Am Anfang war die Angst

Psyche & Ideologie Nur eine Besinnung auf die Psychodynamik j e d e r Ideologie kann den Einzelnen zu sich selbst befreien. Mit Gewalt lässt Gewalt sich niemals überwinden.
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Am Anfang war die Angst – nicht das Wort, das allenfalls bei „Gott“ war, über dessen Anfang wir nichts wissen –, und schon die ersten überlieferten Erklärungsversuche der Welt und jener „Gottheiten“, die diese Welt hervorgebracht zu haben und ihre Geschicke zu lenken schienen, waren Versuche, die Angst zu bannen, indem Menschen nach Deutungen und Gründen für das Unbegreifliche suchten. Aus der Quelle unserer Angst vor dem Nichts, des quälend erlebten Nichtwissens, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen, entspringen Philosophie und Religion, die Künste und alle Wissenschaften.

Alle ernsthaften Überlegungen und Bemühungen des Menschen, Antworten zu finden und Erklärungen zu geben oder zumindest dem großen Rätsel des Seins ästhetischen Ausdruck zu verleihen – im Gegensatz zu den süchtigen Betäubungs- und Verdrängungsversuchen esoterischer Heilsversprechen –, sind eigentlich Befreiungsversuche des Geistes: Sie entstammen unserer Sehnsucht nach einer ursprünglichen, verlorenen Geborgenheit, die bewusst wiederzuerlangen, die wahre Größe des Menschen ausmacht und sein Wesen verwirklicht.

Eigentlich vollzieht sich in der Entwicklung der menschlichen Gattung der gleiche Prozess wie in jener des Individuums, und es kann gar nicht anders sein, weil sich die Menschengesellschaft aus allen Einzelnen zusammensetzt und sich so in ihr die gleichen Verletzlichkeiten und Potenziale spiegeln.

Wie jede einzelne Lebensgeschichte sich vom ersten Moment an – vermutlich ab der Befruchtung der ersten Eizelle – zwischen den Polen Sucht und Sehnsucht, Krankheit und Gesundheit, Schicksal und Freiheit bewegt, so finden sich auch im Laufe der Menschheitsgeschichte Symptome und Zeugnisse für Fehlentwicklungen und Heilungsprozesse aller Art.

So wie die Entwicklung des Individuums zeitlebens ein potenziell frei gestaltbarer und unabschließbarer Prozess ist, der immer neue Erkenntniswege beschreitet, die sich wie bei einer Reise erst aufgrund der bislang zurückgelegten Strecke eröffnen, entwickelt sich auch das Bewusstsein der Menschheit evolutionär weiter, auf sich und seine Möglichkeiten hin. Und so wie die Evolution den Homo sapiens als Potenzialerweiterung der „Hominiden“ (Menschenaffen) hervorbrachte, sich also dessen Intelligenz und entwickelnde Sprache als Befreiung erwiesen hat, emanzipiert sich auch das Kleinkind durch die Entwicklung seiner motorischen und sprachlichen Fähigkeiten aus der Obhut seiner Eltern hin zu einer eigenständigen, schöpferischen Persönlichkeit – vorausgesetzt, die Entwicklung wird nicht durch gewaltsame Einflüsse unterdrückt oder verhindert.

Wenn die Angst zu einer jederzeitigen Bedrohung geworden ist, die das Unterbewusstsein des Einzelnen beherrscht, statt zu einer existenziellen Herausforderung, nach innerer Geborgenheit zu streben, dann regiert die Krankheit als Sucht und schlägt jeden Weg ein, der Beruhigung und Erlösung verspricht – je eher, desto besser.

Der emanzipatorische Prozess, in dessen Verlauf es eher Fragen als Antworten gibt, kein endgültiges Wissen, sondern nur persönliche Gewissheit, die Freiheit des Glaubens statt sichtbarer Beweise und überprüfbarer Fakten, erscheint dabei dem Einzelnen und seiner Umgebung – der Gesellschaft, einer Kultur, der Menschheit – unerträglich offen. Der vor Angst Erstarrte verlangt nach sicherer Abgeschlossenheit, nach vermeintlicher Objektivität.

Die Ungewissheit ist nicht auszuhalten, die Angst so allgegenwärtig – wie der Suchtdruck einen Drogensüchtigen beherrscht –, dass es sofort einer beruhigenden Erklärung, einer spannungslösenden Substanz oder eines kontrollierenden Verhaltens bedarf, um weiterleben zu können. Wenn diese psychisch wirkenden Mechanismen nicht helfen oder nicht verfügbar sind, übernimmt schließlich der Körper die Regie und lässt den Einzelnen krank werden, um ihn wenigstens auf diese Weise zu entlasten.

So wie das Individuum psychosomatisch krank oder wahnsinnig werden kann, wenn es keinen Ausweg mehr sieht, kann auch ein Kollektiv – eine Gesellschaft, ein Volk, ein Kontinent, ja die Menschheit – manifeste Körperstörungen hervorbringen oder psychotisch werden, wie der Rassenwahn der Nazis ebenso beweist wie der Terror verblendeter Fanatiker oder die Entwicklung der chronischen Erschöpfung zur Volkskrankheit in sinnentleerten Leistungsgesellschaften.

Fatalerweise verläuft auch diese Entwicklung meist schleichend und lange unbemerkt. So wie zum Beispiel die Arbeitssucht in einer Gesellschaft, die sich über diesen Wert definiert, kaum als problematisch auffällt, gibt es vor dem Ausbruch eines kollektiven Wahns oder globaler Verblendung – mögen wir dieser im Zeitalter des weltweit vorherrschenden Materialismus auch gefährlich nahe sein – noch viele Zwischenstufen.

Diese mögen jeweils durchaus rational und differenziert erscheinen und tragen doch längst jenen ideologischen Keim in sich, der ein Denken potenziell besetzt hält und süchtig entarten lässt und der bereit ist, sich selbst und andere zu unterdrücken, weil jede autonom und eigenverantwortlich sich ausdrückende Freiheit eines Einzelnen als bedrohlich für die Macht des Kollektivs erscheint.

Diese Zusammenhänge hat Friedrich Nietzsche auf überaus klare und treffende Weise analysiert. Am Beispiel der Ideologie des Christentums und anderer dogmatischer Erstarrungen – wissenschaftlicher, ästhetischer oder politischer Art –, deutet Nietzsche die psychische Not von Menschen, die sich als zutiefst ohnmächtig erleben, als deren Motiv, für eine vorhandene „Lehre“ Partei zu ergreifen oder eine solche zu begründen.

Aus dem Dogma vermeintlicher Wahrheit werden dann alle Abweichler als Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung erlebt. Freie Individuen, die als wirklich starke, unabhängige Menschen auftreten – und nur diese Haltung selbstgenügsamer Autonomie des Einzelnen ist eigentlich mit Nietzsches so missbrauchtem Begriff vom „Übermenschen“ gemeint –, gilt es, als „feindlich“ zu bekämpfen, um das Kollektiv vor ihnen zu schützen. Gleichzeitig verleiht die Zugehörigkeit zur vermeintlichen „Wahrheit“ der jeweiligen Ideologie den Ohnmächtigen Bedeutung und wertet sie auf.

Wie die Uniformiertheit gleicher Kleidung Angehörige eines Berufsstandes verbindet und erkennbare äußere Identität stiftet, verleiht die Doktrin einer Partei, die Überlieferung einer Religion, die Lehre eines Führers oder die Theorie einer Wissenschaft eine Uniformität des Denkens, auf die sich all jene berufen können, die außerhalb ihrer selbst Halt suchen und der Erlösung bedürfen.

Wer sich selbstbestimmt, eigenständig und aus freiem Willen auf die Suche nach Antworten auf jene Fragen macht, die seine Existenz ihm aufgibt – wer also seiner ureigenen Sehnsucht folgt –, will davon gar nicht „erlöst“ werden, um endlich zur Ruhe zu kommen, sondern beruhigt sich in der Möglichkeit eines eigenen Weges und findet in der Sehnsucht sein Maß.

Ein freier Geist hat es nicht nötig, über andere zu herrschen oder im Besitz einer letztgültigen Wahrheit zu sein, von deren Durchsetzung sein Wert abhängt, sondern er genügt sich selbst in seinem aufrichtigen Interesse an einer möglichen Wahrheit, der sich immer nur genähert werden kann: in seiner Sehnsucht, seinem Philosophieren und seinem Glauben an den unbedingten Sinn seiner Existenz.

Gegen die öffentliche Behauptung vermeintlicher Wahrheiten politischer oder religiöser Ideologien mag sich im Laufe der Jahrhunderte und einer Geschichte fortgesetzter Gräueltaten, die daraus hervorgegangen sind, zunehmend Widerstand gebildet haben, der zum Zerfall solcher Systeme beigetragen hat.

Doch abgesehen vom plötzlich gefährlichen Wiedererstarken längst überwunden geglaubter Fundamentalismen in orientierungslosen Krisenzeiten – so wie sich unter widrigen Umständen auch alte todbringende Seuchen, zum Beispiel die Pest, erneut ausbreiten können –, ist die menschliche Freiheit durch „verdeckt“ auftretende Ideologien allerdings weit mehr bedroht: Ideologien, die sich im Gewand liberaler Offenheit und Neutralität präsentieren und nichts anderes beabsichtigen – jedenfalls unbewusst –, als gewaltsam die Herrschaft ihres Systems zu etablieren. Anders als im Fall politischer oder religiöser Ideologien läuft dieser Prozess allerdings weniger direkt ab, nicht durch moralischen Druck und die Verbreitung von Angst und Schrecken, durch die Androhung oder Ausübung realer physischer Gewalt, die Abtrünnige ausgrenzt, bestraft oder vernichtet, sondern subtil und manipulativ – durch falsche Hoffnungen (zum Beispiel dass Besitz einen glücklich und frei mache) und Tatsachenbehauptungen, in denen tatsächlich nur die Wahrheit des Subjektiven und die Bedeutung des konkreten einzelnen Menschen ausgeblendet ist.

Der „Liberalismus“ als Ideologie, insbesondere einer sogenannten „freien Marktwirtschaft“, in der jeder Einzelne (jede Gruppierung, jedes Land …) alle Möglichkeiten habe, sich zu entfalten, bedeutet in Wahrheit die Herrschaft des Reichtums über die Armut, des Stärkeren über den Schwächeren, bei der bereits die ungerechte Ausgangslage zur Quelle anhaltender Ungerechtigkeit wird. Mögen theoretisch alle Chancen haben, sich „durchzusetzen“ oder zu „gewinnen“, treten tatsächlich Vermögende gegen Unvermögende an, Trainierte gegen Ungeübte, Läufer gegen Versehrte.

In einer scharfsichtigen und überaus fundierten Studie mit dem Titel Schulden – Die ersten 5000 Jahre analysiert der Anthropologe und bekennende Anarchist David Graeber (2012) die Zusammenhänge der Ausbeutung als Bereicherung Vermögender auf Kosten Armer (Länder und Menschen), die sie mit ihren Lügen vom „Reichtum für alle“ infiziert und verblendet – seit den Anfängen des Tauschhandels bis in die Gegenwart eines weltweit zusammenbrechenden Kapitalismus, der zuletzt an seiner eigenen Gier scheitern wird, wenn seine global grassierende Krankheit nicht von einer neuen Ethik des Lebendigen und der Verantwortung eingedämmt und überwunden werden kann.

Wie jeder Süchtige im Endstadium nur noch einen Weg der radikalen Umkehr und Abstinenz von seinem bisher praktizierten Konsum und Verhalten gehen kann, wenn er überleben will, so kann im Zeitalter der Globalisierung auch die süchtige Weltgesellschaft nur noch ein radikaler (globaler) Bruch mit ihren bisherigen „Erlösungsstrategien“ retten. Die in der allgemeinen Krisenpanik geforderte „Rettung des Kapitals“ (der Banken) mutet so wahnhaft verzweifelt an wie das Verlangen eines todkranken Junkies, sein Leben durch „Straffreiheit für Drogenhändler“ und „Freigabe aller Suchtmittel“ erhalten zu wollen.

Dabei haben die vorgeblich so „neutral“, „objektiv“ und „zweckfrei“ forschende Naturwissenschaft und Technik diesem sich so „freiheitlich“ und gönnerhaft gebärdenden Wirtschaftsliberalismus in Wahrheit erst die Logik, das Regelwerk und die „Baupläne“ geliefert: für jenen mechanistisch-materialistischen Fortschrittswahn, der die Welt an den Rand der Katastrophe und der Selbstauslöschung geführt hat.

Das entscheidende Kriterium, das eine Ideologie von einer persönlichen Glaubensgewissheit unterscheidet, ist die Behauptung eines „objektiv“ verbindlichen „Garanten“ außerhalb der menschlichen Individualität, der angeblich die Gültigkeit dieser bestimmten Theorie gewährleistet. Doch nur als persönlicher Glaube lässt sich überhaupt ein Anspruch auf Wahrheit erheben, nämlich ein für sich gültiger, indem dieser den subjektiven Zugang jedes Einzelnen anerkennt.

Ob es sich bei einem „Wahrheitsbeweis“ um eine angeblich offenbarte Schrift oder um einen auserwählten Propheten handelt, ein bestimmtes geschichtliches Ereignis, eine logische Schlussfolgerung (wie bei den „Gottesbeweisen“) oder eine angeblich „exakte“ wissenschaftliche Untersuchungsmethode, ob die vermeintliche Überlegenheit einer Rasse als bewiesen gilt, der Pragmatismus bloßen „Funktionierens“ sich durchsetzt („Wer heilt, hat recht“) oder der Nihilismus einer postmodernen Beliebigkeit – alle Ideologien haben die gleiche Struktur und notwendige Wurzel, nämlich die Ohnmacht gegenüber einer bedrohlichen Fremdheit, die entsetzliche Angst bereitet und tief verunsichert, abzuwehren und auszugleichen.

Dabei lauert tief im Inneren des Einzelnen die Angst vor dem Nichts, vor der Auslöschung und dem endgültigen Verschwinden, vor einer Ungewissheit, die nicht mehr auszuhalten ist, vor der völligen Bedeutungslosigkeit und Nichtexistenz als dieser konkreten einzelnen Person, die für sich genommen nicht zählt – „ein Nichts“ ist –, aber als Teil einer „absoluten“ – unabhängig von ihr „objektiv“ bestehenden – letztgültigen Wahrheit, endlich Wert und Bedeutung erhält.

Aus dieser inneren Logik bezieht jede Ideologie ihre Anziehungskraft: Indem der ihr „Angehörige“ zum Vertreter einer verbindlichen Wahrheit verklärt wird, erhebt die jeweilige „Lehre“ einen sich eben noch verschwindend gering fühlenden Menschen zur Bedeutsamkeit eines ihrer „Stellvertreter“. Als solcher gilt er dann als Gottes Ebenbild, Glaubensgenosse, Parteifunktionär, Soldat, Kollege, Forscher, Teammitglied – je nachdem, was für den sich entfremdeten Einzelnen in seinem Umfeld gerade besonders wichtig, aufwertend und naheliegend erscheint. Denn darin liegt die eigentliche Wurzel der Angst und damit der Ideologieanfälligkeit eines Menschen begründet: dass er sich früh schon abhandenkam und kein Bewusstsein seiner selbst und seiner Freiheit entwickeln konnte.

Wohl vermag er Ich zu sagen und zu meinen, weiß, wer er ist in Bezug auf die Systeme seiner Umgebung (Familie, Partnerschaft, Schule, Arbeit …), hat aber als „Selbst“, an und für sich, keine Sehnsucht, keinen Wert und keinen eigenen Sinn. Er ist nur für und durch andere da, braucht deren Reaktionen als Bestätigung seines Ich und lässt sich von den anderen für deren Zwecke benutzen.

Das hat nichts mit Freiheit, sondern nur mit Abhängigkeit zu tun: Der Einzelne lebt für den Erhalt des jeweiligen Systems und erhält seinen Wert und seine Bedeutung aus dem Urteil anderer über ihn und deren Ansprüchen an ihn. Diese anderen Mitglieder „verleihen“ ihm seinen „Stellenwert“, der sich in dem Maße erhöht, wie er dem System nützlich erscheint und er tut, was es verlangt. Fatalerweise meint der Einzelne, dabei aus freiem Willen zu handeln, sich das jeweilige System selbst erwählt und dessen Gültigkeit erkannt zu haben. Auch das ist ein Teil von dessen Logik: die eigene Verblendung nicht zu bemerken, sondern sie denjenigen zu unterstellen, die sich dem System nicht anschließen.

Tatsächlich müssen sich Liebe und Respekt in solchen Systemen erst „verdient“ und der eigene Wert als „Leistung“ unter Beweis gestellt werden, statt dass wir sie jedem einzelnen Menschen als die ureigene Würde seiner Person von Geburt an bezeugen, so wie uns das Leben in dieser Welt ursprünglich aus Liebe geschenkt worden ist.

Religiöse Ideologien wie das Christentum oder der Islam enthalten genau diese Doppelmoral in ihrem Kern und üben dadurch ihre Herrschaft aus. Als Offenbarung einer vermeintlich befreienden „frohen“ Botschaft, der zu folgen Gehorsam verlangt, doch dafür eines schönen Tages mit dem Eintritt ins Paradies belohnt wird.

Das Gleiche geschieht zwischen Eltern und Kindern, wenn denen Zuneigung oder Belohnung für Bravsein und Leistung gewährt wird und andernfalls Liebesentzug droht, in Paarbeziehungen, wenn der eine vom anderen Unterordnung verlangt und ihm dafür die Ehe verspricht oder wenn Loyalität gegenüber der Partei oder der Firma mit Aufstieg und Anerkennung honoriert wird. Der Einzelne lässt sich im übertragenen wie wörtlichen Sinn „kaufen“ und gibt seine innere Freiheit und Selbstbestimmung an ein Außen ab, das über seinen Wert entscheidet, ohne dass er sich dieser Entfremdung bewusst wäre.

Je früher und nachhaltiger deren Logik verinnerlicht worden ist und das Ich gleichsam davon kolonialisiert wurde, je rigider das „Über-Ich“, desto fester die Überzeugung des Einzelnen, jederzeit dem eigenen Weg zu folgen. So wie eine besonders geschickt manipulierende, subtil suggestive Werbung ein Bedürfnis zu wecken versteht, wo bisher gar keines vorhanden war, und der ihr Ausgelieferte aufrichtig meint, gerade dieses Produkt, diese Methode, diese Erkenntnis schon immer gebraucht und gesucht zu haben.

Die Entfremdung vom eigenen Selbst, dessen Herausbildung den Einzelnen ursprünglich aus dem Erleben und dem Bewusstsein seiner Geborgenheit zur sehnsüchtigen Kraft eines selbstständigen Weges befreite, lässt den eigenen Wert nicht spüren. Er vermag so keine schöpferischen Impulse zu entwickeln und wird in dieser inneren Leere empfänglich für alle von außen einströmenden Botschaften, die Sinn und Halt versprechen.

Diesem inneren Konflikt zwischen der ungestillten Sehnsucht nach Geborgenheit, die bei einem sicher gebundenen Urvertrauen als reine Lebensenergie im eigenen Selbstwertgefühl beheimatet wäre, und dem Drama einer entsetzlichen Ohnmacht, deren Angst den Einzelnen zu vernichten droht, erwächst die Krankheit der Seele als Sucht nach Erlösung. In dieser Spannung wird die freie Entfaltung behindert, und die Entfremdung nimmt ihren verhängnisvollen Verlauf.

Bindung und Freiheit bedingen und ermöglichen sich also gegenseitig: Zu Beginn seiner Entwicklung benötigt der neugeborene Mensch sichere Geborgenheit und bedingungslose Liebe, um sich möglichst angstfrei entfalten zu können – ohne Angst vor den Menschen seiner Umgebung, deren Nähe und Wärme ihm gerade dabei helfen, die unbegreiflichen Phänomene des Daseins nicht als Bedrohung zu erleben, sondern als wundervolles Geheimnis, das ihn dazu herausfordert, es zu ergründen, dessen Rätsel wie sich selbst zu bezeugen und auf die Spur zu kommen.

Und jeder, der die Freiheit des Selbstseins für sich entdecken kann und in der bewussten Sehnsucht nach Geborgenheit sein Maß findet, wird diese Freiheit auch jedem anderen Menschen in seiner Umgebung zuerkennen und auf seine Weise weitervermitteln wollen – nicht als „Lehre“ oder Mission in höherem Auftrag, sondern wie beiläufig wirkend durch sein liebevoll zugewandtes Tätigsein in der Welt, die er so sehr als Raum und Bühne seiner eigenen schöpferischen Freiheit erlebt, dass er nichts lieber wünscht, als von ebenso schöpferisch Tätigen Einzelnen umgeben zu sein, die einander durch ihre Freiheit inspirieren: jeder Mensch ein Lebenskünstler, der in liebevoller Geborgenheit mit sich existiert und in seiner ureigenen Sehnsucht Maß und Lebenssinn findet.

14:06 15.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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