Die Enden der Parabel-Brigadier Pudding, dass große Sterben (126-374)

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.... des 1. Weltkriegs und die <<Weiße Visitation>>.

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!
Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!
In die Gräben schickten euch die Junker,
Staatsmann und der Fabrikantenneid.
Ihr wart gut genug zum Fraß für Raben,
für das Grab, Kameraden, für den Graben!

Aus: „Der Graben“, von Kurt Tucholsky


Dieser Blogbeitrag ist meinem Großvater Karl Jäger gewidmet,

Kriegsteilnehmer im 1. und 2 Weltkrieg.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d4/Stretcher_bearers_Passchendaele_August_1917.jpg

Foto: Wikimedia, HMSO, public domain , photograph No. Q 5935 from the Imperial War Museum collection No. 1900-13.

Westfront,Ypern, 1917, die Soldaten bafinden sich vermutlich nicht im Niemandsland, denn die Bergung von verwundeten und Toten war nur Nachts möglich.

Teil 1 von 2: Brigadier Pudding, dass große Sterben des 1. Weltkriegs und die <<Weiße Visitation>>.

Diese auf der Landstraße gedruckten Deutschen, starrköpfig und schießwütig, zielten schlecht, aber sie schienen so viel Munition zu haben, dass sie noch welche hätten verkaufen können(....)Unser Oberst, der Wahrheit der Ehre, bewies verblüffende Courage! Er spazierte mitten auf der Straße lang und dann hin und her der Breite nach, immer zwischen den Geschossen, so gelassen als wartete er auf dem Bahnsteig auf einen Freund(...) Dieser Oberst war ein richtiges Ungeheuer! Ich war sicher, in diesem Moment konnte er sich sein Ende nicht vorstellen, er war schlimmer als ein Hund! Zugleich begriff ich, dass es in unserer Armee viele wie ihn geben musste, tapfere Männer, und sicher genauso viele in der Armee gegenüber. Wer weiß wie viele? Eine, zwei, etliche Millionen vielleicht insgesamt? Von da an wuchs mein Schiss zu Panik. Mit solchen Leuten konnte dieser höllische Irrsinn noch ewig dauern......

Louis-Ferdinand Celine, „Reise ans Ende der Nacht“

Mit Pudding zurück in den 1. Weltkrieg

Mit Brigadier Pudding, dem Leiter der <<Weißen Visitation>> (Visitation lat.visitare „besuchen“) )werden wir zunächst -die V1 und V2 stürzen beständig auf London nieder- aus dem 2. Weltkrieg in den 1.Weltkrieg zurückgeführt. Was Schrecken, Menschenopfer und Brutalität anging, stand dieser dem Zweiten in nichts nach.

Brigadier Pudding ist eigentlich ein Offizier des ersten Weltkrieges, war also Befehlshaber einer Brigade, die in der British Army etwa die Größe von 2400 Mann umfasste.

Ernest Pudding war dazu erzogen worden, an eine lückenlose Befehlshierarchie zu glauben, genauso wie die Männer der Kirche in früheren Jahrhunderten an eine Hierarchie des Seins geglaubt hatten. Die neueren Geometrien verwirrten ihn nur. Seine größte Stunde auf dem Schlachtfeld schlug im Jahre 1917 im gelbkreuz-geschwängerten apokalyptischen Schlamm von Ypern, als er einen schmalen Streifen Niemandsland von höchstens vierzig Meter Tiefe eroberte und dabei nur siebzig Prozent seiner Einheit verlor.

D.E.d.P., S. 126

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4a/German_dead_Guillemont_September_1916.jpg

Foto: Wikipedia, HMSO,public domain , Imperial War Museum catalogue number Q 4256

Zerstörte deutsche Stellung, Guillemont, September 1916

Brigadier Pudding meldet sich, schon hochbetagt als über 70 jähriger, beim Eintritt Großbritanniens in den 2. Weltkieg freiwillig zum Dienst für Volk und Vaterland.

Wir erfahren das er der Chef jeder ominösen <<Weißen Visitation>> geworden ist und werden nur andeutungsweise aufgeklärt was dieser Begriff bedeutet.....

Etwa zu beginn der großen Depression wurde er in den Ruhestand versetzt, nistete sich in ein Herrenzimmer in Devon ein, und umgab sich mit Photographien alter Kameraden,(...) und begann mit wahrer Leidenschaft, sich der kombinatorischen Mathematik zu bemächtigen, jener Lieblingsbeschäftigung pensionierter Armeeoffiziere.(....)

Als die Wandlungen so weit gediehen waren, daß deutsche Bomben auf England niederregneten, gab der alte General seien Plan auf und stellte sich seinem Land abermals als Freiwilliger zur Verfügung. Hätte er damals bereits geahnt, daß dies die <<Weiße Visitation>> bedeuten würde....nicht , daß er erwartet hätte, nochmals an die Front zu kommen, aber war da nicht von Geheimdiensttätigkeit die Rede gewesen?

D.E.dP, S.126/127

Die <<Weiße Visitation>> befindet sich zwar im Dunstkreis zahlreicher Geheimdienste und getarnt in einem „Irrenhaus", arbeitet aber eher im Bereich psychologische Kriegsführung. Sie soll parapsychologische Phänomene untersuchen und überhaupt alles Nutzbar machen, was dazu beitragen kann den Krieg gegen die Deutschen zu gewinnen.

Da wir mit Pudding eher nebenbei in den 1.Weltkrieg geführt werden, der wie der 2.Weltkrieg -sein „großer dynamischer Bruder“- ebenso Verteilungs und Aufteilungskrieg war. Ein Kampf des nachholenden Nationalismus deutscher Prägung um die Weltherrschaft. Es ist hilfreich hier einen Ausflug in die Kriegs -und Waffentechnologie-Historie zu unternehmen; ja mehr noch quasi in die Schützengräben einzutauchen. So können wir Brigadier Pudding, die <<Weiße Visitation>>, ja letztendlich den Krieg, und die „Vergeltungswaffen“ besser verstehen.

Die Verluste an Menschenleben waren auf beiden Seiten der Front unglaublich hoch.

Der 1.Weltkrieg kam in der Kriegsführung einer Epochenwende gleich, deren heraufziehen sich im amerikanischen Sezessionskrieg bereits abzeichnete und die Anwendung neuer militärischen Großgerätes (bzw. durch deren industrielle Massenproduktion erschwingliche Herstellung), in bisher nicht erlebter Größenordnung bedeutete.

Anhand eines Waffentyps möchte ich anschaulich machen, wie sich der Krieg auf die Menschen die ihm ausgesetzt waren auswirkte. Diese Waffentechnologie ist neben dem Graben, dem scharf geschliffenen Spaten für den Nahkampf, oder der Gasmaske so etwas wie ein Markenzeichen dieses Krieges.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

darf ich vorstellen, das Maschinengewehr "Maxim 08 "

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e5/Maschinengewehr_08_1.jpg

Foto: Wikpedia, HMSO,public domain, German World War I-era Maschinengewehr 08 (MG 08). Imperial War Museum catalogue number Q 35445.

„Deutsch, 1908. Wurde ab 1914 in größeren Mengen eingesetzt. Die Waffe war für viele der 60 000 britischen Gefallenen während der Somme-Schlacht am 1.Juli 1916 verantwortlich.

KALIBER 7,92 x 57, Kadenz: 500 Schuss/Min, Wassergekühlter Rückstoßlader“.

„1896 sicherte sich Vickers das Patent auf das Maxim-Maschinengewehr und lieferte es auch in andere Länder“.Sowohl das deutsche 08, wie auch das britische Vickers basieren auf der Konstruktion von Hiram Maxim, einem amerikanischen-britischen Konstrukteur. In Deutschland wurde es im verlauf des WK1- Krieges zum MG 08/15, einem leichteren Gewehr mit höheren Kadenz weiterentwickelt. Über die Lizenzbedingungen der Produktion ist nichts bekannt.

Quellen: Waffen Enzyklopädie, David Haring, Motorbuch Verlag, Wikipedia,

Nicht die Anwendung von Eisenbahngeschützen, Panzern und Flugzeugen in der sogenannten Materialschlacht alleine sorgte für den hohen Blutzoll, sondern die vorgestrige Angriffsstrategie der Generäle -vor allem auf der Seite der Alliierten. So wundert es nicht, dass die Reichswehr als Armee eines nachholenden Nationalstaates, neue Militärstrategien und Waffentechnologie besonders wirkungsvoll einzusetzen wusste. Schon die Einführung der modernen Kruppschen Stahlgusskanonen (Doppelte Reichweite gegenüber den französischen Bronzekanonen, höhere Schussabgabenrate) war für die deutsche Seite im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 kriegsentscheidend.

Die Generäle warfen im 1.WK auf beiden Seiten wahre Menschenmassen in gigantische Großoffensiven, zehntausende starben innerhalb von Stunden, so dass man für den Stolz des fiktionale Offizier Pudding, nur70 % seiner Männer bei der Erstürmung einer Anhöhe als Verlust zu verzeichnen, fast schon Verständnis aufbringen kann.

Von Ranke-Graves zeigt den unglaublichen Verlust an -vor allem jungen- Männern anhand seines Regiments, den Königlichen Welch-Füsilieren:

Im Verlauf des Krieges sind mindestens 15 000 oder 20 000 Mann durch jedes der beiden Frontbataillone gegangen, deren jeweilige Kampfstärke nie über 800 Mann hinausging. Nach jeder Katastrophe wurden die Reihen mit neuen Truppen aus der Heimat aufgefüllt.“

Von Ranke-Graves „Strich Drunter“, Rowohlt

In der Somme-Schlacht von Juli 1916 fielen beim Sturmangriff der Briten -trotz des dreitägigen massiven Artilleriebeschusses der Deutschen Stellungen- innerhalb einer Stunde 20.000 britische Soldaten. Dass lag vor allem an der sehr „effektiven“ Nutzung der Maxim-Maschinengewehrs,

Obwohl die Waffe von den Briten schon vor den 1 WK. In verschiedenen Kolonialkriegen zum Einsatz kamen, erkannten zunächst die wenigstens britischen Generäle das Vernichtungs -und Tötungspotential dieser schrecklichen Waffe.

Da Maschinengewehre dieser Zeit sehr schwer und unhandlich waren, konnte sich das militärische Potential zu dem erst richtig im festgefahrenen Stellungskrieg entfalten, mit wahrlich „durchschlagendem Erfolg“ So berichtet der Lyriker Robert und Kriegsteilnehmer von Ranke-Graves in seinem autobiographischen Buch „Strich Drunter!“:

Es war vereinbart worden, zugweise mit wechselnden Feuerschutz vorzugehen. Als sein*1 Zug etwa 20 Meter gelaufen war, gab er ihnen das Zeichen, in Deckung zu gehen und das Feuer zu eröffnen. Der Lärm war überwältigend. Er sah wie jetzt der Zug zur Linken sich niederwarf, und gab das Signal zum nächsten Vorpreschen. Niemand schien zu hören. Er sprang aus seinem Granatloch, winkte und signalisierte << Vorwärts>> Niemand rührte sich. Er schrie sie an: << Ihr verdammten Feiglinge, wollt ihr mich allein stürmen lassen?>> Der Feldwebel des Zuges, der mit gebrochener Schulter dalag stieß hervor: << Nicht Feiglinge, Sir, Sie täten`s schon, aber sie sind alle mausetot.> Das Maschinengewehr an der >>Papstnase*2>> hatte sie, als sie sich auf seinen Pfiff hin erhoben, beim Abstreichen gefaßt.“

*1 ein ander Offizier des Regiments, *2 Vermutlich vorspringender deutscher Grabenverlauf

Von Ranke-Graves „Strich Drunter“, Rowohlt

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/92/MG-Nest2_retouched.jpgFoto: Wikipedia, gemeinfrei. Urheber: Sendker

Alte Postkarte, Deutsches MG-Nest, vermutlich gestellte Aufnahme

Jeder Stellungsabschnitt der Reichswehr war mit mindestens zwei Maschinengewehren ausgestattet: Die Waffen wurden aber nicht direkt auf den anstürmenden Feind gerichtet, sondern nahmen die Angreifer von beiden Enden her im Kreuzfeuer unter Beschuss, ungefähr im Winkel von 45 C.

Die optimale strategische Anwendung dieser Massenvernichtungswaffe setze sich auf beiden Seiten der Front sehr schnell durch und zusammen mit Schrapnell-Munition, Granatwerfern, Handgranaten-Nahkampf sorgte sie dafür, dass ich die Mannschaften buchstäblich unter die Erde graben mussten, um eine wenigstens minimale Überlebenschance zu haben.

Mit Pudding zurück in die „Weiße Visitation“

Damit kehren wir nun zum Ende des 1.Teils wieder zu Pudding zurück.

Den Schrecken der MG Salven, des 6-12 Stundenlangen Artillerie-Beschlusses der Stellungen vor Offensiven, der Schuss des Scharfschützen auf den Frischling, der zum ersten mal auf die Deutschen Stellungen schauen möchte und mit Kopfschuss in den Graben fällt, die Patrouille die in den sicheren Tod geschickt wird, die Abstumpfung und Barbarisierung der am Leben gebliebenen, dies alles macht die Person des Brigadiers Pudding erklärbar. Er ist das Abziehbild des britischen Offiziers, der seinen Widerpart auf der anderen Seite der Front wiederfindet – Eine literarische Person, scheinbar so echt wie Ernst Jünger! Man kann den Eindruck gewinnen, als wolle Pynchon hier dem Offizier an sich ein „Denkmal“ setzen, so etwa wie Erich Maria Remarque in der Person des Offiziers Himmlelstoss in „Im Westen nichts Neues“ stellvertretend für all die geschundenen Rekruten dieser Welt ein literarisches Denkmal der speziellen Art setzte.

Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ ist ein ebenso lesenswertes Buch. Schon der Titel erhebt den Krieg zu einer natürlichen Gesetzmäßigkeit, den Kampf zum menschlichen Naturzustand.

Nur so konnte viele diesen Krieg wohl überleben, in dem man alle menschlichen Gefühle, die Gedanken an die Familie und das echte Leben auslöschte.

Auch beim britischen Offizier mit deutschen Wurzeln, Ranke-Graves zeigt sich diese Haltung in seinem Buch: Es ist normal zu töten, es ist normal getötet zu werden -beispielsweise auch für vergleichsweise geringe vergehen, wie durch einen Botengänger verschütteten Rum der vor Sturmangriffe bei den Briten ausgegeben wurde.

Sie sind alle irgendwie Pudding.

Brigadier Pudding er ist eben das harte alte Frontschwein, der heldenmütige Offizier, der vom Rausch der Krieges nicht lassen kann, weil man sich im Angesicht des Todes seiner Lebendigkeit so sehr bewusst wird und gerade die Offizier der Rausch aus Macht, Angst, Erregung und Selbsterhöhung im Augenblick des Mordens psychisch deformiert, dieser aber den schrecken des Krieges nicht los wird. Der Krieg hält Pudding gefangen, er ist sein Diener.

Teil 2, Wir nähern uns der >>Weißen Visitation<< folgt in kürze.

Anmerkung:

Für die Recherche zu diesem Beitrag habe ich alle Fakten geprüft,

ich bin aber kein Militärhistoriker und habe auch nicht „gedient“, sollten mir Fehler unterlaufen sein, bitte ich kundige Mitmenschen um korrigierende Kommentare.

Der Text ist Teil eines Projekts:
Wir lesen gemeinsam Thomas Pynchons "Die Enden der Parabel".

23:11 21.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Onkel Wanja

Onkel Wanja Literatur-Euphoriker
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