Das Hohelied der Lieder

Liebesdichtung Er küsse mich ...
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Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes, denn deine Liebe ist lieblicher als Wein. Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Jungfrauen.

So, oder ähnlich in anderen Übersetzungen, beginnt „das Hohelied Salomos“.

Luther gab dem Lied diesen Titel, im Anklang an das „Hohelied der Liebe“ aus dem Korintherbrief des Apostels Paulus, in dem es u.a. heißt:

„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts.“

Der eigentliche und ursprüngliche Titel des Salomo zugeschriebenen Liedes lautet jedoch so schlicht wie all-umgreifend „Das Lied der Lieder“. Wäre Salomo tatsächlich der Autor, wäre das Lied dreitausend Jahre alt. Die Urheberschaft, wie der sagenhafte König selbst, ist jedoch keineswegs gesichert. Sicher aber ist, dass es 2500 Jahre alt ist, denn zu dieser Zeit des zweiten Tempels hat es Eingang in die kodifizierten Schriften des Tanach gefunden, des von den Christen so genannten Alten Testamentes der Bibel.

Das ist nun an sich schon ein bemerkenswerter Tatbestand, denn es findet sich in dem Text keinerlei religiöse Aussage, und der Name Gottes erscheint nur ein- oder zweimal beiher. So ist denn die mehr oder weniger einhellige Erklärung der Theologen dafür der angebliche symbolische Charakter des Textes. Nach jüdischer Lesart stellt das Liebespaar den Bund zwischen JHWE und seinem Volk Israel dar, nach christlicher die Liebe Jesu zu seiner Kirche. Dabei wird offenbar vollkommen eskamotiert, dass die in äußerst sinnlichen Bildern beschriebene körperliche Liebe zumindest auf die christliche Scholastik anstößig gewirkt haben muss.

Im Text geht es weiter mit

„Zieh' mich dir nach! - o laß uns eilen!“

„Trahe me post te“ ist die wörtliche lateinische Fassung in dem Weihnachtslied, Zieh mich zu dir hin, aber beeil’ dich, komm, mach schnell!

In den folgenden Zeilen:

„Ich bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems (…) Seht mich nicht an, daß ich so schwarz bin; denn die Sonne hat mich so verbrannt“

äußert sich eine Mischung aus Selbstbewusstsein und Minderwertigkeitsgefühl der Geliebten gegenüber den Frauen des Jerusalemer Bürgertums. Es muss offen bleiben, ob sich hier wirklich die im Weinberg und auf den Weiden arbeitende Landbewohnerin artikuliert, oder eine Migrantin aus dem Süden. Möglicherweise eine aus Nubien nach Ägypten gelangte, denn das Lied ist, wiewohl vielfach so angenommen, keineswegs die älteste Liebesdichtung überhaupt, sondern greift nachweislich auf ältere ägyptische und mesopotamische Quellen zurück. Und lange vor dem Sklavenhandel des modernen Kolonialismus entsteht der Prototyp der farblich diskriminierbaren „Schwarzen“ Sklaven, die die pharaonischen Heere aus dem südlichen Nubien, dem heutigen Sudan, neben Bodenschätzen nach Ägypten importieren, bis dort Feldherren aus Nubien den Pharaonenthron besteigen.

Faszinierend und anregend an dem Gedicht ist zumal die ausufernde sinnliche, zum Teil verblümt unverblümte sexuelle Metaphorik. Wie hat man sich etwa die Lippen vorzustellen, aus denen der Honigseim trieft? Hierbei dominieren Vergleiche mit orientalischen Früchten und Gewürzen und aus dem Leben der Hirten. Einige von zahlreichen Beispielen:

- Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern.

- Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Söhnen

- Er führt mich in den Weinkeller, (…) Er erquickt mich mit Blumen und labt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe. Seine Linke liegt unter meinem Haupte, und seine Rechte herzt mich.

- Deine Augen sind wie Taubenaugen zwischen deinen Zöpfen. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die gelagert sind am Berge Gilead herab.

- Deine Zähne sind wie eine Herde Schafe mit bechnittener Wolle, die aus der Schwemme kommen,

- Deine zwei Brüste sind wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Rosen weiden.

- Deine Lippen, meine Braut, sind wie triefender Honigseim; Honig und Milch ist unter deiner Zunge

- Deine Gewächse sind wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten, Zyperblumen mit Narden, Narde und Safran, Kalmus und Zimt, mit allerlei Bäumen des Weihrauchs, Myrrhen und Aloe mit allen besten Würzen.

- Stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind, und wehe durch meinen Garten, daß seine Würzen triefen! Mein Freund komme in seinen Garten und esse von seinen edlen Früchten.

In den Versen

Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du. … Siehe, mein Freund, du bist schön und lieblich

erscheint die symmetrisch-tektonische Struktur, die den ganzen Text durchzieht, wie ein Wechselgesang des gegenseitigen Aufeinander-Bezogenseins.

Die elementare und prägnante Gestalt dieser Gegenüberstellung, dieses Einander-Gegenüberstehens, erscheint in der denkbarsten Schlichtheit:

„Mein Freund ist mein, und ich bin sein“.

Es darf davon ausgegangen werden, dass mit dem „Erkennen“ eines DU als Gegenüber (Maria sagt zum Angelus, dem Boten Gottes: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“) zugleich das Bewusstsein eines ICH, ein ICH-Bewusstsein entsteht. Beides, das Ich-Bewusstsein wie die Liebe, sind genuin menschliche Errungenschaften. Das Gefühl der Liebe, so habe ich mich von kundigeren Leuten belehren lassen, ist nicht, wie die elementaren Gefühle, in der Großhirnrinde angesiedelt, die wir mit höheren Tieren teilen, sondern in den vorderen Stirnlappen, die erst auf der humanen Stufe der Evolution ausgebildet worden sind.

Man darf wohl so weit gehen zu sagen, dass die ausgeprägte Form der Liebe in Abhängigkeit von ihrem sprachlichen Ausdruck entsteht. In Abwandlung eines Titels von Nietzsche: „Die Entstehung der Liebe aus dem Geiste der Dichtung“.

(Meine Gewährsleute aus der Psychologie zumal: Carroll Izard, Die Emotionen des Menschen und António R. Damásio, Descartes’ Irrtum.)

Das älteste bekannte Liebesgedicht in deutscher Sprache, das wir kennen, ist die Liebeserklärung einer anonymen Dame an einen Kleriker und nährt sich eindeutig aus dem Hohelied, der mittelhochdeutsche Text bedarf wohl keiner Übersetzung:

Dû bist mîn, ich bin dîn:

des solt dû gewis sîn;

dû bist beslozzen in mînem herzen,

verlorn ist daz slüzzelîn:

dû muost och immer darinne sîn.

Und Goethe kannte eindeutig das Hohelied, fertigte er doch eine Übersetzung des Gedichtes an. Von dem 18-Jährigen stammt das schönste Liebesgedicht, das ich kenne:

Johann Wolfgang Goethe

Mailied

Wie herrlich leuchtet

Mir die Natur!

Wie glänzt die Sonne!

Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten

Aus jedem Zweig

Und tausend Stimmen

Aus dem Gesträuch.

Und Freud und Wonne

Aus jeder Brust.

O Erd', o Sonne!

O Glück, o Lust,

O Lieb', o Liebe,

So golden schön

Wie Morgenwolken

Auf jenen Höhn,

Du segnest herrlich

Das frische Feld,

Im Blütendampfe

Die volle Welt!

O Mädchen, Mädchen,

Wie lieb' ich dich!

Wie blickt dein Auge,

Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche

Gesang und Luft,

Und Morgenblumen

Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe

Mit warmen Blut,

Die du mir Jugend

Und Freud' und Mut

Zu neuen Liedern

Und Tänzen gibst.

Sei ewig glücklich,

Wie du mich liebst.

Auch hier wieder die Gegenüberstellung, die Begegnung von einem ICH und einem DU. Und: Die Naturgegenstände und die Natur überhaupt werden als liebende und sexuelle Subjekte vorgestellt („Es dringen (!) Blüten aus jedem Zweig - Und Freud und Wonne aus jeder Brust.“)

Es bleibt dem sinnenfreudigen Dichter Heinrich Heine vorbehalten, in seiner unvergleichlich ironischen Art das Lied der Lieder aus dem abstrakten, vergeistigten Theologenhimmel herunterzuholen auf die fleischlich-sinnliche Erdenliebe des Liedes:

Heinrich Heine

Das Hohelied

Des Weibes Leib ist ein Gedicht,

Das Gott der Herr geschrieben

Ins große Stammbuch der Natur,

Als ihn der Geist getrieben.

Ja, günstig war die Stunde ihm,

Der Gott war hochbegeistert;

Er hat den spröden, rebellischen Stoff

Ganz künstlerisch bemeistert.

Fürwahr, der Leib des Weibes ist

Das Hohelied der Lieder;

Gar wunderbare Strophen sind

Die schlanken, weißen Glieder.

O welche göttliche Idee

Ist dieser Hals, der blanke,

Worauf sich wiegt der kleine Kopf,

Der lockige Hauptgedanke!

Der Brüstchen Rosenknospen sind

Epigrammatisch gefeilet;

Unsäglich entzückend ist die Zäsur,

Die streng den Busen teilet.

Den plastischen Schöpfer offenbart

Der Hüften Parallele;

Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt

Ist auch eine schöne Stelle.

Das ist kein abstraktes Begriffspoem!

Das Lied hat Fleisch und Rippen,

Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt

Mit schöngereimten Lippen.

Hier atmet wahre Poesie!

Anmut in jeder Wendung!

Und auf der Stirne trägt das Lied

Den Stempel der Vollendung.

Lobsingen will ich dir, o Herr,

Und dich im Staub anbeten!

Wir sind nur Stümper gegen dich,

Den himmlischen Poeten.

Versenken will ich mich, o Herr,

In deines Liedes Prächten;

Ich widme seinem Studium

Den Tag mitsamt den Nächten.

Ja, Tag und Nacht studier ich dran,

Will keine Zeit verlieren;

Die Beine werden mir so dünn -

Das kommt vom vielen Studieren.

So ganz ungetrübt lässt sich das Gedicht allerdings kaum noch betrachten, nachdem Adorno meinte, nach Auschwitz sei kein Gedicht mehr möglich und Paul Celan dennoch ein Gedicht gewagt hat, und zwar ausgerechnet über Auschwitz. Da wird Sulamith, das ist der Name der Schönen aus dem Hohelied, mit aschenen Haaren dem blonden Gretchen gegenübergestellt.

Das Gedicht hier aber nur als Link:

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/todesfuge-66#.VJ_zz7gAB4

Die von mir verwendete Übersetzung des Hohelied in vollstäniger Form:

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/hohelied/1/

Verschiedene Übersetzungsvarianten für Interessierte:

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/lied/lied.htm

oranier

16:19 28.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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