Bildung befreit - zu sich und anderen

Wertewandel Die Zeiten, da uns „Arbeit“ vermeintlich „befreite“ und „Wissen“ mit „Macht“ gleichgesetzt wurde, sind hoffentlich ein für allemal vorbei...
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Bildung befreit - zu sich und anderen

Auf dem Weg zu einem globalen Wertewandel

Die Zeiten, da uns „Arbeit“ vermeintlich „befreite“ und „Wissen“ mit „Macht“ gleichgesetzt wurde, sind hoffentlich ein für allemal vorbei. Sogar die Nazis meinten ihre Parole über dem Eingangstor in Auschwitz - „Arbeit macht frei“ - eher zynisch als derart wörtlich ernst wie die Leistungsideologie der Nachkriegsgenerationen, die ihre Maßstäbe über eine sogenannte „Erziehung“ in Familie, Schule und Gesellschaft weltweit auf ebenso unbarmherzige wie subtile Weise in die Köpfe und Seelen ihrer Kinder und Kindeskinder gepflanzt hat.

Ein rigider Materialismus, der sich gesellschaftlich in der Steigerung des sogenannten „Bruttosozialprodukts“ und für den Einzelnen in der Mehrung von Erfolg, Reichtum und Ansehen zu beweisen versucht, beurteilt auch erworbenes Wissen und erlernte Fertigkeiten vor allem nach ihrer Effizienz und Brauchbarkeit - um einen zutiefst unersättlichen Geltungsdrang damit stillen zu können. Die Sucht der Gier verlangt nach Wachstum als Selbstzweck.

Diese Ideologie herrscht bis in unsere Tage und ist erst jetzt an ihre Überlebensgrenzen gekommen, da ihre „Maßstäbe“ auf breiter Ebene scheitern und in ihrer krankmachenden Wirkung erkennbar beziehungsweise durch die Zerstörung der eigenen Grundlagen ad absurdum geführt werden.

Das Gerede vom „Wissen als/ist Macht“ meint nichts anderes als dessen Instrumentalisierung zum Zweck der Herrschaft: des Menschen über die Natur, des Stärkeren über den Schwächeren, des Reichen über den Armen, des Gebildeten über den Ungebildeten. Ein solchen Denken trägt seine „Abschlüsse“ vor sich her, ist stolz auf seine „Titel“ und seinen Einfluss, auf alle sichtbaren Zeichen seiner vermeintlichen Größe und ist an Veränderungen nur interessiert, solange sie dem eigenen Vorteil dienen - keineswegs jedoch, weil sie befreiend wirken und etwa Unrecht oder Krankheit überwinden helfen.

Doch die soziale Gerechtigkeit einer Gesellschaft und deren Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft zeigt sich genau daran, wie sie sich gegenüber dem einzelnen Menschen verhält, wie sie mit ihren schwachen und hilflosen Mitgliedern umgeht - mit ihren Kindern und Alten, mit ihren Kranken und Leidenden.

Welche Werte verbinden Menschen, stiften Solidarität unter ihnen und ermöglichen eine freie und friedliche Entwicklung ihrer schöpferischen Potentiale in einer vertrauensvollen, geborgenen, nicht ängstigenden Umgebung? Daran sollte eine Bildung interessiert sein, die sich ihrer globalen Verantwortung bewusst ist und sie ernst nimmt.

Globale Dimensionen erreicht heute, durch unser vernetztes Wissen voneinander, durch unsere virtuelle und tatsächliche Nähe im Zeitalter weltumspannender Kommunikation und Mobilität, potenziell jedes öffentliche Auftreten und Handeln - was als Fluch und Segen zugleich erscheinen kann.

Einerseits handelt es sich bei den weltweiten medialen Inszenierungen und deren fortgesetzter Erzeugung von Bildern und Bedürfnissen um moderne Formen der Kolonialisierung unserer Körper und unserer Gefühle - die sich zudem an austauschbar gleichen Orten in überall gleicher Weise zu uns alle beherrschenden Ansprüchen verfestigen. Deren massenhafte Verbreitung scheint aus universal gültigen „Werten“ zu resultieren - tatsächlich reduziert eine gierige materialistische Technologie den Menschen auf Konformität und Konsum, macht ihn zum nützlichen Idioten des Systems.

Auf der anderen Seite stehen dieser fatalen Entwicklung der Medientechnologien ungeahnte Möglichkeiten eines umfassenden kulturellen Austausches gegenüber, einer beständigen Erweiterung unseres Bewusstseins durch neue Erfahrungsräume und Erlebniswerte in einer potenziell freien, friedlichen und respektvollen Begegnung aufgeklärter Individuen. Darin gerade liegt die ungeheure Chance und verantwortliche Aufgabe einer wahrhaftigen Bildung, die uns zueinander und damit zu uns selbst befreit: in Zeiten der sozialen Werteblindheit und globalen Gleichschaltung der Menschen durch die universale Herrschaft der materialistischen Ideologie wieder ein Bewusstsein dafür zu ermöglichen, was unsere eigentlichen Lebensgrundlagen sind - was den Planeten ebenso erhält wie die Gesundheit des einzelnen, die sich beide nur in einem angemessenen Umgang mit ihrer ursprünglichen Natur frei entfalten können.

Und ein angemessener Umgang mit dem Wunder des Lebendigen besteht nicht in einer rücksichtslosen Ausbeutung seiner Ressourcen zur Befriedigung egoistischer Interessen, die ihre Legitimation aus ihrer Durchsetzungsfähigkeit ableiten.

Wenn wir uns nicht bloß als intelligente Raubtiere, sondern als einfühlsame, vernunftbegabte und würdevolle Wesen begreifen können, sehnen wir Menschen uns nach einem vertrauensvollen, solidarischen Miteinander, in dem wir einander gleichermaßen Unterstützung und Ermutigung schenken.

So wie uns das Leben geschenkt wurde als eine Möglichkeit, es zu entdecken und zu gestalten, die zuvor für uns nicht existierte, lernen wir es zu lieben als den vertrauten Ort unserer Herkunft und Heimat, von der aus wir uns auf den Weg machen, die Welt um uns und in uns zu entdecken.

Die Furcht vor der Freiheit wird, mit Unterstützung einer Umgebung, die es gut mit uns meint - so wie ursprünglich idealerweise schon die Eltern mit ihrem Kind -, zur Sehnsucht nach einem Leben, das darauf wartet, von uns bewusst wahrgenommen und schöpferisch verwandelt zu werden: in hilfreiche, angewandte Erkenntnis, die unser Leben sichert; in Erkenntnis, die sich selbst genügt, weil sie reines Staunen über das Wunder des Seins bedeutet; und in Erkenntnis, die der empfangenen Liebe schöpferischen Ausdruck verleihen will, um der erlebten Schönheit auf eigene, persönliche Weise zu antworten.

Der menschliche Glaube an die Ebenbildlichkeit Gottes verdankt sich - sofern wir denn von unserer „Geschöpflichkeit“ ausgehen - einer Erfahrung von Geborgenheit und Liebe, die uns die Natur der Welt und des Menschen gleichermaßen vermitteln können. Wenn wir uns als gewollt und geliebt erfahren, wollen wir nichts sehnlicher, als wiederzulieben.

Jedes Kind, das voller Freude und Begeisterung die Welt entdeckt, ist gleichsam ein Naturforscher und Liebhaber des Lebens, das sich bildet und gebildet wird, gestaltet und gestalten lässt und nichts lieber möchte, als seine Begeisterung und seine Entdeckungen mit anderen zu teilen und sie an den eigenen Wundern und Erkenntnissen, an seinem Wissen um sie, teilhaben zu lassen.

Es benötigt dazu im Grunde vor allem ein Gefühl von Geborgenheit, einen einigermaßen sicheren Ort und bei Bedarf die verfügbare Nähe einer liebevollen Gemeinschaft. Ein Kind möchte sich wahr- und ernstgenommen fühlen, wertgeschätzt und ermutigt, möchte Fragen stellen dürfen und Antworten erhalten und ohne Angst seinen eigenen Weg gehen können.

Wahrhaftige, nicht ideologische Bildung wäre daran interessiert, jedem Kind diesen Freiraum zu eröffnen, in dem es sich geborgen fühlen und sich entwickeln kann zu jenem Menschen, der in ihm verborgen ist und sich danach sehnt, auf seine ganz persönliche, so nur ihm entsprechende Weise verwirklicht zu werden - mit all seinen Begabungen und Möglichkeiten.

Das Wissen um die befreienden, verbindenden und schützenden Werte besitzt keine Macht, sondern verwirklicht die einzige Energie, die sich selbst genügt und unendlich weiter bildet, weil sie verströmt, was ihr selbst geschenkt worden ist: LIEBE.

22:48 13.05.2014
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