Erbarmungslos wählen

Hamburg Auch wenn Michael Naumann das Leben seiner Kinder verwettete, der SPD-Kandidat kann immer noch Erster Bürgermeister werden

Am Tag vor der Wahl warf der Deutschlandfunk die letzten Reserven in die Schlacht an der Elbe. Zuerst den stets verfügbaren Hubertus Schmoldt, den Führer der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, der erwartungsgemäß die "tragende Grundlagen unseres Wirtschaftssystems" bedroht sieht, falls man sich in Hamburg mit der Linkspartei einlasse.

Und dann er, der Dichter und Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Lorbeerblatt und Jauche, den - es ging ja ums Vaterland - der Deutschlandfunk um 8.20 Uhr aus dem Schlaf reißen musste: "Übrigens ich liege noch im Bett", bekannte Wolf Biermann stolz und fuhr fort: "Ich wollte eigentlich die SPD wählen, weil, der Naumann gefällt mir gut, aber" - da raste, wir kommen noch drauf, ein Lkw durch sein Schlafzimmer - "wenn ich denke, dass der mit meiner Stimme dann mit meinen Todfeinden ins Bett geht, dann krieg ich Angst, das will ich nicht."

"Aber das wäre ja ein verheerendes Signal für die Glaubwürdigkeit von Politik", erschrak der Moderator zutiefst.

"Schauen Sie diese Linken da", reckte sich jetzt Biermann mutmaßlich aus seinen Daunenkissen, "mit denen die SPD ins Bett gehen will, das sind meine treuen alten Todfeinde, die schäbigste, die ordinärste Form des Populismus, die können jedem Freibier versprechen, die können ja alles verschenken, was sie nicht besitzen, die sind ja so was von brutale Populisten."

"Also", versuchte der Moderator die Gesprächsebene zu heben, "das Gegenteil von Aufklärung?"

"Na ja, ein dämliches Pack", bekräftigte der Dichter, "und wenn Sie sich vorstellen, die haben schon mal die SPD gefressen, nach dem Krieg. Die haben sie umgebracht, die haben sie getötet, massenhaft und jetzt lassen sich die SPD-Leute noch mal fressen von diesem Pack."

Biermanns Stimme war für Naumann verloren. Er ist wohl - die Wahlbeteiligung war erschreckend niedrig - sicherheitshalber am Sonntag im Bett geblieben. Und am Montag hatte Kurt Beck angeblich Grippe, in Wahrheit war er mit all seiner Leibesfülle vom Kommunismus gefressen. Michael Naumann konnte nur noch jammern: "Wir waren auf der Überholspur, und dann kam ein Lkw aus Mainz und hat alles plattgemacht."

Etwas unprofessionell war es schon, dass der Mainzer erst unmittelbar vor der Hamburg-Wahl mit der Wahrheit herausrückte, dass ohne die Linkspartei die SPD nicht mehr aus der rechten Ecke herauskommt, in die sie Kanzler Schröder getrieben hatte.

Da half auch nicht, dass Naumann am Freitag vor der Wahl Barschels Ehrenwort übertrumpfte. "Ich schwöre bei dem Leben meiner Kinder." Er wolle mit der Linkspartei weder koalieren noch sich tolerieren lassen. Aber Michael Naumann muss nur die Augen aufmachen und sich der Realität stellen. Es gibt in Hamburg genau wie in Hessen eine linke Mehrheit: 65 rot-rot-grüne Abgeordnete stehen 56 schwarzen Abgeordneten gegenüber. Naumann muss nur zugreifen, und er hat die Mehrheit. Die grüne Basis wird dann nicht zulassen, dass sich ihre Führung mit "Kohle von Beust" einlässt. Der ist in Hamburg abgewählt wie Koch in Hessen.

Es ist grotesk, dass Naumann davor zurückscheut, sich wählen zu lassen - nur im Hinblick auf das Leben seiner beiden Kleinen, das er verwettet hat.

Wahlbetrug? Ja, Naumann begeht Wahlbetrug, wenn er die einzige Chance nicht ergreift, um sein Programm der sozialen Gerechtigkeit zu verwirklichen, mit dem er im Wahlkampf renommierte. Rücksicht auf das Leben seiner beiden Kleinen, das er verjokt hat, muss er nicht nehmen - Kind Felix etwa ist seit 2006 Professor am Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik in Potsdam.

Die Linken, die ohnedies massenhaft Sozialdemokraten fressen, sollten sich auch die beiden Naumann-Kinder braten, anschließend den Papa zum Ersten Bürgermeister der Hansestadt wählen und ihn dann erbarmungslos - Antrag für Antrag - mit seinem Programm der sozialen Gerechtigkeit fordern. Das wird ein Fest.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare