Lauschangriff 02/08

Musik New York. Die Stadt wird uns immer faszinieren unabhängig davon, wie weit wir uns gefühlsmäßig von der amerikanischen Politik distanzieren. ...

New York. Die Stadt wird uns immer faszinieren unabhängig davon, wie weit wir uns gefühlsmäßig von der amerikanischen Politik distanzieren. Musikalisch herrscht normaler Betrieb in NYC. Seit The Velvet Underground in den sechziger Jahren hat die Stadt immer wieder große musikalische Herausforderungen hervorgebracht, und man verbindet in seinen Gedanken New York mit Künstlern, die etwas Neues geschaffen haben. In den letzten Jahren war in diesem Zusammenhang von TV on the Radio und Grizzly Bear die Rede - Vorbilder im Kampf, den Horizont des Rock´n´Roll zu erweitern. Nun ist die Brooklyner Gruppe Yeasayer gerade mit ihrem Debütalbum All hour cymbals in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Die erste Frage, die ich mir stellte, als ich das Album zum ersten Mal hörte: "Was haben sie für Plattensammlungen zu Hause? Was haben sie an Einflüssen aufgesogen, bevor sie diese Songs geschrieben haben? Was hört man hier eigentlich?" Keltische Tänze, indische Tonfälle, afrikanische Rhythmen, balkanische Klänge. Die Instrumentierung ist dementsprechend: Sitar, Fingerbecken, Tablas, aber auch die üblichen Rockbauelemente Gitarre, Bass, Schlagzeug, Synthesizer - damit Yeasayer am Ende doch wie eine Indie-Gitarrenband klingen, wie eine besonders fantasievolle.

Neu ist das dennoch nicht so richtig. David Byrne und Brian Eno schrieben vor Jahrzehnten, genauer gesagt 1981, ihr Rock/Weltmusik-Meisterwerk My life in the bush of ghosts. Auch Byrnes Band Talking Heads experimentierte schon 1980 auf der Platte Remain in light in dieser Richtung; Byrne und die Talking Heads waren ebenfalls New Yorker. Der Yeasayer-Sänger Anand Wilder klingt ein wenig wie Byrne, nämlich wie ein neurotischer Prediger. Beim Stück 2080 singt er: "I can´t sleep when I think about the future I was born into, I can´t sleep when I think about the times I live in." Das Predigthafte rührt aus den mehrteiligen Harmonien, die wie rituelle Gesänge klingen. So hat die ganze Platte hat einen gewissen religiösen Eifer. Das Eröffnungsstück Sunrise handelt vom Bedürfnis, eins mit der Natur zu sein, und hätte als Soundtrack für die Bali-Konferenz bestens gepasst: Der Gesang grenzt an Gospel mit frommem Händeklatschen. Allerdings werden religiöse Menschen, die sich für außerwählt halten, im Stück Forgiveness hart angegriffen: "I´ve come to beg forgiveness, so forgive me, I´ve tried to teach by my doing, your undoing, but my time will be your ruin." Die große Qualität der Platte liegt in der Stärke der Melodien, die trotz aufwendiger Arrangements deutlich durchschimmern. Bei ihren New Yorker Kollegen TV on the Radio wirkt der Sound ja oft überhäuft mit Ideen - da wird der Wald vor lauter Bäume nicht gesehen, die Produktion ist wenig lichtdurchlässig. Während TV on the Radio sich selbst ersticken, bleibt der Sound von Yeasayer dagegen luftig und frisch. Trotz ihrer ernsthaften Themen haben Yeasayer eine gewisse Leichtigkeit, die eventuell sogar die Indie-Tanzböden dieser Welt erreichen könnte. Darin liegt noch eine gewisse Ähnlichkeit zu den Talking Heads. Byrnes Band schrieb nämlich die intellektuellsten Tanznummern aller Zeiten. Der Song Once in a lifetime war die beste Predigt, die jemals in einer Disco gespielt wurde. Vielleicht hat die Singleauskopplung von Yeasayer 2080 auch ein solches Potenzial.

Yeasayer selbst nennen übrigens folgende Einflüsse: Cyndi Lauper, Leonard Cohen, Popul Vuh (eine deutsche psychedelische Rock Band der siebziger Jahre). Mein erster Gedanke war, dass sie sich damit einen Spaß erlauben, aber der Gesang funktioniert in der Tat wie eine Mischung aus der überdrehten Pop-Sehnsucht von Cyndi Lauper und der trockenen Verbissenheit von Leonard Cohen. Das nimmt aber nur wahr, wer konzentriert zuhört, weil der Gesang manchmal nicht besonders vordergründig ist, sondern nur bescheidener Teil des Ganzen. Deshalb ist auch der "religiöse Eifer" nicht irritierend euphorisch. Yeasayer bietet nicht nur Stoff zum Nachdenken, sondern vor allem Stoff zum Tanzen.

Yeasayer auf Deutschland-Tournee: 25. Februar Köln (Gebäude 9), 26. Februar Berlin (Lido)

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare