"Ich freue mich", sagt der Bundespräsident

Gastkommentar Das Berliner Schloss wird uns zeigen, wer wir sind

Wenn die Hartz-IV-Empfänger, die der Abbruch der Phoenix AG im Hamburg-Harburg hinterlassen hat, dieser Tage durch den prächtigen Konsumtempel Phoenix-Center flanierten, der am Ort ihrer alten Fabrik entstanden ist, dann stießen sie auf riesige Gipsfiguren und große Plakate mit der dringlichen Aufforderung "Mach Geschichte!". Dazu stapelweise ein 52-seitiges Berliner Extrablatt, das gleichfalls den Befehl "Mach Geschichte!" im Titel führt. Darunter das Foto eines strahlenden Bundespräsidenten Horst Köhler mit der Textapplikation "Ich freue mich".

"Ich rufe Deutschland zum Spenden auf", verkünden daneben große knallrote Lettern. Bundesbauminister Tiefensee ist es, der so die Bürger animiert. "Wir müssen wissen, wer wir sind, und woher wir kommen", verlangt der Bundespräsident, der auch auf Seite zwei noch einmal sagt: "Ich freue mich!"

Wir wissen, wer wir sind. Wir wissen, dass wir alle - nachdem in Berlin der Palast der falschen Republik fast abgerissen ist - nunmehr aus dem Schloss der Hohenzollern kommen. Wir wissen, dieses Schloss muss wiederauferstehen, und sei es nur seine Fassade. Der richtige Geist kommt dann von selbst.

Dafür wirbt der Hamburger Unternehmer Wilhelm von Boddien, der seit Jahren ehrenamtlich und uneigennützig den Förderverein Berliner Schloss anführte und Millionen für den Wiederaufbau der Fassade sammelte. Als sein eigener Betrieb pleite ging, ließ er sich als Geschäftsführer seines Fördervereins einstellen und hat jetzt - Vorsicht, Sozialneid! - einen vielfach höheren Monatslohn als ein ehemaliger Phoenix-Arbeiter. Bis Anfang 2008 hatte Boddien 8,1 Millionen gesammelt, davon sind noch 2,9 Millionen da, der große Rest ist, wie auch immer, futsch.

Jetzt sammelt er wieder, mit Hilfe des Hamburger ECE-Konzerns, der weltweit Einkaufscenter errichtet. "Wir brauchen noch 64 Millionen Spenden", verkündet Boddien in seinem in Harburg verteilten Berliner Extrablatt "Mach Geschichte!" Das will er - "schließlich benötigen wir jetzt noch 160.000 Bürger, die uns im Durchschnitt 400 Euro spenden" - im "Schneeballsystem" erreichen.

"Schneeballsystem", so definiert der Duden, ist eine "in der Bundesrepublik Deutschland verbotene Form des Warenabsatzes". Macht nichts. "Die Wiedererrichtung des Berliner Schlosses ist ohne Beispiel." Das ist der Vorteil, denn: "Welche rechtliche Konstruktion als Träger für den Bau und den späteren Betrieb gewählt wird, ist deswegen noch völlig offen." Es dient alles dem edlen Zweck: "Sie können uns vertrauen: Mit Ihrer Schloss-Spende setzten Sie sich ein Denkmal."

Sie dürfen nämlich schon für nur 50 Euro ein Fünftel Schlossbaustein stiften oder für 250 Euro einen ganzen. Ihr Name wird dann mit dem Stein im Internet - "weltweit sieht man dort Ihr Engagement" - veröffentlicht.

Sie können aber auch für 2.925 Euro eine "kleine Konsole im Paradegeschossfenster" der Schlossfassade erwerben. Oder - darf es noch etwa mehr sein? - für 159.900 Euro ein 2,05 Meter hohes Kollossalsäulenkapitell. Das sind exakt kalkulierte Warenhauspreise, die zeigen, wer wir sind und woher wir kommen. Aber auch in Ihrem Testament dürfen Sie Boddiens Verein mit einem Teil Ihres Vermögens bedenken - Vordruck anbei.

Die Spendierschau "Mach Geschichte!" ist inzwischen weitergezogen, in die besseren Hamburger Stadtteile, überall dort, wo die ECE Einkaufscenter unterhält. Und sie wird weitertingeln durch die ganze Bundesrepublik bis nach Braunschweig - dort durfte die ECE ihren Kauftempel direkt hinter die rekonstruierte Schlossfassade bauen. "Ich freue mich", sagt der Bundespräsident. Wir uns auch.

Otto Köhler ist Schriftsteller und Journalist

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