Erlebe die Revolution!

Agenten des Marktes Jeder beißt jeden, den letzten beißen die Hunde-etwas über die Heimholung des Naturrechts in die menschlichen Verhältnisse durch den ''Markt''
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''Wir haben soviel Sozialstaat aufgebaut, dass er unsozial geworden ist. Was ich jetzt sage, gilt natuerlich nicht fuer alle Sozialhilfeempfänger; aber fuer viele ist es komfortabler, sich vom Staat aushalten zu lassen, als sich anzustrengen und etwas zu leisten. Das ist eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit für alle, die arbeiten.''
Roman Herzog, aus der Berliner Rede (bekanntgeworden als Ruck-Rede), 26.4.1997

Mit diesen Worten aus seiner beruehmt-beruechtigten Ruck-Rede (sie resultierte in den nunmehr gefluegelten Propaganda-Ausspruch: ''Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen.''), gab der Ex-Bundespräsident das misstönende Präludium in Moll zur Einleitung der später so genannten ''Agenda 2010''. Eine denunziative Schmährede auf den Sozialstaat, geäußert von einem überflüssigen Amts-Inhaber mit höchstem lifetime-Pensionsanspruch, Dienstwagen, Chauffeur und Wohnsitz im Stadtpalais...

(Wenn man mich jetzt fragte, was das besonders Bedrohliche an dieser Rede ist, dann dieses ungut agitierende Gefuehl, das sie im Zuhörer aufkommen lässt, das hat was von Nazi-Propaganda, der ganze Ton, der Alarmismus, das schrille, aber fuer völlig vertretbar gehaltene Diffamieren einer Sondergruppe vor versammeltem Pubikum, das Aufmachen eines agitierenden Antagonismus zwischen denen, die ehrlich arbeiten und den Sozialschmarotzern, huch, Sozialhilfeempfängern (aber doch natuerlich nicht alle!)...man muss es einfach auf sich wirken lassen)

Sie kennen sicher auch schon den Bullshit-Alarm? Der Bullshit-Alarm klingelt, wenn das Maß an Scheiße, welches man im unausgesprochenen Sub-Kontext zu bestimmten Dingen, die von jemandem erzaehlt oder verbreitet werden, herauszuhoeren vermeint, einen gewissen Pegel ueberschreitet. Bullshit-Alarm, das bedeutet: jemand erzaehlt uns etwas feierlich im großen Stil und wir hoeren schon den Schwachsinn heraus, aus dem, was dieser jemand uns als ''großartig'', ''vernuenftig'', ''einzig machbar'', etc...verkaufen will. Der Bullshit-Alarm ertönt zB fortwaehrend, wenn man Neoliberale oder Politiker über die Stärken des Marktes schwafeln hört.

Sie moechten ein Beispiel, natuerlich. Nun gut...es reicht allerdings auch, wenn Sie, sagen wir, eine Woche lang aufmerksam den Wirtschaftsteil einer Tageszeitung studieren. Was da von Managern, Bankern, Wirtschaftsprofessoren, Wirtschaftsanwaelten, Finanz''sachverstaendigen'' und dergleichen mehr Volk so geschwafelt wird, nun, es dürfte Ihnen nur schon zu bekannt sein.

Der Ansatz ist immer derselbe: irgendein moderates oder verschleierndes Dampfgeplauder vernebelt uns mit Euphemismen so sehr, dass wir am Ende anfangen, den Mist, der uns da verklickert wird, sogar fuer einigermaßen voll zu nehmen. Das ist die Idee der Religion der Markt-Wirtschaft: die Propagierung der total-ökonomischen Weltsicht zum Menschenbild.

Der Bullshit-Alarm zB hat den Zyprioten in den letzten Tagen ordentlich gerasselt. Da geht so eine Regierung unter Druck der EU hin und will das Geld der Sparer einer partiellen Zwangs-Enteignung unterziehen. Mit diesem Geld dann will die EU Banken retten und den boesen saeumigen Schuldner Zypern und seine Bevoelkerung an die harte EU-Kandare nehmen. Verkauft wird das Ganze als Rettung der zyprischen Wirtschaft und als einzig gangbarer Weg zur Aufrechterhaltung des dortigen Marktes.

Eine Fußnote sei angefuegt zur Greifbarkeit des Geldes, zu seiner Physis, ueber welche man eigentlich einen eigenen Artikel verfassen koennte, hier aber nur besagte Fußnote: NOCH gibt es Bargeld. Gerade vor dem Hintergrund der Euro-Krise und den Bildern versammelt aufgeschreckter Kleinbürger vor den Geldautomaten hat man das ueble Gefuehl, das es in nicht allzu ferner Zukunft einmal ganz anders kommen koennte: dass das greifbare Bargeld einfach abgeschafft wird. Wie einfach koennte man digitale Zahlungsstroeme sperren? Digitale Zahlungsstroeme kann man nicht abheben und in Sicherheit bringen, sich unters Kopfkissen oder in die Schublade unter das Schubladenzierpapier legen oder in Aermel einnähen. Digitale Zahleinheiten kann man nicht wegtragen. Die bleiben im Zweifel bei der Bank...

Deshalb ja das Einstimmen des ''Konsumenten'' auf immer schneller abwickelbaren bargeldlosen Zahlverkehr qua Bankabbuchung und 'digital coins' (''bequem und bargeldlos'') und das zunehmende Abschaffen der metallischen Muenze (die zugegeben archaisch wirkt in digitalen Zeiten)...es wird nicht mehr lange dauern, dann wird das physisch vorhandene Bargeld komplett abgeschafft, da es nichts mehr entspricht und entsprechen soll. Die Virtualisierung des Geldes als ominöse Kaufkraft wird dann total sein. Gleichzeitig waechst damit die Irrelation des Konsumenten zu 'seinem' Geld und dies ist absolut beabsichtigt. Der Konsument weiss dann gar nicht mehr, was er 'an Wert' verliert, wenn er bezahlt...ein Phänomen, das man mit der Konvertierbarkeit einer Währung in eine Anschlusswährung übrigens mühelos exakt genauso schafft: den ''Konsumenten'' verwirren. Ich weise hier nur auf den Preisschlupf nach der Umwandlung der DM in den Euro hin. Ich muss nicht weiter erklären, was gemeint ist...

Falls Sie ihn noch nicht gelesen haben, lesen Sie bitte zunaechst noch einmal diesen Text hier und lesen Sie ihn wirklich. Ich bitte Sie nicht, ich draenge Sie. Nicht, weil es mir wichtig ist, sondern weil ich mir nun einmal die unbezahlte Mühe gemacht habe.

www.raumgewinner.blog.de/2012/08/10/schlimme-banken-krise-demokratie-ganz-leben-14446041

Dass im Ausland der Eindruck entstehen mag, die EU werde zunehmend ein Scheinheiliges Europäisches Reich (neoliberaler) Deutscher Nation muss natuerlich nicht verwundern, wenn wir sehen, mit welcher Penetranz und Perfidie im bloß geheuchelten Gesamtinteresse einer auch nur imaginierten europäischen Bevölkerung die Regierung Merkel die Neoliberalisierung vorantreibt.

Der Abkoppelung der Bürger von der Politik geht voraus die Abkoppelung der Wirtschaft vom Bürger. Im Zuge all dessen koppelt sich zunehmend auch die Politik vom Bürger, vom Menschen ab und gerät zu einem techno- und bürokratischem Moloch, der allein noch über das Wohl einer Universalwährung (Stichwort: ''Euro-Rettung'') zu walten beliebt. Alles andere, letztlich die gesamte Bevölkerung, wird allein noch dem Götzendienst an dieser Währung unterstellt. Wenn die Wirtschaft einer Ideologie huldigt, die das gute und nachhaltige und sozial gerechte Leben diffamiert und als wachstumshemmende Befindlichkeit von Gutmenschen abtut und eine solche Ideologie den Staaten, (die als dienstbar exekutierende Schergen dieser Ideologie verstanden werden) nicht nur nahelegt, sondern die Politik damit so durchzieht, dass diese das Primat der Ökonomie über die Bevölkerung exekutiert, hat der Herrschaftskomplex es geschafft, das neue Paradigma ''Radikale Markt-und Privatwirtschaft'' zu einer Quasi-Religion auszubauen. Nichts kann diesen Trust dann mehr auseinanderfügen, als vielleicht seine eigenen inneren Gegensätze.

Erst dann kann eine ''Wirtschafts''-Form Urständ feiern, die eigentlich mit Ökonomie nichts zu tun hat, sondern eher mit einer Zitronenpressenwirtschaft: ausquetschen, bis nichts mehr geht! Und dann gehts an die naechste Zitrone...Sie wollen ein Beispiel. Nehmen Sie nur das Fracking. Da wollen die Energieunternehmen mit aller Gewalt in den Erdgrund eindringen (invasiver Kapitalismus!), um dort Boden''schätze'' wie Öl. Gas aus Schiefergestein zu ''fracken''. Dass diese Rohstoffschichten oft in unmittelbarer Nähe von unwiederbringbar wertvollen Trinkwasserquellen liegen (sollte nicht das Trinkwasser und nur dieses, der wahre Boden-SCHATZ sein??) und dann Säure und Gift in den Boden gepresst wird (mit bisher nicht klar erforschten Folgen, nur koennte man vielleicht auch ohne Mietmaul-Studien ''unabhaengiger Forscher'' ahnen, wie Säure und chemische Gifte in Grundwassernähe wirken koennten usw), jedenfalls: das alles interessiert dabei nur in zweiter oder dritter Instanz. Der Treib- und Schmierstoff des Kapitalismus, das ''schwarze Gold'', das Drecksblut dieses Systems in Wirklichkeit, dieses allein zählt. Esso, Shell, BP, you name it: die müssen uns das aber so verkaufen, dass wieder stundenlang der Bullshit-Alarm rasselt. Auch hier eine Kostprobe?! Gern, nehmen wir zb das Interview Wirtschaftsteil ZEIT Nr. 12 vom 14.3.2013 mit dem Shell-Technikvorstand Matthias Bichsel (leider nicht online verfuegbar, das erspart allerdings Ihnen, liebe Leser, einen saftigen Tinnitus vom unausgesetzten Ertönen des Bullshit-Alarms), also hier bloß ein Auszug:

ZEIT: ''Warum sucht Shell selbst in der Arktis und in der Tiefsee nach Öl, also in Gebieten, in denen riesige Gefahren für die Umwelt drohen?''

Bichsel: ''Als private Öl-und Gasgesellschaft müssen wir Rohstoffe in Gebieten suchen, in denen wir Lizenzen dafuer bekommen. Unsere Technologie erlaubt uns, in schwerer zugänglichen Gebieten zu operieren-sicher und ohne Umweltbelastung.'' (klardeutsch: ''Wir machen das, weil wir es können.'')

ZEIT: ''Vor Alaska ist gerade eine Bohrinsel auf Grund gelaufen. Und da reden Sie von Sicherheit?''

Bichsel: '' Es ist verständlich, dass sich die Menschen Sorgen machen. Wir nehmen unsere Verantwortung sehr ernst. Sie koennen sicher sein, dass wir nur tun, was beherrschbar ist.''
(klardeutsch: ''Macht euch mal nicht so ins Hemd, liebe Gutmenschen, meine Güte, wenn da Öl in den Sund läuft, latzen wir halt ein paar müde Millionen Entschädigung.'')

Schön vielleicht noch das hier:

ZEIT: ''Was halten Sie persönlich von Fracking, also dem Einsatz von Chemie, Wasser und Sand, um das Gas aus dem Untergrund herauszupressen?''

Bichsel: ''Fracking gibt es seit 60 Jahren.''

(klardeutsch: ''Mann, Mann, halten Sie doch endlich die Fresse, warum muessen Sie sich JETZT darueber aufregen, ist doch ein alter Hut?'') . Und ungefaehr so logisch, wie wenn man jemanden nach seiner Haltung zur Vergewaltigung fragt und der dann antwortet: ''Naja, das Phänomen ist doch so alt wie die Menschheit, sei's also drum!''

(Ach, wissen Sie, werter Leser, ich habe grad darüber gar keine Lust mehr, mich mit diesem beschränkten Shell-Genius länger aufzuhalten, das ist genauso schmerzhaft wie sich auch nur zwei Minuten lang das moderate verlogene Geschwafel unseres Regierungssprechers Steffen Seiherbertes, verzeihen Sie: Seiberts! anzuhoeren...)

Also lassen Sie uns lieber einen kleinen Schwenk machen...

Dass der Wirtschaftsteil der Zeitungen immer mehr zu einer Art Panoptikum neofeudaler Verfehlungen und zu einer Panorama-Beilage ''Wirtschaft und Verbrechen'' mutiert, liegt nun einmal daran, dass das Marktsystem immer offener seine ''wahres'' Antlitz zeigt: eine Welt der Ausbeutung, des Betrugs, der hysterisch-zähnefletschenden Vorteilnahme, des sozialdarwinistischen Naturrechts. ''Liberal'' ist an diesem System nur noch, wie man im freien Fall auf den harten Boden aufschlaegt, wenn man bei alledem nicht mitmacht. Der moderne invasive Kapitalismus ist eine Art ''Jeder gegen Jeden----den Letzten beißen die Hunde'' auf Vertragsbasis. Eine Form der Heimholung des darwinistischen Naturrechtes in die menschlichen Verhaeltnisse.

Wie aber will man auf einer solchen Gesellschaftsvertragsbasis eine lebenswerte Gesellschaft aufbauen? Die moderne ''Ökonomie'' hat mit Wirtschaften und Haushalten, wie man es ursprünglich auffasst, mit Nachhaltigkeit und Maßhalten absolut nichts mehr zu tun. Entstanden ist ein machthungriges System der Profitmaximierung, dass nicht mehr Option, sondern Imperativ ist. Dieses System durchsetzt jeden gesellschaftlichen Bereich, durchsetzt Regierungen, durchsetzt Ideen und durchwirkt die Gesellschaft und das Bildungswesen, unsere Medien, unser Denken, unser Privatleben, am Ende: unser Menschenbild. Alles soll nur noch in den beherrschenden Kategorien: Markt, Geld, Konsum und wirtschaftliche ''Vernunft'' gedacht und ausgefuehrt werden...

So kommt es zu einer Aufspaltung des einst souveraen gedachten Begriff des ''Bürgers'' als autonomes politisches Individuum: aus dem Bürger wird der politische Entscheidungen nur noch rezipierende: ''Wähler'' (eine leicht aufgewertete Form des Untertans), aus dem Bürger wird in Richtung der Ökonomie der ''Verbraucher'', der ''Konsument'', dem es den ganzen Müll aufzudraengen gilt. Der Bürger als ''Kunde'' wird zur ökonomisch voll bestimmbaren Kalkulativgröße, deren Kaufentscheidungswege sich nachverfolgen und im Sinne der Wirtschaft ''optimieren'' lassen. Der Bürger soll zum Konsumenten werden. Dieses Konsumieren entspricht exakt der passiv-rezipierenden Stellgröße, die es braucht, um Menschen zu schaffen, die sich nicht mehr als autonome politische Körper verstehen sollen, sondern allein noch als Empfänger dessen, was da von ''oben'' kommt. Wenn der politisch-ökonomische Trust seine Ideologien in den Köpfen der Konsumenten festsetzen kann und ihm seine gezielten Verdummungsstrategien, die ueber die Massenmedien ihre fatale Wirkung tun, zu exekutieren gelingt, entsteht aus diesem Handeln ein Menschenbild, das keines mehr ist.

Es ist irritierend zu sehen, dass sich niemand wirklich ueber die Kaufimperative aufregt, die uns von nun an ubiquitär umgeben. Ueberall blinkt und funkt es uns entgegen: ''Deine Welt'', ''kauf Dir dein Glueck'', ''hol dir deine Erfrischung'', ''Sei niemals schwach!'' (alles tatsaechliche Imperative aus der Werbung), ''Nimm Dir, was Dir zusteht'', etc...hier wird in verdummenden Imperativen, die wohl dem schrillen Aufjaulen des inneren Daemonen, der einem auf der linken Schulter sitzt, nachempfunden sein sollen, und im Benutzen des dummvulgären ''Du'', ''Dein'' (ueberhaupt DAS meistbenutzte Possessivpronomen der Gegenwart neben, naturgemäß: ''MEIN!'') die Eroberung einer Welt vorgegaukelt, die glänzt und jederzeit nach dem eigenen Kopf willfährig ist. Ein verkommenes Heilsversprechen, aus dem modernen digitalen und invasiven Kapitalismus geboren...das Ganze suggeriert ein verkommenes Menschenbild, ein Menschenbild, das voraussetzt, dass man fortlaufend einen inneren Monodialog mit dem gierigen besitzgeilen Daemon in sich fuehrt, der einem, frei nach Tocotronic, die ganze Zeit vollschwallt: ''Der Teufel sagt: 'Du musst es tun!'...''

(Das heisst auch, dass die Werbemacher uns fuer exakt so dumm halten und für exakt so dumm verkaufen (im wahren Sinne dieses Wortes), dass sie es sich leisten koennen, eine solche verlogene Werbung zu liefern und in die Welt zu setzen. Es gilt selbst in buergerlichen Kreisen ja mittlerweile als tres chic, Werbung so zu diskutieren, als sei sie ein kulturelles und absolut belangvolles Großereignis).

Soweit geht diese Verdummung via Kauf-Imperativen, dass mir neulich selbst schon ein Aussetzer unterlief, als ich am Hanns-Eisler-Haus in Berlin (jetzt eine Musikhochschule) gegenueber dem Dom und dem im Bau befindlichen Stadtschloss, auf einer patina-überzogenen Bronzeplatte zur Huldigung der Proletarischen Revolution aus der DDR über den Köpfen Waffen schwenkender Arbeiter und Bauern zunaechst die Parole las: ''Erlebe die Revolution'' und erst dachte: ''Schön wärs!'', dann stutzig wurde, dann bei mir dachte: ''Seltsamer Imperativ...die waren ja selbst nicht besser als das kapitalistische System'' und dann, wirklich erleichtert, feststellte, dass es doch nur meiner Kurzsichtigkeit geschuldet war: '' Es lebe die Revolution'' stand da und die soll ja auch dreimal hoch leben. Gepasst hätte es dennoch in diese seltsamen Tage: ''Erlebe die Revolution''...ein infamer Imperativ.

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Dann werden frivol am Rande 10 Jahre ''Agenda 2010'' gefeiert und auch wie toll das doch fuer Deutschland war und haetten das mal alle Länder der EU so und man haette eigentlich noch viel mehr und radikaler kürzen müssen und wo bleibt eigentlich eine ''Agenda 2020''?...und dann durchregieren...und der Markt hat es der Politik gedankt und Deutschland war ja damals der kranke Mann in Europa und jetzt aber ist doch Deutschland so toll und wächst und überhaupt die Schere zwischen Arm und Reich, sei's drum, und ''wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen'' (ich bekomme da immer wieder Gänsehaut, wenn ich diesen Müntefering-Satz zitiere, der mich auf ein Leben lang von der SPD getrennt hat, allein dieser eine und einzige Satz, mehr noch als die ''Agenda 2010) und dergleichen gefaehrliches Geseiher mehr...

Und warum eigentlich war nie jemand empört, als die Unternehmen begannen, die Politik zu erpressen: ''Leute, kürzt die Löhne (und streicht die Unternehmenssteuern ganz!) oder wir gehen nach Asien...''! Die Unternehmen drohten damit, in Laender abzuwandern und die Produktion dorthin zu verlegen, in denen Arbeiter teils fuer Sklavenlöhne arbeiten, aufgeregt hat das aber niemanden, sondern im Gegenteil: dieser agitierende Diskurs war state of the art, Avantgarde pur, Stichwort: ''Globalisierung und der Neue Markt''...dass da menschenunwürdige Produktionsverhaeltnisse als Ideal angesehen wurden, zu dem man wuerde Zuflucht nehmen muessen, wenn man sich diesen menschenunwürdigen Verhältnissen nicht auch in Deutschland per Dekret annaehern wuerde, das wurde damals von der versammelten Presse komplett ignoriert, nicht einmal problematisiert, sondern affirmiert: ''Genauso verhaelt sich das! Wir muessen den Sozialstaat abbrechen und die Löhne drücken, Arbeit ''flexibel'' machen...die Wirtschaft braucht das!''

Und dann ging man hin und wertete das einstige Raubrittertum des Mittelalters auf zur ''Globalisierung''. Plötzlich hieß die Ausbeutung von Völkern und ihrer Länder nicht mehr 'imperialistischer Kolonialismus', sondern ''Entwicklungsbeförderung von Schwellenländern''. In Wirklichkeit dagegen sucht(e) sich hier das Geld seine bequemsten dicken Taschen, diese zu fuellen. Eine 'comfort zone' für das globale Kapital.
Die das Ganze begleitende Grundidee: ''Mache jedes Individuum auf diesem Planeten, ob er/sie/es will oder nicht, zu einem Agenten des Kapitalismus!''
Und das sind wir heute alle: Agenten des Kapitalismus. Selbst der Autor dieser Zeilen, der sich redlich um Eskapade bemueht, sich aber neulich (wenn auch in einem gigantischen Verzweiflungsakt furiosen Hungers) im Aussichtsschaufenster bei McDonalds ueber zwei Cheeseburger über die unten auf der Einkaufsmeile vorbeiziehenden Menschen mokierte, wie sie da ihre Marken, ihre Mode, ihre Einkaufstaschen durch die Gegend und schon ganz erschöpft vom Hauling schleppen, derweil man selbst in seinen Cheeseburger biss...

Noch einmal eine Kehrtwende zu den Folgen dieses Menschenbildes, das keines mehr ist: verstehen wir die ideal erscheinende klassische Staatsform als eine demokratische Bürgerrepublik, so kann es sein (das üble Paradigma Italien lässt dieses aufscheinen), dass uns in womoeglich nicht allzu ferner Zukunft der ganze kapitalistisch unterfütterte Universalismus und die Globalisierungsideologie so prekär und unzufrieden machen, dass wieder der Weg freigeschaufelt liegt, hin zu populistischen Republiken und Vulgärnationalismen. Denn irgendwann wird sich der Bürger fragen: ''Was habe ICH eigentlich mit diesem Spektakel um den Markt und das große Geld zu schaffen, der ich hier prekär beschaeftigt bin und nicht vorankomme?''

Wenn das Geld und der Markt und die Verwertung zwischen ALLES tritt, sich in jedes, aber auch wirklich jedes menschliche Verhaeltnis einschleicht, wird dies nicht lange tragen.

Geld stinkt nicht?! Infamer Irrglaube! Sobald Geld ins Spiel kommt, liegen die Verhaeltnisse im Argen, vor allem, wenn anderer Leute Geld von angeblich neutraler Warte ''verwaltet'' wird. Das erinnert mich an die Grundfrage zu Beginn eines Monopoly-Spiels: ''Wer macht heute die Bank?''...und wissen wir nicht alle, wenn wir wirklich ganz ganz ehrlich sind, dass der Mitspieler, der zugleich die Funktion ''Bank'' innehatte, sich ganz gern mal zwischendurch in jeder dritten Runde verstohlen einen magentafarbenen 10000-Mark-Schein aus dem Bankfach ins eigene Portefeuille hinueberschob?! Wie, SIE haben das etwa nie gemacht...?!

...naechstens mehr...dann wird über die Revolution der Ökonomie hin zu einer reduzierten und nachhaltigen Form des ''Haus-Wirtschaftens'' zu sprechen sein...

07:05 25.03.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Paul Duroy

Der Weg in die neu aufgeklaerte und entspannte Gesellschaft ist moeglich und noetig
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Paul Duroy

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