Destination Endstation

Pennerrolle, unfreiwillig Eine Fahrt durch die Transithölle mit dem Linienbus wird zu einem Tag im Leben der Verworfenen und Zerschlagenen, aber es lockt unverhoffte Neugeburt aus einem Verlust
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''Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt.

Nichts Abgeschmackters find ich auf der Welt

Als einen Teufel, der verzweifelt.''

Johann Wolfgang Goethe, ''Faust-Der Tragödie erster Teil.''

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Mein Tag beginnt in einer Tiefgarage. Nun stimmt dies nicht ganz, ich bin schon aufgestanden, habe noch kurz ein mickriges und im Grunde schäbiges Frühstück zu mir genommen und einen ekelhaften Kaffee Marke ''Fehlgriff, weil Sonderangebot'' heruntergewürgt. Ein solches Frühstück wird jedoch einem bevorstehenden (Hin und Her-) Reisetag sicher nicht Genüge tun und beschädigt einen eher, als dass es die nötige Reiseenergie verleiht. Dann begebe ich mich in der Eile, mit der ein Bummelant wie ich notwendig auf dem letzten Drücker zur Bushaltestelle hetzt, nach draußen. Vor der Haustür erwartet mich ein Starkregenschauer aus Wolkengebirgen, die wie tiefschwarze Bleiwolle auf grundiertem Küstengrau über dem Land hängen und atlantische Regenwut über mich ausspeien.

Da die Bushaltestelle nicht überdacht ist, bleibt mir nur die Flucht in eine auf der anderen Straßenseite sich befindliche Tiefgarage, in der ich wie eine ohnehin schon halbnasse Ratte darauf warte, dass der Bus kommen mag. An der Haltestelle lässt sich ein unheilbar krank wirkender Greis in stoischer Starre klitschnass regnen, bis er sich ein bisschen bewegt, woraus ich lese, dass die Linie 25 jetzt kommt und aus der Tiefgarage hinaus durch den stahlhart fallenden Regen über die Straße buchstäblich fast VOR den an einem Sommermorgen beleuchteten Bus renne.

Man soll wissen: ich hasse Busfahren, ich verabscheue es existentiell. Aber an so einem Regentag ist es die ungleich schlimmere reine Transithölle! 45 Minuten Fahrt stehen mir bevor, ich muss von einem kleinen netten Ort aus hin zu einem schäbigen größeren Ort, den ich transitmäßig aufsuche, um vom dortigen Bahnhof aus weiterzureisen mit der Bahn. Ich hasse beim Einstieg schon das Fahrschein lösen, den rostig-metallischen Gestank der nassen Münzen, die ich an den Fahrer weiterreiche, die überteuerte Fahrkarte in schäbigem Signal-Lachsrot, den schmierigen Fahrkartenkontrolleur, der es schon wieder nicht abwarten kann, seine Schergenverrichtung abzuleisten, die schaukelnde ruckartige Anfahrt des Busses, das dröhnende Motorengrunzen wie bei einem Sowjet-Bus, und dazu dieser Gestank nach nassen Sitzen, dieser miasmische Gestank nach in den alten Stoffsitzen verfangenen Gerüchen aus unvordenklichen Zeiten, die durch die Nässe und den tatsächlich beheizten Bus jetzt wieder freiwerden. Die Obszönität des vermengten Atemkondensates aller Buspassagiere an den grauen Scheiben. Busfahren: dieses ewige Runterbremsen und Anhalten an jedem Zaunpfahl und Straßenschild für eine Oma, die feststellt, dass sie an dieser Station gar noch nicht rauswollte (und vorsichtshalber acht Stationen vorher schon ''Stop'' drückt). I fucking hate it!!

Einen Großteil dieser Strecke bin ich noch nie gefahren, der Part bis an den Rand der netten kleinen Stadt kenne ich routinemäßig vom Radfahren, da wo der Felder- und Waldsaum dagegen einsetzt, beginnt für mich die terra incognita. Der Bus geht über zu seiner Routine, die da heißt: statt vektoraler Luftlinien lieber die brutalsten Umwegschleifen von a nach b über y und z zu fahren, die man sich vorstellen kann! Die zunächst wunderschöne Landschaft wird schon nach kurzer Fahrzeit zunehmend zu dem Monster, das man im amerikanischen Englisch ''The Sprawl'' nennt. Zersiedelte Landschaften, überall hat sich die Stadt und haben sich einzelne Siedlungen und die Gier der Besitzstrebenden in die Landschaft gefressen, riesige Strommasten und Windräder überall verbreiten die Atmosphäre einer stumpfen Ungeheuerlichkeit der Landschaftsvergewaltigung, überhaupt hat man hier dem Autofahrer sein Recht gelassen, alles richtet sich nach der asphaltbrutaler Autofahrerlogik in dieser Gegend, so auch der Geist: eine SUV-Hummer-Geisteshaltung, die sich breit macht und ordentlich röhrt.

Irgendwann dann ist der Bus nach bereits gefühlten 86 Halten am Rand der größeren Stadt angekommen, von der ich zwar selektiv schon wusste, dass sie hässlich ist, aber nicht WIE hässlich dann wirklich. Ihr, die ihr einkehrt, lasst alle Hoffnung fahren. Der Bus schiebt sich von Station zu Station durch kaskadenartig schäbiger werdende Wohngegenden, es regnet als Soundtrack dazu ohne Unterlass auf geistlos konstruierte, grauschmutzigweiße Gebäude, die selbst noch als Lagerhallen zum Aufstapeln Toter viel zu versifft wären (aber tatsächlich LEBEN hier Menschen), kein Mensch hat hier irgendetwas geplant, als all diese Siedlungen errichtet wurden, ein geistloser Brutalismus der Effizienz und der Kostengeringhaltung hat sich hier ausgetobt und ein architektonisches Sarkom erzeugt, das man Stadt nennt. Ein Schlag in die Fresse mündiger Bürger: lass hier das Prekariat wohnen und vor sich hinsiffen, die Verdreckten, die Hoffnungslosen, die Entlohnten, die Verlierer, die underachiever, die Sturmverworfenen, die Wehr- und Arbeitslosen, die Tagediebe, die Trash-People, die Ausgespuckten, die chronisch Kranken, die Kaputten, die Abgestiegenen, die Abscheulichen, die Unberührbaren, die Parias, die Sinti und Koma, die Abtrittpenner, die Mutlosen, die Geistlosen, die Stumpfen, die Proleten, lass sie hier wohnen und vegetieren, Scum City, das haut hin...bau eine billige Dreckssiedlung mit billigem Geld und nimm hohe Mieten selbst hier noch und taufe das Ganze wie zum Hohn für die Unberührbaren dann ''California Residence'' (so heißt eine der Siedlungen, wie ich im Vorbeifahren erkennen muss, dort tatsächlich und ich möchte dem kreativen Immobilienheini, der dafür verantwortlich sein mag, seine Lügenfresse blutig schlagen), aber da ist keine Sonne und kein Licht, da ist nur brutaler kalter Regen auf verdreckte Fassaden, auf winzig kleine Fensterscheiben, auf parkplatzversiegelte Asphaltwüsten vor diesen Häusern, auf Arbeiterwohlfahrt und Kleidercontainer, auf Plastiktüten und Bausand-Spielplätze, auf denen traurige Mütter im Regenmantel rauchend traurige Kinder verfluchen.

Und ich sitze da und wie ein neugieriger Besucher durch den Safari-Park fährt, so ich durch den Prekariat-Park für 2.80 Euro (signal-lachsrotes Fahrticket). Die Haltestellen heißen u.a. ''Am Klinikum'', schilddrüsenkranke Dicke steigen dort ein und aus ebenso wie Menschen auf Krücken und einer, der eingestiegen ist, hat nichts mehr zu verlieren und schreit in auffälliger Ungeduld seinem Gesprächspartner Dinge in den Handyhörer, die davon zeugen, dass sich hier jemand aufgegeben hat und das nichtmal erkennt: ''Ich packe der Mama auch die Sachen ein. Die soll den Hartz-IV-Bescheid bereithalten, den kopiere ich ihr später. Ich muss meinen eigenen auch noch kopieren, das mache ich dann später im Jobcenter, da kostet die Kopie ja nichts. Die ganze Scheißrennerei für das bisschen Kohle, aber hilft ja nichts...nein, Ritaaa, hör doch mal ZU: was soll der Gerichtsvollzieher da denn machen bei Mama? Der sieht doch, dass es da nichts zu holen gibt. Der guckt da einmal rein, der braucht nichtmal seine Runde drehen, dann weiß der schon bescheid. Ich pack Mama auch den schwatten Schirm ein, weißt du, wie ich meine?''

Ich passiere das Tal der Verlorenen, derer, die alle Hoffnung sinken lassen mussten im System. Wenn man alles verloren hat oder kaum noch was zu erlangen, außer dem täglichen nackten Durchkommen, was hilft da noch die Scham? Alles liegt offen, das erkennt der Gerichtsvollzieher, das hört der Passant auf Durchreise: die nackte Not kennt keine Camouflage und will sie wohl auch nicht kennen.

''Destination'', das heißt 'Fahrtziel' auf Englisch, mir aber drängt sich zunehmend das Gefühl auf, das für regelmäßige Mitfahrer dieser Buslinie ''Destination'' eher die zweite Bedeutung des englischen Begriffes erfüllt: ''Schicksal'', ''Bestimmungsort im Sinne von: Endstation''...hier käme man nicht mehr weg, lebte man hier erst einmal, führe man täglich diese Strecke. Destination...Endstation.

Und auch wenn ich ja weiß (wobei ich es mir schon fast selbst laut denkend und mir Mut machend suggerieren muss), dass ich hier nur zum Transit durchfahre, um nach b) zu gelangen und von dort aus direkt mit dem Zug weiter, weiter, weiter, weg von hier, weg aus dieser Transithölle, die sich in die Seele frisst, so erkenne ich doch plötzlich, dass mich all dieses Elend schon angefasst und beschädigt hat: man kann die Hölle nicht nur streifen. Die Nachbarschaft zum Abscheulichen und Schauerhaften bedeutet immer, dass das ab Abscheuliche und Schauerhafte auf einen abfärbt und ansteckt. Nachbarschaft und Nähe zum Elend, zum Abscheulichen und Kranken wirken notwendig auf einen selbst zurück, gleich wenn man selbst auch nicht elend sein mag. (Der eisernen Härte dieser Regel folgend lehnt zB die Schufa die Kreditvergabe ab, wenn man in der ''falschen'' Nachbarschaft wohnt).

Mutlos liegt meine Seele nun brach, resigniert, deprimiert, heruntergezogen, ich spiegele mich auf dem nassen grauen Asphalt, ich bin ein Kaputter jetzt, Hoffnung irgendwie zerschlagen (wie kann DAS sein, bei einem Monster der Zuversicht wie mir?). Meine Musik habe ich auch daheim vergessen, kein 'kongenialer' Soundtrack zum Trost von all dieser Miserabilität wie dieser hier der neoliberalen Niedergeschlagenheit:

https://www.youtube.com/watch?v=UQQObIQ63T0

...keine Untermalung, nur Elend und Schäbigkeit, die sich wie ein bleischwerer Firnis auf Herz und Geist gelegt haben, paralysierende Patina, keine Fluchtmöglichkeit. Eine faire Geste.

Die Haltestelle ''Schillerstraße'' ist gespickt mit Internetcafés, Trinkhallen, orthopädischen Läden, Handyreparaturläden, Waschsalon, Spielhallen und Pfandleihern, beim Ausruf der Haltestelle ''Heidehöhe'', die die Bandansage im Bus vermeldet, verstehe ich: ''Heidehölle''...aber wo ist die Heide dazu? Ich sehe nur bundesrepublikanisch neoliberal brutalistische Billigarchitektur ohne jede Lässigkeit, Neubauten an riesigen Hauptstraßen (wer WILL hier WOHNEN??), sehe nur Asphalt und Waschbeton, keine Bäume, nicht einmal ''Unkraut'', sehe Rollatoren, Trinker, Zombies und Gespenster.

Das Ganze drückt mir aufs Gemüt wie eine gigantische hydraulische Presse, presst mir die Eindrücke durch den Kopf bis in die Eingeweide, down to the bottom, das knickt die Stimmung, ja da kommt Trauer auf. Aber irgendwann dann spuckt mich der röhrende Bus an besagtem Bahnhof aus, endlich kann ich von hier weg, schnell noch das Gleis finden, schnell noch den Fahrschein ziehen und dann nichts wie raus aus der Hölle.

WO IST MEIN PORTEMONNAIE? Ich fummele an mir herum, durchkrame meine Jutetüte: das Portemonnaie, das ich im Bus noch hatte, ist weg. Aber nicht einmal mehr Panik blitzt in mir auf, in einer solch reste-ramponierten Verfassung befindet sich mein Geist an diesem Unort bereits. Ich habe mich der Logik der Ausweglosigkeit angepasst, unfreiwillig...es tut schon nicht mehr weh. Ich realisiere den Verlust meiner gesamten bescheuert monumentalen Live-Barschaft von 120 Euro, die ich bei mir führte, dazu all meine Ausweise und Karten. Alles weg jetzt. Du kannst jetzt hier gar nicht mehr weg und so auch nicht dahin, wo du hin wolltest. Du kannst jetzt eigentlich nicht mal zurück in den netten kleinen Ort, weil du a) wohl kaum nochmal durch diese Transithölle auf Rückfahrkarte wollen kannst und b) bevorzugt einmal, weil du keinen müden Cent mehr parat hast, um im Bus überhaupt! zurück- oder irgendwohin zu kommen. Bei dem Starkregen fallen 25km laufen eher unwahrscheinlich aus und die Verkehrsgesellschaft wird dir wohl auch kaum eine Freifahrt schenken. Doch! Ich will es versuchen...

Wo bin ich aber hier? Keine Busse weit und breit, keine Haltestellen, das vorhin war nur ein Abwurf, hier fährt aber nichts mehr…wie ein Häufchen Elend auf klammen Beinen, ein resigniertes Bündel Elend bar all seiner zivilisatorischen Firnis, tapse ich durch die Ruderal-Landschaften zwischen Mondgebiet und postapokalyptischer Brache. Devastated Soul! Nicht, weil das bekackte Portemonnaie sich Gott weiß wo befindet jetzt, sondern weil ich mich angesteckt habe inmitten all des Elends und krank und beschädigt durch die Gegend stapfe wie ein Zombie. Ich weiß nicht, was ich denken soll, ich weiß auch nicht, wo hier irgendwo ein Bus fährt, ein matter Instinkt treibt mich ins tierische Dahingeworfensein.

Dann aber doch der böse, mich aufwallende Gedanke: du bist jetzt fast eine Stunde lang gefahren, hin zu diesem gottverlassenen Ort, um hier zu stranden, dein Portemonnaie hier zu verlieren, wie ein Depp im Transitort zu verharren, dir dort die Krankheit Elend einzufangen, wie ein Irrer erratisch die Brachen zu durchstreifen im Transit. Also nur durch die Gegend gefahren und nicht von der Stelle gekommen, um dein Portemonnaie und, schlimmer noch, all deine Hoffnung (nur auf was eigentlich? Auf alles?) zu verlieren.

Als ich endlich den erbärmlichen Busbahnhof finde, der der finstersten Dystopie entsprungen sein könnte, steige ich in die Linie 25, die nach einigen Minuten eintrifft und erkläre dem Fahrer, dass ich meine Geldbörse verloren und deshalb...''KOMM, raus mit Dir, aber ganz schnell! DA...!''...schreit er mich fingerweisend zur Ausgangstür an. Ich wirke tatsächlich wie ein elender Schnorrer, der sich auf Masche eine Freifahrt erschleichen will. Wie viel gemeiner kann man sich noch fühlen? Der Transit hat mich todkrank gemacht...ich winke noch in Richtung des Fahrers mit irrwitziger ostentativer Energie meines Armes mehrfach ab, dann aber fällt mir auf, wie unangemessen meinen sonstigen Gewohnheiten und fast schon wieder asozial aggressiv diese Geste wirkt. Etwas, das Rache für eine Schmähung sein soll, aber nur erbärmlich wirkt. Stell Dir vor, du lebtest ständig so! Da ist man jetzt von einem Moment auf den anderen runtergedimmt auf den Modus ''Schnorrer'' oder ''Bettler'' und das nur, weil man sein bescheuertes Geld und den Ausweis verloren hat. Das Pennergefühl stellt sich dann bei Ablehnung durch Dritte direkt und unvermittelt ein und mit selbigen geht es dann in Richtung der nächsten Station dieser Hölle.

Ich taumele in das Kundencenter des zuständigen Verkehrsbetriebes. Wieder die gleiche Nummer, die ich runterspule: ''Portemonnaie im Bus verloren, funken Sie bitte mal den Fahrer der Linie 25, die um 10.31 in C. gestartet ist, an.'' Weil man sich in der Rolle des prekär gesunkenen Bittstellers mal so gar nicht kennt oder sieht, fühlt man sich beim Erzählen kurz, wie der gemeinste Lügner und denkt sich etwas wie: ''Ich würde mir diese Story ja eigentlich selbst nicht abkaufen!'', verwirft diesen Gedanken sogleich aber als unmöglich für ein Intro zu seiner Problembeschreibung.

Die Mitarbeiterin jedenfalls schaut mich in fader Despektierlichkeit so an, als wolle sie jetzt ganz sicher wirklich ALLES andere lieber tun, als den Fahrer der Linie 25 anzufunken und spielt dagegen tatsächlich lieber auf ihrem Smartphone herum, ohne auf diese katastrophal auf mich einwirkende Übersprunghandlung für ihr nur halb ausgesprochenes Nein zu reflektieren. Der ihr zur Seite sitzende ältere Kollege hat diesen routinierten ''Ich kann und will heute auch nicht helfen''-Blick drauf, der mich an besseren Tagen niemals entmutigen würde, mich heute aber direkt in die wachsweich gewordenen Knie zwingt.

''Wo wir gerade dabei sind: Tanja, wusstest Du eigentlich, dass die 25 jetzt nicht mehr bis O-Dorf fährt.'' ''Echt?? Das wusste ich nicht...krass?!'' ''Nee, die haben sie jetzt wegen der Fremdvergabe umgelegt, die fährt nur noch bis H-Stadt.'' ''WOW, Klaus, du hast es drauf!''...und ich frage mich nicht mal mehr, was dieser Quiz-Dialog und das schmalzige Angrinsen der beiden sogenannten ''Mitarbeiter'' des sogenannten ''Kunden-Services'' mit der Lösung meiner Dreckssituation zu tun haben soll.

''Ich muss nach Hause, geben Sie mir einen Fahrschein!'', höre ich mich jetzt dann doch entschieden sagen, als sei ich mein eigener rettender Engel. Die Mitarbeiterin Tanja schaut streng, aber sich ungemütlich fühlend, abwechselnd mich, die Platte des Arbeitstisches, ihr Smartphone und ihren völlig unkooperativen Kollegen an und drückt dazu fortwährend ihren Kuli an und aus. ''Ich habe jetzt kein Geld, brauche aber den Fahrschein. Ich kann das Geld morgen vorbeibringen. Aber geben Sie mir einen Fahrschein, wie soll ich denn sonst nach Hause?''...hinter mir hat sich eine Schlange von immerhin sechs Leuten gebildet. Ich spüre aber: ich ziehe das Ding jetzt durch, die Spannung in der Luft könnte jetzt einen Blitz erzeugen, die beiden Lackaffen am Kundencentertisch wollen mich mitleidlos aussitzen, aber ich bleibe hart, schaue und warte...''Na gut, schreiben Sie hier Ihre Telephonnummer und Adresse auf, ich gebe Ihnen ein Ticket, dann zahlen Sie es morgen.'', spricht diese Tanja noch und erntet missbilligende Blicke seitens ihres Kollegen. Mein Elend aber ist aufgehoben, ich setze mich ermattet an die Haltestelle danach, ein signal-lachsrotes Ticket in der Hand. Einmal noch den Transit zurück durch diese elende Hölle, die dich angefasst hat...

Am nächsten Abend klingelt es an meiner Tür, es ist der Busfahrer der Ursprungsfahrt zum Transitort, sozusagen in Zivil. Er fuchtelt wort- und grußlos an seiner vorderen Hosentasche herum und ich denke schon, er zieht jetzt eine Pistole hervor (nur warum denke ich das?). Aber tatsächlich streckt er mir dann freundlich lächelnd mein Portemonnaie entgegen mit dem gesamten Geldbetrag. Ich drücke ihm ohne viel Federlesens 30 Euro in die Hand aus Dankbarkeit, eine Geste ohne jede Grandezza oder Überheblichkeit, eher im fast wahnsinnig überschwänglichen Furor des unendlich Erleichterten. ''Ich nehme das gerne.'', sagt der Fahrer (der jetzt überhaupt nicht wie ein Fahrer wirkt) unendlich lieb und im stillschweigenden Einverständnis derer, die mit dem System, in dem wir mehr oder weniger wirken und leben und vegetieren, nicht eines Geistes sind, verabschieden wir uns voneinander.

Plötzlich fällt all die Abscheulichkeit endgültig von mir ab...schämen sollte ich mich dafür, dass ich, als ich am Vortag im Kundencenter den Begriff ''fremdvergebene Fahrlinie'' hörte, noch dachte: ''Toll, da sitzt dann so ein unterbezahlter Fahrer am Steuer, der ''mein'' Geld dann natürlich gut gebrauchen kann und wer will es ihm verdenken, wenn er es einsteckt und ich es nie wieder sehe?'' Dann aber kommt der unterbezahlte Fremdvergabe-Fahrer nach Feierabend zu mir gefahren, um mir meinen ganzen aufgeblasenen Plunder zurückzugeben, damit dieser Plunder wieder dazu gehört zu meiner aufgeblasenen Welt. DU musst dein Leben ändern.

Aber fahren Sie bitte nicht DORT hin, und schon gar nicht bei Regen.

...nächstens mehr...

13:52 15.07.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Paul Duroy

Der Weg in die neu aufgeklaerte und entspannte Gesellschaft ist moeglich und noetig
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Paul Duroy

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