Im Synapsenfeuer

Permanente Gegenwart Die Hysterie einer Gegenwart zwischen Propaganda und PR, die zu keinem Geschichtsbewusstsein mehr vordringt und stattdessen fortlaufend ''Gegenwart'' produziert
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”Und dann fragte er im Flüsterton, in dem er schon die ganze Zeit gesprochen hatte, ob Ruhe in diesem Fall das Gegenteil von Wahnsinn bedeute. (…) ‘Nein, durchaus nicht, wenn du Angst haben solltest, verrückt zu werden, kannst du beruhigt sein, du wirst nicht verrückt, du hältst nur ein unverbindliches Schwätzchen.’ Dann werde ich also nicht verrückt, sagte Amalfitano. ‘Überhaupt nicht.’, sagte die Stimme.”

Roberto Bolano, 2666

Als begleitende Vorstufen zum Wahnsinn des Einzelnen werden verschiedene Verfallsformen eines Subjektes beschrieben, als da unter vielen wären: Paranoia, Größenwahn, Dissimulation (dies eine Meisterleistung unserer neoliberal befreiten Gesellschaft übrigens, die ihre Krankheitssyndrome verdrängt und herunterspielt und dabei wiederum diese Krankheitssyndrome sogar aufwertet zum Positiven, bis die Pestilenz das System endgültig erfasst hat und der Marasmus unverkennbar). Weiterhin: kognitive Dissonanzen, Angstneurosen, manische Hysterie, Regression und Repression und was dergleichen mehr an Zerfallsstadien rationaler Systeme aufzuführen wäre.

2016: und alles bewegt sich im wilden Tanz zwischen solcherlei Syndromen. Zwar benennt man diese Syndrome, (Völker, hört die Symptome!) und simuliert Rationalität, wo nurmehr noch monströser Irrsinn (ge)waltet. Die Welt aber ist bereits jetzt digital beschleunigt, dass einem die Ohren dröhnen und das hysterische Hirn als analoger Adapter digitaler Schnittstellen im grässlichen Synapsenfeuer all der Reize und Applikationen wimmert, aber wer hört dieses Wimmern des zerebralen Systemes noch? Die App-Logik überlagert alles, man ist räumlich hyperorientiert, gesellschaftlich dagegen komplett geländeblind: ”was soll alles noch bedeuten, wohin geht das Ganze, wohin mit dem Menschen, sind wir nicht schon viel zu schnell viel zu viele für diesen tellurischen Planeten?”, so müßten die Fragen dieser Zeiten unter vielen anderen mehr so lauten, aber diese Fragen, ploppen sie überhaupt in den appifizierten Hirnen einmal auf, spielen keine große Rolle, schon gar nicht werden sie beantwortet.

Im Chaos des Ereignisses, das immer auch zur Nachricht taucht, wird nichts mehr eingeordnet, die beschleunigten Fakten bombardieren uns mit So-Sein. Einordnen kostet Zeit, Ordnung kostet Aufwand und Zeit: wir haben keine Zeit, betreiben diesen Aufwand daher nicht. Keine Einordnung möglich und nötig: was auf uns zukommt, ist daher keine Zukunft mehr, sondern generelle Gegenwart, permanente Präsenz, die Gegenwart im Voranschreiten als Substitution einer Zukunft. Zur Programmatik des Progressiven gehörte immer auch eine Art ”Fortschritt” des Menschenbildes: abgesagt. Reflektiert wird darauf, wie der Profit generiert und gesteigert wird und wie man die entertaining devices immer wieder so interessant macht, dass die Konsumisten sich auf diese Geräte stürzen. Mit dem Menschen hat man nicht mehr viel vor, es zählen die Daten und alles, womit man rechnen und was man be- und vorausberechnen kann: der Mensch ist die billige Ressource, die sich selbst ausbeuten darf: ein manipulierbarer Profitgenerator für Dritte, der sich soeben noch ernähren kann und natürlich darf.

So bleibt das meiste Weltgeschehen als unverstandenes Ereignis am Wegesrand der Geschichte liegen, wie Müll, der nicht mehr beseitigt wird. Es entsteht dabei aber auch keine Stratifikation mehr, nach der das Neue das Alte überlagert und unsichtbar macht. So übt die permanente Präsenz auch einen maximalen Druck auf die Vergangenheit und ”Ge-Schichte” (Achtung, Heidegger!) aus: der Druck der digital verschriebenen und übersteuerten Gegenwart löst eine Tektonik auch der Vergangenheit aus: das Vergangene liegt beständig vor, nicht mehr vergraben, sondern präsent, kommuniziert und wirkt in die Gegenwart hinein. Diese Tektonik der ehemaligen Zeitschichten bewirkt nach vorn ein Verschwimmen der Vorstellungen von der Zukunft: die Zukunft wird nur noch als Simplifikation von Handlungsabläufen (die natürlich fast allein dem Konsum gewidmet sind) verstanden. Es geht also nicht so sehr darum, wie der Mensch in der Zukunft leben soll, vielmehr besingt man die Optimierung des Menschen hin zu seiner optimierten Performanz-Befähigung…höher, schneller, weiter für das entfesselte neoliberale Monstrum. Der Mensch zählt nicht, die Maschine rechnet.

Wozu braucht es den analogen Körper in der digitalen Zukunft der permanenten Präsenz? Im Cyber-Device Oculus Rift steckt mehr Weltflucht als im Wolkenkuckucksheim eines philosophischen Eremiten, so glauben die Priester des Silicon Valley. Wenn Du keinen Plan hast, wie du das Leben führen sollst, frag Google und lass es Dir in Zukunft einfach ausrechnen. Der Mensch ist in diesen Systemen nur ein Mangelwesen, das es aufzurüsten oder abzuschaffen gilt. Der Mensch hat den Geist, die Maschine die Intelligenz.

Die Gesellschaft der glücksjubelnden Dis-Individuen der permanenten Gegenwart ist eine Gesellschaft, die sich komplett gegen das Menschliche wendet (zwingen Sie mich nicht zu einer Definition für den Terminus ”das Menschliche”) und die ansonsten jeden Bullshit-Operator (also einen Agent des neoliberal-digitalen Systems) dazu anhält, die Zweifelnden auf die überall aufzufindenden Kollateralnutzen des FUBAR- (Fucked up beyond any recognition) Systems hinzuweisen. Wenn du in der Scheiße und im Dreck anderer wühlen darfst und diese Hölle DEINE ewige Gegenwart ist, so freue Dich und preise die Güte des Systemes, denn da fällt etwas für Dich ab vom Tisch der hohen Herren, da winkt Dir Brosamen, da kannst Du doch unmöglich klagen wollen. Es wird zwar in Billigarbeit hergestellt, es macht zwar die Natur kaputt, es fördert zwar den unendlichen Konsum, der die Apokalypse der Lebenswelt bedeuten wird, ABER: dafür hast du am Ende einiger deiner Arbeits- (und Lebens-)-monate auf Dreckslohn dann auch Dein neues iPhone 6. Verstehe, simples Subjekt, DAS ist der Kollateralnutzen der Ausbeutungsverhältnisse und der Kostenauslagerung: wir beuten Dich aus, damit du am Ende die Chance hast, dir das Ding zu leisten, das uns so großen Profit beschert. Mag alles den Bach runtergehen: wir haben den Profit, du dein weltenschaffendes Spielzeug: was will man mehr? Wen kümmert da das beschissene System? Die Umwelt, die Zeitumstände, die Zusammenhänge? Aller Zauber liegt in der Effizienz und dass man es brummen lässt. It’s all so fucking FUBAR…

Verdonnert zur prästabilierten Gegenwart in diesem abgefuckten System, verdonnert auch zum Mitmachen noch in der Verweigerung, verdonnert zum Selbstausbeuten und zum Drohnenobjekt, verkommen zum Algorithmus und zur Ressource, verkommen zum Verbraucher und zum Konsumenten der Fabrikation von Fakten und Kausalitäten, also Propaganda-befeuert, Pragmatismus noch beim Einritt der Apokalyptischen Reiter (die ZEIT würde uns auch in diesem Falle mit Verlass ”5 Gründe, warum die Apokalyptischen Reiter ausgerechnet jetzt erscheinen!”, nennen können), Primitiv-Propaganda, Effizienz, die Simulation von Bescheid-Wissen (”Was wir darüber wissen-und was nicht.”), all dies Bescheid-Wissen produziert in Oasen der Ahnungslosigkeit und der zombiehaften Phraseologie aus PR-Büros (Propaganda-Relations), all diese fortwährend übersteuerte, hysterische Gegenwart, diese euphorische Kakophonie, dieser Miserabilismus eines Zeitalters, das gerne weiter wüßte, aber nicht weiter weiß…

Sparen wir uns für heute, für jetzt, jetzt, jetzt den Rest…jetzt…(nicht)

…nächstens mehr…

13:15 15.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Paul Duroy

Der Weg in die neu aufgeklaerte und entspannte Gesellschaft ist moeglich und noetig
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Paul Duroy

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