„Ich fühlte mich immer als Europäer“

Porträt Ismayil Khayredinov stammt von der Krim. Doch so richtig dazugehört hat er nie, weder unter ukrainischer noch unter russischer Flagge. Jetzt hilft er Geflüchteten in Berlin, wie er nur kann
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Am Berliner ZOB kümmern sich freiwillige Helferinnen und Helfer wie Ismayil Khayredinov um die Geflüchteten aus der Ukraine
Am Berliner ZOB kümmern sich freiwillige Helferinnen und Helfer wie Ismayil Khayredinov um die Geflüchteten aus der Ukraine

Foto: Imago/Stefan Zeitz

„Stand with Ukraine“ leuchtet die digitale Werbetafel in den Morgendunst direkt vor dem Zentralen Omnibusbahnhof ZOB. Ein junger Mann steht hier, um Geflüchtete zu empfangen, der das nie von sich gedacht hätte. Es ist kalt an diesem Freitag – acht Tage, nachdem Russland die Ukraine angegriffen hat – als Ismayil am ZOB wartet. Genauso wie an den Tagen zuvor.

Ismayil Khayredinov ist 36, schlank, hat braunes kurzes Haar unter seiner Beanie-Mütze und trägt eine Outdoor-Jacke. Diesmal sind etwa zwölf Helfer vor Ort. Wie alle hier, trägt Ismayil eine gelbe Warnweste, darauf Klebeband mit den Abkürzungen für Ukrainisch, Russisch, Deutsch, Englisch und Tschechisch. Er sagt: „Mir ist wichtig zu zeigen: Was euch passiert, ist mir nicht egal.“ In den Tagen zuvor hat er non stop Nachrichten gehört und ist jeden Morgen bedrückt ins Büro gegangen. In einer Telegram-Gruppe erfährt er, dass Hilfe am ZOB gebraucht wird – und fährt dorthin anstatt ins Büro.

Ismayils Programmiererkollegen nennen ihn auch Issy. Sehr offen, ehrlich und vor allem direkt sei er, erzählen sie. Geradeheraus erklärt er ihnen und seinen Chefs, dass er im Moment einfach nicht arbeiten kann. Issy ist Ukrainer. Oder Russe. Oder nichts davon. Er stammt von der Krim. Als diese 2014 von Russland annektiert wird, wohnt er bereits seit sieben Jahren im Ausland. Zunächst in Prag, dann Berlin. Die Krim sei wie ein riesiges Dorf, erzählt er. Wohlgefühlt habe er sich dort nie. „Ich fühlte mich immer als Europäer.“ Seine Familie auf der Krim erhält russische Pässe. Er hat weiterhin den ukrainischen. Er sagt, er glaube nicht an Grenzen und nationalistische Politik. Weder Russland noch die Ukraine unterstütze er als Staat. Ismayil Khayredinov ist Krimtatar. Seine Großeltern wurden 1944 unter Stalin nach Zentralasien verschleppt. Seine Eltern und auch er selbst sind im Exil in Usbekistan geboren. Erst 1989 kehrten sie auf die Krim zurück. Es waren schwere Zeiten für die Eltern, als es kaum möglich war, als Krimtatar eine Anstellung zu finden. Russisch und Ukrainisch lernt Ismayil erst in der Schule, es bleiben fremde Sprachen für ihn. Auch 20 Jahre nach der Heimkehr auf die Krim fühlen sich die Khayredinovs nicht von der lokalen Bevölkerung angenommen. Ismayil erklärt: „Es gibt bei uns immer diese Trauer in der Seele, dass meine Leute über Generationen hinweg nicht gut behandelt wurden.“

Stalin ordnet die Deportation aller Krimtataren an

Im 15. Jahrhundert entsteht das Krim-Khanat, bestehend aus einer vor allem turkstämmigen Völkervielfalt. Die Krim entwickelt sich zu einem Zentrum des Sklavenhandels im Schwarzmeerraum. Die Nachbarn Polen-Litauen und das russische Zarenreich fürchten die krimtatarischen Raubzüge. 1783 erobert das Zaristische Russland das Krim-Khanat und unterwirft die Bewohner. Als 1942 ein Teil der Krimtataren mit der Wehrmacht kollaboriert, dient dies Stalin als Vorwand für die Kollektivbestrafung: Er ordnet die Deportation aller Krimtataren an und schafft ein Bild dieser Volksgruppe als Landesverräter und Feinde des Sowjetvolkes, das bis heute nachwirkt.

In Berlin hat Ismayil vor allem internationale Freunde. Als Programmierer spricht er viel Englisch mit Kollegen. Die ukrainische Community der Stadt interessiert ihn nicht, eine Weile sucht er hier aber Kontakt zu Krimtataren. Bald lässt er auch das sein. Er ist verheiratet, auch durch seinen deutschen Mann ist er so eingebunden, er braucht die Verbindung zu seiner Kultur nicht unbedingt. Jetzt liest und hört er, was in der Ukraine passiert – im Guardian, in der Nowaja Gaseta, im ukrainischen Fernsehen. Er ist entsetzt, schockiert. Tief traurig. Eine Freundin aus Kiew hat geschrieben, dass sie nun mit ihrem Kind versuchen wird mit dem Zug auszureisen. Einer seiner Freunde könnte sie hier aufnehmen. Bisher keine Nachricht von ihr. Gestern hat er seinen Eltern, die nur eine kleine Rente haben, noch einmal viel Geld geschickt. Wer weiß, ob die Sanktionen gegen Russland das demnächst unmöglich machen.

Immer mehr Helfer kommen am Busbahnhof zusammen. Busse mit Geflüchteten erwarten sie so bald noch nicht und Ismayil kann sich noch einen Kaffee bei einem Bäcker in der Nähe kaufen. Die Straße am Theodor-Heuss-Platz ist laut, die Sonne scheint in Ismayils blaue Augen, die kleine grau-grüne Einsprengsel haben. Er spricht bedacht, ruhig, manchmal etwas distanziert, als wollte er sich vor allzu vielen Gefühlen in Acht nehmen. Dann lacht er, um das Unbehagen abzuschütteln. Was ihm die Ankommenden erzählen, darauf geht er nicht weiter ein. All ihre Geschichten seien traurig. Seit Tagen, sagt er, funktioniere er nur noch auf Autopilot. Seinen Eltern auf der Krim gehe es gut. Eine Schwester hat er, zwei Neffen und eine Nichte. Alles in Ordnung bisher. Aber natürlich hätten auch sie Angst. Viel Militärtechnik sei über die Krim in die Ukraine geschafft worden. Niemand in Russland wisse, was jetzt geschehe.

Und die deutschen Waffenlieferungen? Als Pazifist sei er für ein totales Verbot von Waffenverkäufen. Aber bekäme die Ukraine jetzt gar keine Unterstützung, wäre sie vielleicht binnen kurzer Zeit in russischer Hand. Das müsse verhindert werden. Es würde für Putin grünes Licht bedeuten, so weiterzumachen und vielleicht mit Litauen, Estland, Polen ähnlich zu verfahren. „Als Krimtataren vertrauen wir Russland nicht“, sagt er. Assimilation, statt wirkliches Zusammenleben aller Ethnien und Kulturen war zu Sowjetzeiten ein Problem und sei es noch immer. Nach dem Ende der Sowjetunion hat sich Russland nie für das Leid der Krimtataren entschuldigt oder Reparationen angeboten. Stattdessen beobachtet er einen neuerlichen Stalinkult in Russland, für Krimtataren nur schwer erträglich. Offizielle russische Rhetorik mit Fokus auf traditionelle Werte, auf ein russisches Volk findet er befremdlich. So groß auch die Verschiedenheiten innerhalb Europas seien, immer wieder gelinge es den europäischen Staaten Kompromisse und Einigkeit zu finden. Das sei inspirierend, findet Issy. Und gerade für junge Leute sei die Reisefreiheit so wichtig, um ein besseres Verständnis für andere Lebensweisen zu entwickeln. Das Andere zu respektieren, darum gehe es. Und verstehen, „das Eigene ist immer nur eine Möglichkeit unter vielen, die auf der Welt existieren.“

Keine Hoffnung

Am Stützpunkt der Helfer vor einer kleinen Baracke am Busbahnhof, ukrainisch-englisches Stimmengewirr. Issy will nur noch kurze Zeit bleiben, es gebe heute genügend Helfende. Er stürzt sich nun wieder gerne in seine Arbeit: Als leitender Entwickler in einer kleinen deutschen Firma für Telemedizin entwirft er zurzeit ein kostenloses Programm, das geflüchtete Ukrainer unterstützen soll. Das Unternehmen spendet die Arbeitszeit seiner Mitarbeiter, damit diese Patienten und Ärzte, die sich ehrenamtlich engagieren, per Telekonferenz zusammenbringen. So kann Ismayil weiter helfen. Und als Programmierer kann er das tun, was ihm wichtig ist: „Wir sollten Wege finden, uns besser zu verstehen.“

Die Osterfeiertage und die siebte Kriegswoche gehen zu Ende. Welche Hoffnungen hat Ismayil? Am Telefon platzt er heraus, er habe gar keine. Und er fügt an: „Ich hoffe, dass die Generation der geflüchteten Kinder nicht in anderen Ländern großwerden muss. Sicher wäre das nämlich das Ende des ukrainischen Volkes und seiner Kultur.“ Zwei Generationen im Exil genügen, das weiß er, um die Beziehung mit der eigenen kulturellen Gemeinschaft verblassen zu lassen. Sein Urgroßvater war im Mai 1944 kriegsversehrt von der Front zurückgekehrt, als er eine Woche später mit etwa 200.000 anderen Krimtataren deportiert wurde. Ismayils Großmutter war gerade alt genug, um sich genau an diese Zugfahrt zu erinnern – sie war vier Jahre alt. Ihre Geschichten und Vorstellungen hat sie weitergegeben an ihre Kinder und Enkel. Aber es waren eben nur Vorstellungen, die Ismayil von seinem Herkunftsland hatte, bis er es wieder betreten konnte. Er hoffe, dass die Geflüchteten zurückkehren und ihre Städte wieder aufbauen können. Beinahe lachend fügt er hinzu: „Und dass in 200 Jahren Ukrainer und Russen wieder Brudervölker sein werden.“

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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