Patricia Koller geht auf die Barrikaden

Inklusion Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet, setzt sie aber nicht um. Ein leidvoller Erfahrungsbericht
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Patricia Koller geht auf die Barrikaden
„Ich erlebe Fußgänger anders als bisher. Ich fühle mich in Menschenmengen schnell mal recht verloren, klein und unsichtbar“

Foto: Andreas Solaro/AFP/Getty Images

Mein Name ist Patricia Koller und ich lebe mit meinen Katzen in München. Ich bin Aktivistin für Behindertenrechte und Inklusion.

Vor ein paar Jahren war ich auf der Suche nach einem Weg raus aus meiner mehrjährigen Isolation, in die ich nach einem blutigen Gewaltverbrechen, das ich nur knapp überlebt habe, geraten war.

Der Weg zu einer Art Beratungsstelle der Caritas führte mich durch den Alten Botanischen Garten, in dem nach einem warmen Winter schon erste Blüten an den Zweigen sprossen. Ich liebe den Frühling. In meiner Freude umarmte ich ein paar Bäume und streichelte ihre Blätter. Als zahlreiche winzige Spinnentierchen über meine Hand rannten und unter dem Ärmel verschwanden, schüttelte ich den sichtbaren Teil sanft ab und ging weiter. Ich vergaß den Vorfall mit der Mini-Invasion gleich wieder.

Mir ging es in der kommenden Zeit immer schlechter. Der kalte Schweiß floss in Strömen. Ich hatte extremen Schüttelfrost. Tageslicht tat mir weh in den Augen. Mir war schwindelig, ich hatte Herzrasen, das Denken und Atmen fiel mir immer schwerer und mir war speiübel. Mein Genick wurde starr und äußerst schmerzhaft. Der Kopf ließ sich nicht mehr drehen. Reflexe starben ab. Ich hatte starke Krämpfe und vermehrt Panikattacken.

Es fühlte sich an wie eine schwere Vergiftung, die auch den Verstand angreift. Eines Tages war mein rechter Arm gelähmt. Das gab sich dann wieder.

Einige Zeit später hatte ich einen plötzlichen Totalausfall sämtlicher Gliedmaßen und brach mitten auf der Straße zusammen. Da ich den Sturz nicht abfangen konnte, schlug ich mit dem Gesicht auf dem Asphalt auf und zog mir eine schwere Gehirnerschütterung, ein blaues Auge, eine Platzwunde und mehrere Schürfwunden zu. Nach kurzer Bewusstlosigkeit erwachte ich und blickte ich in fremde Gesichter, die über mich gebeugt waren und mir mitteilten, dass die Rettung bereits verständigt sei und dass man den Inhalt meiner Handtasche, der sich über den Bürgersteig ergossen hatte, wieder eingesammelt hätte.

Um es kurz zu machen: Es hat trotz mehrerer Krankenhausaufenthalte noch ewig gedauert, bis ich endlich erfuhr, was der Auslöser war:
Die kleinen Spinnentierchen waren Nymphen, d.h. gefährliche kleine Zecken, die beim Blutsaugen Borrelien übertragen können.

Seither habe ich eine Gehbehinderung und ein umfangreiches Sammelsurium an weiteren Diagnosen. Immer wieder machen mir Krankheitsschübe mit Gleichgewichtsstörungen, Lähmungserscheinungen und extremen Erschöpfungszuständen zu schaffen.

Bevor ich selbst betroffen war, ging ich immer davon aus, dass für Schwerbehinderte in Deutschland gut gesorgt werde. Mir waren weder die Barrieren im Alltag noch in den Köpfen der Allgemeinheit bewusst und was es letztlich heißt, nicht überall hin zu können, Lokalbesuche und Veranstaltungen meiden zu müssen, weil am Eingang Stufen sind, oder weil man dort nicht zur Toilette kann.

Ein junger Mann aus meinem Freundeskreis, der von Geburt an im Rollstuhl saß und mehrmals pro Woche zur Dialyse musste, war nach dem Gewaltverbrechen der Erste, der mir liebevolle, verständnisvolle Worte schickte, um mich zu trösten. Dafür hat er in meinem Herzen immer einen festen Platz, denn viele meiner sogenannten „Freunde“ haben sich einfach feige zurückgezogen und den Kontakt abgebrochen, weil sie nicht damit umgehen konnten.

Verbrechen passieren für manche offenbar nur im Fernsehen oder in der Zeitung und nicht im realen Leben und schon gar nicht im eigenen Umfeld…

Ich habe auch nicht geahnt, welchem Behördenwahnsinn wir ausgesetzt sind, wie herablassend wir behandelt werden und wie sehr wir um unsere RECHTE kämpfen müssen. Man muss immer wieder auf die Barrikaden gehen, weil sich Behörden nicht an geltende Gesetze halten und einem willkürlich Rechtsansprüche vorenthalten.

Es gibt kein funktionierendes Beschwerdesystem für Schwerbehinderte und auch keines für psychisch Kranke. Nur schickes Blendwerk ohne jegliche echte Funktion, das der Öffentlichkeit als heile Welt verkauft wird.

Hätte ich in der Politik etwas zu entscheiden, wäre dies die erste Änderung, die ich machen würde und zudem müssten endlich bundesweit einheitliche Regelungen geschaffen werden, damit nicht jede Behörde in jedem Bundesland geltende Gesetze so umsetzen kann, wie sie gerade lustig ist. Wir brauchen dringend mehr juristische Unterstützung, um uns wehren und ans Ziel gelangen zu können. Sogar ein Bundesgesetz wie das Persönliche Budget für Schwerbehinderte wird überall anders umgesetzt und in diversen verstaubten Behörden wird auch einfach mal dreist dessen Existenz geleugnet.

Zu dem Thema Behördenirrsinn könnte ich mittlerweile schon ein ganzes Buch schreiben…

Durch meinen Rollstuhl mit Elektro-Antrieb (einem e-fix von Alber, für diejenigen, die es näher interessiert) hat sich mein Aktionsradius deutlich erweitert und so habe ich auch die Möglichkeit, wieder an Demos teilzunehmen. Ich bin also froh darum, dass ich ihn habe. Es ist natürlich eine Umstellung, aber eben auch eine positive, weil dadurch wieder mehr Unternehmungen möglich sind.

Aus der Rollstuhlperspektive erlebe ich Fußgänger anders als bisher. Ich sehe viele Hintern und fühle mich in Menschenmengen schnell mal recht verloren, klein und unsichtbar. Die Leute starren auf ihre Smartphones und laufen einem achtlos in den Rolli, hüpfen plötzlich aufgeregt vor einem herum, oder fallen einem auf den Schoß und beschimpfen einen dann auch noch.

Viele Menschen sind sehr freundlich und rücksichtsvoll. Sie halten einem ungefragt Türen auf, oder räumen mal einen Stuhl, der im Weg steht, beiseite, sie bieten ihre Hilfe an, usw.

Andere reagieren ihre Aggressionen an uns ab, weil wir leichte Zielscheiben sind. Hier fallen mir auch immer wieder Fahrer von öffentlichen Verkehrsmitteln negativ auf, die Rollstuhlfahrer*innen anschnauzen, als säßen diese nur im Rolli, um ihnen extra Arbeit zu machen. Mir kann so ein Tonfall den ganzen Tag verderben und so rolle ich lieber kilometerweit durch die Stadt, als mich primitiv anbrüllen zu lassen, weil ich eine Rampe brauche.

Mir begegnete aber auch schon ein behindertenfeindlicher Mann, der mir mit voller Absicht eine Tür gegen den Rolli knallte, als ich vor einer Arztpraxis auf meinen Assistenten wartete, der ein Rezept für mich abholte. Der Wutbürger hatte durchaus reichlich Platz, aber er gab der Glastür noch einen extra Schwung, um mich damit zu treffen. Er wollte einfach seine Wut an jemandem auslassen.

Weil Behörden ihrer Informations- und Beratungspflicht nicht nachkommen und man kaum faire, kompetente Beratung findet, habe ich eine Selbsthilfegruppe gegründet, die aktuell um die 2200 Mitglieder hat. Unser Hauptthema ist das Persönliche Budget für Schwerbehinderte, von dem ich wegen des behördlichen Versagens bzw. Boykotts jahrelang nichts erfahren hatte, obwohl es für mich die beste Lösung gewesen wäre. So habe ich kostbare Lebenszeit verloren und musste mich während einem halben Jahr Bettlägerigkeit mit unfassbaren Problemen herumschlagen, die eigentlich gut lösbar gewesen wären. Die Ohnmacht gegenüber einem herzlosen System, die ich zu der Zeit erlebt habe, hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt.

Das Persönliche Budget soll uns die größtmögliche SELBSTBESTIMMUNG ermöglichen. Das gefällt nur leider vielen Behördenmitarbeitern nicht, die uns gerne übergriffig bevormunden und generell in der finstersten Vergangenheit hängen geblieben zu sein scheinen.

Ich war ein Leben lang selbständig und auf einmal soll ich damit leben, dass man mich wie ein Kleinkind behandelt und über mich hinweg bestimmt.

Unser Selbsthilfenetzwerk wächst und wächst. So entstand auch die Idee zu unserem Inklusions-Stammtisch, bei dem wir uns regelmäßig einmal pro Monat lebhaft austauschen.
Bei der Organisation unserer Treffen fiel mir auf, wie schwer es sogar in einer Stadt wie München ist, barrierefreie Lokale und Veranstaltungsorte zu finden, wo man mit mehreren Rollstuhlfahrern gleichzeitig auftauchen kann. Auch Arztpraxen sind zumeist nicht mit einem Rollstuhl zugänglich. Es gibt noch soviel zu tun im Bereich Inklusion.

Um mehr Bewegung in das starre System der Ignoranz zu bringen, halte ich Reden bei Demos und nehme an Podiumsdiskussionen teil. Ich schreibe seit einigen Jahren Artikel rund um Behindertenrechte und Inklusion, die auf unterschiedlichen Plattformen veröffentlicht werden.

Mein unbeirrbarer Gerechtigkeitssinn treibt mich dazu. Ich kann mich nicht damit abfinden, dass wir in einem Rechtsstaat leben, in dem die Gesetze auf unserer Seite wären, aber keine Anwendung finden, weil sie von Behörden boykottiert werden, sei es nun aus Unkenntnis schlecht angelernter Sachbearbeiter oder aus Kostengründen. Rechtsansprüche sind Rechtsansprüche und nichts, das man sich erst vor Gericht erkämpfen muss!

So kämpfe ich eben weiter für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und mache mich bei einigen, die uns mit ihrem ewig gestrigen Denken, ihrem übergriffigem Machtgehabe und ihrer Respektlosigkeit das Leben unnötig schwer machen, unbeliebt.

Hinweis: Wer zum Persönlichen Budget mehr wissen möchte, schaut einfach mal auf den Seiten des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales: www.bmas.de

Da ist das Bundesgesetz eigentlich gut erklärt. Man kann aber eben auch erst danach googeln, wenn man weiß, dass es existiert…

13:22 29.11.2019
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Geschrieben von

Patricia Koller

Aktivistin, Leiterin der Selbsthilfegruppe “Persönliches Budget für Schwerbehinderte – Behindertenrecht”.
Patricia Koller

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