Jüdisches Leben in Bremen

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Vor kurzem habe ich einen knappen Kommentar unter den Bericht über eine Stadtführung im Bremer Weser-Kurier geschrieben, in dem es um Juden in Bremen ging, der ebenso wenig Wirkung erzeugte wie ein Leserbrief zum Thema, der unveröffentlicht und unbeantwortet blieb.

Hier nun zu einer neuerlichen Führung meine ausführlichere kritische Stellungnahme, die vielleicht interessierte Leser findet und die ich als Link dann im WK lancieren kann.

Meine Empfehlung an die Autorin Frau Gruse (s. Kommentar zum Teil 14 der Reihe "Stadtführungen"!) erst nachzudenken, bevor sie etwas über die Juden schreibt, hat leider wenig gefruchtet.

www.weser-kurier.de/Artikel/Bremen/Kultur/430857/Als-Bremen-zu-Frankreich-gehoerte.html

Denn ich habe kaum jemals einen solchen gedankenlosen und uninformierten Unsinn in einer Zeitung gelesen, wie er nun hier zu finden ist:

www.weser-kurier.de/Artikel/Bremen/Vermischtes/Stadtfuehrungen/434085/Auf-den-Spuren-juedischen-Lebens.html

Da ist die Datierung des 1891 geschaffenen Domportal-Reliefs als "in der NS-Zeit entstanden" noch das Geringste, wiewohl es nichts als Kopfschütteln zu erzeugen vermag. Die Aussage "Die Domgemeinde distanziert sich von den antisemitischen Darstellungen auf den Portalen und bewahrt sie aber als historisches Gut" verfälscht auch die Erläuterung auf der endlich 2009 (64 Jahre nach der NS-Zeit!) anlässlich des Kirchentags angebrachten Begleit-Tafel. Laut dem Text der Domgemeinde auf der Tafel werden die Reliefs nicht als "historisches Gut" (was für ein nichtssagender flacher Ausdruck!) bewahrt, sondern als "Mahnmal" gegen "Diskriminierungen aus ethnischen und religiösen Gründen"

Diese halbherzige Lösung wird jedoch auch, m.E. zurecht, kritisiert:

www.theomag.de/59/am287.htm

Der Höhepunkt des Unsinns in dem Artikel ist jedoch der Satz:

„Die Juden waren von Allem ausgeschlossen, was von der Zunft geregelt wurde. Das bedeutete, dass sie nur mit Handel oder Bestattungen Geld verdienen konnten. Diese beiden Berufe galten als unrein“.

Der Beruf des Händlers unrein? Im Gegensatz zu der offenbar nicht einmal über die elementarsten Kenntnisse der Bremer Geschichte und Gegenwart verfügenden Reporterin des "Weser-Kurier" weiß hier in Bremen sonst jedes Schulkind, zumindest wird das von ihm erwartet, dass Bremen seit dem ausgehenden Mittelalter der Hanse, einem Bund von Handelsstädten angehörte, später mit den Waren des Überseehandels Kaffee, Tabak und Baumwolle reich wurde und dass seither bis in die jüngste Zeit die reichen Kaufleute die geachtetste und beherrschende Schicht in der Stadt bildeten. Sinnfällig demonstriert wird dies u.a. durch die seit dem 16. Jh. alljährlich stattfindende "Schaffermahlzeit" und durch den Einfluss, den die "Handelskammer" auch heute noch in allerlei öffentlichen Angelegenheiten nimmt. "Unreine" Berufe stellt man sich anders vor.

Tatsächlich bestimmten und organisierten die Zünfte in vorindustrieller Zeit die handwerkliche Produktion in den Städten. Zu den sog. "unreinen" Berufen gehörte der Umgang mit Tod und Toten, wie bei Totengräbern und Henkern, aber auch das Töten von Tieren verstieß gegen die Zunftordnungen. Das erledigten nicht die Fleischer, sondern die "Knochenhauer" als unzünftiges Gewerbe. Daneben gab es eine Reihe von "unreinen" Personen, wie unehelich Geborene, Kinder von Knechten, Nachtwächtern, Feldhütern, Schäfern u.a., denen der Zugang zu den Zünften verwehrt war. Ob auch die Juden dazu zählten, entzieht sich derzeit meiner Kenntnis.

Die waren aber ohnehin im Mittelalter grundsätzlich von den Zünften und damit weitgehend vom Handwerk ausgeschlossen, da diese sich als christliche Vereinigungen etabliert hatten und verstanden. Der Zunftzwang wurde allerdings in Preußen schon 1810 aufgehoben und stattdessen wurde die allgemeine Gewerbefreiheit garantiert. In Bremen erließ der Senat unter dem Eindruck der bürgerlichen Revolution 1849 eine obrigkeitliche Verordnung, in der es u.a. hieß:

"Hinsichtlich des Geschäfts- und Gewerbebetriebs sind die Juden den Christen gleichgestellt, unterliegen dagegen aber auch den nämlichen Gesetzen und Vorschriften wie diese",

was den jüdischen Emanzipationsbestrebungen in jener Zeit im Hinblick auf rechtliche Gleichheit durchaus entsprach.

Es ist naturgemäß nicht bekannt, in welchem Ausmaß Juden durch die zünftigen Schranken an der Ausübung eines Handwerks damals gehindert waren. Sehr wohl aber ist zumindest im Ansatz dokumentiert, mit welchen diskriminierenden Bestrebungen und Maßnahmen die christlichen Gewerbetreibenden und die Regierenden sich nicht nur die jüdische Konkurrenz, sondern in einem Aufwasch die gesamte Judenheit buchstäblich vom Leibe hielten, ob mit oder ohne Zunftordnung.

In Gruses Artikel zur Franzosenzeit heißt es zu dem in Bremen bis heute hochgeachteten und verehrten Bürgermeister Johann Smidt, er sei "damals von großer Bedeutung" gewesen und habe mitgeholfen, "aus Bremen einen eigenständigen Staat zu machen.", was heute allerdings allenfalls für Lokalpatrioten von Bedeutung ist. Ich schrieb daraufhin in einem Leserbrief an den WK, dass ich stattdessen einen Hinweis auf die verheerende antijüdische Politik dieses antisemitischen Bürgermeisters vermisst hätte. Darauf erfolgte, wie gesagt, keinerlei Reaktion, man hätte aber wenigstens in diesem neuerlichen Artikel, in dem es explizit um das jüdische Leben in der Bremer Geschichte gehen soll, darauf zu sprechen kommen können. Stattdessen dieser unsägliche Schmarren von den Juden als unreinen Händlern und Totengräbern.

Was den Handel betrifft, so sorgte der Bremer Senat im Konnex mit dem "Krameramt", einer Gilde von Kleinhändlern, die im Gegensatz zu den Kaufleuten die Domäne auf den Handel mit Kleinwaren ("Kram") innehatte, dass den Juden der entsprechende Handel, den sie angeblich als unreine Betätigung einzig betreiben durften, verboten oder durch allerlei Verordnungen faktisch verunmöglicht wurde, ja dass sie großenteils ganz aus Bremen vertrieben wurden. Die restriktiven Maßnahmen, mit denen Bremen im Gegensatz zu anderen großen Städten weitgehend "judenrein" gehalten wurde, fanden damals sogar in ausländischen Zeitungen ein negatives Echo, aber natürlich wurde Johann Smidt später von den Nazis dafür ausdrücklich gelobt und verehrt.

Zu dem Totengräber-Unsinn ist wenig zu sagen. Die 20-30 jüdischen Familien, die im späteren 19. Jh. in Bremen wieder lebten, brauchten kaum, wie z.B. die große jüdische Gemeinde in Frankfurt/Main, einen hauptamtlichen Totengräber, und die jüdischen rituellen Bedingungen der Totenbestattungen, die z.B. keine Störung der Totenruhe durch spätere Räumung der Gräber zwecks Neubestattungen erlauben, waren kaum dazu angetan, dass sich Juden ausgerechnet auf christlichen Friedhöfen als "Bestatter" betätigten. Für solche merkwürdigen Behauptungen sollte das kongeniale Duo Zapf/Gruse mal Belege liefern.

Tatsächlich war das 19. Jh. nicht nur das Jahrhundert der jüdischen Emanzipationsbestrebungen, getragen von der, wie man heute weiß, tragischen und einseitigen Liebe zur deutschen Kultur und zum deutschen Heimatland, sondern die Betätigung von Juden in den unterschiedlichsten Berufen war auch ausgesprochen bunt und vielfältig. Für Bremen sind verbürgt: Bankhäuser, Lotterie-Agenturen, Baumwollhandel, sogar ein Polizeikommisar, ein Kristallglas-Schleifer, ein Zigarrenmacher.

Die Bremer Zigarrenmacher sind ein Musterbeispiel für das unzünftige Handwerk, das sich seit etwa 1600 herausbildet und wo sog. "Bönhasen" oder "Pfuscher" als außerhalb der Züfte produzierende Handwerker teils illegal betätigten, teils durch die politische Führung als "Freihandwerker" gebilligt oder gar aktiv bestätigt, ohne dass die Zünfte dagegen etwas hätten unternehmen können. Die Protoindustrie, Verlage und Manufakturen, in denen die Zigarrenmacher vorwiegend als proletarisierte Handwerksgesellen Lohnarbeit verrichteten, etablierte sich vorwiegend außerhalb der Stadtmauern bzw. in eigens neu errichteten Stadtteilen, wie der Bremer "Neustadt" links der Weser, wohin der Einfluss der Zünfte nicht reichte.

(Dass und wodurch die Bremer Zigarrenmacher eine Vorreiterfunktion für die linke Arbeiterbewegung einnahmen, die sich noch bis zum Ende des 1. Weltkriegs auswirkte, wäre ein eigenes Kapitel wert.)

In seinem jüngst erschienenen Buch "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" legt Götz Aly, etwas ausladend, dafür anhand zahlreicher Beispiele umso überzeugender, dar, dass die Juden über ein ungleich höheres Bildungsinteresse verfügten als ihre christlichen Zeitgenossen und daher auch in verhältnismäßig wesentlich größerer Zahl höhere Bildungsabschlüsse erreichten. So verwundert es nicht, dass zu der Zeit auch in Bremen neben den oben erwähnten Gewerben Juden zumal in akademischen und künstlerischen Berufen hervortraten. Darunter z.B. ein Löbel Scherek, Professor an der Handelsschule, "ein echter idealgesinnter deutscher Gelehrter", als den seine Zeitgenossen ihn ansahen, daneben der Geograph und Botaniker Siegfried Buchenau, Direktor der Realschule am Doventor, der als Jude geborene spätere Pastor an der Martini-Kirche Moritz Schwalb, der ebenfalls "jüdische Pastor" und Künstler Gollancz, die als "Schwedische Nachtigall" gerühmte Sängerin Jenny Lindt und andere.

Man kann anhand dieser Entwicklungen und der feindlichen Machenschaften und Maßnahmen der christlichen Bremer Bürger und Regierenden durchaus die zentrale These Alys nachvollziehen, dass der Neid ein entscheidendes Movens für den in der zweiten Hälfte des 19. Jh. grassierenden und sich potenzierenden bürgerlichen Antisemitismus darstellte.

Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle, dass das Bremer Stadttheater, unter dem Einfluss des calvinistischen kunstfeindlichen Klerus und eines gleichgültigen Bürgertums künstlerisch darniederliegend, durch das Engagement jüdischer Künstler: Schauspieler, Opernsänger, Instrumentalisten, Konzertmeister, zu künstlerischer Blüte gelangte, ein Jahrhundert nach dem Wirken Gottschedts und der Neuberin in Leipzig und Lessings in Hamburg.

Keine Frage: nicht ein Bruchteil von all diesem ließe sich im Rahmen einer Stadtführung darstellen. Wenn eine solche Replik aber vonnöten ist, um den Unsinn der Stadtführung "Spuren jüdischen Lebens" samt Berichterstattung darüber geradezurücken, in welcher lakonisch behauptet wird, die Juden hätten "nur mit Handel oder Bestattungen Geld verdienen" können, dann deutet das darauf hin, dass die Führung auf reine Unterhaltung aus ist und Vorurteile nicht nur befestigt, sondern auch neue erzeugt, statt Bildung und Aufklärung zu befördern.

Ich werde in einem Nachtrag noch darauf zu sprechen kommen, dass sich auf die Spuren jüdischen Lebens zu begeben nach Lage der Dinge nicht zuletzt auch bedeutet, sich auf die Spuren jüdischen Sterbens zu begeben. Da die Stadtführung offenbar gar nicht mehr angeboten wird, sondern wohl immer neuen "Events" weichen muss, ist nicht mehr auszumachen, inwiefern sie dem Rechnung trug. Das darf allerdings tunlichst bezweifelt werden, wenn der WK-Bericht mit den euphemistischen bzw. nebulösen Worten beginnt: "Im Zuge des Zweiten Weltkriegs ist viel Jüdisches aus Bremen verschwunden" und wenn er mit der Hoffnung schließt, der Keller der in der Pogromnacht unter Todesopfern niedergebrannten Synagoge möge der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, damit der Stadtführer noch "ein weiteres Highlight" zu bieten habe.

Meine Quelle (Max Markreich, Geschichte der Juden in Bremen und Umgebung) verzichtet verschämt auf eine eigene Darstellung des Geschehens und lässt stattdessen den schaurigen Nazi-Bericht aus den "Bremer Nachrichten" zu Wort kommen, in dem es u.a. heißt: "Die Flammen prasselten im Erdgeschoss bereits, (...) Die Feuerlöschpolizei war mit drei Löschzügen und siebzehn Schlauchleitungen zur Stelle, um wegen der angrenzenden, zum Teil sehr alten Gebäude alle Maßnahmen zur Begrenzung dieses Brandes auf seinen einzigen Zweck zu treffen."

Dabei wären gerade der Platz der ehemaligen Synagoge und die Umstände ihrer Errichtung auch ohne Kellergruseln ein besonderer Ort und Anlass des Erinnerns.

Seit den Tagen des Bürgermeisters Smidt verfuhr der mehrheitlich antijüdisch eingestellte Bremer Senat in Bezug auf die Anträge von Juden nach Aufenthaltsgenehmigung bzw. Bürgerrecht in Bremen durchweg restriktiv und willkürlich. Mal werden Aufenthaltsgenehmigungen erteilt, mal wieder zurückgenommen. Die meisten Juden wohnen in Hastedt, einem vorgelagerten Dorf, das zwischenzeitlich eingemeindet war, wohin sie sich zurückgezogen hatten und wo sie Ende des 18. Jh. einen jüdischen Friedhof errichteten.

Im Jahre 1861 richtet die Israelitische Gemeinde eine Bittschrift an den Senat, um eine Genehmigung für den Bau einer repräsentativen Synagoge in der Nähe des Bahnhofs zu erhalten. Das wird kaltschnäuzig abgelehnt, mit der Begründung, die Juden seien keine anerkannte Religionsgemeinschaft und nicht mit den christlichen Konfessionen gleichzusetzen.

Erst nach weiteren 15 Jahren gelingt es ihnen, in der Innenstadt zwischen Dom und katholischer Probsteikirche ein mehrstöckiges Wohnhaus zu erwerben und zu einem Gemeindezentrum mit Synagoge umzubauen, nicht ohne interne Auseinandersetzungen zwischen orthodoxen und liberalen Gemeindemitgliedern. Zur feierlichen Einweihung eben jener niedergebrannten Synagoge, deren Keller angeblich ein Stadtführungs-Highlight wäre und an die heute nur noch eine Gedenktafel an dem nun dort stehenden Wohnhaus erinnert, erschienen auch zahlreiche Nichtjuden, u.a. Senatoren, Bürgerschaftspräsidenten und freisinnige protestantische Prediger. Es gab also nicht nur Antisemiten, sondern auch aufgeklärte und liberale Menschen unter Klerikern und Laien.

Und so sei hier zum Schluss der Brief des Pastor primarius des St. Petri-Doms W. Schmelzkopf wiedergegeben, der in Gotha weilte und nicht persönlich anwesend sein konnte. Man findet die Highlights nicht in dunklen Kellern, sondern in erleuchteten Geistern.

"Die Einladung Ihrerseits an mich begrüße ich freudig als Beweis jener Toleranz, die alle Kulte miteinander in der höheren Einheit des Glaubens an den Einen treuen Gott und Vater sowie in der Liebe zu einander verbindet. Seit meinen theologischen Studien ist mir die Weiherede des Salomo stets als ein hehres Denkmal weihenden Segens erschienen. Der Gott Abrahams ist auch unser Gott, die Gebote des Herrn auch unsere Gebote, die Psalmen Davids unsere Gebete im Jubel des Herzens wie im schweren Kreuz. Ich reiche Ihnen allen im Geiste die Bruderhand und bete mit Ihnen und für Sie um Gottes Gnade, um Gnade und Heil für Bremen, für alles Volk, das den Namen des Herrn auf Erden anruft. Amen!"

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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