Von Menschen, Mäusen und Affen II

Biologismus Dies ist die Fortsetzung des ersten Teils, in der es um die historisch-materialistische vs. biologistische Anthropologie gehen wird.
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Teil 1 dieses Blogbeitrags finden Sie hier.

Schon im 15. Jh. verfasst der Renaissance-Philosoph Giovanni Pico della Mirandola hierüber eine materialistische Sicht in theologischem Gewand: "De hominis dignitate" (Über die Würde des Menschen).

Er lässt Gott zum Adam sagen:

«Dir, Adam, habe ich keinen bestimmten Ort, kein eigenes Aussehen und keinen besonderen Vorzug verliehen, damit du den Ort, das Aussehen und die Vorzüge, die du dir wünschest, nach eigenem Beschluss und Ratschlag dir erwirbst. Die begrenzte Natur der anderen ist in Gesetzen enthalten, die ich vorgeschrieben habe. Von keinen Schranken eingeengt sollst du deine eigene Natur selbst bestimmen nach deinem Willen, dessen Macht ich dir überlassen habe. Ich stellte dich in die Mitte der Welt, damit du von dort aus alles, was ringsum ist, besser überschaust. Ich erschuf dich weder himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich, damit du als dein eigener, gleichsam freier, unumschränkter Baumeister dich selbst in der von dir gewählten Form aufbaust und gestaltest. Du kannst nach unten in den Tierwesen entarten; du kannst nach oben, deinem eigenen Willen folgend, im Göttlichen neu erstehen.»

In demselben Verständnis entwickelt sich zur Zeitenwende um 1800 das sog. Prometheische Weltbild. Der Mensch ist hierin nicht mehr ein "Geschöpf", wenn auch ein bevorzugtes, unter anderem, sondern der Mensch emanzipiert sich hierin von seinem Schöpfergott und wird zum Schöpfer seiner selbst und der Welt. Hierin klingt die Industrielle wie die bürgerliche Revolution an und nach.

In dem schönen Satz des jungen Fichte: "Die Natur schlägt im Menschen ihre Augen auf und erkennt, dass sie da ist" kommt die Natur im Menschen sozusagen zu sich, der Mensch ist die Natur in ihrer (selbst-) bewussten Gestalt.

In der "Dialektik der Natur" von Friedrich Engels erscheint ein unvollendetes Kapitel, separat herausgegeben unter dem Titel: "Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen", und nicht: "... an der Affenwerdung des Menschen". Bei allen zeitbedingten Irrtümern, (z. B. dem der unmittelbaren Abstammung des Menschen von Affen und nicht, wie man heute weiß, vom Australopithecus und dem der Schrift inhärenten Lamarckismus, indem Engels dort annimmt, erlernte Errungenschaften ließen sich weiter vererben) ist hier die wesentliche Erkenntnis formuliert, dass analog zu dem Entwicklungsfortschritt der gesellschaftlichen Produktion sich sowohl die Verkehrsformen als auch das Bewusstsein der Menschen sich verändern, so dass Engels als Resümee feststellt: "Die Arbeit hat den Menschen selbst geschaffen."

Dabei zeichnet Engels auch die historische Notwendigkeit der Arbeitsteilung für den Produktivitätsfortschritt nach, deren letzte und gesellschaftlich folgenschwerste die Trennung von Hand- und Kopfarbeit ist, innerhalb derer, trotz der praktischen Vorrangigkeit der materiellen Produktion, der Kopfarbeit die größere Bedeutung beigemessen wird, damit einhergehend, die größere Reputation, die höhere Dotierung und die einflussreicheren Stellungen der in der Planung und Führung tätigen "Kopfarbeiter".

Karl Marx schreibt im 1. Band des "Kapital" den sinnfälligen Satz:

"[…] eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war."

Das ist der materielle historische Hintergrund und Zusammenhang der Entstehung und Manifestierung von "zeit- und situationsbedingten" Hierarchien und ihren Exponenten. Von irgendwelchen "Silberrücken" und Leitwölfen sind diese historischen Entwicklungen und Errungenschaften Lichtjahre entfernt. Was ja übrigens, das sollten sich entsprechende Autorinnen auch zu Gemüte führen, überhaupt erst die Bedingung dafür ist, dass mit der erneuten und kontinuierlichen Veränderung der gesellschaftlichen Produktion die schrittweise Emanzipation der Arbeiter, der Frauen, der Menschheit überhaupt, von der Naturnotwendigkeit, von Herrschaft und von die Hirne vernebelnden Ideologien samt ihren verheerenden falschen Begriffen und davon geprägten Bewusstseinsinhalten.

Sie müssen es nur tun, die Menschen.

18:56 26.06.2013
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