Je ne suis pas Charlie

Terrorkonsum Der Islamismus als Erfüllungsgehilfe westlicher Bauchnabeldiskurse
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''Nach seinen künftigen Plänen gefragt, hatte mir Bin Laden geantwortet: 'Sie werden sie, so Gott es will, in den Medien sehen und hören.''
Aus: Peter L. Bergen, Heiliger Krieg Inc.

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Wer mal wieder ein Beispiel brauchte, wie schnell aus ideologisch motiviertem Terror kapitalistischer Kommerz, letztlich also: Popkultur wird, beachte nur, wieviel man für ein Billig-T-Shirt mit der Aufschrift: ''Je suis Charlie.'' für den eigenen zur Schau zu stellenden Billig-Protest bezahlt...dies kann jeder ''Verbraucher'' leicht vergleichen. Sie können sich das z.B. auf ebay anschauen:

http://www.ebay.de/itm/Je-Suis-Charlie-T-Shirt-fur-Frauen-Charlie-Hebdo-GOTS-FAIR-TRADE-/181635890945?pt=DE_Damen_T_Shirts&var=&hash=item2a4a57bf01

Immerhin Fair Trade! Wollen Sie einen Kommentar dazu oder denken Sie sich selber Ihren Teil, lieber Leser? Aber huch, da habe ich mein Thema falsch aufgewickelt, ich wollte doch über das Politikum ''Charlie Hebdo'' handeln, nicht über das entstehende Fashion-Label gleichen Namens.

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Es brauchte nur ein paar Tage, da waren schon die Ikonen geschaffen, die Hexenjagd auf den Islam wieder eröffnet und Konsumenten werden getriggert: sie können jetzt wieder Protest einkaufen zum Vorzugspreis. Wogegen Sie protestieren oder wofür oder was das überhaupt alles bedeuten soll? Es ist nicht wichtig, die Hauptsache: Oh my God, it's viral!!
''Und wie geil ist das denn, ich kann mir die Ballervideos auf youtube unzensiert anschauen, krass, den Kopfschuss muss man doch gesehen haben, wenn man die Welt angemessen verstehen will, weißt du, was ich meine? Ach so, vor dem Video hat youtube/Google im Einklang mit dem Einsteller noch schamlos einen Werbeclip geschaltet? (lukratives Business!)...egal, den kann ich ja in 5 Sekunden skippen.''

Da kann es auch schonmal passieren, dass in Amerika Leute in selbstgedruckten T-Shirts zu sehen waren auf denen ''Jesus is Charlie'' stand, die hatten das französische Original nicht exakt genug gelesen, als Ami ist man auch nicht Muttersprachler des Französischen, da geht das dann schon klar, ''Jesus is Charlie'', richtet sich ja sicher auch irgendwie gegen Islamismus.
Auch völlig missverstanden wurde es von einer Schülergruppe aus Großbritannien, die ich neulich in der Bahn sah und die aus Solidarität mit Charlie Hebdo schwarze T-Shirts trugen, auf denen ''I like Charlie'' stand. Was war da los? Falsch übersetzt? Der Angelsachse tut sich ja gemeinhin recht schwer mit dem Französischen. Aber das passt schon ganz gut. Der Protest (oder was auch immer das darstellen will) ist genauso viral wie so viele andere schwachsinnige Facebook-Phänomene a.k.a. 'digitale Eintagsfliegen' , da haut es schon hin, wenn man Charlie einfach mal ''thumbs up'' gibt: I like!

Und so nähen Billigarbeiterinnen in Bangladesh sich jetzt die Hände wund, was das Zeug hält, damit die Welt nun eifrig ''I like Charlie'', pardon: ''Je suis Charlie!''-T-Shirts konsumieren kann. Das sieht übrigens Charlie Hebdo selbst in seiner neuen Ausgabe exakt genauso:

http://www.planet.fr/societe-charlie-hebdo-si-vous-navez-pas-eu-le-dernier-numero.764177.29336.html?page=0%2C4

Und auch das Satiremagazin selbst wird jetzt erstmal ein paar Wochen lang von den ''Verbrauchern'' aus Sensationalismus und der gierigen Hoffnung auf Wertsteigerung über die Jahre gekauft wie Sucht, auch da hängt ein Markt dran. Mancher versuchts einfach mal mit selbstersonnenen Phantasiepreisen, könnte ja klappen mit zB der letzten Ausgabe des Satireblattes vor! dem Attentat:

http://www.ebay.de/itm/CHARLIE-HEBDO-Heft-Zeitung-Journal-Orig-Ausgabe-Nr-1177-vom-07-01-2015-/201264768944?pt=Zeitschriften&hash=item2edc50a7b0

Kurz: aus dem Terrorakt ist ein einträgliches Gewerbe geworden, der Markt hat sich direkt an das Phänomen angesogen, das Internet beschleunigt und viralisiert die Vermarktung dieses Terroranschlages in einer Weise, die wir nicht einmal im Ansatz begreifen und überschauen können. Natürlich haben wir jetzt bald dann auch alle die Schnauze voll von ''Charlie Hebdo'' und den anhängigen News, aber für den Moment taugts noch und der Verkauf boomt. Auch die Presse kommt aus dem Über- und Fehlinterpretieren der ganzen Chose gar nicht mehr hinaus, gesucht wird weiterhin der originellste Deutungansatz.

Von den ekelhaftesten Regungen der konservativen Presse, jetzt unbedingt gegen den Islam! generalmobil machen zu müssen, den linken ''Multikulti-Traum zu überdenken'' (so die mittlerweile völlig Amok laufende und irrlichternde FAZ) und irgendwelche ostentativen Demutsübungen und Protestbekundungen der ''muslimischen Gemeinde in Deutschland'' zu fordern, will ich hier lieber mal schweigen, sonst artet dieser Eintrag wieder in unermessliches Wutbürgertum meinerseits aus. Auch über die Pegida will ich einmal mehr nicht schreiben, dieser Entsprechung der Piraten-Partei, nur eben auf rechts gedreht: über den Verein wird in ein paar Monaten keine Schwein mehr reden und keine diesbezuegliche Themensau mehr durchs Dorf gejagt werden.
Die werden medial aufgeblasen, um die Publikumslust nach braunem Grusel zu bedienen, da fängt der Heißluft-Themenballon nochmal ordentlich an zu quietschen, bevor er lautstark platzt (und auch wenn historienkundige Leser das jetzt so wittern: der Franz von Papen-Vibe dieser Metapher trägt hier ausdrücklich keine anspielungsreiche ironische Nuance!) und dann hat es sich auch wieder mit diesen Schreihälsen.

Zu diesem gesamten Themenfeld ''Rolle der Presse'' hat sich jedoch der gute Trithemius, mein gefühltes schreibendes Alter ego, schon an meiner Statt echauffiert, da lesen Sie also auch lieber gleich seinen exzellenten Beitrag dazu:

http://trithemius.twoday.net/stories/charlie-hebdo-pegida-luegenpresse-und-wir-versuch-einer-bestandsaufna/

Ich darf mich vielleicht noch über Idioten aufregen, die sich anmaßen, die Anschläge auszunutzen, um unsere verstärkte Überwachung durch die Geheimdienste einzufordern. Ich habe es ein paar Male lesen müssen, um irrtumsfrei zu konstatieren, dass es sich bei diesem nun mal wirklich: Pamphlet! hier nicht um Satire handelt:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jan-fleischhauer-fordert-ausweitung-der-telefonueberwachung-a-1012717.html

Der ekelhafte Duktus des Titels geht mir schon ans Eingemachte: ''Speichert endlich...!'' Macht endlich dies und das...wann erkennt ihr endlich? Grauenhaft agitierender ''Journalismus''!

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Ich wende mich der Frage zu: Und was denken sich jetzt die islamistischen Fundamentalisten, wie fällt ihre erste Bilanz aus? In den al-Quaeda-Headquarters, ob im Jemen oder Afghanistan, wird man jetzt, natürlich auf Arabisch, des Öfteren über die Chef-Planer dieses Attentates den bekannten ''Big Lebowski''-Fluch: ''Bekackte Amateure!'' vernehmen. Die Rache der Satire an diesem martialischen Terrorakt ist das klassische PR-Eigentor: die Märtyrerrolle der Attentäter wird vom Westen sowieso nicht verstanden, die Märtyrer sind jetzt die französischen Karikaturisten, auch sie wahrlich keine Unschuldsengel dort oben, gefeiert wird das Spektakel ''Charlie Hebdo'', der islamistische Terrorakt an sich gerät erstmal in den diffusen Hintergrund. Zudem kurbelt das Unterfangen westlichen Konsum an, schafft Pop-Ikonen und wird viral in einer Weise, die die Drahtzieher dieses Anschlages so sicher nicht intendiert hatten.

Dabei war es doch so ein ein kluger Schachzug der islamistischen PR. Willst du den Terror in den Köpfen verankern ist die Goldene Grundregel: ''Trage ihn in die Städte, besser noch: in die Metropolen!''. (''12 Tote bei Terroranschlag auf Redaktion in Donaueschingen'' erzählt einfach keine spannende Geschichte, da erschreckt sich kaum einer. In der Provinz, da wohnt keiner, da stirbt man nicht im Spektakel, da ist einem ein Terroranschlag einfach zu abstrakt. Als zB die beiden Hebdo-Attentäter auf ihrer Flucht in der nordfranzösischen Provinz mit einer einzigen Geisel in einem Industrielager versackt waren, musste das Attentat im jüdischen Supermarkt in Paris als neuer Headliner herhalten, damit der Liveticker bei aller Digitalität nicht vor lauter Ereignislosigkeit über all die langen Stunden einfror, die Story schien hier in Manier einer klassischen Antiklimax abzuflachen.)

Zur Optimierung der Intensität des Terrors also wähle man eine symbolische location oder einen Racheakt, der zugleich eine Geschichte erzählt. Der ''Verdiente Rache''-Mythos! Der Zugriff des langen Armes der Meuchelmörder auf die blasphemischen Satiriker, das zB ist so ein guter und gerechtfertigt wirkender Plot. Dieser Plot wird in die Metropole getragen (siehe New York, 9.11. 2001). Der Plot muss so spektakulär sein, dass er medial optimal adaptierbar ist. Er muss so knallen, dass seine Bildgewalt wieder für die nächsten 10-15 Jahre reicht (denn öfter schafft man so einen Terror-Knaller, einen derartigen ''direct hit'' als zwar chronisch unterfinanzierter, dabei aber dauerüberwachter Geheimbund nicht so recht).

Der Plot stand funktional perfekt, was aber ist schiefgelaufen aus Sicht der islamistischen Fundamentalisten? Selbst wenn sie so gern die westlichen Medien als Transmissionsriemen ihrer im tieferen Kern nihilistischen Agenda nutzen, sind auch sie nicht immun gegen die verteufelte digitale Zwickmühle: was immer du in sie einspeist verwandelt sich. Die eingespeiste Info/Message kann zu Dir zurückkehren als Knieschuss, als Teakholz-Bumerang, du wirfst ein Stöckchen und es apportiert dir ein Monstrum, so kommt es, wenn man sich als terroristische Zelle nicht anders gegen das System zu wehren weiß, als indem man das System nutzt, um das System zu stürzen. Hier aber hat sich ebenso gut das westlich geprägte Medium den Islamismus einverleibt als storyteller, als Nachrichtenlieferant, als zu inszenierendes radikales Anderes, als Blaupause für alles irritierend Fremde. Wo in der westlichen Welt die allgemeine ''Heile Welt-Formel'' steht und eine Insel der Seligen für das Abendland konstruiert wird, kommt es gelegen, eine antagonistische dunkle Macht präsentieren und inszenieren zu können, die sich einer solchen ''Heilen Welt'' böswillig entgegenstellt und den Fortschritt der Menschheit boykottiert. Dann ist alles, was sich gegen den pragmatisch-rationalen Chorgesang: ''Wirtschaftswachstum, -wachstum, -wachstum!'' stellt und nicht 24/7 in der Kategorie ''marktwirtschaftliche Dauer-Erektion'' denkt, per se unbedingt bösartig: Islam(ismus) böse, Putin böse, Arbeitslose böse, Griechen böse usw.

Während sich zwei Terror-Organisationen, also al-Quaeda (oder eine seiner inoffiziellen Outlet-Filialen wie derjenigen im Jemen) sowie der IS Überbietungsschaukämpfe der Grausigkeiten auf unseren Medien liefern, konsumiert der Westen den Terror und das anhängige Theater des Grauens bereitwillig, verklärt ihn durch virale Phänomene, die mystisch-verklärende Dimensionen annehmen, beweist, dass es definitiv eine skalierbare Qualität der Opfer gibt (einige wenige weiße europäische oder: ''okzidentale'' Opfer, in europäischen Metropolen ermordet, wiegen ungleich schwerer als tausende afrikanische oder nahöstliche Terroropfer, die in Afrika oder Nahost am Terror krepieren: ''Für die ist das doch Alltag!'') und singt weiter hohle sentimentale Lieder auf eine ''Freiheit der westlichen Demokratie'', die man jetzt erst recht betonen und laut anstimmen müsse. Man kann sich nicht mehr retten vor derartigen Ergüssen der Tages- und Wochenjournaille.

Statt das System ''imperialer Westen'' an seinen eigenen Widersprüchen scheitern zu lassen aus sich selbst heraus, haben die Fundamentalisten den Westen wieder ''von außen'' attackieren wollen. Jetzt wird sich der westliche Diskurs beim Bauchnabelkreisen wieder auf ewighin die völlig falschen Fragen stellen: wie kann man besser überwachen? Wie kann man unsere Konsumenten (verzeihen Sie: die Bürger) besser schützen? Wie kämpfen wir noch härter gegen den Terror an? Wie schützen wir uns vor allzu viel Zuwanderung (da fühlt sich jetzt der querulante Ökonom Hans-Werner Sinn wieder berufen und exerziert noch ein bisschen Migranten-Mathematik vor) ? Wie behandeln wir die Feinde der offenen Gesellschaft (gemeint sind damit natürlich Muslime)? (ich kann diesen seit Charlie Hebdo totzitierten Buchtitel nicht mehr hören: ''Die offene Gesellschaft und ihre Feinde!'').

Die richtigen Fragen wären gewesen: wie wollen wir in diesen System leben und arbeiten? Wie schaffen wir soziale Gerechtigkeit? Wie lösen wir uns vom Diktat des Wachstums? Wie schaffen wir eine wahrhaft offene Gesellschaft überhaupt, in der auch die Muslime integriert sind? Wie kommen wir weg vom Pflichtdiktat der Wirtschaftslobby in den Parlamenten? Wie implementieren wir das bedingungslose Grundeinkommen?
Wie wehren wir uns gegen die Überwachungsgesellschaft? und dergleichen mehr.

Stattdessen müssen wir die Gewaltpornographie konsumieren, die der Fundamentalismus liefert und die der Westen durch seine medialen Plattformen bestellt. Viele schauen sich diesen Müll stumpf an und gehen dann in ihrem ''Je suis Charlie'' T-Shirt auf die Straße, virale Trauer simulieren. Das ist ungefähr so, als ob ich in einem Osama bin Ladin T-Shirt einer katholischen Begräbniszeremonie beiwohne. Man kann sowas machen...aber!

Einer der nächsten Einträge soll die Ideologie des Islamismus genauer unter die Lupe nehmen.

...das bedeutet: nächstens mehr...

13:08 15.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Paul Duroy

Der Weg in die neu aufgeklaerte und entspannte Gesellschaft ist moeglich und noetig
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Paul Duroy

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