Liebe statt Pazifismus

GewaltFreiheit Kaum einer fragt sich in der politischen Diskussion kriegerischer Auseinandersetzungen nach den psychodynamischen Hintergründen der Gewalt. Dieser Beitrag versucht es.
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Es ist gewiss eine ehrenwerte Diskussion, die da auch im Freitag geführt wird, der immerhin sogar seine Leser dazu einlädt, sich Gedanken zu machen und Argumente vorzubringen, die womöglich etwas zur Klärung beitragen. Argumente in einem öffentlich ausgetragenen Entscheidungsprozess, wer hier in einem kriegerischen Konflikt welche Seite moralisch und/oder militärisch unterstützen sollte oder zumindest seinen finanziellen Teil zur Unterstützung beitragen müsse. Und immer wird es gleich wieder zu einer ideologischen Diskussion um rechte und linke Positionen, um Parteinahme und Schuldzuweisungen, um Gesinnungsverdacht und Bündnistreue.

'Pazifismus - ja oder nein' ist da nur eine weitere Variante, eine Haltung, die gerade dann unter Ideologieverdacht gerät, wenn ein Konflikt die Entscheidung für oder wider eine bestimmte Partei zu erzwingen scheint.

Doch die allgemeine Verblendung solcher politischen Diskussionen - und der ihnen fatalerweise folgenden Beschlüsse und Handlungen - besteht gerade darin, dass sie sich mit jeder noch so gut gemeinten Bekämpfung der sichtbaren gewaltsamen Symptome immer tiefer in genau jene Unmenschlichkeit verstrickt, die sie eigentlich gerade zu stoppen hofft. In der Bekämpfung einer zu schwächenden oder gar zu vernichtenden Seite (Partei, Religion, Nation...) durch eine dafür zu stärkende, zuletzt nach Möglichkeit überlegene als dem vermeintlich kleineren Übel - oder gar der „wahrhaft gerechten“ oder „einzig legitimen“ Macht (Partei, Religion, Nation...) - bleibt die Spirale der Gewalt erhalten. Und wie bei jeder Sucht wird nur die Dosis erhöht, um ein Gleichgewicht des Schreckens herzustellen, doch niemals ein wirklicher Schritt zur Befreiung unternommen, der nur gemeinsam gelingen könnte.

Kaum einer fragt sich in solchen Diskussionen nach den tieferen Ursachen des Konflikts, nach den Hintergründen der Symptome kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Parteien. Hinter denen stehen immer konkrete einzelne ohnmächtige Menschen, die ihre am eigenen Leib erlittenen Demütigungen und traumatischen Gewalterfahrungen dadurch abzuwehren, aus dem Bewusstsein zu drängen und auf perverse Art zu kompensieren versuchen, dass sie sich an anderen rächen, sie ihrerseits erniedrigen und mit Gewalt bekämpfen.

Gerade in den extremen Formen selbstverletzenden oder sadistischen Verhaltens finden sich traumatische Hintergründe unberechenbarer Gewalt, die dem Einzelnen dann zumeist besonders früh schon widerfahren ist, sodass später nur im Erleiden oder Zufügen von Schmerz noch auf pervertierte Weise Erleichterung zu empfinden ist. Diese „Sucht nach Gewalt“ wird dabei so allgegenwärtig, dass sie die Entwicklung der Persönlichkeit dauerhaft stört oder gar wahnhafte Züge annimmt.

Der autoritäre Vater oder Lehrer, der die ihm ausgelieferten Kinder anschreit, mit Strafen bedroht oder gar züchtigt, um sie zu einem erwünschten Verhalten zu bewegen, „braucht“ deren Angst um das eigene Minderwertigkeitsgefühl zu kompensieren, da er keinen anderen Weg (mehr) sieht, um sein Ziel zu erreichen. Unbewusst erlebt er seine eigene frühkindliche Ohnmacht gegenüber den Eltern an diesen „widerspenstigen“ Kindern aufs neue. Er spürt, dass er ein verachteter Vater oder schlechter Lehrer ist, wie er selbst ein abgelehntes Kind war, und versucht diese schmerzliche Wahrheit abzuwehren, indem er sich als mächtig inszeniert und als Autorität aufspielt, die er tatsächlich nicht hat. Wäre er seiner sicher und wüsste um seine Kraft, gelänge es ihm, die Kinder von etwas zu überzeugen oder für etwas zu begeistern – beziehungsweise etwas mit solcher Bestimmtheit als notwendig zu erklären, dass sich jeder Widerstand erübrigte.

Nach dem Zusammenbruch des jahrzehntelang staatlich verordneten Sozialismus im Osten Deutschlands, im Verlauf der sogenannten „Wende“, kam es dort häufig zu gewalttätigen Übergriffen perspektivloser und durch die dramatische Umwälzung ihrer Lebenswelt heillos überforderter Jugendlicher gegen ausländische Mitbürger. Mit pogromartigen Ausschreitungen versuchten verblendete Neonazis afrikanische und asiatische Asylanten in Angst und Schrecken zu versetzen und wieder aus dem Land zu vertreiben, indem sie deren Wohnheime in Brand steckten (zur Dokumentation der Ereignisse siehe bei Wikipedia unter „Ausschreitungen in Hoyerswerda“, 1991, und „Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen“, 1992). Die „Ärmsten der Armen“, die sich aus ihren Ländern in eine vermeintlich bessere Welt geflüchtet hatten, wurden plötzlich zum Feindbild und zur vermeintlichen Bedrohung einer Freiheit, die für keine Seite wirklich gegeben war. Ohnmächtige und Ausgelieferte gingen aufeinander los, statt sich zu solidarisieren – so wie misshandelte Kinder um die Gunst der Eltern miteinander streiten oder ausgebeutete Angestellte einer Firma auf Schwächere losgehen und diese „mobben“, statt sich gemeinsam gegen ihre Unterdrückung zu wehren.

Jederzeit kann Gewalt eskalieren, kann lange zurückgehaltene Wut plötzlich in blindwütigen Hass umschlagen und zu schwerer Körperverletzung oder gar Mord „im Affekt“ führen, wenn der innere Druck so sehr ins Unerträgliche gestiegen ist, dass ein kleiner Auslöser genügt, ein letzter Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Je unbegreiflicher ein entsetzliches Verbrechen erscheint, weil der oder die Täter als unscheinbare, angepasste, brave und oft sogar besonders freundlich wirkende Zeitgenossen galten, desto weiter zurück reichen die Wurzeln der psychischen Fehlentwicklung dieser Menschen, desto länger sind ihre eigenen Leidketten aus Angst, Minderwertigkeitsgefühlen und fortgesetzter Demütigung, die eines schwarzen Tages in einen Entschluss zur blutigen Rache münden, der die eigene Selbstauslöschung als Erlösungsfantasie mit einbezieht. Wie etwa bei jenen kaltblütigen Morden von Jugendlichen an ihren Mitschülern und Lehrern, in Amerika und Deutschland (siehe bei Wikipedia unter „Amoklauf an einer Schule“, Dokumentationen der Fälle von Littleton, 1999; Blacksburg, 2007; Erfurt 2002; Winnenden, 2009).

Eine ähnlich verhängnisvolle Dynamik wirkt bei den religiös oder politisch fanatisierten Terroristen, die sich eines Tages den Sprengstoffgürtel umschnallen oder mit Waffengewalt Flugzeuge in Gebäude stürzen lassen. Auch bei so verblendeten Tätern wie jenen der Terroranschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York handelt es sich um psychisch schwer verletzte Menschen, deren Hass über lange Zeit geschürt und gewachsen ist, bis er eines Tages explodiert und ein Zeichen setzen muss, das sich über den Wert des Lebens und die Würde der Existenz erhebt und eine Spur der Vernichtung hinterlässt. Diese Menschen opfern sich und das Leben anderer, um eine Idee und damit das Bild eigener Größe und Macht zu retten.

Diese Zusammenhänge von Ohnmacht und Gewalt untersucht und verdeutlicht der Neurobiologe und Psychiater Joachim Bauer in seinem Buch Schmerzgrenze – Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt (2011), das zugleich in überaus erhellender Weise den ideologischen Charakter bisheriger Theorien über Das sogenannte Böse (Lorenz, 1963) oder einen angeborenen „Aggressionstrieb“ (Freud) offenbart. Naturwissenschaftlich gab es dafür bislang keine anderen Beweise als beobachtbare Phänomene von Gewalt beim Menschen. Trotzdem unterstellte man ihm eine ursprüngliche Gefährlichkeit und „Anlage“ zur Kampfbereitschaft, um damit Erziehungs- und Rechtssysteme aller Art begründen zu können, die jedoch ihrerseits nur scheinbar legitime Formen staatlicher Gewalt etablierten.

Jetzt wird auch wissenschaftlich erkennbar, wofür bislang nur der eigene Glaube an das Gute im Menschen als Rechtfertigung dienen konnte: dass Menschen nur aus erlebter Ohnmacht und Notwehr gewalttätig werden. Das aber lässt Angst, Armut und Hunger als die eigentlich herrschenden Gewalten erkennbar werden und fordert die Weltgesellschaft der Menschen endlich zur Entwicklung einer globalen Gerechtigkeit und Solidarität heraus, und zwar nicht als eine weitere von außen verordnete Ideologie oder „Religion“ der Liebe, sondern endlich als Einigkeit aller sich in Tat und Wahrheit nach dem Guten sehnenden Menschen.

Je früher und dramatischer die Verletzung eines Menschen begann, desto heftiger und spektakulärer wird seine Gegenreaktion ausfallen, sein Widerstand, der Grad der Gewalt gegen sich und/oder andere. „Widerstand“ kann hier durchaus auch im Sinn von Freud als unbewusste „Abwehr“ einer tatsächlich erfahrenen Misshandlung gedeutet werden, die klar zu erkennen und auszudrücken dem Betroffenen unerträglich wäre und zudem nicht erlaubt scheint. So wie jede Sucht auf die gewaltsame Unterdrückung eigener Sehnsucht verweist, deutet auch der Widerstand – die Aggression – eines Menschen auf eine Gewalt, die ihm selbst widerfahren ist.

Schwere Soziopathien, Perversionen oder Psychosen haben in früh erlittener Verwahrlosung und frühkindlichen Misshandlungen, oft schon im Säuglingsalter, ihren Ursprung, doch so wie ein „steter Tropfen den Stein höhlt“ beziehungsweise ein einziger, letzter, „das Fass zum Überlaufen bringt“, können auch über Jahre erlittene Kränkungen und Zurückweisungen, gleichsam beständige Mikrotraumen chronischer Lieblosigkeit, eines schrecklichen Tages dramatisch eskalieren – so wie eine Körperzelle, nachdem sie Jahrzehnte brav und stillschweigend ihre Dienste verrichtet hat und im Interesse des Systems angepasst war, auf einmal „bösartig“ werden kann und gegen sich und das System, in dem sie lebt, vorzugehen beginnt. Eine Erkrankung betrifft eben nie nur den Erkrankten selbst und das eigene „Körpersystem“, in dem sie sich ausdrückt, sondern je nach Schweregrad auch die Familie, die Partnerschaft, die Arbeitswelt und die Gesellschaft, in der ein Erkrankter lebt.

Nie und nimmer lassen sich solche psychodynamischen Zusammenhänge mit Gewalt durchbrechen oder verändern - sie verfestigen sich dadurch nur immer weiter, weil es im Grunde unbewusste, instinktive Überlebensstrategien sind: Angriff, Flucht oder Erstarrung -„emotionale Steinzeitprogramme“, die seit je unter dem Druck der Verhältnisse aktiviert werden. Allenfalls verstärken sich durch kriegerische Auseinandersetzungen, bei gewaltsamer Bekämpfung der Gewalt, durch die Herrschaft des vermeintlich Stärkeren über den vermeintlich Schwächeren, die Krankheitssymptome der Ohnmächtigeren - sobald ihnen nicht einmal diese elementaren Reaktionen mehr möglich scheinen.

Und so halten Traumatisierungen jeder Art die Spirale der Gewalt in Gang, werden aus heute traumatisierten Kindern traumatisierende Täter und Patienten von morgen.

Eine wirkliche Veränderung seiner inneren und äußeren Verhältnisse kann einem verletzten Menschen nur durch heilsame Erfahrungen gelingen: durch die seiner Person von anderen entgegengebrachte Wertschätzung, durch das Erlebnis von Respekt und Würde im Umgang mit seiner Individualität, seiner Geschichte und seinem Glauben. Durch einen vertrauensvollen, offenen Austausch der Menschen untereinander, durch ehrliches Interesse und aufmerksame Zuwendung. Durch Liebe statt Gewalt.

Und was für den Einzelnen gilt, gilt auch für die Gesellschaft. Denn die wird erst dann eine wahrhaft menschliche sein, wenn sich jeder einzelne in ihr zu sich selbst ermutigt fühlt.

23:09 27.08.2014
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