Am Pranger der Zeit

Gastkommentar Marat, Ypsilanti und 24 Prolos in Hamburg

Die Rechnung ist einfach und richtig, soll aber vor dem Publikum des Hamburger Schauspielhauses nicht gemacht werden: Würden die 36 reichsten Hamburger nur 2,5 Prozent Vermögenssteuer zahlen, hätte der Hamburger Haushalt pro Jahr 1,234 Milliarden Euro mehr in der Kasse. Hamburg bräuchte keine armen Kinder, verrotteten Schulen, Dauerarbeitslose mehr zu haben.

"Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?", fragten unter Anleitung des Regisseurs Volker Lösch 24 Männer und Frauen, die nicht schauspielern mussten, denn sie sind Arbeitslose. Sie verlasen von der Bühne unter dem Beifall des Publikums die Namen der 36 Hamburger Millionäre, so wie sie aufgeführt sind in der Reichsten-Liste des manager-magazins. Vier der Reichen blieben einstweilen namenlos, weil sie mit dem Gericht gedroht hatten. Peter Weiss hätte diese Bearbeitung seines Stückes über die Französische Revolution und Jean Paul Marat vermutlich gefallen. Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck gefiel sie nicht. Vor der Premiere rief sie an und verlangte "sehr schnörkellos" - so Intendant Friedrich Schirmer - "das Stück zu ändern". Es sei nötig, "das gute Einvernehmen zwischen Kultur und vermögenden Familien nicht zu stören".

Die Senatorin handelt in Notwehr, Bürgermeister von Beust will von Welck zur Sündenziege für sein ureigenes Versagen machen - für das Chaos um jene Elbphilharmonie, die Hamburgs Reichtum und den Bürgersinn seiner Millionäre verkörpern sollte, nun aber im hanseatischen Feuchtgebiet abzusaufen droht.

Beim Hamburger Marat geht es freilich um weit mehr als die Abstiegsängste einer Kultursenatorin. Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung machte sich die versuchte Zensur zu eigen und dekretierte, das Stück werde in seinem Blatt nicht besprochen, weil der Regisseur mit "unrezensierbaren Nichtschauspielern" arbeite. Vor allem aber würden "Löschs Hamburger ›Marat‹-Prolos" die Namen Hamburger Millionäre verlesen, um eine "immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich" anzuklagen. Alles nur Wirbel eines "Laiengruppen-Regisseurs". Und das Zeit-Feuilleton sprach aus, wie unzulässig der "Aufstand im Hamburger Schauspielhaus" ist, weil "selbst die ärmsten Deutschen global gesehen zu den Wohlhabenden gehören". Die Zeit ängstigt sich: "Wir sind zurück in den Zeiten, da Öffentlichkeit sich bildete, wenn jemand am Pranger stand."

Pranger? So weit ist das nicht her, wenn es um eine Frau geht, die in diesem Land etwas ändern wollte - und scheiterte. Das Zeit-Magazin fragte am 1. Oktober auf seinem Titelblatt: "Was haben diese Frauen gemeinsam?" Die dazugehörige Montage zeigte eine mutmaßlich öffentliche Dame, die mit ihrer rechten Hand Andrea Ypsilanti betatscht. Das zerrissene Kleid der erwähnten Dame trug als Antwort auf die Zeit-Frage die Wörter "Votzenschleim" und "Vötzchen´s Secret".

Der Chefredakteur dieser Hervorbringung, Giovanni di Lorenzo, alarmierte vergangenen Donnerstag in Sachen Ypsilanti - nicht erfolglos, wie wir heute wissen - mit der Schlagzeile: Ein linker Putsch. Geplant seien "Wortbruch" und "Betrug". Betrug? Der Mann, der Hamburg um das Sozialprogramm brachte, für das er gegen die Reichen als SPD-Bürgermeisterkandidat in den Wahlkampf zog, ist Lorenzos Herausgeber Michael Naumann. Er hatte mit den Linken eine komfortable rot-grüne Mehrheit von 65 zu 56 Sitzen, um dieses Programm zu verwirklichen. Er verschenkte die Mehrheit an Ole von Beust und zog sich zurück ins Pressehaus.

Otto Köhler, Publizist

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