichtig formulieren, schiebt sie gleich nach.

Unter dem Label „Adler Sevens“ werden die ostdeutschen Frauen die Arena des Teheraner Ararat-Stadions betreten. Der Austragungsort erleichtert die Garderobenfrage erheblich. „Das Stadion liegt im christlichen armenischen Stadtteil Teherans. Deshalb müssen wir keine spezielle muslimische Sportkleidung tragen“, sagt Kortas. Es sei denn, das Spiel würde im TV übertragen, dann wäre ein Klamottenwechsel angesagt.

Der Tagesablauf vor Ort ist durchstrukturiert. Empfänge samt Tischreden bei hochrangigen Vertretern aus Sport und Politik stehen ebenso auf dem Stundenplan wie sight-seeing – und mittendrin: Trainingseinheiten und Wettkämpfe. Der Troß wird unter anderem auf den ehemaligen Bundesligaprofi Ali Daei treffen. Daei spielte von 1999 bis 2002 bei Hertha BSC Berlin und ist Cheftrainer des iranischen Spitzenklubs Saipa Teheran. Von ihm erhofft sich Kortas ungefilterte Einblicke in die iranische Sportwelt.

Am Ende des langen, dreieinhalbstündigen Turnierwettbewerbs in der Division Ost ruft eine Funktionärin des Rugby-Verbands die in den Iran fliegenden Spielerinnen zur Kurzandacht zusammen. Sie erinnert an die vereinbarten Benimmregeln: „Ihr wißt, was ihr nicht fragen sollt.“ Kortas und die anderen schmunzeln - und nicken ab.

09:57 27.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Oliver Rast

Antiquar, schreibender Aktivist, Mitgründer der Gefangenen-Gewerkschaft, Ex-Gefangener aus dem §129-Verfahren gegen die militante gruppe (mg)
Oliver Rast

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