Bis zur letzten Tintenpatrone für die SPD

Strassers Kampf Der deutsche PEN wird von seinem Präsidenten parteipolitisch instrumentalisiert

Die Mitglieder des deutschen PEN stehen vor einem Problem: wird ihr SPD-Mitgliedsbeitrag direkt vom Jahresbeitrag der Schriftstellervereinigung abgezogen, muss er zusätzlich überwiesen werden? Oder übernimmt umgekehrt die SPD im Rahmen der neuesten Vermählung von Geist und Macht aus ihren Mitteln die Zahlung der Beiträge für alle Mitglieder des deutschen PEN?

Denn der Verband scheint mehr und mehr zu einer Mitläuferorganisation der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zu werden. Dank dem parteipolitischen Engagement seines Präsidenten Johano Strasser.

Die letzte Jahrestagung des deutschen PEN vom 19. bis 21. Mai fand unter dem Motto "Literatur und öffentliche Rede" unmittelbar vor der - oder, wie mir scheint - zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen statt. Mitten im sozialdemokratischen Revier, in Bochum. Am letzten Tag, dem Tag vor der Wahl, entdeckte ich in der Lokalausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung neben einem Bericht ("PEN-Club übt Kritik an öffentlicher Rede") unter der Überschrift "PEN-Splitter" eine kleine Notiz: "In den Wahlkampf griff PEN-Präsident Johano Strasser gleich nach seiner Ankunft in Bochum ein. ... Eingeladen hatte den PEN-Präsidenten die SPD-Wählerinitiative ›3 für Bochum‹. Dieser Auftritt erinnerte Johano Strasser an frühere Zeiten, als er mit Günter Grass im Rahmen der damals sehr populären Wählerinitiative für die Sozialdemokraten durch die Lande gezogen war."

Ich dachte: dieser Fauxpas lässt sich ohne formelle Distanzierung mit etwas Fröhlichkeit schnell aus der Welt schaffen, meldete mich am Ende unserer Jahresversammlung zu Wort und gab das feierliche Gelöbnis aller PEN-Mitglieder ab, dass wir bis zur letzten Tintenpatrone kämpfend uns für den Sieg der SPD bei der Landtagswahl einsetzen werden.

Wir klopften uns lachend auf die Schultern, und ich dachte, wir hätten uns verstanden. Johano Strasser hätte begriffen, was er sich als Präsident des deutschen PEN bei all seiner Liebe zur Espede - eine Jugendliebe: er war einmal Juso-Vorsitzender - nicht leisten darf: den Eindruck zu erwecken, der PEN sei eine Satellitenorganisation der Sozialdemokratie.

Doch Johano Strasser - ein umgänglicher und freundlicher Mensch -, er will nicht verstehen. Soeben, zur Bundestagswahl, gab es auf der offiziellen SPD-Website den Auftritt des - wie es ausdrücklich hieß - "Schriftsteller(s) und Präsident(en) des deutschen PEN" Johano Strasser, der in einer "Videobotschaft" erläutert, "warum er die SPD seit Jahren unterstützt". Die Ich-Botschaft, die der PEN-Präsident im Video zum Download mit 5,9 Megabyte aufsagte, übersetzte die SPD im darunter stehenden Text wortgetreu in die Er-Form : "Er ist der Ansicht, dass unser Land dringend eine gestaltende Kraft braucht, die an der Richtlinie der sozialen Gerechtigkeit fest hält und dennoch auf neue Bedingungen reagiert und Reformen durchführt. Im Vergleich der politischen Kräfte ist es für Strasser offensichtlich, dass Reformen mit sozialer Gerechtigkeit nur mit der SPD durchgeführt werden können. Was ihn an Gerhard Schröder am meisten beeindruckt ist, dass er als Person ein normaler Mensch geblieben ist, nicht dazu neigt, bei jeder Gelegenheit Leistungsbilanzen abzusondern, dass er zuhören kann und weiß, was die Menschen bedrückt und bewegt."

Es wird peinlich. Im Mai nächsten Jahres hält als Gast des deutschen PEN der internationale PEN seine Jahrestagung in Berlin ab. Vorher können sich die Mitglieder der deutschen Sektion nicht mehr vom strengen Geruch einer SPD-Kampforganisation befreien. Denn das deutsche PEN-Präsidium hat sich ausdrücklich von der satzungsmäßigen Jahresversammlung für 2006 dispensieren lassen.

Der internationale PEN hatte schon immer Kummer genug mit den Deutschen, seit 1933 der von NS-Gegnern gereinigte deutsche PEN auf dem internationalen Kongress in Ragusa als NS-Kampforganisation auftrat. Später wurde er jahrelang mit den deutsch-deutschen Querelen belästigt, "Wir müssen Sie zu einer Lösung drängen", hatte 1996 der internationale PEN seinem westdeutschen Club vor der Mitgliederversammlung geschrieben. Doch die damalige Präsidentin Ingeborg Bacher wehrte sich mit allen Mitteln. Sie war dagegen, dass die - wie sie formulierte - "Kryptokommunisten und Sympathisanten des realen Sozialismus" im West-PEN sich mit den "Tätern von gestern" im Ost-PEN zu einer Organisation vereinigten.

Es war auf westdeutscher Seite das Verdienst ihres Nachfolgers Karl-Otto Conrady, in zäher Arbeit doch noch die Vereinigung beider deutscher PEN-Zentren zustande zu bringen. Auch er übrigens ein SPD-Mitglied, er war vorher sogar Landtagsabgeordneter und stellvertretender Parteivorsitzender in Schleswig-Holstein. Conrady hat jedoch nie sein Amt als Präsident der Schriftstellervereinigung für parteipolitische Zwecke missbraucht.

Der Ost-PEN hatte sich immer wieder dem Druck der Partei widersetzt. So nahm er den schon in Ungnade gefallenen 28-jährigen Wolf Biermann zu dessen Schutz in seine Reihen auf. Zwei SED-Mitglieder im PEN, die sich eigentlich der Stimme enthalten wollten, entfernten sich vor der Abstimmung, weil satzungsgemäß eine Enthaltung als Nein gezählt werden musste.

Friedrich Dieckmann - PEN-Mitglied seit 1972 - schrieb 1996 in der Beilage zum Bonner Parlament: "Die Mitgliedschaft im DDR-PEN war ein wirksamer Schutz vor jeder Strafverfolgung: die SED-Instanzen wußten, daß sie im Verhaftungsfall eine internationale Organisation von weltweiter Reputation auf den Fersen haben würden."

Diese internationale Reputation steht auf dem Spiel, wenn sich das PEN-Zentrum Deutschland weiterhin durch seinen Präsidenten parteipolitisch instrumentalisieren lässt.


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