Die Enden der Parabel. Vom "allwissendem Erzähler"...(66-190)

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........... und von der Zulässigkeit von Rückschlüssen auf die persönliche Haltung des Autors.

Pynchon darf man getrost als „allwissenden Erzähler“ bezeichnen, da dies eine gängige literaturwissenschaftliche Kategorie, wie zB. der klassische „Ich-Erzähler“ ist. Es dürfte über diese Bezeichnung also keine große Diskussion innerhalb unser Lesegemeinschaft geben. Denn wir haben schon in den ersten 65 Seiten erleben dürfen, wie Pynchon gottgleich in die Köpfe seiner Personen schaut, wie er sie reden und denken lässt, wie er uns die gehetzte Hundekreatur aus Sicht des Vierbeiners schildert und uns den Eindruck vermittelt, als könne der Erzähler selbst die Erde zum Reden bringen.

Er erinnert sich an ähnliche Dunkelheit in die er vor einem Irisch-Setter flüchtet, der nach Kohlerauch riecht und an dem ersten Blick angreifen wird... ein anderes Mal vor einen Rudel Kinder, kürzlich erst vor einem jähen Schlag aus Lärm und Licht, einem Ziegelregen, der ihn an der Linken Flanke erwischt.“( S.70)

Da in diesem Falle gerade das Kapitel beginnt und vorher die Situation der Hunde-jagt aus der Sicht des Hundejägers dargestellt wird, merkt man erst nach einigen Zeilen, dass es einen Perspektivwechsel von Jäger ( Roger) zu gejagtem ( Hund) gegeben hat. Diesen Perspektivwechsel mutet uns Pynchon ohne den Versuch der Einleitung öfters zu, ja man hat den Eindruck, er spiele damit absichtlich.

Hier finden wir auch den Einstieg zu der Frage, in wie weit Rückschlüsse auf Grund des geschriebenen, zB. der Darstellungsweise von Frauen im Buch zulässig sind. Sicherlich wäre es eher zulässig den Autor als „Frauenverächter“ zu kategorisieren (was hier schon in Blogg -Beiträgen angeklungen ist), wenn Pynchon als „Ich-Erzähler“ seine Geschichte entwickeln würde. Da er aber ständig die Perspektive wechselt, ja manchmal über der Geschichte wie Gott zu schweben scheint, sind solche Rückschlüsse schwierig und eher etwas hergeholt. Abgesehen davon, dass man generell in dieser Hinsicht Vorsicht walten lassen sollte, da man sonst schneller als Anhänger der Zensur und der Political Correctness dasteht, als man Alice Schwarzer sagen kann“! Wir bezeichnen ja den großen Schriftsteller Vladimir Nabokov auch nicht als Pädophilen, nur weil er ein Buch geschrieben hat ( „Lolita“) welches aus der Sichtweise eines „Ich-Erzählers“ von einem Mann erzählt, der eine Frau heiratet um an dessen Tochter heran zu kommen.


Pynchon stellt eben die Welt, den Krieg, das Töten, den Geschlechtsakt, die menschliche Zivilisation, Liebesbeziehungen, das Geschlechterverhältnis, Hetero -und Homosexualität, usw. in ein erbarmungsloses, grausames und doch manchmal magisches Licht.

Selbst wenn zB. Roger und Jessica in ihrem „geheimen Haus“so etwas wie romantische Zweisamkeit entfalten können, „klopft“ doch der Tod in Form der Druckwelle einer -in der Nähe des Hauses einschlagenden- „V2“ an.


Dennoch werde ich mich was die politische Haltung des Autors an geht, weit aus dem Fenster lehnen und doch Rückschlüsse auf seine Haltung vollziehen: Vielleicht entspricht es meinem Wunschdenken, aber ich glaube das Thomas Pynchon kein Freund unseres weltweiten herrschenden Systems ist. Der Rückschluss begründet sich aber nicht auf einzelne Zitate, sondern auf drei von Pynchons Büchern die ich bereits gelesen habe.


Ich werden im Verlauf unseres gemeinsamen Lesen`s darauf zurück kommen und werde euch zu diesem Thema noch ein „Zuckerstückchen zu werfen“:

Doch manchmal ging Veikko noch weiter und wurde philosophisch. Er hatte nie einen großen Unterschied zwischen dem Regime des Zaren und dem amerikanischen Kapitalismus gesehen. Indem man gegen das eine kämpfe, fand er kämpfe man zugleich gegen das andere. Eine Art weltweite Perspektive. <<War für uns vielleicht ein bisschen schlimmer in die USA zu kommen, nachdem wir so viel von <Land der Freien> gehört hatten.>> Er hatte geglaubt, einen Übel entronnen zu sein, nur um dann feststellen zu müssen, dass das Leben hier ebenso schäbig und kalt war, den gleichen gewissenlosen Reichtum vorzufinden, die gleichen Armen im Elend, Armee und Polizei frei wie Wölfe, im Namen der Bosse Gräueltaten zu verüben, die Bosse zu allem bereit, um zu schützen, was sie zusammen gestohlen hatten. Der Hauptunterschied in seinen Augen war, dass die russische Aristokratie, nachdem sie jahrhundertelang an nichts als ihre Betitelung geglaubt hatte, schwach und neurasthenisch geworden sei. <<Aber amerikanische Aristokratie ist noch kein Jahrhundert alt. Auf gipfel ihrer Kampfkraft, stark von Anstrengungen, die es gekostet hat, ihren Reichtum zu erwerben, eher eine Herausforderung. Guter Feind.>>

Thomas Pynchon, „Gegen den Tag“(2008), S 127-128


Interessant sind im Zusammenhang die Rezensionen des besagten Buches aus welchem mein letztes Zitat stammt:

Wie bei aller großen Literatur – von Werther bis zur Kartause von Parma oder zu den Romanzyklen des John Dos Passos – schmilzt unser Autor Wirklichkeit mit ein; er singt »die große antikapitalistische Hymne«, er zeigt das Menschenzerstampfende der industriellen Gründerjahre, in denen aus Blut und zerschundenen Knochen jener gleißende Reichtum der Carnegies und Rockefellers entstand, den wir heute noch in des Eisenbahnkönigs prunkvoller Frick Collection bewundern.“ Auszug aus: „Ein Wunderwerk“, Fritz J. Raddatz, 15.05.2008 Nr. 21

www.zeit.de/2008/21/L-Pynchon


Sind wir also tolerant....... Sprecht es mir nach: Literatur darf alles!

Der Text ist Teil eines Projektes:

Wir lesen gemeinsam Thomas Pynchons „Die Enden der Parabel“.

01:26 29.08.2010
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Geschrieben von

Onkel Wanja

Onkel Wanja Literatur-Euphoriker
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hibou | Community