Ich bin Dein Text. Genieße mich.

Mehr Nein zum Du Wie die Distanzlosigkeit und fehlende Diskretion der ''Produktwelt'' dem Consumer endgültig einflüstern, wie geil er selbst und seine ''Ich-kauf-Dich-ein-Welt'' doch sind
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Ich bin Dein Text. Genieße mich.

Bild: Sean Gallup/Getty Images

Immerhin siezt ebay mich noch: ''Sichern Sie sich jetzt Ihren 10%-Gutschein auf neue Winterreifen, Paul Duroy!''...zwar habe ich kein Auto und bin angenehm befremdet darüber, wie schlecht die Tracking-Algorithmen von ebay mich ausleuchten (lesen Sie übrigens in allernächster Zeit an dieser Stelle meinen Artikel zum ''Digital Undercover''), aber die Ehre des Siezens muss ich dem Unternehmen doch hoch anrechnen.

Wie anders dagegen ein akustisches Erlebnis im Rewe-Einkaufsradio, als ich müde durch die Getreideabteilung schlich. Nach einem kurzen nervigen Jingle zuckert mich eine klebrige Sprecherinnenstimme aus dem Radio derart an:

''Ich bin Dein Rewe. Ich will, dass es Dir gutgeht. Lebe Dein Leben. Genieße mich.''

Wenn ich ausgewachsene Zehennägel hätte, hätten sich diese mir im selben Moment bis hoch an die Schuhwand gekräuselt vor Grausen.

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Seit einigen Jahren (ich würde grob schätzen wollen eine Entwicklung der letzten 5 Jahre) hat sich aus den ''Laboren'' der Marketingcompanies eine verheerend flache Kommunikationsstrategie der von ihr beworbenen Produkte durchgesetzt: die Personal- und Possessivpronomisierung der Werbeaussagen. Die Personal- und Possessivpronomen der 1. und 2. Person Singular beherrschen den Grundton des Consumerism, ein hohler Wellness-Sound, der überall circa so klingt (alles echte Beispiele aus Werbung) :

''Sei es Dir wert!'' ''Ich bin Dein Tag.'' ''Du hast die Wahl!'' ''Ich bin Dein Rewe!''

...etc, säuselt aus allen Richtungen in all unsere Sinne und offenbart dabei, für wie runtergedimmt PR-und Werbeagenturen die smartphone-bespielten Hirne ihrer Consumer schon halten. Der ''Kunde'' hilft gern weiter, indem er sich von solchen Wellness-Phrasen das Hirn verkleben lässt und daran glaubt, dass es schon ok sei, in vorauseilender Infantilität derlei pseudo-entspannende Kaufbotschaften zum Anlass zu nehmen, ''sich mal wieder so richtig zu verwöhnen'' und zu solchem Zwecke zu kaufen, bis das Hirn komplett vernebelt ist.

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Der Consumer wird darauf ausgerichtet, sich submissiv zu den angebotenen Produkten zu verhalten. Durch die jegliche Diskretion und Distanz schamlos durchbrechende Inflationierung der Anrede der 2. Person Singular, wird eine permanente Einflüsterstimme generiert, von der der Consumer denken soll, sie wohne ihm inne. Es will ja weniger das jeweilige verkaufende Unternehmen dahinterstecken, sondern der Kunde soll in einen Dialog mit dem Produkt treten und das Ganze sich aber dabei so anfühlen, als ließe er sich verführen. Wenn der Prozess darüber läuft, dass der Kunde am Ende monologisiert und die ihm vorgeflüsterten Phrasen laut vor sich hin denkt und sich tatsächlich für ''wert'' befindet, so liebevoll und aufmerksam geduzt zu werden, hat die ''selling company'' ihr Ziel erreicht.

Die indiskrete und schamlos undistanzierte persuasive Stimme der Produkte aber ist kalt kalkulierte Distanzlosigkeit. Sachliche Überzeugungskraft scheint nachrangig zu sein und so lässt man die Konsumprodukte selber sprechen und den Kunden ungebeten duzen, um invasiv auf ihn einzuwirken: das sich dem Konsumenten mitteilende Produkt ist wie die Stimmen, die man hört, bevor es in die Psychatrie geht, nur dass der Consumerism uns überreden will, dass diesen Stimmenhören schon schwer in Ordnung geht. Der Dialog des Produktes mit dem Consumer ist der Monolog des Consumers mit seiner eigenen Verführbarkeit. Wer sich das penetrante ''Du/Dein'' oder dieses von den Companies zwangsinfiltrierte ''Ich'' wie in so einem schäbig-billigen Werbeslogan wie ''Ich bin es mir wert.'' oder auch schlimmer idiotische Stufen wie ''Ich bin deine Wahl!'' (neulich irgendwo gelesen und direkt für schwachsinnig befunden, weil eine 1. Person SINGULAR schlecht eine Wahl! sein kann) bieten lässt, ohne darüber zu reflektieren, was da eigentlich gerade für eine durchschaubar platte Manipulation eines in optimistischeren Zeiten für autonom befundenen Individuums vor sich geht, hat im Grunde schon sein Urteilsvermögen verloren.

Es wird darüberhinaus dann auch nicht weiter verwundern, dass die selbst so phrasierenden Unternehmen wie zB der Discounter Lidl dieselbe Schwellenlosigkeit der Anrede konsequent von oben herab auf ihre Hierarchien im Personalbereich hinunterbefehlen. Jetzt darf, nein: muss! jeder jeden duzen, auch der Chef und Vorgesetzte wollen geduzt werden (ob auch Lidl-Chef Schwarz sich so leichthin das Du entbieten lässt: darum weiß man nicht verbindlich). Ein solches Maskieren von Hierarchien durch Idiotisierung der Anrede befördert subtil die Distanzlosigkeit eines Unternehmens, seinen Mitarbeitern instruktiv noch tiefer ''unter die Haut'' zu kriechen. Der jeweilige Chef schüttelt das ''Du'' des weiterhin komplett ''Untergebenen'' ohne weiteres ab, weil er ja weiß, dass das der neueste amerika-importierte company-bullshit grenzlos überarbeiteter und kokainverschnupfter Unternehmensberater ist, aber der/die jeweilige Ameisen-Arbeiter/in fühlt sich noch distanzloser vom ''verschleierten'' Chef angefasst. Aber die Pseudo-Familiarisierung zwischen den Hierarchie-Ebenen fühlt sich für viele immerhin eine ganze Zeit lang gut an...wenn man nicht weiter drüber nachdenkt.

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In meinem Freundeskreis, der sich hiermit einmal mehr, da viele daraus zu meinen Lesern zählen, geschmäht fühlen wird (und gerne auch darf), erachtet man das durch Companies vermittelte invasive Dauer-Du als gänzlich unproblematisch (wie im übrigen u.a. unhinterfragten Fleischkonsum, die Übermittlung von WhatsApp-Daten auf Facebook, die Vollverbauung sämtlicher Brachflächen in den Metropolen, etc, alles unproblematisch für sie).

Gut, einerseits arbeitet man teils selbst in den Branchen, andererseits findet man das Duzen und Ichen auch besser als das ewig Distanz generierende ''Sie''. Meine Meinung steht: Das ''Sie'' enthält das Geschenk der Distanz und Diskretion vom anderen (und seinem Produkt). Aber da Distanz und Diskretion ohnehin im Zeitalter der Trackability und Transparenz aussterbende Arten sind, so wird die Personal- und Possessivpronomisierung 1. und 2. Person Singular anscheinend willfährig hingenommen, will heißen: konsumiert. (Wie im Übrigen der generelle Hang besteht, Realität bloß noch zu konsumieren, sprich: sie als eine Größe zu erachten, der man sich bloß noch adaptieren oder der man sich konsequent anzupassen hat, die aber nicht aktiv geprägt oder mitgestaltet werden kann, denn Realität, das ist eine Naturgewalt.)

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Jedenfalls gut, dass Ebay mich weiterhin siezt. Mitunter muss man sich in Mails mitteilen, um klarzumachen, dass man nicht geduzt werden will. Ist gar nicht so schwer. Man muss es sich nur einmal nicht bieten lassen und die Convenience-Schwelle übertreten, sich mal wieder beherzt beschweren, dass den Flachpfeifen in den Werbeagenturen mal wieder ein Gegenwind weht und einen Anfang damit machen aufzuhören, ''Realität'' bloß zu konsumieren oder sich vorverdauen zu lassen.

Klang das jetzt zornig?

...nächstens mehr...

08:00 30.09.2016
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Geschrieben von

Paul Duroy

Der Weg in die neu aufgeklaerte und entspannte Gesellschaft ist moeglich und noetig
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Paul Duroy

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