Horror

Linksbündig Hamburgs Kultursenatorin Dana Horáková braucht einen würdigen Nachfolger

Nun ist das erste Jahr vorbei, in dem Dana Horáková, bekannt als Lyrik-Redakteurin von Bild, sich liebevoll des lange verwaisten Postens einer Hamburger Kultursenatorin annahm. Zeit, an Abschied zu denken.

Sie hatte den neuen Senat Ole von Beusts aus höchster Personalnot gerettet. Kein Kulturmensch wollte mit Roland Schill in einem Kabinett sitzen. Nike Wagner hatte abgesagt, sogar eine Schlagersängerin sagte Nein, und nicht einmal der im hohen Norden unvermeidliche Justus Franz griff zu, bis die Horáková schließlich ihr Ja-Wort sprach. Seither redet man über Hamburgs Kultur.

Das vorläufig letzte Wort hat seit Sonntag die ehemalige CDU-Kulturexpertin und Bürgerschaftsabgeordnete Rena Vahlefeld. Sie trat nach 30 Jahren Mitgliedschaft aus ihrer Partei aus und schrieb dem bisherigen Parteifreund Ole von Beust: "So kann ich endlich wieder frei über die verfehlte Kulturpolitik reden." Frau Horáková sei "ein Horror für diese Stadt", sie habe "ihre Chance gehabt und vertan".

Ole von Beust dagegen ist mit der Ernennung der Bild-Redakteurin seinem ursprünglichen Anliegen, das eigenständige Kultur-Ressort völlig aufzulösen - Hamburg braucht so etwas nicht - sehr nahe gekommen. Wer kann, der flieht - das ist das Motto im Kulturressort; der Rest hat mit der Senatorin Dummheiten und Intrigen auszuhecken. "Events" - das ist ihr großes Wort, Hamburg soll "wieder glänzen". Durch einen Aquadom etwa, einer Kombination von Aquarium und Konzertsaal. Und das Harburger Heimatgeschichtsmuseum soll weltweit ausstrahlen durch eine "stadtgeschichtliche Ausrichtung auf die Terrorakte des 11. September".

Mitte Februar wollte sie die zunächst in München verbotene Leichenfleischschau Gunther von Hagens in Hamburgs schon immer etwas gruseliger Speicherstadt haben. Schon wegen des, wie sie betonte, bevorstehenden Irak-Krieges. Verbote - so fertigte sie die Münchner ab - "Verbote sind für eine weltoffene Stadt wie Hamburg kein Umgang mit Kultur".

Gleich darauf gab es Glamour am Spielbudenplatz auf St. Pauli. Die Horáková erschien dort mit dem ungemein innovativen Künstler Jeff Koons. Der soll den Platz neu gestalten und weiß noch nicht, was er da machen könnte. "Ich gehe da total leer heran, ich bin leer wie ein blankes Blatt Papier", sagte er dem Abendblatt. Aber er weiß schon, was er dafür kriegt: 4,3 Millionen Euro. Die fehlen Hamburgs Theatermachern.

Auch dem Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher. Während die Horáková mit dem Koons auf dem Spielbudenplatz turtelte, saß Metzmacher an seinem Abschiedsbrief. Er sieht keine Möglichkeit, seinen Vertrag mit Hamburg über das Jahr 2005 hinaus zu verlängern.

Krach mit den Kammerspielen, Krach mit dem Schauspielhaus, Kapitulation des Opernchefs - Hamburgs Kultur hält die Horáková einfach nicht mehr aus. Und jeder wird verstehen, dass die Horáková angesichts der Unfreundlichkeit, die ihr in Hamburg entgegenschlägt, an Rücktritt denken muss. Nicht? Doch, sie müsste!

Egal, ob sie nun denkt, oder nicht denkt, Hamburgs Senat darf sich Sorgen machen: Wo bekommt man eine würdige Nachfolgerin für die Horáková her? Bevor sie vor einem Jahr zusagte, hatte man zuletzt noch an Vicky Leandros gedacht, eine zukunftsfähige Idee: Auch in Prag, wo Frau Horáková schon mal gewirkt hat, war man jüngst auf den Einfall gekommen, den Schlagersänger Karel Gott zum Staatspräsidenten zu machen. Wie aber kommt der dröge Ole von Beust doch noch zu seinem Star? Kein Problem. Wozu gibt es RTL. Deutschland sucht den Superstar. Warum soll Deutschland nicht auch mal über den freundlichen Kommerzsender für Hamburg eine Kultursenatorin suchen?

Aber da - ich habe mich bei RTL eingeklickt - sehe ich auch schon die noch bessere Idee auf der RTL-Homepage: "Deutschland sucht den Superstar auf Tour! Sieger und Finalisten treten im Mai und Juni in den 16 größten Arenen in Deutschland mit Dieter Bohlen auf." Dieter Bohlen? Dieter Bohlen! Warum nicht gleich Dieter Bohlen, der große deutsche Schriftsteller?

Damit bliebe - so gehört es sich ja auch - Hamburgs Kultur in der Hand von Bild: eine höchstrangige Bild-Redakteurin hat Bohlens wundersames Penisbuch geschrieben, unzweifelhaft wird sie dem neuen Hamburger Kultursenator Dieter Bohlen nicht weniger wundersame Reden schreiben. Super! Hamburg hält sein Horáková-Niveau.

Nur für kurze Zeit!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Geschrieben von

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden