German Rechthaberei? Gegen Georg Seeßlen.

Sarrazin-Diskussion Georg Seeßlen schreibt im Freitag nicht nur über Sarrazins Buch, sondern meint im Subtext die psychische Verfassung des Autors erkennen zu können. Das ist eine Anmaßung.
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Seeßlen zieht hier mit einem Text gegen Sarrazin zu Felde, der offensichtlich so einige FC-Mitglieder anspricht, ja überzeugt. Verständlich, aber die Überzeugungskraft des Textes nährt sich ganz gewiss weniger aus seinem informativen Gehalt, der überaus dürftig ist, als vielmehr aus einer geschickten, für den Autor einnehmenden Rhetorik, die jedoch eher manipulativ als aufklärend wirkt.

  1. Seeßlen schreibt eingangs:

„Das Buch enthält nichts, was dein lokaler Rechtspopulist um die Ecke nicht auch bei jeder Gelegenheit zum Besten gibt.“

Dabei hätte er es ja auch eigentlich bewenden lassen können, getreu der Devise: goar net ignorieren!. Er jedoch fähr fort und wechselt unversehens auf eine andere Bühne. Im ganz großen Gestus einer quasi religiösen Botschaft schreibt er:

„Es bleibt mir nichts anderes übrig, als dieses Buch wie eine Krankenakte zu studieren.“

Er gemahnt an Luthers Diktum: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Seeßlen aber könnte nicht nur anders, sondern er müsste sogar anders. In dünkelhaft anmaßerischer Weise gibt er sich quasi als psychiatrische Koryphäe aus: er „studiert“ die als Buch getarnte Krankenakte Sarrazins. Das Buch ist quasi ein Palimpsest, was dort geschrieben steht, ist nur die Oberflächenstruktur. Darunter gibt es eine „Tiefenstruktur“, in der die eigentliche Aussage Sarrazins offenbar wird, vorzüglich für Seeslen: er will sich, so der eigentliche Subtext, „von seinen christlichen und humanistischen Restemotionen und -verpflichtungen befreien.

Was ist die Rechthaberei Sarrazins gegen eine derartige Hybris?

Dabei schrickt Seeßlen nicht einmal vor offenkundigen Scheinzitaten zurück. In Anführungszeichen:

„Ich habe recht und alle, die etwas was (sic!) dagegen haben, sind Schurken, Wahnsinnige oder Verräter“.

Ich würde mich, in angemessener Bescheidenheit, nicht als psychologischen, psychiatrischen oder psychoanalytischen Fachmann bezeichnen, aber ich verwette meinen Hals darauf, dass vielleicht Scharlatane, niemals aber seriöse Fachleute, sich bloß anhand eines gedruckten Textes eine Diagnose über die Persönlichkeitsstruktur des Autors erlauben würden. Und schon gar nicht als „Krankenakte“ in der Öffentlichkeit, und erst recht nicht mit dem Ziel der Herabwürdigung (vgl. dort Cristine Quindeau!),

Dass einem solchen Bestreben aber nicht nur ethische Bedenken, sondern auch und gerade strukturelle Hindernisse im Wege stehen, dazu folgt ein zweiter Teil, u.a. gegen Miauxx.

Ganz unerfindlich bleibt nebenbei, wieso der Autor sich gegen manifeste Vorurteile wendet, dabei aber Sarrazins Haltung umstandslos mit einem - negativen - nationalistischen Etikett versieht („German Rechthaberei“, - „deutsche Krankengeschichte.“).

Teil 2, auch in Antwort auf einige Kommentator_innen unter diesem Beitrag:

"Die Kunst, falsch zu interpretieren.

Warum sich von einem Text nicht so leicht auf die Persönlichkeitsstruktur des Autors schließen lässt - auch nicht, wenn dieser Sarrazin heißt."

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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