Pro-Europäisch? Wer bestimmt, was Europa ist?

Europa Europa ist in aller Munde. Was ist das aber Europa. Gibt es nur die Deutungshoheit der EU oder ist noch etwas übrig vom Europäischen Gedanken?
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Wahlen stehn ins Haus.
Europawahlen.
Für mich stellt sich damit die Frage, was denn für mich Europa ist? Europa ist zunächst einmal ein geographischer Raum: Von West nach Ost vom Atlantik bis in den Ural. Vom hohen Norden bis ins Mittelmeer.
Das ist Europa. Europa ist traditionell verbunden durch eine lange gemeinsame Geschichte. Kulturprägende Ereignisse, Auseinandersetzungen, kulturelle Verbindungen und Brücken, lange bevor überhaupt von so etwas wie einem Europäischen Gedanken gesprochen wurde. Und dennoch: Mit dem entstehenden Europäischen Gedanken, dem Wissen darum, dass uns in Europa so viel verbindet, ist die Idee von einer Größe entstanden, die für die Welt von Bedeutung ist: von kultureller, ideeller Identität, wie sie nur hier entstanden ist. Das macht den Europäer nicht besser als Menschen auf anderen Kontinenten, aber es gibt ihm das Gefühl dafür, woher er kommt, in welcher Geschichte er steht, welche Werte hier entstanden sind, von Europäischer Identität. Und sogleich wird es umstritten. Was von alledem gilt, was ist überholt, wo beginnt der Kulturverfall und wo das reaktionäre Festhalten an längst Überholtem. Das Nachdenken über Europa muß sich dem stellen. Die Europäischen Länder sind zwar auf einem gemeinsamen Weg, allerdings oftmals an unterschiedlichen Wegmarken. Hier einander mitzunehmen, in kritische Auseinandersetzung miteinander einen gemeinsamen Europäischen Weg zu finden, halte ich für die Hauptaufgabe einer geeinten Europa.
Aber sieht es danach in Europa aus? Ich habe den subjektiven Eindruck, dass das nicht so ist.
Bestimmend für Europa scheinen nur wirtschaftliche Fragen zu sein. Von Europäischer Einheit als Ideal weit entfernt. Die Frage nach wirtschaftlicher Potenz, der Euro, die EU, fördert das alles wirklich Europa? Vordergründig offenbar ja, tatsächlich aber kaum. Die EU ist letztlich immer noch die EWG, die europäische Wirtschaftsgemeinschaft mit mittlerweile auch militärischen Einschlüssen.
Die EU glaubt mittlerweile bestimmen zu müssen, was Europa ist. Damit nützt sie dem Europäischen Gedanken oft wenig. Denn grade auch in der Auseinandersetzung mit denen, die auch Europa sind, aber nicht allzu leicht in ein westeuropäisches Deutungsmuster passen, wäre Europa stark und tatsächlich Europa. Die EU ist weniger eine Europäische Gemeinschaft als ein westlich orientiertes Wirtschaftsbündnis, das viel mehr gemein hat mit den USA als den östlichen Staaten Europas, seien es EU-Mitglieder oder nicht. Die westliche Dominanz belastet einen tatsächlichen Europäischen Einigungsprozess dadurch, dass es in erster Linie wirklich um Fragen der wirtschaftlichen Stärke und Vorherrschaft geht. Und da spielt natürlich Deutschland eine besondere Rolle. Wir Deutschen müssen uns fragen, was uns Europa wirklich wert ist und dabei grade die wirtschaftlich schwachen Staaten und die Staaten, die sich der westlichen Sicht oft so sperrig gegenübersehen, nicht aus den Augen verlieren. Wenn Europa nur so lange gut ist, wie es uns gut geht, dann ist es nichts wert. Wenn Europa als Chance gesehen wird zur friedlichen Koexistenz, ohne dass wir uns in beständigen Machtspielchen, bei denen es letztlich nur um Dominanz und Geld geht, beständig auseinanderdividieren, dann erfordert das ein neues Denken und wahrscheinlich auch Opfer. Ich befürchte nur, dass wir zurzeit davon weiter entfernt sind, als wir es gern hätten. So lange wir Europa in Pro-Europäisch und Pro-Russisch teilen, müssen wir von Europa gar nicht reden. Die Politik der ständigen Konfrontation mit gegenseitiger Propaganda schadet genau dem, wofür sie bei uns zu stehen vorgibt, dem Europäischen Gedanken.

22:18 04.05.2014
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Geschrieben von

Pastor Ralph

Pastor in der evangelischen Kirche, Freizeitblogger.
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