Die Frage nach der Herkunft

Identität wird durch Kultur bestimmt. In einer postmigrantischen und komplexen Gesellschaft ist die binäre Aufteilung in Out-Group und In-Group nicht mehr sinnvoll
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Die Frage nach der Herkunft
Merkels forderte auf dem 19. Integrationsgipfel, für Vielfalt zu werben. Vielfalt ist aber gesellschaftliche Realität ist und nicht das Ziel

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Als Bundeskanzlerin Merkel beim Integrationsgipfel im März 2020 die Geschichte Ihrer eigenen Herkunft thematisierte, wies Sie auf ein Grundproblem der deutschen Gesellschaft hin. Wie kann die vollwertige Zugehörigkeit zur Gesellschaft erworben werden und wie sehr bestimmen von einem „jus sanguinis“ abgeleitete, völkische Kriterien, wie Abstammung oder Hautfarbe die Denkweise?

Merkel wies darauf hin, dass sie selbst in vierter Generation polnische Wurzeln habe, da ihr Urgroßvater in Polen geboren wurde. Gleichwohl käme niemand auf die Idee ihr die Zugehörigkeit abzusprechen. Andererseits würden gerade dunkelhäutig oder „anders" aussehende Menschen regelmäßig gefragt, woher sie denn kommen.

Die Frage nach der Herkunft als Ausdruck der „VerAnderung“

Eine Frage, an der sich heftige Diskussionen entzünden. Während Migrant*innen häufig auf eine verletzende Wirkung hinweisen, verwenden Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft gerne die Formulierung "das wird man doch wohl fragen dürfen". Die Frage wird zu Interesse umgedeutet und gerade rechtspopulistische Kreise führen zur Relativierung Beispiele an, wie die eines deutschen Touristen, der in China ja schließlich auch nach seiner Herkunft gefragt würde. Letztlich weist diese Formulierung aber auf die Unterscheidung von „die“ und „wir“ hin, auf einen Prozess, den Julia Reuter als „VerAnderung" bezeichnet. Hierbei wird versucht sich selbst und das eigene soziale Image aufzuwerten, indem man Menschen mit anderen Merkmalen als andersartig und „fremd“ klassifiziert. Die Frage nach der Herkunft steht also stellvertretend für die betonte Unterscheidung und Distanzierung von „den Anderen“.

Problematik kulturelle Zugehörigkeit zu bezeichnen

Die Berliner Sozialwissenschaftlerin und Integrationsforscherin Naika Foroutan hat bereits 2010 in einem lesenswerten Dossier auf die Problematik der Etikettierung hingewiesen. Zwar sei der Begriff „Mensch mit Migrationshintergrund“ deutlich differenzierter als die einseitige Zuordnung als Türke, Italienerin oder Pole, aber eben doch nicht so neutral, wie er ursprünglich erdacht war. Im öffentlichen Diskurs ist er zu einer Bezeichnungspraxis mutiert, die „vorwiegend Differenz-Momente hervorhebt und die in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit Defiziten und Problemen verbunden wird" (Foroutan, 2010). Auch die von Foroutan damals getroffene Feststellung, dass eine etablierte Bezeichnung fehlt, „welche die nationale und kulturelle Mehrfachzugehörigkeit und -identifikation von Individuen wertneutral" beschreibt und nicht am Ideal von Homogenität oder der Vorstellung von Assimilation als gelungene Integration ausgerichtet ist, ist weiterhin aktuell.

Eingebetteter Medieninhalt

In Soziologie oder Kulturwissenschaft diskutierte Ideen von hybriden Identitäten, also Menschen, die Wurzeln aus mehreren Kulturen vereinen, sind in der öffentlichen Diskussion ebenso wenig präsent, wie die von Welsch (1997) beschriebene Vorstellung einer Transkulturalität. Er beschreibt Kultur als veränderbares und durchdringendes Konstrukt und kritisiert den von ihm klassisch genannten Kulturbegriff in dreierlei Hinsicht. Erstens gelte die behauptete Homogenität und Einheitlichkeit von Kultur, gerade unter den heutigen Bedingungen von allseitiger und vielfältiger Grenzüberschreitung, nicht. Zweitens geschehe Fundierung von Kultur bisher überwiegend „völkisch" und sei drittens auf eine Imagination des Außen und des Fremden angewiesen. Das klassische Kulturmodell ist für ihn deswegen nicht nur deskriptiv falsch, sondern auch normativ gefährlich und unhaltbar. Angesichts der gesellschaftlichen Realitäten gilt es, Kulturen jenseits des Gegensatzes von Eigenkultur und Fremdkultur zu denken“ (ebd.) und somit nicht mehr vom Aufeinandertreffen in sich abgeschlossener kulturell geprägter Gruppen auszugehen. Paul Mecheril (2020) sieht im Mittelpunkt von Transkulturalität überlagernde Pluralität, während Multikulturalität eine additiven Pluralität beschreibt und Interkulturalität das Bild interagierender Pluralität befördert.

Notwendige Aushandlungsprozesse postmigrantischer Gesellschaften

Wenn Kanzlerin Merkel also bei ihrer Stellungnahme zum Integrationsgipfel die Frage stellt, wie lange es denn eigentlich dauert oder dauern soll, bis nicht mehr die Integration eingefordert wird, legt sie den Finger in die Wunde einer postmigrantischen Gesellschaft. In einer solchen Gesellschaft geht es nicht mehr um Migration selbst, sondern um die gesellschaftspolitischen Aushandlungsprozesse, die nach der Migration erfolgen (Foroutan, 2015). Im Mittelpunkt der Diskussion steht demnach nicht mehr das Aushandeln zwischen den Kulturen, sondern der Umgang mit Widersprüchlichkeit und Hybridität (ebd.). Hierbei werden statische Ansichten auf identitäre Kernnarrationen wie Kultur oder Nation - etwa in Form der von Friedrich Merz seinerzeit ins Spiel gebrachten Leitkultur - mit den damit einhergehenden Exklusionsmechanismen in Frage gestellt. Oder anders gefragt: mit welchem Recht verwehrt man Menschen mit Migrationshintergrund die fraglose Zugehörigkeit und Authentizität, indem man sie durch äußere Zuschreibung als "nicht-deutsch" bezeichnet, was immer „Deutschsein“ heutzutage auch sein mag?

Abkehr von „VerAnderung“ als Frage des Respekts

Merkels Forderung, für Vielfalt zu werben, erscheint demnach folgerichtig. Es gilt jedoch deutlich zu machen, dass Vielfalt gesellschaftliche Realität ist und nicht das Ziel. Wer diese Vielfalt nicht akzeptieren kann oder will, grenzt damit nicht nur mehr als 1/5 der Bevölkerung aus, die in ihrer Familientradition Migrationserfahrungen hat, sondern stellt das Ideal einer offenen, pluralen Demokratie infrage. Der sensible Umgang mit der Frage nach der Herkunft könnte also nicht nur ein erster Schritt sein, um die Abkehr von der „VerAnderung“ einzuleiten, sondern ist auch eine Frage des Respektes gegenüber einer großen Gruppe unserer Mitbewohner*innen. Letztlich ist es ein Ja zu einer pluralen und heterogenen Gesellschaft.

Quellenverzeichnis:

Foroutan, N. (2010). Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten. APUZ - Aus Politik und Zeitgeschichte, 2010(46/47), 9–15.

Foroutan, N. (2015). Die postmigrantische Gesellschaft, Bundeszentrale für politische Bildung. Die Einheit der Verschiedenen: Integration in der postmigrantischen Gesellschaft.

Foroutan, N. (2018). Die postmigrantische Perspektive. Aushandlungsprozesse in pluralen Gesellschaften. In M. Hill & E. Yıldız (Hrsg.), Postmigrantische Visionen. Erfahrungen - Ideen - Reflexionen (Postmigrantische Studien, Band 1, S. 15–28). Bielefeld: transcript.

Mecheril, P. (2020). Kulturelle Differenz. In G. Weiß & J. Zirfas (Hrsg.), Handbuch Bildungs- und Erziehungsphilosophie (S. 305–316). Wiesbaden: Springer VS.

Reuter, J. (2002). Ordnungen des Anderen. 2001. Transcript, Bielefeld.

Welsch, W. (1997). Transkulturalität. Thesis, Wissenschaftliche Zeitschrift der Bauhaus-Universität Weimar, 135.

14:24 10.04.2020
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