Die Welt ist ein Flughafen

Überwachung Was wäre eigentlich, wenn die Welt ein Flughafen wäre? Würden wir uns anders verhalten, wenn wir ständig eine bedrohliche Kontrollszenerie im Bewusstsein hätten?
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Jedermann weiß, dass man keine Bombenwitze auf dem Flughafen macht. Man macht es einfach nicht. Man erwähnt keinen Terrorismus, den Jemen oder diskutiert dort unkonventionelle politische Ansichten. Wenn Sie Moslem sind, dann versuchen Sie äußere Erkennungsmerkmale, die auf Ihren Glauben schließen lassen, zu minimalisieren oder zu meiden. Der Punkt ist, dass Sie auf dem Flughafen um jeden Preis unauffällig bleiben wollen. Je weniger Sie sagen, und je mehr Sie genauso aussehen wie jeder andere Geschäftsreisende, umso wahrscheinlicher ist es, dass Sie die Sicherheits- und Zollkontrolle ohne besondere „Flughafenkontrollen“ oder zusätzliche Befragung passieren können. Wir nehmen dies als eine vorübergehende Auferlegung von außen hin oder wir nehmen es nicht mehr bewusst wahr, da diese Filterungen im Namen der Sicherheit mittlerweile gewohnt sind. Sie wissen, dass Sie das Thema Schwulenehe nicht erwähnen, wenn Sie beim Thanksgiving-Essen mit Ihrem homophoben Onkel an einem Tische sitzen. Sie wissen, dass Sie nicht über Israel reden, während Sie mit Ihrem islamfeindlichen Vorgesetzen sprechen. Wir verschieben unsere Verhaltenweisen die ganze Zeit, und passen sie, an die Erwartungen an um unser jeweiliges Umfeld in seinem Kontext zu spiegeln. Manchmal sind wir freier unsere eigene Sicht darzubringen und manchmal fordern die Erwartungen an einen sozialen Kontext, dass unsere Äußerungen und unser Verhalten anzupassen sind. Vielleicht können Sie auf Ihren homophoben Onkel Einfluss nehmen und ihn dazu zu bringen Sie anzuhören, aber manchmal haben wir kaum eine Chance den anspruchsvollen Kontext der Erwartungen zu erfüllen, weil uns das überwältigend viel Kraft kostet, wie beispielsweise auf einem Flughafen.

Überwachung und soziale Kontrolle

Was wäre, wenn der Flughafen überall wäre? Nun, wir wissen, dass nahezu alles was wir in unseren Webbrowser eintragen aufgezeichnet und in riesigen Rechenzentren der Geheimdienste der meisten großen Industriestaaten gespeichert wird. Dieses Archiv ist riesig und jeder Zeit in der Zukunft abrufbar, wenn Sie die Aufmerksamkeit von jemandem erregen, der Zugang zu diesem Fundus hat, den es interessiert über Sie mehr herauszufinden oder die Weisung / den Befehl dazu hat. Es mag sich nicht so anfühlen, dass wir im Sicherheitsbereich eines Flughafens sind, wenn wir uns mit dem Internet verbinden. Die meisten Menschen in den „westlichen und freiheitlichen Demokratien“ begegnen mit Repression auf einiges was man online sagt. Diese massive Überwachung fühlt sich meistens nicht an wie eine Verletzung des Datenschutzes; wir werden von Maschinen beobachtet, nicht von Menschen, meistens jedenfalls. Maschinen kennen den Unterschied zwischen einer eMail an den Psychiater, einen intimen Freund, einen Sexualpartner oder Nachrichten ihrer Bank nicht. Es sind alles nur Daten. Das gruselige daran von jemandem beobachtet zu werden ist für die meisten von uns nicht greifbar. Sofern Sie nicht von Eingriffen in Ihre Intimsphäre oder von einer gezielten Überwachungsmaßnahmen betroffen sind, wie es Menschen wie Laura Poitras, Jacob Appelbaum und Mitglieder der muslimischen Gemeinte New York Citys sind, dann bleibt die Massenüberwachung des Netzes abstrakt und nicht wirklich.

Wenn alles von jemandem bekannt ist, einiges aber unerwünschter Weise von diesem jemand bekannt ist, kann er es nicht verbieten. Wenn wir reden, wenn wir wissen, dass alles was wir sagen von einem Staate überwacht wird, ein Unternehmen es speichert oder eine Person mit entsprechenden kontextualen Erwartungen es mithört und es nicht gelingt die Erwartungen nach Anpassung umzusetzen, dann kann das Konsequenzen für uns haben, dann werden wir dazu übergehen weniger frei zu sprechen. Wir werden unser Umfeld spiegeln und die ungeschriebenen Verhaltensregeln, die uns dazu bringen ständig darüber nachzudenken ob es nun gestattet oder verboten ist eine Handlung durchzuführen oder eine Aussage zu treffen prüfen. Das ist es, wie Zensur bzw. Verhaltenskontrolle wirkt. Zensur verbrennt keine Bücher oder arrestiert Journalisten oder blockiert Zugänge zu Websites. Das sind lediglich Symptome und Werkzeuge der Zensur. Zensur ist ein System von Zwängen um die Menschen dazu zu bewegen sich selbst zu überwachen. Journalisten in Staaten mit sehr eingeschränkten Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung muss nicht erklärt werden, dass ihr Artikel nicht gedruckt werden darf; jedermann weiß, dass man über bestimmte Dinge schreiben kann und es aber auch lassen kann, jedermann weiß, dass es eventuell schlecht für das eigene Fortkommen sein kann einen kontroversen Artikel zu verteidigen – kurz gesagt: Jeder weiß wie die Regeln sind. Die selben Regeln gelten für die Menschen in ihren täglichen Unterhaltungen. Wenn Sie nicht wissen, ob der Sohn ihres Kollegen Sie bei der Regierung melden wird, weil Sie die Regierung kritisiert haben, wie es heute der Fall in vielen Ländern ist, dann werden Sie die Regierung wohl eher nicht kritisieren. Der Staat kann nicht jeden zur selben Zeit überwachen, aber wenn Sie wissen, dass alles was Sie sagen aufgezeichnet wird und zu jeder Zeit in der Zukunft kontrolliert werden kann, dann macht es keinen Unterschied ob Sie nun gerade aktiv überwacht werden oder nur das Gefühl haben, dass Sie gerade überwacht werden, denn Sie passen Ihr Verhalten von allein an. Ein NSA Analyst kann heute Ihre aufgezeichneten Aussagen anhören und Ihren kompletten Kommunikationsverlauf im Internet nachvollziehen – bis zu Ihren ersten Verbindungen zurück. Mit dem Zugang zu allen großen Glasfaserknotenpunkten des Internets, extensives Protokollieren, schlagkräftige Fähigkeiten zur Domainzuordnung und –kartografierung, diese Art von äußerst massiver globaler Traffic-Analyse ist für Akteure, wie es die NSA und GCHQ sind, heute möglich. Wenn Sie wissen, dass Sie von jemandem beobachtet werden, reicht aus, dass Sie Ihr Verhalten anpassen und stetig reflektieren welche Verhaltensweisen gerade vielleicht nicht passend sind, also lieber zu unterbleiben haben um nicht von der Norm abzuweichen.

All das kann ganz schön abstrakt werden. Ich möchte keine historischen Vergleiche mit der Sowjet Union anstreben oder aktuelle Vergleiche mit Russland oder China vorbringen, da das die Nähe und aktuelle Dringlichkeit der Notwendigkeit über dieses Thema zu sprechen verdunkelt. Ich möchte jetzt gern eine persönliche Geschichte erzählen, die einer Freundin von mir wirklich zugestoßen ist. Sie war kein „Aktivist“ oder eine besonders politische Person. Sie war eine Schauspielerin, die ich durch andere Kommilitonen an der Uni traf. Ihre Probleme begannen als sie sich für ein Ereignis zu interessieren begann das sich auf dem Campus im letzten Frühjahr ereignete. Ein Burschenschaftler hat seinen Cadillac Escalade gegen einen Baum gefahren, als er zwei Mädchen im ersten Semester im Auto hatte. Sie waren alle stark betrunken, allerdings hatte nur der Fahrer des Autos seinen Sicherheitsgurt angelegt. Eines der Mädchen wurde aus dem Wagen katapultiert und starb. Nun hatte die Universitätsleitung aber die Absicht diesen Vorfall so klein wie möglich zu halten, denn der Vater des Unglücksfahrers war ein wohlhabender und gut vernetzter Alumni der Universität. Bei den beiden Mädchen wurde der Blutakoholgehalt bestimmt und die beiden waren im Bereich des Vollrausches. Die Mädchen waren natürlich minderjährig.

Meine Freundin hatte die Idee eine kleine Gedenkstätte für das verstobene Mädchen einzurichten. Sie schlug den Dekanen vor, dass sie eine kleinen Figur mit dem Namen der toten Studentin und einem kurzen Abriss dessen was geschehen war, am Straßenrande zur Einfahrt des Colleges, an dem Ort wo es geschehen war, aufzustellen. Keiner der Dekane war so recht begeistert von der Idee meiner Freundin, aber sie blieb hartnäckig. Sie sagten, dass es vielleicht dazu käme. Sie kontaktierte die Familie des Opfers und begann die Arbeiten mit ihrem Ratgeber um die Figur zu planen. Es war ungefähr diese zu Zeit als sie sich in ihren Gmail-Account einloggte und bemerkte, dass jemand einige ihrer eMails las. Dort wurden einige Nachrichten in ihrem Account geladen, die als gelesen markiert waren, ohne dass sie sie jemals las. Jemand war dort. Jemand las ihre eMails.

Von nun an wurde das Leben für meine Freundin sehr stressig. Das meiste passierte, als ich ein Auslandssemester verbrachte und so hörte ich die Einzelheiten lediglich von ihr und anderen Menschen die mit mir engen Kontakt hatten als ich wieder zurück kam. Offenbar hielt sie ein kleiner Teil für eine andere Art von Kunststudentin und so kam es, dass die Campuspolizei bei ihr eine Hausdurchsuchung durchführte. Sie wurde vor einen Disziplinarausschuss der Uni gebracht, da sie Alkohol an einige Minderjährige aus dem ersten Semester Wein, also Alkohol, ausschenkte. Im folgenden Semester ging ihr Antrag auf mysteriöse Weise verloren, den sie stellte um eine Verlängerung ihres Zimmers im Studentenheim zu erreichen. Nun hatte sie nach einer Unterkunft außerhalb des Campus suchen müssen, als sie in letzter Minute über die Ablehnung informiert wurde. Es ist Unmöglich zu beweisen, dass diese Ereignisse in direktem Zusammenhang zu ihrem Bestreben standen ein unerwünschtes Denkmal für das verunglückte Mädchen zu errichten – oder ist es nicht so? Ihr Leben wurde angsterfüllt. Sie ging nicht mehr zu Feiern der Studentenschaft und sie trauten den Dekanen nicht länger. Einige ihrer Freunde kamen zu dem Schluss, dass sie schlicht verrückt geworden war, so stark, dass sie beinahe durch den Stress ihr College hinwarf und vom College abging. Was war bloß mit ihr geschehen? Auch heute kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob ihr Ärger mit dem Disziplinarrat und mit der Unterkunftsverwaltung des Colleges in Zusammenhang mit ihrem Gedenkstättenprojekt stehen. Wenn einem so etwas widerfährt fühlt man sich allein und als sei man verrückt geworden. Sie haben Bedenken sich selbst ihren besten Freunden anzuvertrauen, Sie befürchten, dass sie Sie ebenfalls für verrückt erklären. Sind Sie einmal Ziel einer Überwachungsmaßnahme geworden, dann beginnen Sie sich darüber zu wundern welche Zufälle es plötzlich in Ihrem Leben gibt. Aber der Fakt, dass Sie nicht wissen was nun echte Zufälle sind und was nicht macht Sie fertig und saugt jegliche Kräfte aus Ihnen heraus. Sie fühlen Sich machtlos und ängstlich – als verlieren Sie ihren Verstand. Und genau das ist der Punkt bei Überwachungen. Meine Freundin warf ihr Gedenkstättenprojekt hin und widmete sich ihm nie mehr. Im nächsten Semester hörte es dann auf, dass ihre eMails gelesen wurden.

Ich muss Edward Snowden danken. Wir haben nun seit dem Sommer anno 2013 gelernt, dass die National Security Agency (NSA) nahezu alle eMails, Dokumente, Fotos und Chatverläufe von Google™ Kunden, sowie sämtliche Google+ Postings kopiert und archiviert, die jemals abgeschickt wurden. Das geschah bei allen Google™ Kunden auf der ganzen Welt und zu jeder Zeit – auch bei Amerikanern auf US Boden. Sie taten es in dem sie in die internen Glasfaserleitungen von Google™ einbrachen und das weltweit. Weil diese Glasfaserverbindungen nicht im öffentlichen Internet, sondern in einem eigenen nicht öffentlichen Netzwerk verliefen, das Google eigens aufbaute beziehungsweise anmietete, dachte Google, dass diese Datenverbindungen zwischen ihren Datencentern sicher sein und verschlüsselte die Inhalte nicht. Obwohl die NSA Informationen mittels einem geheimen Beschluss des geheimen FISA Courts von Google™ erzwingen kann, über den Google kein Wort verlieren darf, müssen die Agenten das Gefühl gehabt haben, dass es nicht genug war durch die Vordertür zu kommen, also hackten sie einfach Googles interne Systeme und waren so in der Lage alle Kommunikationsdaten, inklusive archivierter Konversationen, abzusaugen – bis hin zu dem Zeitpunkt an dem Sie ihren ersten Google-Account eröffnet haben. Unse Worte und Bilder sind nun bei ihnen. Bei denen die in einem Datacenter in Fort Meade in Maryland sitzen, währen ihre Maschinen sie lesen und sortieren.

Am Flughafen kommt die Sicherheit von zwei ineinander greifenden Komponenten: Die Fähigkeit zu Überwachen und die Fähigkeit zur Repression. Alles wird inspiziert – unsere Taschen, Koffer, Kleider und sogar unsere Körper. Unser Verhalten, die Kleidung und unser Auftreten werden von Beamten beobachtet, welche darauf trainiert sind Angst und auffälliges Verhalten von weitem zu erkennen. Wenn jemand verdächtig erscheint wird er intensiver kontrolliert und durchsucht, arrestiert oder er darf schlicht nicht fliegen. Die NSA erreicht mit der Rasterfahndung und allenthalbenen Überwachung, dass die ganze Welt zu einem Flughafen wird. Wir mögen es nicht bemerken, da die Konsequenzen für die meisten Menschen nicht direkt sichtbar sind. Wir können eine eMail über das Marihuanarauchen über unseren Gmail™ Account versenden, oder eine Mail an einen Freund oder eine Freundin der / die der Prostitution nach geht schreiben und das ohne darüber nachdenken zu müssen. Wenn wir einen muslimischen Schüler in unserer Collegeklasse haben, dann sind wir schon weniger erfreut darüber. Was so wichtig ist um es sich bewusst zu machen ist, dass das Internet wie es jetzt aufgebaut und von den meisten Menschen genutzt wird, dass die Freiheit in diesem Internet nur ein Privileg im Ermessen der Geheimdienste der westlichen Welt ist. Es gibt keinen Grund warum diese riesigen Datenberge nicht mit lokalen Polizeidienststellen und anderen Sicherheitsbehörden verknüpft wird1). Dank der Enthüllungen von Edward Snowden und einer Klage gegen das Justizministerium die von der Electronic Frontier Foundation (EFF) eingereicht wurde, wissen wir jetzt, dass das FBI Zugriff auf einen Großteil der NASA-Daten hat. In einem Dokument des FISA Court mit dem Namen „Memorandum der Justiz zur Unterstützung der Anwendung für Sachmittel für Ermittlungen zum Schutz gegen den internationalen Terrorismus“ (orig: „Memorandum of Law In Support Of Application For Certain Tangible Things For Investigations To Protect Against International Terrorism“), welches vom ehm. Justizminister der USA Alberto Gonzales eingereicht wurde, wurde gesagt, dass die NSA alle Telefonmetadaten mit anderen Sicherheitsbehörden teilen dürfe, da es aufwendig sei alle Daten getrennt zu erheben dürfe die NSA dem FBI Amtshilfe leisten:

Englischer (Originaltext):
Although the call detail records [redacted] contain large volumes of metadata, the vast majority of which will not be terrorist related, the scope of the business records request presents no infirmity under title V [of the Patriot Act]. All of the business records to be collected here are relevant to FBI investigations into [redacted] because the NSA can effectively conduct metadata analysis only if it has the data in bulk. (TS//SI//NF)

Deutsche Übersetzung:
Auch wenn die Telefonverbindungsdaten [geschwärzt] große Mengen von Metadaten enthalten, wird die überwiegende Mehrheit keinen Bezug zu terroristischen Aktivitäten aufweisen, der Umfang der Geschäftsunterlagen Anfrage stellt keinen Widerspruch im Sinne des Artikel V [des Patriot Act]dar. Alle Geschäftsunterlagen, die hier gesammelt sind sind auch relevant für FBI-Untersuchungen [geschwärzt], weil die Metadatenanalyse der NSA nur wirksam ist, wenn sie die Daten in großem Umfang hat. (TS // SI // NF)

https://www.teleschirm.info/img/475-0-0-anordnung-des-u.png

Wir wissen nicht was das FBI mit den Daten macht, oder welche anderen Zugänge zu NSA Daten für das FBI bestehen könnten. Was wir wissen ist, dass die Drug Enforcement Agency (DEA) Zugang zu den NSA Datenbergen hat und diesen Zugang nutzt um Ziele im Krieg gegen Drogen zu verfolgen. Da die NSA Daten vor Gerichten nicht zugelassen sind, da es [in den USA] verfassungswidrig ist Inlandsüberwachung von Zielen durch das US Militär (von dem die NSA ein Teil ist) zu betreiben, sagt die DEA der lokal zuständigen Staatsanwaltschaft oft einfach nur, dass der Tipp von einem geheimen Informanten stammt, statt von der NSA. Dies ist als die „Parallelonstruktion“ bekannt, wenn Sicherheitsorgane Informationen illegal beschaffen und im Anschluss eine Lüge konstruieren von woher die Informationen eigentlich stammen, sobald sie Beweismaterial gesichert und einen Arrest verhängt haben. Das ist ähnlich zu dem was meiner Freundin am College zustieß. Denn wie konnte die Campus-Polizei wissen, dass sie zu dieser Zeit Alkohol an Erstsemester ausschenkte? Die Party war klein und leise. Außerdem wurde keinerlei Reklame für diese Party gemacht. Es könnte aber sein, dass sie es wussten, da jemand ihre eMails las um sie zu diskreditieren. Ich kann es eigentlich nicht glauben – aber es könnte sein.

Es ist also nicht unmöglich, dass die Polizeipräsidien in den größeren Städten der USA Zugriff auf die NSA Daten haben könnten. In der Tat hat der Geheimausschuss des Senats, vor ein paar Tagen einen von Dianne Fienstein (Demokratische Abgeordnete aus Kalifornien) eingereichten Gesetzentwurf, der die NSA dazu bringen soll die riesigen Datenberge ausländischer Telefon- und eMailkommunikation den Strafverfolgungsbehörden der USA zur Verfügung zu stellen. Wie gut könnten schließlich die Sicherheitsbehörden Drogenschmuggel, Menschenhandel und Terrorismus (Ein Begriff der sich in diesen Tagen großer Beliebtheit erfreut.) bekämpfen, wenn sie alles wüssten? Stellen Sie sich vor, es gäbe keine tragischen Verkehrsunfälle mehr, weil jeder, der zu stark beschleunigt sofort einen Strafzettel bekommt und eine gerichtliche Vorladung im Briefkasten hätte, ohne auch nur die Geschwindigkeit überschritten zu haben. Das geht wirklich einfach, denn fast jeder von uns hat heute ein Telefon dabei das GPS unterstützt – man müsste lediglich ein paar Server aufsetzen und diese dann mit dem NSA Datencenter verbinden. Wir wissen dank Edward Snowden und der Journalisten der Washington Post, sowie des Guardian, dass die NSA fast jedes Mobiltelefon auf der Welt lokalisiert und verfolgt. Circa fünf Milliarden Mobiltelefonstandortdaten zeichnet die NSA täglich auf und archiviert diese in ihren Datenbanken, welche mittlerweile hunderte von Millionen Endgeräten umfassen. Die New York Times berichtete, dass der Direktor der NSA indirekt bestätigte, dass alle Mobiltelefone aller Amerikaner verfolgt werden und wurden und diese Daten zwei Jahre lang gespeichert bleiben. Mit dem direkten Zugriff auf die amerikanischen Telefongesellschaften AT&T [gehört der deutschen Telekom], Verizon und anderen ist der Datensammelwut der NSA auch technisch keine Grenze gesetzt.

Feinstein et. al. haben argumentiert, dass diese furchtbar zerstörerischen Programme wichtig seien um Anschläge zu verhindern, aber sie sehen wie drei ihrer Kollegen im Geheimdienstausschuss des Senats – alle von ihnen haben die selben Zugangsberechtigungen wie Feinstein – die eine Erklärung zur Massenüberwachung und Rasterfahndung mitgetragen haben, welche besagt, dass es keinen Beweis für die Wirksamkeit der Maßnahmen gebe. Man frage man sich, wie stark das Argument sei, dass die Totalüberwachung vielleicht Angriffe verhindern kann. Sie und ich, wir haben keine Zugangsmöglichkeit zu den klassifizierten Dokumenten, in denen Präsident Obama, James Clapper und NSA Direktor Keith Alexander versichern, dass es Anschlagsversuche gab, die durch diese Massiven Eingriffe in die Grundrechte aller Menschen, verhindert werden konnten. So müssen wir sie also bei ihrem zweifelhaften Wort nehmen.

Feinsteins Vorstoß den inländischen Strafverfolgern Zugang zu den riesigen Datensätze der NSA zu verschaffen liegt der Gedanke zu Grunde die operativen Zielerkennungen einer atemberaubenden Effizienz zu zuführen. Die Tatsache, dass die Daten in den Händen derer, die sie eigentlich nicht bekommen sollten, also das FBI und die Inlandsnachrichtendienste, sowie die lokalen Polizeibehörden, zu einem massiven Dissens führen, da hier Mittel an die Hand gegeben werden, die eine allumfassende Überwachung des Einzelnen ermöglichen und ihn in der Folge unfrei machen. Die Situation in die meine Freundin am College kam, würde plötzlich für jeden gelten – ob wir nun in der Bürgerrechtsbewegung aktiv sind, zivilen Ungehorsam üben oder nicht. Sie würden die Arbeit für Bürgerrechte nicht fortsetzen oder gar nicht erst beginnen, wenn Ihre Aktivitäten als konträr zur Meinung der Machthabenden eingestuft werden könnten, weil Sie Angst hätten in das Raster der Überwacher zu passen. Sie würden keine Witze machen, die bestimmte Schlüssel- oder Reizworte enthalten, denn Sie hätten Angst, dass ein Spezialkommando [Wie der Staatsschutz o. Ä.] fälschlicherweise zu Ihnen geschickt wird. Wir würden alle in einem weltweiten Flughafen leben. Das klingt für Sie alles weit hergeholt? Dann sollten Sie wissen, dass die Bundesbehörden dies genau so bereits umsetzen – hier in den [freiheitsliebenden] USA. Die so genannten „Anti-Bandenkriminalitäts-“ und „Anti-Terroreiheiten“ großer Polizeipräsidien arbeiten schon heute mit der Heimatschutzbehörde (DHS) und dem FBI zusammen. Und diese waren auch mit der Beobachtung und Koordinierung der Einsätze gegen die Occupy Bewegung in den USA betraut. Vielleicht hatten sie auch einen Zugang zu den NSA Datenbeständen.

Die Frage die ich Ihnen allen stellen will ist diese: Wollen wir das? Ist das die Welt die wir unseren Kindern hinterlassen wollen? Eine Welt die aussieht wie ein Dystopia aus einer Verschmelzung der Welten von Phillip K. Dick und Alan Moore? In den 1950er und 60er Jahren, nahm der Einsatz von Pestiziden, genetisch veränderte Lebensmittel und der Massentierhaltung zur Produktion von Fleisch zu. Neue Technologien machten dies möglich, und die Leute sagten, es sei die Zukunft und dass es sich um Fortschritt handle. Heute erkennen viele Menschen, dass diese Praktiken schädlich sind, und arbeiten aktiv daran, Alternativen zu unterstützen und aufzubauen. Warum haben wir kein ethisches Verständnis der Technologien die wir verwenden? Die Folgen sind nicht weniger furchtbar und wirken sich auf die ganze Welt aus. Ich würde sagen, dass wir die Wahl haben. Es ist nicht dogmatisch, dass der Fortschritt verläuft und wir unbestimmt dabei zu sein haben, sondern der Fortschritt sollte und kann das Produkt gesamtgesellschaftlicher Entscheidung sein. Wenn wir die modernen Technologien verstehen, sind wir befähigt die Technologien abzulehnen, die nicht unseren ethischen Werten entsprechen. Unsere individuellen Entscheidungen können möglicherweise nicht den Kurs der großen Institutionen umkehren, ob sie nun Monsanto, Google oder NSA heißen, aber sie können Räume entstehen lassen in denen wir Alternativen probieren können und Neues entstehen lassen können. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass spezialisierte Verschlüsselungsprogramme, die nur wenige Menschen kennen und bedienen können, eine Überwindung des fortwährenden Zustandes der Überwachung und Rasterfahndung aller Bürger bewirken können, aber wir sollten es nicht zulassen, dass diese übermächtige Aufgabe uns ängstigt und wir uns machtlos fühlen. Sie und ich, wir, können freie Software und freie Serviceprovider, die Privatsphäre respektieren und Verschlüsselung anbieten und zulassen unterstützen. Sie brauchen talentierte Programmierer und Hacker und natürlich Geld, um Werkzeuge für uns zu machen, die die meisten Menschen benutzen können. Wenn Sie dies lesen, und Sie Zugang zu zensierten Netzen [Wie das chinesische Internet.] haben, können Sie eine außergewöhnliche Veränderung in der Welt bewirken.


Sie haben die Macht die Komplizenschaft der Geheimdienste zu zerstören, die Legitimität der Rasterfahndung, sowie der allgemeinen Überwachung im öffentlichen Raum öffentlich zu machen und anzuprangern. Man könnte denken, das klingt alles verrückt, aber wenn Sie dies hier lesen, dann ist ein Teil von Ihnen wohl nicht zufrieden mit dem was sich zurzeit abspielt. Es ist ein Klischee zu sagen, dass Mut ist ansteckend sei, aber es auch schon einmal wahr geworden. Ich wage nicht zu behaupten, dass unsere Chancen groß sind. Um ehrlich zu sein, sieht die Zukunft ziemlich düster aus – aus vielerlei Blickwinkeln; es beginnt bei der Einflussnahme großer Kapitalgesellschaften und geht über die Umweltzerstörung hinaus; es gibt den Völkermorde an Ureinwohnern und es gibt die bitterlich Armen in unseren Großstädten; es gibt Klimawandel und durch den Menschen verursachte immer größer und zerstörerischer werdende Stürme, Überschwemmungen und Dürren; es gibt eine immer weiter geöffnete Einkommensschere und Arbeitslosigkeit in der westlichen Welt und es schreitet die Besetzung des Internets durch Militär verschiedener Staaten – das Internet ist mittlerweile Kriegsschauplatz. Unsere Zeit ist nicht das was wir uns wünschen würden, aber wir sollten auch nicht leise und resigniert zu Bett gehen. Ein Leben ohne Hoffnung und Veränderung ist nicht lebenswert. Programmiert, stecht Informationen durch, und hacket gegen das Sterben des Lichts.

Dieser Artikel erschien am 12.01.2015 auf meinem Blog teleschirm.info, welcher sich mit Datenschutz und Technischen Aspekten und der gesellschaftlichen Bedeutung des aktuellen Überwachungs- und Kontrollwahns beschäftigt.

Dies ist eine Übersetzung des Artikels vom Medium.com User Praxis Journal. Er twittert als @praxisjournal und gab mir die Genehmigung diese Übersetzung seines Artikels vorzunehmen und hier zu veröffentlichen. Vielen Dank dafür an PraxisJournal.

1) In der BRD wird er geteilt. Siehe: Gemeinsames Terrorabwehrzentrum

1)

@praxisjournal
02:28 13.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Patrick Pehl

"Gern dien' ich den Freunden, doch tu' ich es leider mit Neigung / Und so wurmt es mir oft, dass ich nicht tugendhaft bin." [F. Schiller, 3.Periode]
Patrick Pehl

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