Haustierwahnsinn

Tiere auf die Couch "Das bunte Buch verhaltensgestörter Tiere" weiß: Auch Tiere leiden unter brüchigen Familienstrukturen und entwickeln Neurosen. Wie gut, dass es Therapeuten gibt!

Derzeit leben in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammengenommen etwa 11.451.000 Katzen, 6.357.000 Hunde, 4.164.000 Stubenvögel und 6.380.000 Nager sowie unzählige Fische in 2.240.000 Aquarien. Das ergibt in der Summe 30.592.000 Haustiere (die Fische nicht einzeln gezählt) – und beinahe ebenso viele Tierhalter.

Für das tierische Glück scheuen die Tierhalter allem Anschein nach keine Kosten: Jedes Jahr werden in diesen drei Ländern über fünf Milliarden Euro für Haustiere und Haustierbedarf ausgegeben. Trotzdem hängt vielerorts der Haussegen schief, und nur ein Tierpsychologe kann oft noch das sensible Gleichgewicht zwischen Mensch und Tier wiederherstellen. Wie viele Haustiere psychologische Hilfe benötigen würden, weiß niemand ganz genau. Die zunehmende Anzahl an Tierpsychologen und Studiengängen für Tierpsychologie (und artverwandte Zweige) legen aber nahe, dass die Schar potenzieller Patienten groß sein muss.

Fünf dieser Tiere stelle ich in meinem Bunten Buch verhaltensgestörter Tiere prototypisch vor, mit ihrem Knacks und dazugehöriger Therapie, basierend auf Interviews mit Tierpsychologen. Zum Beispiel Morli, die Schildkröte: "[…] Nach einem völlig unauffälligen Winterschlaf ist Patient Morli, seinem Alter entsprechend, in die Ge-schlechtsreife getreten. Seither hat sich bei Morli zunehmend das Bedürfnis nach einem Paarungspartner bemerkbar gemacht. Mangels eines solchen hat er begonnen, nach Ventilen für seine unbefriedigten Triebe zu suchen. Dieses an sich normale Verhalten hat bei Morli jedoch gewisse Störungen des Sozialverhaltens ausgelöst. Der Umgang mit dem anderen Heimtier der Familie, der Katze Muinzi, gestaltet sich zunehmend schwierig, seit Morli versucht hat, deren anfängliche Vertrautheit für einen Paarungsakt auszunützen. Aufgrund der motorischen Vorteile der Hauskatze natürlich ohne Erfolg, führte dieser Übergriff doch zu einer Distanzierung seitens der Katze. Auch Begattungsversuche an Amseln, ebenso erfolglos, haben die Besitzer bereits beobachten können.

Diese Abweisungen haben den Patienten dazu veranlasst, sich schließlich unbeweglichen Objekten zuzuwenden – beispielsweise einer Wokpfanne, die angesichts der vorteilhaften Rundung und Beschaffenheit für Morli offensichtlich eine adäquate Partnerin darstellt (vgl. Abb. 1). Mehrere andere Gegenstände aus dem Besitz der Familie haben seither sein Interesse geweckt. Trotz dieser kurzfristigen Befriedigungen konnte die Familie Anzeichen von Verstimmung und Einsamkeit bei Morli feststellen. Seit Beginn der Symptomatik beschränken sich Morlis Aktivitäten auf diese Kopulationsakte mit besagten Gegenständen. Danach zieht er sich zurück und meidet Kontakt und Spiel mit der Familie wie auch der Katze. Immer wieder versucht er, Nähe zu plötzlichen heftigen Paarungsversuchen zu nutzen. Die Familie sorgt sich deswegen bereits um die Sicherheit ihrer 15-monatigen Tochter."


Das bunte Buch verhaltensgestörter Tiere Patrick Bonato (Homepage), Comic, Luftschacht Verlag 2012

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