Medienkritik: Die FAZ und Tebartz-van Elst

Qualitätszeitung "Aus Frankfort, da komme de Wöschtje her..." Heute müsste das Trinklied so beginnen: "Aus Frankfort, da komme de Qualitätszeitunge her."
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19.10. bei faz.net:

Limburger Bischof: Tebartz-van Elst nicht zu Amtsverzicht bereit*

Der Bischof von Limburg hofft, dass er durch eine Untersuchungskommission entlastet wird. In der Bischofskongregation verliert er aber Fürsprecher. Dort hat ein „ein Prozess des Umdenkens“ eingesetzt, erfuhr die F.A.S.

Hauptsache, das zweite Frankfurter Käseblatt hat einen scheinbar neuen Anlass, über einen Medienhype zu berichten, auch wenn es nichts Neues zu berichten gibt. Irgendeiner "belastbaren" Information bedarf es dabei ganz offenkundig nicht.

Der Bischof "hofft, dass er ... entlastet wird."

- Hofft er das, sagt er das?

"... erfuhr die F.A.S"

- Ist die F.A.S. ein lebendes Subjekt, das "erfahren" kann? Und von wem erfuhr sie die Nachricht?

- "... ist nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) bisher nicht bereit, sein Amt freiwillig aufzugeben."

- "Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"? - Woher hat sie diese? Zwei Medien aus demselben Haus schieben sich gegenseitig "Informationen" zu, wie verlässlich ist das jeweils als Quelle?

- "Vielmehr lebt er in der Vorstellung ..."

- Was heißt das genau, und woher stammt diese Kenntnis? - Natürlich: F.A.S.

"Tebartz-van Elst harrt seit vergangenem Sonntag in Rom aus".

- Aha, Rom ist für einen Bischof nicht etwa ein Ort, zu dem er einen besonderen Bezug hat und in welchem sich aufzuhalten er immer mal wieder gute Gründe hat, sondern er "harrt dort aus", trotz Eiseskälte und anderer Widrigkeiten, oder was?

"wurde bisher kein weiterer Termin des Bischofs im Vatikan bekannt."

- Heißt also: nichts Genaues weiß man nicht. für die FAZ muss jedoch nicht extra etwas bekannt sein, um eine scheinbare Nachricht darüber zu verbreiten.

"Der Kanadier Ouellet spricht neben dem Papst das gewichtigste Wort, sollte es zu einer Amtsenthebung kommen".

- neben dem Papst kann jemand wohl ein gewichtiges Wort sprechen, aber "das gewichtigste Wort" (Superlativ) spricht doch wohl exklusiv nur jener, oder? Und wo und wann wird das gewichtigste Wort gesprochen, "sollte es zu einer Amtsenthebung kommen"?

Einführung in die Kompetenzen innerhalb der Römischen Kurie: Wer hat über ungelegte Eier zu entscheiden?

Oder ist "sollte es zu einer Amtsenthebung kommen" etwa die self fulfilling prophecy, das Endziel der FAZ und der ganzen übrigen Boulevard-Meute bei solchen "Nachrichten"?

Der Gipfel der seriösen Berichterstattung:

"Wie die F.A.S. weiter berichtet (!), reagierte Franziskus während seines vertraulichen Gesprächs mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, am vergangenen Donnerstag entsetzt, als Zollitsch ihn darüber informierte, dass die Baukosten in Limburg auf bis zu 40 Millionen Euro steigen könnten. „Wie bitte?“, soll Franziskus daraufhin gestöhnt haben."

Ein vertrauliches Gespräch zu dritt: Papst, Zollitsch, Übersetzer. Aber an der anderen Seite des dicken vatikanischen Gemäuers vernimmt der Spitzel der F.A.S ein deutliches gequältes Stöhnen: "Wie bitte?".

Berichtet das die F.A.S. tatsächlich? Nein, das spekuliert sie allenfalls, wie alles, was uns hier hochtrabend als "Bericht" serviert wird.

"Im Vatikan wird erwartet, dass Franziskus für den Fall eines formellen Amtsenthebungsverfahrens den Bericht der Untersuchungskommission abwarten wird".

- "Im Vatikan"? - Sehr präzise! Wer erwartet dort? Die Köchin (pardon, der Koch) der Gerüchteküche? Hier fehlen zur Präzisierung bloß noch die "gewöhnlich gut unterrichteten Kreise", die der Presse gemeinhin weitgehend als Gewährsleute und Quellenangabe genügen.

"Ob Tebartz-van Elst den Vermögensverwaltungsrat seines Bistums in Mithaftung nehmen kann, ist indessen fraglich."

"In Mithaftung"? Kleiner geht es wohl nicht? Egal, ist ohnehin fraglich, so wie der gesamte nichtssagende und völlig überflüssige Artikel.

Das Traurige: Das Elend der Presse beschränkt sich keinesfalls auf Frankfurt, ehedem ein Zentrum des Qualitätsjournalismus, sondern pflanzt sich durch Neurosen fort auch auf andere Medien. Auf den beschriebenen unterirdischen Quatsch beruft sich z.B. völlig unverdrossen die ZEIT:

"Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst ist bislang nicht bereit, sein Amt freiwillig aufzugeben. Das berichtet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) vorab. Er gehe stattdessen davon aus, dass der Bericht der zuständigen Untersuchungskommission ihn entlasten werde."

Q.e.d.

Grüße,

oranier

*Anmerkung: Der Artikel hat mittlerweile eine andere Überschrift sowie einen weiterer Absatz am Anfang erhalten.

Teil I: https://www.freitag.de/autoren/oranier/medienkritik-heute-frankfurter-rundschau

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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