Die Inszenierung des Weltenbrandes

Westlicher Kuturexport Arabischer Frühling, Ukrainekrise, Syrienkonflikt und die Folgen sind ein Produkt einer Politik, die keinen Sinn für kulturell Gewachsenes und Vermittelbares hat
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community


Schaut man auf die Welt, Nordafrika, den Nahen Osten, neuerdings auch nach Osteuropa, muß man feststellen, dass hier ein Chaos herrscht, wie es die meisten von uns niemals erlebt haben. Staaten, die wir bislang arglos als Urlauber besuchten, werden allmählich zu No-Go Areas. Wer mag noch nach Marokko, Tunesien, Ägypten oder bald in die Türkei reisen? Osteuropa scheint auch als Reiseziel zunehmend fragwürdig und bald scheuen wir auch die Reisen in unsere eigenen Großstädte, weil wir uns vor den Bahnhöfen fürchten.
Das Mittelmeer wird vom Badestrand zur Todeszone und die deutsche Beschaulichkeit ist keifenden Parolenschreiern jeglicher politischer Couleur gewichen, denen vieles zuzutrauen ist, allerdings kein klarer Gedanke.
Jeder, der sich eine Position des Nachdenkens und Hinterfragens erlaubt, wird vom einen wie dem anderen als Troll apostrophiert und gegen die starken Parolen der Hetzer von links und rechts und sogar von da, wo wir bislang die "Mitte der Gesellschaft" wähnten, erscheint ein vernünftiger Standpunkt sogleich als "Schwachsinn".
Gegen die starken Parolen möchte ich mir hier einmal den Schwachsinn des Nachdenkens leisten, auch wenn wenig Hoffnung besteht, dass ich gehört werde. Dennoch mag ich nicht schweigend zusehen, wie andere permanent mit dem Feuer spielen, den sozialen Frieden, den humanitären Gedanken und den Frieden überhaupt zur Disposition stellen.

Was macht den Unterschied der vergangenen Zeit zu heute aus?
In der Vergangenheit haben wir zunächst einmal die Andersartigkeit fremder Länder akzeptiert. Es wirkte exotisch, am alltäglichen Leben teilzunehmen und als Besucher dieser Länder hat man sich den Sitten zumindest für die Zeit des Aufenthaltes Unterworfen. Auch damals herrschte in diesen Staaten nicht das Paradies auf Erden. Menschen wurden unterdrückt, ja systematisch verfolgt. Schon damals hat man das nicht schweigend hingenommen. Menschenrechtsorganisationen versuchten mit kulturell angemessenen Mitteln ein Verständnis zu schaffen, das Besserung versprach. Zugleich waren sich die Akteure stets bewußt, in welchem kulturellen Kontext sie agierten, lebten selbst lange Jahre unter den Menschen, denen sie beistehen wollten. Sie waren keine Phantasten, sondern wußten, dass sich Änderungen nicht in idealen Staaten vollziehen, die es - wie schon Aurelius Augustinus, ein Mensch der vor 1600 Jahren lebte - wußte, nicht gibt. Für ihn waren Staaten nicht besser sind als Räuberhorden, in deren Mitte auch Regeln, Gesetze und Ordnungen herrschen, die sie zusammenhalten und einen gewissen Schutz voreinander garantieren. Jeder Staat, der mehr sein will, stellt letztendlich eine Gefährdung dar, weil er in missionarischer Manier versuchen wird, auch andere Staatsgebilde seiner Ideologie zu unterwerfen. Das gilt für Gottesstaaten, ideologisch geprägte Staaten ebenso wie ... für den Westen. Denn auch wir sind der Ideologie verfallen, dass das, was wir - zurecht - als gut erachten und was bei uns Errungenschaften einer langen schmerzlichen Entwicklung sind, von anderen Staaten und Kulturen nun einfach 1:1 übernommen werden könnte. Diese Sicht ist im besten Sinne naiv, wie sich zeigt letztlich aber hoch gefährlich. Dem westlichen unreflektierten Kulturreport, der natürlich ebenso blind für die kulturellen Vorgaben fremder Länder, wie auch für die eigenen Schattenseiten ist, stellen sich nun Reaktionen konservativster Art entgegen, für die wir keinerlei Verständnis aufbringen, so absehbar das in sich gewesen ist. Offensiver Einflussnahme von außen wird immer eine klare, profilierte defensive Reaktion erfolgen, die genau das unmöglich macht, was wir im Grunde erreichen wollen. Der naive Vorsatz, Entwicklungen erzwingen zu wollen, verhindert die Entwicklungen selbst. Ein Kind, das zum Lernen gezwungen wird, wird keine Freude am Lernen entwickeln. Eine Meinung, die mir massiv aufgezwungen wird, ruft in mir Opposition hervor, selbst wenn sie meiner eigenen Grundüberzeugung gar nicht so fremd ist. So verhindert dieses Vorgehen geradezu die Entwicklung dessen, was sie vorantreiben will.

Beispiel Russland. Ich bin mit einer russischen Frau verheiratet und kenne allmählich ein wenig die russische Mentalität, wenn ich mir auch niemals anmaßen würde, sie vollständig zu begreifen. Die russische Mentalität ist komplett anders geprägt als die des Westens. Sie hat ihre eigenen Geschichte, die mit unserer auch nicht ansatzweise zu vergleichen ist. Das, was uns in St. Petersburg oder auch Moskau als westeuropäische Fassade dieses Landes vor Augen steht, verhindert die tatsächliche Wahrnehmung der kulturellen Kräfte, die innerhalb dieses großen Staates mit den unterschiedlichsten Kulturen, tragend sind.
Die Prägungen einer langen Tatarenherrschaft beherrschen mit Sicherheit des Geschlechterbild bis heute. Das, was uns als Machismo, gern bei Präsident Putin kritisiert, begegnet, ist selbstverständliches Rollenverhalten, ob wir das nun gut finden mögen oder nicht. Die Orthodoxe Kirche als Bewahrerin der Tradition durch den Sozialismus hindurch, hat von daher eine tief konservative Gestalt, die uns im sogenannten "kalten Krieg" außerordentlich lieb war, weil sie in unsere ideologische Sichtweise paßte, die sich aber heute als etwas darstellt, was dieses Land uns als besonders fremd dastehen läßt. Im Rahmen dieser kulturellen Vorgaben sind besonders homosexuell veranlagte Menschen zweifellos benachteiligt. Ihre Emanzipation ist wünschenswert und wichtig. Das geht aber nicht durch ein westliches Importmodell , wie es zuvorderst der Grünenpolitiker Volker Beck betrieben hat, dessen zweifelhafter "Erfolg" die Wahrnehmung Russlands seitens der Grünen bis heute nachhaltig prägt. Seine Teilnahme an Demonstrationen in Russland, haben der Homosexuellenbewegung einen Bärendienst erwiesen, weil die Unterstellung, von fremden Mächten gesteuert zu sein, diese in ein denkbar schlechtes gesellschaftliches Licht rückt. Was mit einem allmählichen Hineinwachsen in die Gesellschaft erfolgversprechend gewesen wäre (schließlich ist die Emanzipation homosexuell lebender Menschen auch bei uns so verlaufen, der Paragraph 175 StGB ist noch gar nicht so lange aufgehoben), wird auf diese Art und Weise geradezu verhindert.
Dazu kommt die Einflussnahme durch die sogenannten NGOs, die vielfach als ungerechtfertigte Einmischung von Außen wahrgenommen wird (wen wundert das in einem Land, das aus Richtung Westen in erster Linie Invasionsversuche und Konfrontationen erleben durfte, was auch in der Nichtrartifzierung von Abrüstungsabkommen seitens des Westens (von der heute niemand mehr spricht) und dem absprachewidrigen Aufnehmen ehemaliger Sowjetstaaten in die NATO, was Russland natürlich als Bedrohung ansehen muß, in der russischen Seele als mahnende Erinnerung wieder lebendig wird).
Tatsächlich nehmen Menschen wie George Soros, der sich gern als Mahner, Warner und Kenner der Materie darstellt, massiven Einfluss auf oppositionelle Strömungen, sie mit ideologischer Zurüstung, vor allem aber mit Geld unterstützt werden. Das zu unterbinden ist geradezu Aufgabe eines souveränen Staates, wird aber bei uns durchweg mit negativen Konnotationen versehen. Ich rede hier übrigens nicht von Organisationen, die schon jahrzehntelang in mühevoller Kleinarbeit eine Inkulturation wichtiger Menschenrechte und Werte versucht haben.
Die gesellschaftliche Verhärtung gegenüber diesen wichtigen Fragen ist deutlich bis hinein in die entsprechenden Parteinahmen russischstämmiger bzw. russisch geprägter Menschen in Deutschland. Dafür muß man gar nicht erst eine entsprechende russischen Propaganda, die es natürlich ebenso gibt, wie die westliche, selbst in unserem eigenen Land, bemühen.
Die Zustimmung zu Wladimir Putin ist trotz oder auch wegen der Sanktionspolitik deutlich gestiegen, die Militarisierung des Denkens in Russland ebenso, wie auch bei uns.
Dass man zudem an den Vorgängen in der Ukraine gut ablesen kann, wohin das westliche Vorgehen führt, macht es dem russischen Menschen noch deutlicher, wie sehr es angebracht ist, sich auf die eigenen Werte zu konzentrieren. Trotz des ukrainischen Nationalismus, handet es sich zumindest in der Ostukraine um einen zu Russland analogen Kulturraum, was für die Westukraine historisch bedingt, so nicht zutrifft.
Ähnlich wie Russland unterlag die Ukraine denselben Übergangswirren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Herrschaft von Oligarchen, die sich das ehemalige Volksvermögen angeeignet hatten und danach trachteten, es sich gegenseitig wieder abzujagen, bestimmten das Bild in den 90er Jahren in Russland wie in der Ukraine. In Russland hat sich das unter Wladimir Putin deutlich entschärft, in der Ukraine tobt dieser Kampf noch heute, verbrämt durch die unterschiedlichsten politischen Lager, die nur eins, aber das ganz gewiß gemein haben, die Ausbeutung des eigenen Volkes. Das war unter Viktor Janukowitsch, der mit Sicherheit ein halbes Jahr nach dem Maidan abgewählt worden wäre, ohne die gesellschaftlichen Verwerfungen, die wir heute in der Ukraine genießen können, ebenso wie heute unter Petro Poroschenko, Julia Timoschenko, deren Partei jüngst das sinkende Regierungsschiff verläßt, und all den anderen, die sich die Kredite der Weltbank zugute komen lasesn. Die Bevölkerung lebt mittlerweile auf dem Existenzniveau der ärmsten Staaten der Welt und nur das stets gegenwärtige Feindbild Russland hat wohl noch nicht zu neuen Verwerfungen geführt. Aber diese werden kommen. Zu offensichtlich der Einfluß der USA, der EU auf die gegenwärtige politische Lage. Der Rolle etwa Victoria Newlands wird man sich zu gegebenen Zeit gern erinnern, aber auch der Rolle unserer Politiker, die meinten, der Maidan sei ein guter Platz für die eigene politische Profilierung. Der Druck, den der internationale Schuldendienst weiterhin aufbauen wird, gemeinsam mit dem schwärenden Konflikt mit dem östlichen Nachbarn, wird das Land zerbrechen lassen und wahrscheinlich in die Arme ultrarechter Kräfte treiben. Zugleich liefert die Aufrüstung des Ostens durch die Nato genügend Material, diesen Europäischen Konflikt zu einem Europäischen Flächenbrand werden zu lassen. Dass das westliche Politiker nicht zu sehen vermögen, ist eines der großen Rätsel unserer Zeit.

Der "arabische Frühling"
Längst vergessen, aber noch nicht lange her, dass nordafrikanische junge Menschen als modern, internetaffin und westlich orientiert galten (genau das Gegenteil zu dem, wofür man sie heute gern hält). Ihnen traute man zu, im Rahmen des sogenannten "arabischen Frühlings" (dessen Symbol, die geballte Faust, nicht zufällig in allen Konfliktzonen auftaucht, bis hinein in die Ukraine, Nordafrika und den Nahen Osten)ihre Länder zu westeuropäischen Demokratien zu reformieren.
Das Gegenteil ist geschehen. So ging aus der ägyptischen "Revolution" die ultrakonservative Bewegung der Muslimbruderschaft als Gewinner hervor. Die geplante Umgestaltung der ägyptischen Gesellschaft, die offensichtlich dem Wählerwillen entsprach, konnte nur durch einen Militärputsch gestoppt werden, der merkwürdiger Weise von den demokratischen Staaten des Westens niemals negativ hinterfragt wurde. Offensichtlich ging es weniger um freie Wahlen als darum, dass dann auch der richtige gewählt würde. Von allen Ländern des arabischen Frühlings ist lediglich ein Land, Tunesien, mit gelungener Revolution übrig geblieben. Die Spur der Verwüstung der zweifellos westlich unterstützten "Frühlingsbewegung" ist fatal. Libyen, das längst einen gemäßigten Kurs steuerte, Syrien, in dem trotz aller gegenteiliger Propaganda das Volk damals viel friedlicher lebte als heute, Ägypten, das wieder eine Militärdiktatur genießen darf, sind die Wegmarken eines westlichen ideologischen Feldzuges, der keine Idee davon hat, was dieMenschen in den betroffenen Ländern denken und leben wollen. Im Gegenteil, die politischen Umwälzungen der letzten Jahre haben auch hier eine Hinwendung zu ultrakonservativen, fundamentalistischen Strömungen hervorgebracht, unter denen vor allem die zu leiden haben, die man angeblich befreien wollte.
Strömungen, die uns natürlich auch mit denen erreichen, die aus diesen zerstörten Ländern flüchten. Hier Integration zu schaffen und endlich einmal wirklich ernst zu machen mit dem, was man in die zerstörten Länder als Heilsbotschaft bringen wollte, sollte doch in einem Kulturraum, der von alledem geprägt ist, ein Leichtes sein. Dass die Integration aber schon eine lange Geschichte des Scheiterns hat, hat unsere Politik und wird unsere Politik sicher nicht daran hindern, weiterhin unter widrigsten Umständen das zu versuchen, was schon unter den besten Gegebenheiten unter uns nicht funktioniert.
Den Betroffenen dafür die Schuld zu geben, ist dabei der Gipfel des Zynismus. Das allerdings tatenlos mit anzusehen ist die endgültige Offenbarung der absoluten Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit. Hier spiegelt sich der gleiche unverantwortliche Leichtsinn wie in der Außenpolitik, was wenig verwunderlich ist, da beides von den gleichen Protagonisten verantwortet wird.
Und dann sind da noch die anderen Akteure. Die Türkei, Saudi Arabien, der Iran, der zerstörte Irak, die Hisbollah, die Kurden. Man mag sich im Westen noch so erstaunt geben, aber alle diese Staaten handeln genau so, wie man es von ihnen hätte erwarten können. Die Türkei versucht ihre Herrschaft über die Kurden und das Nachbarland Syrien territorial und herrschaftlich auszubauen, was doch eigentlich niemanden wundern muss.
Saudi Arabien, das aber auch so gar nicht von westlichen Werten angefochten ist, bemüht sich wie immer, seine Lesart des Sunnismus vor allem gegenüber den Schiiten, perspektivisch sicher aber auch gern gegen den Rest der Welt, durchzusetzen. Die Emirate leisten dabei traditionell gern Schützenhilfe. Der Iran versucht, seine schiitischen Glaubensgeschwister zu schützen, was wohl auch niemanden wundern darf. Die schiitische Hisbollah geht damit natürlich konform und beide unterstützen den syrischen Präsidenten Assad, der selbst einer muslimischen Minderheit angehörig, keinerlei Interesse an sunnitsichen fundamentalistischen Bewegungen hat, und der paradoxer Weise in Auftreten und Lebensstil am ehesten in das Raster westlicher Lebensauffassung paßt.
Und hier begrüßen wir dann alle Mitwirkenden wieder auf dem Schlachtfeld, Verzeihung, natürlich der politischen Bühne, denn was wäre der sich ankündigende Weltenbrand anderes als die Fortsetzung mißlungener politischer Mittel mit mißlungenen militärischen Strategien. Da im Bereich Syrien jeder nach seinen eigenen Interessen handelt, allen voran die westliche Hegemonialmacht USA, deren Rolle nach wie vor eher zwielichtig als erhellend ist, und da offensichtlich der sogenannte "Westen" gern bereit ist, sich von den verschiedensten Teufeln reiten zu lassen, nur um Herrn Assad zu beseitigen und Russland, das sich strategisch klüger, vielleicht auch brutaler erweist, als man es erwartet hätte, in seine Schranken zu weisen, in die es sich aus o.g. Gründen niemals zurückziehen wird.
Nun mag man ja die westliche Position verstehen, was mir persönlich schwer fällt, so wenig ich Wladimir Putin oder Herrn Assad für Heilige halte, was aber dennoch erschreckend ist, ist, dass offensichtlich einmal mehr die Vorstellung davon fehlt, was nach einer Beendigung des Krieges kommen könnte. Allein schon das macht die Hoffnung, dass die Flüchtlingsströme mit dem Schweigen der Waffen versiegen und syrische Staatsbürger gern in ihr Land zurückkehren werden, illusorisch.
Vielmehr stehen wir wahrscheinlich bestenfalls historisch vor dem Phänomen der größten Völkerwanderung aller Zeiten (die Menschen aus der Ukraine werden nicht lange auf sich waretn lassen), mit all den Belastungen und Aufgaben, die so etwas vor allem Westeuropa auferlegt, oder schlimmstenfalls vor einem Weltkrieg apokalyptischen Ausmaßes. Dass es hier kaum mahnende Stimmen gibt, erfüllt mich mit schlimmsten Befürchtungen.

08:39 18.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Pastor Ralph

Pastor in der evangelischen Kirche, Freizeitblogger.
Schreiber 0 Leser 2
Avatar

Kommentare 5

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community