otto8

Schreiber 0 Leser 0
Avatar
RE: „Sie haben uns im Stich gelassen“ | 08.04.2017 | 15:24

Und wieder sind die Pazifisten am Krieg schuld. Wer solche Sätze sagt:

Die Solidarität mit den Armen und mit der Arbeiterklasse wird zum Wohl des Antiimperialismus geopfert und Russland und der Iran als antiimperialistische Mächte gegen den Westen gefeiert.

sollte anderen gewiss kein binäres Denken in Gut & Böse vorwerfen. Der Mann ist selbst ein im Freund-Feind-Denken gefangener Kriegstreiber, und seine undifferenzierte & falsche Polemik gegenüber Kritikern des westlichen Interventionismus lässt vermuten, dass seine Darstellung der syrischen Verhältnisse auch nicht besonders zuverlässig ist.

RE: Kritische Zone | 08.05.2016 | 13:10

Das Zentrum einer freien Stadt soll kein Machtzentrum sein, es ist ein Ort „der Begegnung und des Austauschs“, (Lefebvre), an dem die Menschen gemeinsam das gute Leben verwirklichen. Das Recht auf Zentralität einzufordern stellt die Machtfrage.

Mir würde viel eher ein Recht auf Dezentraliät einleuchten. Dass Menschen, wie peripher sie auch leben, vollen Anteil an der Gesellschaft haben (können). Oder geht es bei dem Recht auf Zentralität darum, dem Zentrum seine Macht zu nehmen? Als strategische Maßnahme sozusagen, um Dezentralität durchzusetzen.

Auch sehe ich das Postulat eines unumkehrbaren Urbanisierungsprozesses kritisch. Ist das nicht eher ein Marktprozess, bei dem ein Herdentrieb künstliche Knappheit erzeugt, indem es bestimmte Orte für angesagt und andere für abgehängt erklärt? Es gibt bspw. in Deutschland sehr viele Klein- & Mittelstädte, die sehr lebenswert sind oder sein könnten. Vom Leben auf dem Lande mit Internetanbindung ganz zu schweigen. Und dann könnte man sich auch noch vorstellen, dass es der Menschheit - sehr langfristig - gelingt, die Bevölkerungszahlen auf ein erträgliches Maß herunterzusenken. Da braucht es dann keine Megacities mehr, die sich nur schwer jemals werden selbstversorgen können.

RE: Ein hartes Geschäft | 29.04.2016 | 13:56

Mir sind These & Ausblick zu flach. Zentralisierung & Vielfalt müssen einander nicht ausschließen. Bei bestimmten Infrastrukturen ist es sogar notwendig, sie zu zentralisieren. Der Staat hatte das mit Post, Eisenbahn, Telekommunikation, Verkehsnetz, Bildungssystem etc. gemacht. Das erst hat vielen den Zugang zu Kommunikation, Mobilität & Bildung ermöglicht. Im Grunde reicht es, eine einzige Plattform wie Amazon zu haben, solange sie diskrimierungsfreien Zugang für alle gewährleistet und ihre Monopolposition nicht ausnutzt. Das ist meines Erachtens noch nicht geschehen. Im Gegenteil, wir haben Amazon die Durchsetzung elektronischer Lesegeräte zu verdanken, die günstiges Publizieren & Lesen ermöglichen. Das wird für enorme inhaltliche Vielfalt sorgen. Auch werden sich das Gebaren und die Margen von Elsevier & Konsorten nicht mehr halten lassen, weil Open Access sich geradezu aufdrängt. Hier beginnt ein Monopol & Gatekeeper zu wanken. Und das ist gut so.

RE: Wie Stummfilmproduzenten | 20.02.2016 | 17:28

Denn wenn ich weiterhin zwischen Berlin und einem Ort nahe Dänemark gelegentlich hin und her fahre, dann ist das "Verbrennerauto" die beste Lösung.

Schon mal überlegt, die Bahn zu nehmen? Für lange Strecken doch viel angenehmer. Wenn gelegentliche Fahrten der Hauptgrund für den Unterhalt eines Autos sein sollten, dann handelt es sich zudem um ein teures Hobby. Die Statistik sag ja eindeutig, das für den überwiegenden Großteil der Fahrten die Reichweite heutiger E-Autos locker reicht.

Außerdem ist die geringe Reichweite auch ein Segen: Die Leute würden die irrsinnige Pendelei beenden, also wohnen, wo man arbeitet, und ihre Freizeit in der Nähe verbringen, an Orten für die man soziale & ökologische Verantwortung übernimmt. Wer vom (Fern-)Tourismus genervt ist, sollte evtl. selbst aufhören Tourist zu sein.

RE: So geht Frieden | 11.11.2015 | 15:32

Sehr geehrter Herr Jäger, vielen Dank für Ihre Reaktion. Das ist bei Weitem nicht selbstverständlich. Ich möchte darauf forumsüblich holzschnittartig antworten.

ad 1) Auch wenn es nicht das einzige Erkenntnisinstrument ist, wundert mich immer wieder die im Feuilleton übliche Miss- bis Verachtung der Empirie. Sie hat ein starkes Einspruchsrecht, gerade wenn es um weitreichende Entscheidungen geht. Wenn Sie krank zum Arzt gehen und der Ihnen sagt, dieses Medikament hat noch keinem geholfen, eher die Lage verschlechtert, würden Sie es schlucken? Was würde man von einem Papst halten, der das heliozentrische Weltbild anzweifelt mit dem Argument, nach Tausenden bestätigenden Messungen könnte doch jederzeit eine kommen, die das Modell über den Haufen wirft?

Meine Messungen sehen so aus: Kriege haben den Menschen hauptsächlich Leid gebracht. (Und den Europäern eine technische Entwicklung beschert, durch die sie als Kolonisatoren Leid über andere Menschen bringen konnten. Womit wir beim Urspung der Konflikte nicht nur des Nahen Ostens wären.) Kriege befeuern eine Aufrüstungslogik, sodass die politischen Vorteile nur von kurzer Dauer sind, da der Sieger/Herrscher durch Gegenbündnisse & Gegenstrategien (Partisanentum) in Schach gehalten wird. Die Folgerung kann nur lauten: Raus aus der Aufrüstungslogik hinein in die Abrüstungslogik.

ad 2) Ich möchte das mal das Kontinuums-Argument nennen. Zwischen den Polen gerecht/ungerecht, gewalttätig/gewaltfrei, Krieg/Frieden entspannt sich ein Kontinuum an möglichen Lagen. Die Situation im Herrschaftsgebiet des IS ist selbstverständlich alles andere als gerecht, gewaltfrei & friedlich. Aber genauso wenig ist es die gesellschaftliche Lage in den USA, wo bspw. Schwarze diskriminiert, bevorzugt für nichtige Vergehen eingekerkert oder von der Polizei auf Verdacht erschossen werden. (Exkurs: Es wäre auch angebracht, über die Innenwirkung der Kriege in kriegführenden Gesellschaften zu reflektieren, da findet ein nicht unbeträchlicher Re-Import von Gewalt & Unterdrückung statt: die USA als eine Art modernes, militaristisches Preußen.) Selbstverständlich ist das Ausmaß in den USA ein ganz anderes als in den IS-Gebieten.

Nun lautet die Frage: Wonach entscheidet man, ob der Frieden in den IS-Gebieten, in den türkischen Kurdengebieten, in der saudi-arabischen oder US-amerikanischen Gesellschaft hinreichend ist? Sie machen das irgendwie, also: IS-Gebiete -> kein hinreichender Friede -> kriegerische Aktion; Saudi-Arabien/Türkei/USA -> hinreichender Friede -> Diplomatie bzw. im Fall der USA stilles Erdulden der Menschenrechtsverletzungen.

Mit diesem Übergang vom Kontinuum zum Diskreten vollziehen Sie aber denselben Schritt wie ein Pazifist, nur dass dieser Krieg grundsätzlich ausschließt. Es bringt Ihnen gar nichts, in Schattierungen zu denken, wenn Sie irgendwann entscheiden müssen, ob Sie die Bombe werfen oder nicht. Unter dem Kontinuumsargument verhalten Sie sich also strukturell wie ein Pazifist mit einer anderen, aber ebenso willkürlichen Setzung der Schwelle. Diese Diskussion hat also gar nichts gebracht, und in meinen Augen wird das empirische Argument (1) gestärkt

ad 3) Nun vom Abstraken zum Konkreten: Ich finde, dass Sie ggü. Türkei & Saudi-Arabien zu tolerant sind. Dadurch, dass diese "mit am Tisch sitzen" werden die Misshandlung der Kurden und die aggressive Verbreitung des Wahhabitismus sicher nicht aufhören. Für mich ist das ein Hinweis auf letztlich westliche Interessenpolitik und den nicht von der Hand zu weisenden Vorwurf, dass wir uns um Menschenrechte nur kümmern, wenn sie uns in den Kram passen. Dass sich dann andere Menschen ebenfalls das Recht herausnehmen zu entscheiden, wann sie mit welchen Menschen wie rücksichtsvoll umgehen, sollte doch keinen verwundern.

RE: So geht Frieden | 10.11.2015 | 12:59

Wenn die Einigung der genannten Kräfte gelingt und sie dem Spuk dann mit massivem Militäreinsatz ein Ende machen – warum sollte das nicht von pazifistischer Seite begrüßt, ja gefordert werden?

Ich meine mich zu erinnern, dass das auch die Begründung für den Afghanistankrieg und den Krieg gegen Saddam war. "Frieden durch Krieg" - dieser Idee haben Teile der Generation meiner Großeltern mal angehangen. (Es war hauptsächlich die Elite, die weniger Gefahr lief, im Schützengraben zu krepieren.) Das Ergebnis ist bekannt, aber leider schon zu sehr in Vergessenheit geraten.

Ich bin inzwischen aus Überzeugung Pazifist - und zwar aus eher pragmatischen Gründen: a) Strategie: Man muss den Kriegstreibern das Leben schwermachen, sonst sind die Dr. Strangeloves nicht zu stoppen. (Stecken ja auch massive wirtschaftliche Interessen dahinter) b) Empirie: Wenn ich die Konflikte der letzten Jahrzehnte auswerte, dann hätte man ohne jegliche Detailkenntnis der Lage mit Fundamentalopposition zum Krieg immer richtig gelegen, wohingegen die Auskenner & geopolitischen Welterklärer (Ich schweige mal von den offensichtlichen Lügnern) viele unschuldige Tote zu verantworten haben. Der gerechte Krieg ist doch etwas, was sehr selten auftritt in der Geschichte. (Selbst WK2 kann man als unfinished business von WK1 betrachten, der mit einem irrsinnigen Aufrüsten jener begann, die meinten, sich schützen zu müssen.)

Zum IS: Warum beginnt man nicht mit dem Offentsichtlichen: massiven Sanktionen gegen Türkei, Saudi-Arabien etc.? Weil es eben doch nicht um Menschenrechte geht. Sie sind nur das Feigenblatt für das, was man euphemistisch "humanitäre Interventionen" nennt.

RE: Keine negativen Auswirkungen | 07.11.2015 | 14:55

Die Frage ist doch, womit das Streaming zu vergleichen ist: dem Radiohören oder dem Albumkauf. Es springt immer noch mehr als beim Radio raus, das nur die Lieder runterdudelt von Leuten, die eh schon prächtig verdienen. Man sollte nicht den Fehler machen, zu denken, dass jeder gestreamte Song ein entgangener Single/Album-Kauf ist.

Des Weiteren haben sich die Künstler die Sache auch ein wenig selbst eingebrockt. Man hört von der Seite kaum Kritik an einem Starsystem, das einige wenige Sänger, Bands, Manager, Werber superreich werden lässt und sich dazu noch kräftig aus intransparent gemanagten Zwangsgebühren (GEZ, Gema etc.) bedient. Der Topf ist groß genug, versucht den doch erst mal gerecht zu verteilen.

Außerdem haben postdemokratische Lobbyisten, Abmahnanwälte und ahnungslose Publikumsbeschimpfer wie Sven Regener die Branche als Ganzes in Verruf gebracht. Dass da der erste Impuls lautet: Musikindustrie, die kriegen von mir so wenig wie möglich, kann ich allzu gut nachvollziehen.

RE: Bauer sucht Kunden | 12.09.2015 | 14:33

Mein Mitleid hält sich in Grenzen: Jahrezehntelang CDU wählen, den Bauernverband unterstützen, grüne Minister auspfeifen, die sich für ökologischere Produktion einsetzen... Die Bauern haben die Industrialisierung ihres Gewerbes selbst vorangetrieben - zulasten der Tiere, zulasten der Natur. Für die ökologischen Folgen (Artensterben, gülleverseuchtes Grundwasser) wird die Gemeinschaft einmal aufkommen müssen. Wenn die Bauern nun noch meinen, dass der Sinn der Subventionen darin bestünde, massiv für den Export zu produzieren und anderen Landwirten im Ausland das Leben schwerzumachen, dann muss man doch arg an Intelligenz & Reflexionsfähigkeit dieser Gesellen zweifeln.

RE: Wer ist hier übergriffig? | 25.06.2015 | 00:27

Aggressiver Humanismus - das klingt wie nichttödliche Waffen. Das ZPS mag hippe & interessante Protestformen finden, dennoch darf man sich kritisch mit dem Denken dahinter auseinandersetzen, das mir auch nur wieder auf Denk- & Sprachverbote hinauszulaufen scheint.

Philipp Ruch, das ist doch der, der gerne Münkler zitiert und in seinem Profil ein taz-Interview verlinkt, in dem er Pazifisten der Feigheit bezichtigt. http://www.taz.de/!5070438/ Wenn die Tat das Denken ersetzt, kann einem schon bisschen unwohl werden.

RE: Die Filterblase gibt es, aber wer ist schuld? | 16.05.2015 | 20:12

So ein Denken geht aber davon aus, dass Facebooks Quasimonopol stabil wäre. Die Art und Weise, wie Google damals Yahoo vom Markt gefegt hat, wie schnell Myspace in die Bedeutungslosigkeit versunken ist, zeigt, dass die Marktführer unter einer Art virtuellem Konkurrenzdruck stehen. Es könnte immer ein anderer mit einem besseren, d.h. z.B. neutralerem Algorithmus kommen. Mit zu großer Tendenziösität würde Facebook ein Flanke öffnen, die es angreifbar macht.

Abgesang auf das Abendland hin oder her, wir wissen nicht was die Zukunft bringt. Aber vergleichen Sie das mal mit der Stabilität der Positionen in der Verlagswelt (Springer, Bertelsmann etc.). Die konnten und können es sich (noch) erlauben, politische Kampagnen fahren.