Horst Köhlers toter Uhu

Gedenken nur für Honorar Hamburgs Bürgermeister geht in Tamms Museum, zu Rühmkorfs Trauerfeier geht er nicht

Was vernünftig sei, das sei wirklich; und was wirklich sei, das sei vernünftig, behauptete Hegel in der Vorrede zu seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts. Das war allerdings 129 Jahre, bevor die Bundesrepublik Deutschland wirklich und 184 Jahre, bevor Horst Köhler ihr Präsident wurde.

"Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug", schreibt Hegel weiter in seiner Vorrede. Er will sagen: Geschichtliche Erkenntnis setzt erst dann ein, wenn der Abend kommt.

Vorausgesetzt, dass die Eule noch lebt.

Als Horst Köhler vergangenen Samstag den Kreuzberg in der Rhön bestieg, traten aus den Nebelschwaden, die ihn bedrängten, Umweltschützer hervor, überreichten einen überfahrenen Uhu und baten, den geplanten Bau einer Bundesstraße durch ein Biosphärenreservat zu verhindern. "Geduldig hörte sich Köhler das Anliegen an, versprach, sich darum zu kümmern und ging mit den zahlreichen Mitwanderern zum Mittagessen", berichtete die Fuldaer Zeitung.

Noch ist ungeklärt, ob es die Eule der Minerva war, sicher ist nur: Der Uhu ist tot.

Tot wie Peter Rühmkorf. Doch erst einmal zum sehr lebendigen Peter Tamm. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Springer bekam von der Stadt Hamburg für seine Schiffsandenken-Sammlung für 99 Jahre einen Kaispeicher geschenkt und obendrauf noch 30 Millionen Euro, nachdem die Springer-Presse Ole von Beust und seinen Rechtsaußenpartner Roland Schill einst ins Bürgermeisteramt agitiert hatte.

Nun, am Dienstag vergangener Woche, zogen sie - Fotos bezeugen es - alle an einem Strick, um die Fahnen auf dem neu eröffneten Schifffahrtsmuseum zu hissen: Bundespräsident Köhler, Bürgermeister von Beust und Museumsdirektor Tamm. Hamburgs Kultursenatorin schaute hochgerührt zu.

Vier Tage zuvor in der Hamburger Johanniskirche: 600 Trauergäste aus ganz Deutschland, Günter Grass, Claus Peymann, Kurt Beck. Kein Bürgermeister, keine Kultursenatorin, kein Kranz, nicht mal ein Gänseblümchen, Rowohlt-Verleger Alexander Fest soll fassungslos gewesen sein, als er dies wahrnahm. Aber warum?

Hamburgs Bürgermeister hat wohl nur am Rande mal gehört, dass es in seiner Stadt einen Dichter namens Rühmkorf gibt. Kultur, das ist für ihn eine teure Elbphilharmonie für die oberen Tausend Hanseaten und weniger Geld für die Geschichtswerkstätten. Dass man zur Trauerfeier für einen Hamburger Poeten gehen müsse, den die Frankfurter Allgemeine einmal den "größten lebenden deutschen Dichter" genannt hat, dem Bürgermeister hat es keiner gesagt. Und die Kultursenatorin - nach der weltberühmten Horakova heißt sie jetzt Karin von Welck -, sie verkehrt in anderen Kreisen.

Trauerfeier für einen dem Hamburger Senat unbekannten Poeten? Oder Festival des Todes beim alten Gönner? Da weiß man, wohin man zu gehen hat. Dorthin wo man, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb, lernen kann, "wer mit 196 Schiffen die meisten Versenkungserfolge in der Geschichte des U-Bootkrieges vorzuweisen hat und wie toll die Kameradschaft auf einem deutschen Kriegsschiff der Nazizeit war".

In der Ausstellung, die er eröffnete, konnte der Bundespräsident den Marschallstab seines Ur-Vorgängers Karl Dönitz finden und auch die Uniform von dessen Kriegsverbrcherkollegen Erich Raeder. "Von dieser Art von Leuchttürmen brauchen wir noch mehr in Deutschland", freut sich Horst Köhler schließlich über Tamms Museum. Die ehrbare Kultursenatorin meint, dass man immer "bestimmte Dinge herauspicken kann", findet aber an diesem Ort nichts von Kriegsverherrlichung, verharmloster Kolonialgeschichte und sie hält es auch für "völlig falsch", Hakenkreuze auszublenden.

Eine Radio-Reporterin spielte dieser Kultursenatorin vor, was Tamm bekannt hatte: "Die ganze Natur besteht ausschließlich aus Fressen und Gefressenwerden. Nur der, der sich wehren kann, überlebt auch." Warum solche "Geisteshaltung" förderungswürdig sei, wollte die Journalistin wissen. Auch dies scheine ihr "aus einem größeren Zusammenhang gerissen", meinte Frau von Welck begütigend. Sie habe Tamm als einen "sehr nachdenklichen Menschen" kennengelernt.

Geistesgeschichtlich hat die Kultursenatorin zweifellos Recht. Hitler allerdings soll nur einmal im persönlichen Gespräch von "Fressen und Gefressenwerden" gesprochen haben. In seinem grundlegenden Werk Mein Kampf dagegen sind solche Äußerungen in dieser radikalfaschistischen Form nicht zu finden. Da schreibt er nur Sätze wie: "Der Stärkere hat zu herrschen und sich nicht mit dem Schwächeren zu vermischen."

Ach ja, Peter Rühmkorf, der in Hamburg so tote, er wusste schon, warum der Bürgermeister zwar zu Tamm kommt, zu ihm aber nicht. Auf Seite 57 seines letzten Gedichtbands steht es: "Er geht zu Leichenfeiern nur für Honorar."

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