Die Enden der Parabel. Bilderwelten zu Zeichnungen verwandelt(spezial)

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Maler und Zeichner Max. P. Haering und sein Buch „Crossroads“.

Wie man Pynchons Sprache in wortgetreue Zeichnungen verwandelt.

http://www.freecomic.de/pynchon1/kristallpalast/a_02London600.jpg

Mit freundlicher Genehmigung von Max Haering

Es ist.....

Kälter als die Warze einer Hexentitte ist!

Kälter als ein Kübel Pinguinmist!

Kälter als das Haar auf dem Arsch von einem Elch!

Kälter als der Frost auf´ nem Champagnerkelch!“ S.22, D.E.d.P

Es gibt sie diese Momente, in denen einem alles glückt, wo man durch ein Buch gleitet, wie das heiße Messer durch die Butter, oder man im Internet findet was man sucht -und zwar auf Anhieb!

Mir kam jüngst beim Lesen des Romans plötzlich der Gedanke, ob nicht jemand auf die Idee gekommen ist, Pynchons „gewaltige Bilderwelt“ zu illustrieren. Ich habe eine Suchmaschine benutzt und sie hat diesen jemand gefunden: Den Maler und Zeichner Max P. Haering.

Der 1951 geborne, seit 1983 freischaffende Künstler, absolvierte Sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Prof. Mac Zimmermann und ist nach eigener Auskunft auf Umwegen zum Comic Zeichnen gekommen.

Nach dem ich mir bei Max Haerings sein Buch bestellt und genauer betrachtet hatte als dies im Internet möglich ist, habe ich bei den gezeigten Zeichnungen feststellen können, wie sehr es dem Künstler gelungen ist, die Bilder die in der Fantasie des Lesers entstehen, in Zeichnungen von kraftvoller Intensität zu verwandeln -die zumindest meinen „Kopfprojektionen“ sehr nahe kommen. Die Schwarz/Weiss-Zeichnungen entsprechen der düsteren bedrohlichen Grundstimmung der „Parabel“, der Informationsgehalt der Zeichnungen korrespondiert mit dem Text, ist also überfüllend.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf den Blogbeitrag von Kalle Wirsch vom 24.08.2010 (Die Enden der Parabel - Grau-Rot und die Farben der Frauen 14-49) hinweisen, im Blog wird davon gesprochen, dass „Die Grundstimmung aus unzählig vielen Grautönen bestehe.“

Die Frage, wie man angesichts des monomentalen Werkes darauf kommt, solch eine Arbeit auf sich zu nehmen durfte ich Herrn Haering selbst stellen.

Onkel Wanja: Herr Haering, wie kommt man drauf, ein nicht gerade auflagenstarkes und schwer zu lesendes Buch wie "Die Enden der Parabel", oder "Gegen den Tag" zu illusteren?

Haering:Die Pynchon Illustrationen entstanden durch das Zusammentreffen zweier Umstände:

Die Absicht bei einem Wettbewerb für Illustrationen teilzunehmen. Ich hatte bereits 2000 zehn Zeichnungen zu „das Trunkene Schiff“ von A. Rimbaud gefertigt, ansonsten war ich, von meinem „Freecomic“ Projekt abgesehen, eher „Verlegenheit`s-Zeichner; Hauptunterfangen war die Malerei.

Ich hatte gerade (2003) mit der Lektüre zu „Die Enden der Parabel“ begonnen und zwei Wochen Fuertventura-Urlaub standen vor der Tür- das heißt Pynchon unter Palmen lesen und ca 10 Szenen für mögliche Illustrationen auswählen -was wahrlich nicht schwer fiel.

..Und dann Begann sich die „Sucht“ zu entwickeln und mit „Gegen den Tag“* habe ich jede Menge Inspiration für weiter Zeichnungen.“

* Thomas Pynchons letzter Roman von 2008

Onkel Wanja: Comics sind ja erfreulicherweise inzwischen auch in Deutschland als Kunstgattung anerkannt, wie sind sie mit Comics in Berührung gekommen, schon in ihrer Kinder und Jugendzeit?

Haering:

Neben Mickey Mouse" und seine Verwandten war Hal Fosters "Prinz Eisenherz" der Comic meiner Kindheit überhaupt - exzellent gezeichnet bis ins Detail, und Vorlage für viele frühen Zeichenversuche.
Die Pynchon-Zeichnung "Grischas Traum" bezieht sich auf eine Szene , in der der Held in einen Schacht geworfen wird, an dessen Grund ein gewaltiger Krake haust .. (Hal Foster: Prinz Eisenherz im Mittelmeer)
In den 90ern habe ich mit "Freecomic" meinen Traum vom eigenen Kunst-Comic versucht zu realisieren. Eine sehr freie, assoziative , im Sinne von "Free Jazz" verstandene Bildergeschichte.
Ähnlich komplex wie Pynchon-Romane und laut einiger Comic-Verlage deshalb nicht ins Programm passend (vgl. Website "freecomic 1")

Onkel Wanja: Ist der Rowohlt-Verlag als Pynchons deutscher Verlag schon auf sie aufmerksam geworden, dürfen Pynchon-Leser auf eine illustrierte Sonderausgabe hoffen

Haering:

Der Rowohlt Verlag publiziert leider keine Bildbände . Eine erste Fassung des "Crossroads" Buches habe bereits Ende 2008 dem Rohwohlt-Verlag zukommen lassen und meinen Dank an Autor und Übersetzer zum Ausdruck gebracht, für die unerschöpflichen Anregungen und Assoziationen für den Zeichner.

Da in den Zeichnungen oft mikroskopisch-kleine Details* im Gewirr der Strichlagen eingearbeitet sind, wäre ein großformatiger Kunstdruckband optimal - ergänzt mit angaben zu Quellen, Inspirationen und natürlich den relevanten Textstellen im Roman.

Pynchon müsste schon der Nobelpreis verliehen werden, damit ein Verlag das Risiko einer solch aufwändigen Veröffentlichung eingeht.



* vgl. Zeichnung „Margherita 2 – Bad Karma“, wo man bei ganz genauem Hinsehen z.B. u.A. eine menschenfressende Riesenratte (Mickey Mouse?) und einige pornographische Darstellungen ausmachen kann.

Onkel Wanja: Wie und wann haben sie Pynchons und sein Werk für sich entdeckt?

Haering:


"V" las ich zwar bereits in den frühen 80ern - aber erst mit der Lektüre der "Enden der Parabel" im Jahr 2003 begann eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Werk Pynchons.
Voraussetzung war sicherlich, das ich seit 1994 neben der Malerei wieder mit der Technik der Tuschezeichnung zu arbeiten begonnen hatte. Zwischen 1994 und 2000 realisierte ich meinen "Freecomic 1", und begann mit Verknüpfungen von Bild- und Textzitaten und deren assoziativen Möglichkeiten zu experimentieren .


Onkel Wanja: Ist sein Werk für die visuelle Umsetzung von Schlüsselpassagen besonders gut geeignet, oder die Illustrierung von Büchern des Autors nur Zufall?

Haering:

Mit den Illustrationen zu Artur Rimbauds Gedicht "Das trunkene Schiff" ließ ich mich beim Zeichnen zum ersten Male rein von der poetischen Kraft des Textes inspirieren . Die Darstellung einer quasi "Hintergrund-Landschaft" belegt mit einer Mischung aus Zeichen, Symbolen, Ornamenten und figürlich-realen Elementen erlaubte mir in einem Zustand zwischen Selbstvergessenheit und Wachheit zu arbeiten.*
Derart sensibilisiert , waren dann bereits die ersten Zeilen des Romans der Hammer! :
"Ein Heulen kommt über den Himmel..." ...
Die überbordende "Wörterwelt" Pynchons, die alle Sinne übergreifend anregt und Assoziationen in alle Richtungen initiiert, sind die Rezeptur für meine Zeichnungen.

„Sie in dieser Nacht aus Übermaß
Zauberkraft am Kreuzweg Deiner Sinne
Ihrer seltsamen Begegnung Sinn.“

* vgl. F. Kafka an Max Brod: Über den Schriftsteller: "Selbstvergessenheit nicht Wachheit sind erste Voraussetzung des Schriftstellertums...".

Onkel Wanja: Herr Haering eine abschließende Frage, werden sie den Verlauf unseres Projektes „Wir lesen gemeinsam Thomas Pynchons Die Enden der Parabel“ beobachten, und was halten sie von der Idee dieses Komplexe Werk gemeinsam zu lesen?


Haering:

Sehr viele Zeichnungen, die ich zum Werk von Thomas Pynchon erstellt habe, beziehen wesentliche Informationen und Inspirationen aus dem Internet, die meisten Websites , Diskussions-Foren und group readings zu Thomas Pynchon sind leider in Englisch gehalten.
- daher werde ich euer Projekt auf jeden Fall mit großem Interesse verfolgen.
Und irgendwo in den hintersten Winkeln der untersten Schublade liegen auch noch ein paar "angedachte Zeichnungen" zu Gravity's rainbow -"Die Enden der Parabel" ...


Onkel Wanja: Herr Haering, ich danke Ihnen recht herzlich für dieses Interview.

Das „kreative Suchtverhalten“ des Max Haering möchte ich anhand von zwei weiteren Zeichnungen aus „Crossroads“ anschaulich machen. Um die Projekt-Leser nicht zum Vorblättern im Buch zu verleiten, habe ich es Bilder aus dem ersten hundert Seiten von „Die Enden der Parabel ausgewählt und werde in Zukunft weitere Blog-Beiträge mit den Zeichnungen von Max Haering illustrieren.

http://www.freecomic.de/pynchon1/polyp/polyp650.jpg

Der Polyp“, Mit freundlicher Genehmigung von Max Hearing.

aus dem Nebel vor ihm materialisierte sich ein gigantisches, organartiges Gebilde.

Vorsichtig setzte Pirat einen schwarzbeschuhten Fuß vor den anderen und näherte sich dem Ding.

.Das Gebilde war ein gigantischer Polyp, ein Rachengewächst!

Mindestens so groß wie die St. Pauls-Kathedrale! Und es wuchs von Stunde zu Stunde. London, vielleicht sogar ganz England war in Gefahr....<<Ja es ist grauenhaft...wie eine monströse Nase, die Rotz hochzieht....Augenblick mal, jetzt...beginnt es zu...nein...o Gott, ich kann es nicht beschreiben, es ist zu gräß- der Draht reist, Ende der Übertragung....

S.26 D.E.d.P.

http://www.freecomic.de/pynchon1/slothrops_harmonika/Harmonica_Player700.jpg

Slothrops Harmonika Mit freundlicher Genehmigung von Max Hearing.

Wegrennen ist nicht. Gelähmt starrt er über die Schulter zurück: eine massive, hochgetürmte Wand, ein Kaventsmann, wehend bekränzt mit Klopapier, überschlägt sich und stürzt -GAAHHH! Er macht einen kläglichen Froschhüpfer, doch schon hat ihn der Kotzylinder überrannt, glitscht ihm finster wie kaltes Rindsaspik ins Rückgrat, peitscht ihn mit vollgeschissenem Papier, die sich um Nase, Lippen, Nüstern schlingt, mit Gestank, der alles auslöscht, einem Hagelsturm aus Mikroköteln, die sich in Brauen und Wimpern verfangen, es ist schlimmer als von den Japsen torpediert zu werden....

D.E. d. P. S. 108




Informationen über das Werk von Max P. Haering finden sie auf dessen Homepage:

www.freecomic.de/pynchon1/pynchon_1.html

Das Buch „Crossroads“ mit „Den Enden der Parabel“ Zeichnungen können sie vom Künstler direkt beziehen.

Der Text ist ein Teil des Projekts: Wir lesen gemeinsam Thomas Pynchons "Die Enden der Parabel".

22:35 09.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Onkel Wanja

Onkel Wanja Literatur-Euphoriker
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